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Doktor Schiwago

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Best of 1960s

Doktor Schiwago Kritik

Doktor Schiwago Kritik
1 Kommentar - 10.05.2021 von MobyDick
In dieser Userkritik verrät euch MobyDick, wie gut "Doktor Schiwago" ist.

Bewertung: 5 / 5

Wer eine wirklich gute Kritik zu Dr Schiwago lesen möchte, dem empfehle ich die schöne Kritik von ProfessorX :-) Meine Kritik wird da ungleich schwätzerischer, also enjoy the blahblah :-D

Pasternaks Roman Dr Schiwago ist ein Roman, über dessen Entstehung und Werdegang sowie die weiteren Konsequenzen des Buches eigene Aufsätze und Romane geschrieben werden könnten: Es handelt sich um ein Sittengemälde mit mehreren Dutzend Protagonsiten und begleitet sie über Jahrzehnte vom zaristischen Russland mitten in die Sowjetunion hinein. Wir erleben dabei wie aus dem glühenden Sozialisten Schiwago im Laufe der Zeit ein Dissident wird, und der dann auch noch völlig vor die Hunde geht. Der Roman gilt nicht umsonst als unverfilmbar und tatsächlich ist er es auch.

Pasternaks Werk wurde in der UDSSR verboten und fand keinen Verleih, da er als extrem systemkritisch anerkannt wurde, erst die italienische Übersetzung des Werkes brachte den Ball ins Rollen. Nicht vergessen, wir befinden uns mitten im kalten Krieg: Die CIA bekam von dem Roman also Wind, und als Guerillamanöver übersetzte das Werk nunmehr auf russisch und brachte den Roman unter der Hand in Russland an den Mann. Erst diese List seitens der CIA befähigte den Roman überhaupt dazu für den Literaturnobelpreis nominiert zu werden (anscheinend war einer der Statuten, dass man in der tatsächlichen Muttersprache heraus gebracht werden muss, um nominiert zuwerden). Und so kam es, dass das Werk nun tatsächlich auch den Literaturnobelpreis gewinnen konnte.

Was aber die CIA nicht wirklich ahnte, oder es sie nicht interessierte: Der Roman ist keinesfalls russlandfeindlich oder feindlich gegenüber der Idee des Sozialismus, er ist zutiefst human und man erkennt, dass da die Sehnsucht nach einer Art großer Gerechtigkeit für alle vorhanden ist, nur halt auch das Bewusstsein, dass die Revoltion immer die eigenen Kinder frisst, dass Opportunisten immer oben landen und die ganzen Binsenweisheiten, die mit solchen Werken daher kommen. Der Roman ist ein riesiges Bekenntnis zum russischen Volk, und all das wird durch die Figur des Schiwago kanalisiert, und in großen Teilen in der zweiten Hälfte auch durch die veränderte Lara, welche immer stärker als der moralische Kompass der Geschichte agieren muss, je mehr Schiwago den seinen verliert.

Und gerade bei dieser Lara gilt es mittlerweile als verbürgt, dass hier zwei unterschiedliche Frauen im realen Leben von Pasternak Patin für standen, die Lara in der ersten Hälfte dürfte seine erste große, vermutlich unerwiderte Liebe seines Lebens gewesen sein.

David Lean nimmt sich also eines unverfilmbaren Buches an und macht das einzig richtige, was man in so einem Fall machen kann: Er reduziert die Geschichte auf das Wesentlichste, so dass nun höchsten noch das Gerippe dasteht, und reichert es mit Subkontext und einem genialen Drehbuch in verschiedenstens Dialogen zu einem Potpourri an, das eben doch den Roman größtenteils akurat widergibt, ohne sich sklavisch an jeden Punkt zu klammern. Auch verdichtet er verschiedenste Figuren und fasst andere Figuren zu gänzlich anderen Figuren zusammen. Dabei erzählt er genau wie der Roman einerseits die Geschichte eines Landes, als auch andererseits die Geschichte eines Mannes, der irgendwo zwischen Pflichtbewusstsein und seinen Emotionen zerrieben und ausgespuckt wird.

Lean geht jedoch unmerklich noch einen Schritt weiter: Indem er den Film als eine große Rückblende aus der Sicht eines eigentlich nicht verläßlichen Ich-Erzählers erzählt, und ein großes Mysterium um seine eigentliche Geschichte bis zum Ende macht, erzählt er auch noch eine große historische Liebes-Krimi-Tragödie. Umrandet wird das Ganze mit der Tatsache, dass der Ich-Erzähler, in seiner Erzählung niemals spricht. Das ist schon sehr verspielt und faszinierend.

