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Magnolia

Großartiges Episodendrama mit einigen Abstrichen

Magnolia Kritik

2 Kommentar(e) - 27.05.2017 von luhp92
Hierbei handelt es sich um eine User-Kritik von luhp92.

Magnolia Bewertung: 3.5/5

Ich glaube, allzu große Freunde werden Paul Thomas Anderson und ich in diesem Leben nicht mehr.

"Er erzählt in verschiedenen Episoden die Geschichten mehrerer Menschen an einem Tag im San Fernando Valley (Kalifornien). Die Verbindungen zwischen den einzelnen Personen ergeben sich dabei erst im Laufe des Films."

Dieses Zitat aus dem Wikipedia-Artikel war mehr noch als alle Lobpreisungen meine Eintrittskarte zum Film. Episodendramen, welche die Schicksale mehrerer Menschen miteinander verbinden, sind in der Regel genau mein Ding, Selbstläufer, instant 9-10/10 Punkten.

Und ja, PTA macht hier größtenteils echt einen richtig guten Job als Drehbuchautor und Regisseur. Mit 180 Minuten nimmt er sich die nötige Zeit für den Aufbau seines Charakterdramas über Schuld und Vergebung. Dreidimensionale Charaktere innerhalb eines stimmig und klug verwobenen Netzes aus verschiedenen Handlungssträngen. Daraus folgen emotionale Ausbrüche reiner Menschlichkeit, die mich als Zuschauer dementsprechend intensiv trafen. "I have so much love to give, I just don’t know where to put it."

Und doch finde ich wie schon bei "There Will Be Blood" und "Last Exit Reno" über die gesamte Laufzeit hinweg keinen kompletten Zugang zum Film. Eigentlich ist "Magnolia" mit seinen 180 Minuten keine Sekunde zu lang und doch musste ich mich durch den Mittelteil etwas durchkämpfen, im Film fehlt es an einer für mich durchgehend dichten und fesselnden Atmosphäre.

Darüberhinaus leidet der Film meiner Meinung nach darunter, dass PTA hier gelegentlich zu unnötigen stilistischen Übertreibungen neigt. Musste das Intro wirklich so comichaft überzeichnet dargestellt werden? Mich hat es nur genervt! In den ersten 30 Minuten setzt PTA auf mehrere anspruchsvolle Kamerafahrten, die allerdings mehr dem Selbstzweck dienen, als den Plot zu unterstützen. Nach diesen 30 Minuten kommt die Kamera zum Glück zur Ruhe und fokussiert sich auf das Wichtige: die Charaktere. Irgendwann gegen Ende schien es PTA dann für eine gute Idee zu halten, einfach mal die Tonspur zu verschieben und asynchron zum Bild ablaufen zu lassen. Vielleicht habe ich keine Ahnung, was der Künstler mir damit sagen möchte, vielleicht sind mit dem Künstler da aber auch nur die Pferde durchgegangen. Dieses Stilmittel führte jedenfalls lediglich dazu, dass ich den Film aufgrund eines möglichen Technikfehlers neu gestartet habe.

Des Weiteren möchte ich noch etwas zur Esoterik in "Magnolia" schreiben. Ich kann nachvollziehen, dass man Regisseuren wie Terrence Malick, Darren Aronofsky, den Wachowskis oder Alejandro G. Iñárritu Esoterik vorwirft. Ich kann nicht nachvollziehen, dass man dies bei "Magnolia" scheinbar außenvorlässt. Anstatt den Plot des Films als großen Zufall anzulegen, wird er den Zuschauern als Folge einer höheren Macht präsentiert. Da es sich hier zudem um ein reines Drama (kein Science Fiction oder Fantasy) handelt, fällt dies umso mehr auf. Während zum Beispiel die Gesangsszene aller Charaktere in "Sense8" wunderbar mit der Handlung harmoniert, wirkt sie in "Magnolia" einfach nur albern. Den Froschregen sehe ich dennoch nicht als christliche Läuterung sondern als Zufall an. Die Konflikte zwischen den Charakteren sind nach dem Filmfinale nicht überwunden, PTA gewährt uns lediglich einen eintägigen Blick in das Leben der Menschen.

