
Bewertung: 5 / 5
Mr. Badii möchte sterben. Warum? Das erfahren wir nicht. Doch bevor er sich das Leben nimmt, möchte er noch dafür sorgen, dass niemand etwas von seinem Tod mitbekommt. Er hat sich sein Grab bereits vorsorglich ausgehoben und fährt nun durch Teheran, um jemanden zu finden, der ihn nach seinem Tod begraben kann. Dafür bietet er viel Geld, doch natürlich sind nur wenige fremde Menschen, die Mr. Badii anspricht und in seinem Auto mitnimmt, gewillt, diese Aufgabe für ihn zu übernehmen. Der Tag wird kürzer, die Geduld dünner. Bis er schließlich auf einen alten Arbeiter trifft, der bereit wäre, diese Aufgabe zu übernehmen – allerdings nicht, ohne vorher zu versuchen, Mr. Badii von seinem Vorhaben abzubringen.
Regisseur Abbas Kiarostami bekam für seinen wohl bekanntesten Film eine Vielzahl an Preisen verliehen, unter anderem die Goldene Palme in Cannes – und das völlig zu Recht. „Der Geschmack der Kirsche“ ist ein extrem minimalistischer Film, voller Tragik und Schmerz. Der Schmerz bleibt dabei jedoch sehr subtil, während die Tragik wie ein Vorschlaghammer auf einen einprasselt. Das Besondere daran ist, dass der Film durch seinen Minimalismus umso mehr Zeit für seine Charaktere findet. Da der Film zu vielen Zeitpunkten fast ausschließlich im Auto spielt, sind wir sehr nah an Mr. Badii und seinen Mitfahrern dran. So erfahren wir viel über ihn selbst – auch wenn vieles nur durch die Blume erzählt wird – und ebenso über die Menschen in und um Teheran.
Der Selbstmord und das, was Mr. Badii vorhat, rücken ab der Hälfte des Films etwas in den Hintergrund, da sich das Werk zunehmend mit spannenden moralischen und religiösen Fragen auseinandersetzt. Ist Selbstmord rechtens? Sollte nicht jeder Mensch individuell entscheiden dürfen, wann sein Leben endet? Schließlich hat niemand darum gebeten, geboren zu werden. Gibt es vielleicht eine höhere Macht wie Gott oder Allah, die eine solche Tat strengstens verbietet, oder gibt es auch im Glauben Ausnahmen für diejenigen, die leiden?
Eine der spannendsten Fragen stellt der Film jedoch im letzten Drittel: Wie kann man anderen Menschen Liebe und Freundlichkeit geben, wenn man selbst keine für sich empfindet? Wie soll man andere nicht verletzen, wenn man sich selbst permanent verletzt? Gibt es für all diese tiefen Gräben, die sich durch unsere Psyche ziehen, wirklich Hilfe, die uns dabei unterstützt, Brücken zu bauen, um diese Abgründe zu überwinden?
Dass all diese Themen funktionieren und dieses herausragende Werk von Abbas Kiarostami dabei nie überfrachtet wirkt, ist gerade dem Minimalismus zuzuschreiben. Da der Film meist außerhalb oder am Rand der Großstadt spielt, befinden wir uns fast ausschließlich in der Wüste – einem Ort, an dem nur wenige Menschen leben, dafür aber viele arbeiten. So kommt es nie dazu, dass man von Handlung und Themen überfordert wird oder sich zusätzlich durch ein Großstadtgewitter kämpfen muss.
FAZIT
Das hier ist wunderbar ausgearbeitet, hochgradig emotional und vielschichtig und dabei unglaublich verletzlich und bedauernswert gespielt von Homayoun Ershadi, der in jeder einzelnen Szene des Films zu sehen ist und allein durch seine Präsenz etwas zutiefst Bedrückendes in uns auslöst.
Das hier ist ein Meisterwerk. Ein herausragend inszeniertes, geschriebenes und gespieltes Meisterwerk über den Sinn des Lebens, die Frage nach Moral und die Notwendigkeit – oder eben Nicht-Notwendigkeit – des Selbstmordes. Ein Film für die Ewigkeit und einer der besten nicht-englischsprachigen Filme aller Zeiten.


