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Boyhood

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Boyhood Kritik

Boyhood Kritik

Boyhood Kritik
0 Kommentare - 24.05.2022 von ProfessorX
In dieser Userkritik verrät euch ProfessorX, wie gut "Boyhood" ist.
Boyhood

Bewertung: 3.5 / 5

Mason Jr. (Ellar Coltrane) führt eigentlich ein unbeschwertes Leben, bis er eines Tages mit seiner Mutter Olivia (Patricia Arquette) und Schwester Samantha (Lorelei Linklater) nach Texas zieht, um dort die Collage zu besuchen. Dabei treffen die Kinder nun auch ihren Vater Mason Sr. (Ethan Hawke) wieder, den sie durch die Scheidung der Eltern kaum noch sehen. Indessen erlebt Mason Jr. die nächsten zwölf Jahre seines Lebens und muss sich dabei durch einige Probleme hangeln.

Wohin sich Wege entwickeln, ist eine Frage, die man in einem Leben nie greifen wird. Da passieren Dinge, die man zum Teil erahnen und zum Teil nie vorhersagen wird. Es gibt diese Aufgaben, die ein Mensch hat. Für Kinder ist das Spiel, sofern man Fröbel und andere Pädagogen zurate zieht. Doch im Laufe des Lebens ändern sich Aufgaben und gerade die aus der Kindheit resultierende Adoleszenz entscheidet vielleicht nicht komplett, welche Identität man sich jetzt zuschreibt oder einfach so bekommt, sehr wohl aber entscheidet sie über den weiteren Verlauf. Für Richard Linklater liegt eine Faszination in Banalem. Das war schön öfter so und darauß folgt natürlich auch die Frage, ob Erfahrungen, die fast jeden Menschen betreffen, wirklich auch Stoff für Drama sind. Die Wahrheit ist, daß das im Falle von Boyhood nicht so ist. Viel mehr als ein Film, versteht sich das Werk nämlich als Gesellschaftsstudie, die inmitten der 1990er bis hin zu den frühen 2010er Jahren, das Leben eines sogenannten Millennial erzählt. Da gibt es das frühe Explorationsverhalten, da gibt es den Drang nach Rebellion, da gibt es die erste Liebe, da gibt es die Medien und da gibt es nichts, was zu einer Erkenntnis taugt. Denn wenn man ehrlich ist, so liegt der große Reiz von Boyhood in einem Gimmick. Man muss das nicht schönreden, oder darin eine große Antwort suchen. Es ist ein Gimmick, einen Cast im Laufe von etwas mehr als einem Jahrzehnt mit einem Film wachsen oder altern zu lassen. Klar ist das irgendwo ein künstlerisches Unterfangen und klar ist auch, daß jene Reinheit, die der Film versucht auszustrahlen, schon etwas Ergreifendes hat.

Trailer zu Boyhood

Doch wenn man ein Zeitdokument erstellt, bleibt die Frage nach dem Banalem ja auch eine höhere Antwort übrig, die der Film aber nie so richtig bieten kann. Es passieren durchaus Dinge. Doch woran erkennt man, daß das nun etwas ist, was einem etwas an die Hand geben kann. Diese Frage lässt der Film so offen und es wirkt fast so, als würde Linklater das wirklich interessante an seiner Geschichte, zugunsten eines dokumentarischen Reliktes in die Ecke drängen. Denn da sind Themen. Es gibt genug, über das es sich zu reden lohnen würde. Ob Irakkrieg, häusliche Gewalt, Finanzen, Klassenkampf und all die Dinge, die die amerikanische Gesellschaft auch heute noch bewegen. Dabei steht der Film in der Tradition klassischer John Hughes-Werke, die sich intensiv und ernsthaft mit dem Reifungsprozess und den dazu beitragenden Problemen seiner Figuren befassen. Das wirklich geniale ist, daß der Film eigentlich immer über eine gewisse Schwere in seinen Konflikten verfügt. Sei es eine Scheidung, sei es häusliche Gewalt und vieles weiteres. Doch der Film versteht auch, daß die Lebenswelten von Menschen in verschiedenen Stadien ganz anders ausfallen können und Konflikte von Phase zu Phase und von Zustand zu Zustand auch in ihrer Ganzheit wahrgenommen werden können, während sie zunächst verspielt und fragend begutachtet werden. Darin liegt tatsächlich eine Wahrheit, wenngleich es zu klären gilt, wessen Wahrheit das nun ist. Schließlich maßen sich ja auch nur Erwachsene an, in dieser Breite über das tatsächliche Leben von Kindern zu berichten.

