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8 Frauen

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8 Frauen Kritik

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8 Frauen Kritik
0 Kommentare - 06.04.2022 von ProfessorX
In dieser Userkritik verrät euch ProfessorX, wie gut "8 Frauen" ist.

Bewertung: 5 / 5

Als die junge Studentin Suzon (Virginie Ledoyen) an den Feiertagen nach Hause heimkehrt, wird ihr Vater Marcel (Dominique Lamurie) tot aufgefunden. Das Anwesen ist derweil durch einen andauernden Schneesturm von der Außenwelt isoliert, und so beginnen die anwesenden Frauen Mamy (Danielle Darrieux), ihre Töchter Gaby (Catherine Deneuve) und Augustine (Isabelle Huppert), die Tochter des Opfers Catherine (Ludivine Sagnier), die Köchin des Hauses Madame Chanel (Firmine Richard), die Hausmädchen Louise (Emmanuelle Béart), sowie die eingetroffene Schwester des Opfers Pierrette (Fanny Ardant) über einen potenziellen Mord zu diskutieren.

Obgleich man sich Familiendramen vielleicht ob ihrer inflationären Abhandlungen im Bereich der Kunst eventuell wenig aufschlußreich vorstellt, so darf man sich von dieser vermeintlichen Abgeklärtheit nicht beirren lassen. Schließlich sind es genau die Familiendramen, die wohl am ehesten den düsteren Teil der Identität hervorrufen und am ehesten noch die Möglichkeit bieten, sich so wie man ist, zu offenbaren und gleichzeitig fallen zu lassen. Schließlich sind wohl die größten Geschichten der Menschheit auch gleichsam immer Familiengeschichten. Ob religiöser Natur, dramatisch wie bei Shakespeare oder existentielle Charakterstudien, daß Thema der Familie ist eigentlich etwas, was ähnlich tief sitzt, wie der Drang und die ewige Suche nach Bedeutung und vielleicht dem Sinn der Liebe. Das hat auch Regisseur und Drehbuchautor François Ozon gewusst, als er 2002 mit 8 Frauen die Adaption des Theaterstücks Huit femmes von Robert Thomas auf die Leinwand brachte. Dabei gelang es ihm, nicht zuletzt auch wegen des brillanten Drehbuches, die Crème de la Crème des französischen Filmes unter einen Hut zu bringen. Und das merkt man auch. Nicht nur sind alle Schauspielerinnen von vorne bis hinten gut gewählt, sie sorgen gleichsam dafür, daß die verkörperten Figuren so lebhaft – wenngleich natürlich auch ein wenig klischiert überzeichnet – wirken und somit hat das gesamte Werk eine gewisse Schwere und dennoch auch eine unglaubliche Leichtigkeit zu sich.

Dabei versteht sich der Film nicht nur als eigentliche Komödie, sondern vielmehr als Genre-Hyperbel, die auch zwischen Melodram, Musical, Krimi und allübergreifenden gesellschaftlichen Themen spielend hin- und herwechselt. Man sollte eigentlich meinen, daß gerade ein solcher Genrewechsel etwas Unstimmigkeiten in das gesamte Konzept bringen kann. Schließlich hängt sehr viel davon ab, ob die gezeichnete Welt und deren Akteure darin, auch wenn sie eben, wie für Dramen üblich, nur bestimmte Muster erfüllen, nach wie vor vom Zuschauer ernst genommen werden können. Zu Beginn ist man dann doch erstmal überrascht, wenn die Figuren sich ihre Gefühle vom Leib singen, weil man das so vielleicht nicht erwartet hat. Doch Ozon gelingt es spielend leicht eben, mit den Erwartungen seiner Zuschauer zu spielen, ohne diese dabei zu enttäuschen. Er weiß, daß Musicals schrill und etwas bunter sind, als vielleicht andere Genre und so lässt er von einem auf den anderen Moment einen fast schon eigenständigen Stil auf den Film los, welcher sich aber seltsamerweise mit dem Gesamtwerk verträgt. Er weiß auch, daß gute Krimis davon leben, daß sie in letzter Instanz eine verworrene Geschichte voller Intrigen erzählen, und so gibt er all seinen Figuren ein dunkles Geheimnis, wenngleich hier natürlich auch mit gängigen Stereotypen gearbeitet wird. Er weiß auch, daß Dramen durch ihre Aufrichtigkeit leben und so nimmt er den Figuren alles, lässt sie dem Zuschauer zunächst als relativ unnahbar erscheinen, nur um ihren wahren Kern hervorzurufen. Und er weiß auch, daß Komödien durch pointierte Witze leben, in denen die Dialoge eigentlich zum einen scharfzüngig, wie auch bitterböse sind.

