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Verstehen Sie die Béliers?

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Verstehen Sie die Béliers? Kritik

Verstehen Sie die Béliers? Kritik

Verstehen Sie die Béliers? Kritik
0 Kommentare - 29.08.2022 von ProfessorX
In dieser Userkritik verrät euch ProfessorX, wie gut "Verstehen Sie die Béliers?" ist.
Verstehen Sie die Béliers?

Bewertung: 4 / 5

Die Teenagerin Paula (Louane Emera) lebt gemeinsam mit ihrer Familie auf einem Bauernhof. Die Familie Bélier ist besonders, denn alle bis auf Paula sind gehörlos. Daher muss das Mädchen Verantwortung für ihren Vater Rodolphe (François Damiens), ihre Mutter Gigi (Karin Viard) und ihren Bruder Quentin (Luca Gelberg) übernehmen. Das heißt, sie muss bei geschäftlichen Terminen immer als Vermittlerin agieren. Doch als sich Paula eines Tages in einen Jungen verliebt, beschließt sie dem Schulchor beizutreten. Dabei wird unverhofft ihre schöne Gesangsstimme entdeckt, die ihr Musiklehrer Thomasson (Éric Elmosnino) gerne fördern möchte...

Wenn Menschen anders sind, dann merken das die Gegenüber sofort. Das muss nichts Wildes sein, nicht etwa eine auffällige Frisur oder dergleichen. Es ist natürlich immer ein aufeinandertreffen von verschiedensten Ideologien und Werten und das dürfte Menschen sicherlich klar werden. Da muss noch nicht mal eine Zuneigung oder direkte Antipathie vorherrschen, wenn man sich gerade kennengelernt hat. Es ist einfach, wie es ist. Und im Falle von Verstehen Sie die Béliers? ist der Unterschied zu den anderen Mitmenschen schon sehr vorhersehbar. Die Welt ist ein Dorf und die Dorfidylle ist natürlich schon für Stadtmenschen ziemlich besonders, weil man immer das Gefühl vermittelt bekommt, jeder kenne jeden. Ob das nun stimmt oder eben nicht, ist dann nicht wichtig, weil es zu einer direkten und ebenbürtigen Konfrontation auf verbaler Ebene selten kommt. Das Vorurteile unser Leben so ein wenig mitbestimmen ist natürlich klar und in dieser Hinsicht scheint dieser Film doch so ein wenig plakativ zu sein. Wenngleich die große Kritik, am Umstand der Vorverurteilenden hier nicht ganz zündet, wie es ja gerne in Kritiken der Fall war. Dazu an anderer Stelle mehr. Tatsächlich peinlich wird dieser Film dann, wenn es um die Richtigkeit der Gebärdensprache geht. Diese ist zu teilen einfach inkorrekt, was ein fataler Fehler ist und vermutlich die einzige Daseinsberechtigung des 94. Oscargewinners Coda (2021), dessen Vorlage dieser Film hier darstellt.

Trailer zu Verstehen Sie die Béliers?

Überall versprüht dieser Film eine sehr große Intimität. Es geht salopp gesagt um den Umgang von Behinderungen in der eigenen Familie. Warum kann das schwer sein, fragt man sich die Zeit über. Und diese Frage beantwortet dieser Film so großartig universell. Denn tatsächlich lässt sich das Problem ja auf alles Mögliche übertragen. Sobald ein Familienmitglied an irgendetwas erkrankt ist, etwa ein Bein gebrochen hat, wird es schon schwer, das eigene Leben mit dem ganzen unter einen Hut zu bringen. Wenngleich man an der Stelle nochmal herausstellen sollte, daß Behinderungen de facto keine Krankheiten sind, sondern nüchtern gesagt nur ein anderer Zustand. Dann merkt man diese ländliche Idylle und die Figur Gigi Bélier will da eigentlich weg. In ihrer Schule wird sie zur eigenen Verwunderung „entdeckt“, denn sie hat ein großes Talent im Singen. Gleichsam hegt sie auch ein romantisches Interesse an ihrem Mitschüler. Nun könnte man dem Film vorwerfen, daß wenn es um Behinderung im Alltag geht, warum denn dann nicht die Behinderten der Fokus sind. Doch dieser Zustand trügt. Denn schließlich sehen wir die Perspektive der Familie um Gigi genau und gleichsam baut der Film dabei einen wunderbaren Coming-of-Age-Charme ein. Das macht die Geschichte auch damit leicht verdaulich, was nicht heißen soll, daß es ihr an Tiefe fehle. Wohl aber wird dadurch nicht impertinent auf dem Thema der vermeintlichen Behinderung herumgeritten.