Insgesamt klingt das Review jetzt schlimmer, als ich den Film empfunden habe. Im Netz finden sich zahlreiche Kritiken zu "Magnolia", die sich mit dessen Stärken bedeutend detaillierter und besser befassen, als ich es könnte oder es momentan meine Zeit hergibt. Solche Kritiken gibt es also wie Sand am Meer, ich wollte euch stattdessen einen Eindruck davon vermitteln, was mir nicht gefallen hat. Nichtsdestotrotz handelt es sich bei "Magnolia" um einen sehens- und empfehlenswerten Film, der mich aber leider nicht zur Gänze begeistern konnte.

Magnolia Bewertung
Bewertung des Films
710
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2 Kommentare - Moviejones distanziert sich von Userbeiträgen.
luhp92
BOTman Begins
Geschlecht | 27.05.2017 | 19:34 Uhr27.05.2017 | Kontakt
Jonesi

Da gleich ein Freund zum Fußball Schauen vorbeikommt und ich noch was essen muss, habe ich aktuell keine Zeit für eine Antwort.

Hier aber schon mal der Link zu meinem Boogie Nights Kommentar, der allerdings mehr als Werbung für deine Kritik fungiert und weniger als eigenständiger Kommentar^^

- "Sie sind ein Erpresser und ein Bandit, Mr. Shatterhand."
- "Willkommen in Amerika!"

eli4s
Moviejones-Fan
Geschlecht | 27.05.2017 | 19:11 Uhr27.05.2017 | Kontakt
Jonesi

Dieser Beitrag wurde am 27.05.2017 19:12 Uhr editiert.

mögliche Spoiler


Ich war ja schon gespannt auf deine Reaktion und natürlich muss ich darauf eingehen und den Film verteidigen smile. Finde es schade, dass dir der Film nicht noch mehr zugesagt hat. Zunächst - vielleicht solltest du es noch mit Boogie Nights versuchen, wenn du es noch nicht getan hast, sicher Andersons eingängigster Film. "The Master" und "Inherent Vice" würde ich dann eher meiden. Noch deutlich weniger zugänglich.

Vielleicht hättest du dir und dem Film mehr Zeit geben müssen, wie du auch an einer Stelle sagst. Er ist ziemlich umfangreich, sowohl formal als auch inhaltlich, was deine Kritik nur bedingt wiedergibt. (Aus Wikipedia zitieren halte ich ganz nebenbei und unabhängig vom Film für nicht ratsam).

zu deinen Hauptkritikpunkten:

dass du dich im Mittelteil etwas durchkämpfen musstest, kann ich gut nachvollziehen. Bei drei Stunden und acht parallelen Handlungssträngen finde ich es eher erstaunlich wie der Film einen bei der Stange hält, muss er doch ständig hin und her wechseln, was natürlich zwangsweise erstmal etwas entschleunigt, dafür aber in der Summe nachher umso stärker. Da Anderson so ein starkes Händchen für Figuren und unzählige starke Themen hat, empfand ich dabei zu keiner Zeit Langeweile. Der lange und durchaus angebrachte Aufbau zahlt sich in jeder Hinsicht dramatisch aus. Im wahrsten Sinne eine Ruhe vor dem Sturm. Merkt man auch stark im Rhythmus des Schnitts. Das letzte Drittel des Films ist eigentlich eine emotionale Explosion/Implosion nach der anderen.

Was ich gar nicht nachvollziehen kann, ist die Kritik einer "comichaften" Inszenierung. Abgesehen vom Prolog, der ja von der Absurdität seiner Geschichten lebt, bei denen es sich ja um Legenden handelt und damit eine spielerische Inszenierung durchaus rechtfertigen, sehe ich da nicht viel "comichaftes" darin. Vielmehr eine rasante kleinformatige Illustration einiger Aspekte des Films, in dem gerade die unglaublichen Details als solche herausgestellt werden. Im Rest des Films sehe davon nichts. Überhaupt ist Anderson (in all seinen Filmen) sehr überlegt und versiert, was seine Inszenierungen angeht und hat dabei stets den Fokus auf den Figuren.