Viele Wesenszüge, die sich auch über die Before-Trilogie Linklaters erstrecken, finden sich ebenfalls in Boyhood wieder. Sei es die Faszination an dieser speziellen Form von Leben, sei es ein langanhaltendes Dokument zu erstellen, aber auch eine dysfunktionale Beziehung wird Teil der Geschichte. Nun widmete der Regisseur sich ja bereits ausgiebig dem Thema Liebe und es erscheint abermals unglaublich ehrlich, daß gerade das Konzept der endlosen Liebe, hier vorgeführt wird. Das wird dann zunächst mit der eigenen Adoleszenz der Eltern verklärt und als Pflicht begriffen. Dann wiederum geht es um häusliche Gewalt und Alkoholismus, der eben auch häufig ein ganzes Kollektiv zu Fall bringen wird, sofern man denn mit der Explizitheit der Erkrankten konfrontiert wird. Das merkt dann auch die Hauptfigur, die sich mehr als Beobachter aller Dinge anbietet, als wirklich ein vereinnahmender Hauptcharakter zu sein. Er ist gedanklich ein Künstler und versucht irgendwie auch diesen Strukturen zu entfliehen.

Doch gerade das unaufgeregte und analytische, daß die Figur und der Schauspieler Ellar Coltrane so auszeichnen, ist der Grund, warum er als Protagonist so gut funktioniert. Denn er drängt sich nie in den Mittelpunkt der Geschichte, sondern dümpelt – ähnlich wie das Leben in jener Phase – so ein wenig vor sich hin. Dazu versammelt Linklater mit Ethan Hawke und Patricia Arquette zwei Schauspieler, die den restlichen und besonders den Kinderfiguren genügend Raum geben und die Geschichte nicht zu sehr vereinnahmen. Das kann in vielerlei Hinsicht, natürlich kontraproduktiv sein, weil somit der eigentliche Kern der Figuren verloren geht. Doch die Geschichte ist ohnehin nicht das, was Boyhood zu dem macht, was es nun mal ist. Es ist ein Regisseurs-Film durch und durch. Und darin kann auch eine gewisse Faulheit, oder Vernachlässigung der Kunst liegen, dennoch ist der Film durch die Schauspieler auch sehenswert, weil ihre Funktionen innerhalb des Lebens eines Jungen durchaus zum Analysieren taugen. Und die Veränderungen zeigen sich eben nicht nur in der modischen Erscheinung, sondern in der Perspektive der Gesellschaft. Dabei entpuppt sich Linklater eigentlich auch einmal mehr als linker Freigeist, weil er gerade Hawke wirklich starke Dialoge und Geschichten auf den Leib schreibt. Gleichzeitig ist es ein wirklicher Wermutstropfen, daß die Geschichte dann endet, wenn sie eigentlich am spannendsten wird, denn die wahre Persönlichkeit wird vielleicht bis zur Adoleszenz geformt, aber sicherlich im Erwachsenenalter manifestiert.

Unaufgeregt authentisch sucht Richard Linklater in seinem Boyhood nach unergründlichen Wahrheiten. Dabei ist das Gimmick vielleicht nur ein Gimmick, während vor allem die Analyse der Gesellschaft und der Generation großartig durch seine Schauspieler transportiert wird. Da wandelt jemand auf den Spuren der ganz großen und möchte sich als Bindeglied zwischen Alt und Jung verstehen, was zwar nicht zu einhundert Prozent gelingt, sehr wohl aber zum Großteil der Geschichte.

Boyhood Bewertung
Bewertung des Films
710

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