Ein wichtiger Aspekt indessen der Film überhaupt funktioniert, ist, daß seine Hauptdarstellerin Karin Viard all das Komplexe, all die Probleme und auch manchmal das Egoistische am eigenen Dasein so perfekt transportiert, daß sie dennoch als Hauptfigur funktioniert. Sie ist nicht einfach gut, daß könnte man in dem Feelgood-Charme zwar meinen, aber häufig sind es auch die eigenen Interessen, die über die Familie gestellt werden. Und dennoch geht der Film damit nicht so respektlos mit Jugendlichen um, wie es viele Filme gerne tun. Die Figur wird in ihrem Verlangen und dem Aufblühen des eigenen Körpers vielleicht nicht immer treffend dargestellt, dennoch aber sehr nachvollziehbar, wenn es um die akute Situation geht, in der sie sich befindet. Auch sie merkt natürlich, daß die Charaktere so ein wenig Vor- oder nur verurteilt werden. Kann das der Behinderte? Schafft das diese Frau? Das sind zwar nicht direkte Fragen aus dem Film, dennoch schwingen sie im Alltag klar mit. Das kann auch rhetorisch manchmal richtig hässlich werden und dennoch schafft der Film genau diesen Umstand, als einen zu zeichnen, der dem Zuschauer nicht so nahe geht. Primär nämlich vermittelt der Film das Gefühl, als würde hier von allen gegen alles geschossen und auch das ist tatsächlich Inklusion. Denn wenn man die moralische Grenze zieht und bestimmte Menschen zu reinen Schutzbefohlenen erklärt, stigmatisiert und diskriminiert man nur. Und auch wenn der Menschenrechtsaktivist Raul Krauthausen teils utopische Vorstellungen und antiintellektuelle Ansichten einer inklusiven Welt an den Tag legt, so hatte er dennoch recht, als er sagte, auch über behinderte Menschen dürfe man lachen.

Unterdessen tut der Film eben auch gut daran, nicht zu dramatisch zu werden. Klar gibt es da auch Konflikte, aber dennoch bleibt der Film zumeist auf einem Feelgoodpfad. Das sorgt nicht nur dafür, daß der Film ein gutes Pacing hat, welches nur selten ins Straucheln gerät, sondern auch dafür, daß der Film seine Botschaft auf eine sehr angenehme Weise zu vermitteln mag. Von Musik über Slapstickeinlagen und teils wunderbare Hochglanzaufnahmen aus Frankreich helfen dem ganzen nur noch mehr. Ein kleiner Patzer im Film ist dann vor allem der von Éric Elmosnino gespielte Chorleiter Fabien Thomasson, dessen pädagogisches Handeln durchaus etwas fragwürdig ist. Man möchte das dem Film nicht zu Last legen, weil er einen da schon ziemlich gut einfängt. Auf der anderen Seite sind teilweise seine Körperberührungen zugunsten des perfekten Tones und auch sein privater Unterricht mit einigen Schülerinnen und Schülern etwas, was auf pädagogischer Ebene, gerade auch im Hinblick auf die beginnende Pubertät äußerst unsensibel geraten ist und eigentlich Grenzen übertritt, die auch das Nähe-Distanz-Verhalten im professionellen Rahmen total aus den Fugen geraten lässt.

Doch das dürfte dem fehlenden Verständnis der darstellenden Kunst entspringen. Unterdessen sticht ebenfalls hervor, daß neben dem Thema des Erwachsenwerdens auch das unglaublich heikle Thema Geschlechtsverkehr hier gekonnt aufgegriffen wird. Natürlich hat das erstmal keine intellektuelle Tragweite, dennoch wird es hier durch gut geschriebene Dialoge und Situationskomik auf eine sehr ungezwungenes und nicht so verkrampfte Ebene gehoben. Von Latexallergien, über zu undichte Wände inszeniert Éric Lartigau seinen Film mit dem richtigen Gespür, für verschiedenste Generationen in ihrem Zustand, ohne dabei eine über die andere zu heben.

Ganz sanft und intim erzählt Verstehen Sie die Béliers? vom Heranwachsen in einem stigmatisieren Haushalt. Das ist auf inhaltlicher Ebene zwar erfrischend, auf der Oberfläche erlaubt sich der Film aber einen Fauxpas. Schauspielerisch sticht vor allem die Hauptdarstellerin hervor, während der Film so kurzweilig und verträumt in seiner eigenen Idylle schwelgt.

Verstehen Sie die Béliers? Bewertung
Bewertung des Films
810

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