Für seine langen Trackingshots ist Anderson bekannt, auch das hat für mich nichts mit Comichaftigkeit oder übertriebener Inszenierung zu tun. Gerade die lange Eröffnungsfahrt ist keineswegs Selbstzweck, vielmehr ist sie eine sehr elegante Möglichkeit die Figuren und Geschichte in ihrer räumlichen und zeitlichen Nähe zu zeigen und zu etablieren und die "labyrinth-artigen" Verknüpfungen darzustellen.
Unnötigkeit kann ich da keine finden.

Zur Tonspur. Es gibt keine asynchrone Tonspur oder was du da meinen könntest. Kann mich nicht entsinnen. Das muss ein Fehler gewesen sein.


Auch den Punkt der Esoterik finde ich nicht haltbar.

Der Plot ist bis auf die eine Szene zum Ende (wie alle seine Filme) sehr humanistisch angelegt. Im narrativen Sinn ist es der Deus Ex Machina, ja. Aber ein religiöses Zugeständnis an eine höhere Macht - die natürlich aufgrund der Bibelreferenz, die Anderson aber anfangs gar nicht im Kopf hatte - ist hier nicht beziehungsweise nicht per se oder als feststehend herauszulesen. Auch wenn man Andersons Oeuvre betrachtet sieht man keinerlei Hinweise (anders als zB bei Inarritu, der auch abseits des Screens offen über seinen Glauben an das Überirrdische redet), dass Anderson an eine höhere Macht glaubt, oder daran interessiert ist, diese zu etablieren. Vielmehr äußert er sich, wenn das Thema Gott/Überirrdisches mal auftaucht (zB bei There will be blood) sehr kritisch und ambivalent dazu, wenn nicht gar nihilistisch. Darum geht es bei der Szene meiner Meinung nach auch nicht. Liegt auch in der Beliebigkeit und der Beiläufigkeit auch gar nicht so nahe. Von daher finde ich es falsch, wenn du behauptest, der Film würde das eindeutig so präsentieren. Keineswegs.
Vielmehr sehe ich das Ereignis als narratives Statement, das den Zufall ganz im Sinne der Thematik instrumentalisiert, um die Absurdität des menschlichen Seins im ganzen zu unterstreichen. Manchmal lassen sich Dinge eben nicht vorhersehen. Manchmal muss etwas Unfassbares passieren, um Menschen aus ihrer Lethargie zu rütteln. Manchmal hat man die Dinge nicht in der eigenen Hand und es kommt alles nicht so, wie man es denkt- ganz egal wie sehr man sich anstrengt. Ich denke, das ist das Leben, die "human condition", Sinnsuche. So unglaublich es scheinbar ist. Ich denke, darum gehts.

Gesangsszenen sind ja immer schwierig... Dennoch auch hier finde ich es voreilig, diese als albern abzutun. Sie verbindet die Figuren und das zu einem ganz bestimmten und wichtigen Zeitpunkt, nämlich an ihrem Tiefpunkt. Kündigt außerdem einen narrativen Bruch an. Auch ein schönes Lied. Überhaupt spielt die Musik eine große Rolle für die Erzählung, nicht nur in dieser Szene. (Über den Film bin ich auch auf die Sängerin gestoßen, Aimee Mann. Hat nebenbei bemerkt ein paar wirklich schöne Lieder auch abseits des Soundtracks).

Dass die Konflikte nicht überwunden sind, ist schlicht nicht richtig. In manchen Fällen wird den Figuren eine Katharsis verwehrt, in anderen schon. Zentral sind ja die kaputten Beziehungen und hier tut sich sehr viel. Tom Cruise Figur Frank definitiv. Donnie merkt, wie dämlich seine Handlungen waren und bereut es und akzeptiert sein "Schicksal". Ihm wird vergeben.
Stanley setzt sich endlich zur Wehr und steht für sich selbst ein. Claudia lacht zum ersten Mal wieder und kommt mit Jim zusammen, nachdem sie eigentlich jede Hoffnung in zwischenmenschliche Beziehungen aufgegeben hatte.

Die letzte Einstellung ist vielleicht meine Lieblingsszene überhaupt. Ich finde der Film ist ein kleines Wunder, mit dem ich auch persönlich sehr viel anfangen kann - weshalb ich ihn ja so sehr mag.