Das Drehbuch ist absolut überragend und hat kein Gramm Fett, immer ist Information im Fluss, immer finden intelligente Diskussionen statt und immer ist ganz klar ersihctlich, wo welche Person sich gerade befindet. Auch entzieht er sich einer klaren Gut-Böse-Zuordnung, selbst der von Steiger personifizierte Antagonist ist eine Person aus Fleisch und Blut, der sich leidlich dadurch definiert, als Oberklasseangehöriger und Opportunist immer auf den Füßen zu landen. Und auch hier die äußerst bittere Lektion, dass manchmal Prinzipien einen eher zerstören als helfen.

Die Musik von Jarre begleitet das epochale Treiben mit einer Klasse, wie es sie selten gibt und man kann nicht umhin als sie einfach nur perfekt nennen zu müssen.

Ausstattung, Inszenierung alles top. Und über alldem thronen die drei Darsteller par Excellence die den Film einfach auf eine andere Ebene erheben: Sharif, Andrews und Steiger. Das ist Schauspielkino in Reinform und ein jeder von denen darf eine ganze Klaviatur an Emotionen auf uns loslassen, das ist schon kolossal und ganz großes Kino. Aber das heisst nicht, dass die restlichen darsteller schlecht wären, im Gegenteil. Zwar hat ein Guiness kaum was zu tun, aber Chaplin zB ist als gehörnte Frau mit Ehre auch ganz groß.

Was diesen Film, der objektiv gesehen ganz sicher NICHT der beste Film der 1960er ist, dann trotzdem für mich eben doch zum Meister aller Klassen macht, ist dann nun aber folgender Punkt:

Der Film ist ganz klar als Epos angelegt, der zudem auch noch die Muse besitzt, eine allumfassende tragische Liebesgeschichte zu erzählen, die einfach überlebensgross und doch irgendwie auch nicht gross genug ist in solchen Zeiten. Wir haben Menschen, die auf Grund ihrer Emotionen einfach zum Identifizieren einladen, und das auf eine monumentale Art und Weise, dass es immer glaubhaft rüber kommt. Wir haben also einen waschechten monumentalen was man heutzutage 4-Quadranten Film nennen würde, ein Film, der jegliche Zielgruppe anspricht und abholt. Im Grunde genommen gibt es nicht viele moderne Filme, die in einem Atemzug mit diesem Film genannt werden könnten, als da wäre vielleicht der Englische Patient, der schon sehr nah dran ist oder der ungleich unsäglichere Titanic. Was letztgenanntem aber das Genick bricht, ist dass er erstens irgendwann zu einer lächerlichen Jahrmarktsattraktion mutiert und wir mit Zane einen Schurken haben, der glatt aus einem Stummfilm entsprungen sein könnte, da ist nichts mit Nuancen. Dr Schiwago ist ausgewogen und komplett durchdacht.

Bis zur letzten Konsequenz, und wenn am Ende der Abspann läuft, haben wir im Vergleich zum qualitativ sehr ähnlich hoch angelegten und in Kritikerkreisen durchaus höher angesiedelten Lawrence von Arabien (Übrigens auch von Lean und eigentlich auch zu recht höher angesiedelt!) eben nicht das Gefühl, dass wir einen zerstörten Mann nach Hause fahren sehen sondern das erhabene Gefühl, dass vielleicht doch nicht alles für die Katz war und dass es vielleicht doch was Schönes und Erhabenes da draussen gibt.

Und alleine dass ein eigentlich analytisch auch funktionierender Film diese Magie einfangen kann (nicht nur das, man achte auf die wunderschönen Bilder) und uns so verzaubern kann, ist schon mal eine Ansage.

Perfekter Film, der sich vor so etwas wie vom Winde verweht nicht verstecken braucht - Au Contraire Mon Ami, wie die Russen spätestens seit Napoleons Russlandfeldzug lachend sagen würden ;-)

10 Punkte

Doktor Schiwago Bewertung
Bewertung des Films
1010
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1 Kommentar
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MobyDick : : Moviejones-Fan
10.05.2021 17:57 Uhr
1
Dabei seit: 29.10.13 | Posts: 6.345 | Reviews: 165 | Hüte: 495

... und hier nochmal ein Review zu einem absolut überragenden Klassiker, den ich im Vergleich zu ProfX sogar noch höher einwerten würde, und die unbedingte Empfehlung den zu schauen :-)

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