Und das macht Spaß, weil man mit den Figuren ein relativ verwaschenes Bild verbindet, nach welchen diese eigentlich nicht viel zu bieten hätten. Dennoch sind es aber gerade die schauspielerischen Leistungen, die 8 Frauen so unwiderstehlich machen. Ob Catherine Deneuve als kaltherzige und dennoch faszinierende Ehefrau. Ob Isabelle Huppert, die durch ihre schiere geschmacklos anhaftenden Kommentare zunächst die abgeklärte Zynikerin gibt. Ob Emmanuelle Béart, die aufgrund ihrer faszinierenden Schönheit und ihren subtilen Seitenhieben, pure Macht ausstrahlt. Ohnehin sind es vor allem die Kämpfe, die sich zwischen den Figuren als wahre Meisterleistung entpuppen. Da kommt dann, nicht zuletzt auch wegen des unterschiedlichen sozialen Standes, eben auch ein ganz klarer Klassizismus zum Vorschein, nach welchem das Blut und der finanzielle Stand eben doch eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Man mag sich vielleicht einreden, daß unsere Gesellschaft in der heutigen Zeit noch den sozialen Aufstieg in den Mittelpunkt rückt und Fragen der Herkunft keinerlei Rolle mehr spielen. Daß diese Ideologie allerdings einer völlig realitätsfernen und naiven Weltanschauung unterliegt, wissen auch all jene, die vielleicht nicht unbedingt weiß und wohlhabend sind. So muss man sich auch Bildung leisten können. Doch daß gut betuchte Menschen, nicht unbedingt immer die größte Bildung oder Pietät besitzen, ist nicht zuletzt nach unverschämten Auftritten des ein oder anderem Prinzen aus dem britischen Königshaus bekannt.

Ozon hasst diese Welt und ob der reinen Konzeption scheint der Film in vielerlei Hinsicht auch das kreative Vorbild von Rian Johnsons Knives Out (2019) zu sein. Aber wie gesagt, Familiendramen sind nicht gerade besonders innovativ. Ein gewisser Esprit wird dann auch in der Inszenierung gestreut, indem die patriarchalen Strukturen hier nicht nur vorgeführt werden, sondern auch gleich die Wahrnehmung im Hinblick auf gewisse Figuren von starken Vorurteilen geprägt sind. So werden gleichsam inzestuöse Gedanken, wie auch frühzeitige Schwangerschaften, die vielleicht nicht dem verfärbten Bild, daß man zeigen will, entsprechen, Teil der Geschichte. Auch die unerwiderte Liebe ist im Film zentral und zeigt somit, die Schere abseits der amüsanten Dialoge. Natürlich könnte man hier auch eine andere Lesart anwenden, nach welcher eben der weiße Mann, durch die bösen, gierigen Frauen zum Opfer reiner Umstände wird. Doch die sexuelle Macht, die hier ausgedrückt wird, unterliegt eben nicht nur dem Stigma jener Deutungen, sondern ist gleichsam auch ein Offenlegen klassischer Ehemodelle, nach welchem sich diese eben auch als reiner Zweck entpuppen. Denn was bleibt, wenn die Figuren nicht mehr das Verlangen verspüren auch miteinander alt werden zu wollen. Sicherlich wird hier auch die Zeit in welcher sich 8 Frauen abspielt zum Verhängnis, denn die 1950er Jahre waren sicherlich keine emanzipatorischen Vorzeigejahre. Und auch dabei wagt Ozon dem Zuschauer zu missfallen, indem er Themen wie sexuelle Ambivalenz oder Prüderie gleichsam aus unterschiedlichen Perspektiven schildert und dadurch auch in dieser Hinsicht eine verquere Moralvorstellung ankreidet.

Der satirische Aspekt kommt dann zutage, wenn eben das triviale der Tat zur eigentlichen Tat verklärt wird. Es ist dann nicht mehr wichtig, ob der Vorgang einen tieferen Sinn ergibt, solange diejenigen Schaden davontragen, die man sowieso nicht sonderlich gut leiden kann. Darüber hinaus ist Ozons Werk auch unglaublich gut gefilmt, weil das Werk seine dekadenten Figuren in über stilisierten, fast schon parodistisch anmutenden Szenen durch Kleider und Überbeleuchtung inszeniert. Daß der Film aber trotz seiner Überzeichnung zu keinem Zeitpunkt seinen Bezug zur Realität verliert, wird dann deutlich, wenn er zeigt, wie sehr diese Gesellschaft eigentlich auf einem Schein aufgebaut ist. So wird deutlich, daß eben das schier endlose Material zu weiten Teilen doch sein Ende findet und sich Figuren ob ihrer Gewohnheiten auch einfach jedweden Blick für das eigene Sein verloren haben. So hat die Macht die Figuren korrumpiert, sodass sie selbst nicht mehr begreifen könne, keine zu haben.

Allzu leicht ließe sich in 8 Frauen ein konservativer Sexismus hineinlesen, dennoch täte man dem Werk von François Ozon unrecht, weil der Fokus der Geschichte auf den teils völlig realitätsfernen Figuren liegt. Dabei mischt die Geschichte kinderleicht einzelne Genre, ohne dabei den Fokus auf die Charakterstudie zu verlieren. Auch den Schauspielerinnen wird hier ein Denkmal gesetzt, indem das Werk auch in dieser Hinsicht zu beeindrucken weiß und dabei gekonnte gesellschaftliche Missstände aufdeckt.

8 Frauen Bewertung
Bewertung des Films
1010

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