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Der weiße Tiger

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Indisches Sozialdrama ohne Bollywoodtanz !

Der weiße Tiger Kritik

Der weiße Tiger Kritik
9 Kommentare - 08.02.2021 von MobyDick
In dieser Userkritik verrät euch MobyDick, wie gut "Der weiße Tiger" ist.
Der weiße Tiger

Bewertung: 4.5 / 5

Heute steht ein weiterer vorläufiger Abschluss auf dem Programm. Nachdem ich meinen Rassismus-Zyklus abgeschlossen habe (Reviews zu King Kong, Green Book, Black Panther, BlackkKlansman, Guava Island, Dolemite, Suburbica, Antebellum, sowie den Serien American Crime Story, Watchmen, Hunters (mit Abstrichen) und zuletzt Fargo), meine Review-Reihe zur Diskussion "Eine Frau sollte immer wissen, wo ihr Platz ist" (Reviews zu Vom Winde verweht (hier in der Diskussion natürlich auch Rassismus ein Thema), Shapeof Water, Es war einmal in Amerika, Bedevilled, Mad Max, Roma, Die Sehnsucht der Schwestern Gusmao, Das Lied der Strasse, Roma, Mother, Mulan, Delhi Crime und zuletzt Promising Young Woman) bendet habe, kommt nun der vorläufige Abschluss des "Klassenkampfes" (bisherige Reviews hier Yol, Burning, wieder mal Roma, Joker, Snowpiercer, Memories of Murder, The Host, Parasite). Und im prinzip kann es hierfür keinen besseren Film geben als White Tiger. Das Arm-Reich-Gefälle und die soziale Ungerechtigkeit hat in Indien solche Ausmasse, dass man fast schon - streicht das fast schon ! - von Sklaverei reden muss!

White Tiger ist dabei eine astreine Literaturverfilmung und bewusst als Antithese zum Wohlfühlsozialmärchen Slumdog Millionaire konzipiert. Dabei wird wie üblich in literarischen Biografien eine Rahmenhandlung erzählt, in der der Protagonist aus seiner jetzigen Situation heraus sein Leben Revue passieren lässt. Da es ihm heute sehr gut geht, und er aus den ärmlichsten Verhältnissen kommt, wird einem Anfangs immer wieder ein positiver und märchenhafter Aufstieg suggerriert, gleichzeitig wird einem auch immer wieder jegliche Hoffnung darauf von Anfang an genommen. Wenn der Junge am Anfang ein extrem begabter Schüler ist und ihm so manch große Zukunft vorhergesagt wird, wird er in der nächsten Einstellung aus der Schule genommen, da er seine Familie unterstützen muss und Schule nunmal Geld kostet. Immer wieder fällt er auf die Fresse, immer wieder steht er auf.

Trailer zu Der weiße Tiger

Der Film zeigt dabei einerseits ungeschönt die Realität in Indien auf, die Abhängigkeitsbeziehung des armen Schluckers vom Reichen, wie er gar keine Chance hat, überhaupt voran zu kommen und nur von der Gnade des oberen abhängt, und selbst jahrzehntelange Treue nicht belohnt wird, da man ja im Grunde genommen sowieso nur Eigentum ist, dass ausgetauscht wird sobald abgenutzt. Und andererseits wird auch ganz klar gezeigt, welche perfiden Mechanismen greifen, um einen doch etwas schlaueren evtl. aus der Reihe tanzenden Knecht klein und bei Stange zu halten. Dass ein Mensch, der unten geboren ist, es auch mal nach oben schaffen könnte, gelingt in der Regel nur dann, wenn der Chef ein Waschlappen und nicht hart genug ist. Das wird auch im Film ganz klar so adressiert, indem der Chef vom Protagonisten ständig aus dem Off als Lamm tituliert wird. Hier entsteht aus einem plötzlichen Vakuum auch eine Art parasitäres Freundschaftsverhältnis, welches mit ein bißchen mehr Mut auch deutlicher die homoerotische Grenze hätte ausloten dürfen. Aber für einen indischen Film ist der vorliegende Film schon mutig genug, da muss jetzt nicht auch noch solch eine Grenze überschritten werden. Zumal in Indien letztens tatsächlich auch genau wegen Netflix, der ja zuletzt immer wieder irgendwelche gesellschaftlichen Grenzen auslotete, was in letzter Konsequenz auch zu zivilem Ungehorsam führen könnte, ein Gesetz verabschiedet wurde, was im Grunde genommen besagt, dass unbequeme Themen durchaus ein Sendeverbot und Zensur auferlegt bekommen könnten. In diese Kategorie Film fällt White Tiger ganz klar.

White Tiger ist erstaunlich offen und auch recht authentisch in seiner Beschreibung der Verhältnisse, und schönt dabei nicht wirklich. Die unteren sind dreckige Lumpen, die jegliche Erniedrigung mit einem Lächeln ertragen und sogar wenn sie angespuckt würden, die Spucke lächelnd ablecken würden, und die oberen sind selbstgerechte, herrische Götter mit der Frei-Lizens für alles. Es wird quasi im Vorbeigehen das Kastensystem in Frage gestellt, welches aber ohnehin nur eine fadenscheinige Entschuldigung dafür ist, dass man den Grossteil der Bevölkerung klein hält, die Frauenrolle in der Gesellschaft anhand zweier Archetypen definiert und demontiert (einerseits die Oma, die das Sagen hat aber in guter alter Mother India Tradition ebenjenes nicht hinterfragt sondern eigentlich neben den Reichen Ärschen sozusagen der zweite Antagonist ist, eben weil sie dafür steht, dass man sich selbst nicht befreien aus dieser Hölle befreien kann sondern immer drin versunken bleibt; und andererseits die aufgeklärte Mittelstandstochter, die zwar das Richtige tun will, aber eingenordet wird bis auch sie zerbrochen das Weite sucht), die Korruption sowohl als Fluch als auch teilweise Segen dargestellt, und schliesslich natürlich der Arme ist des Armen Wolf.

Im Grunde genommen handelt es sich hierbei gleichzeitig auch um eine neue Version des Themas in Django Unchained, unter anderem auch um das Erachen des Dieners, diesmal weil der Herr halt ein Schwächling ist, der dann anfängt, die richtigen Schlüsse zu ziehen, um aus seiner Situation zu entkommen. Und dabei trifft es auf den ersten Blick den möglicherweise Falschen, aber in letzter Konsequenz doch den richtigen. Aber das muss man dann natürlich selbst gesehen haben.

Was ist nun die Aussage des Filmes an sich: Und hier wird es wirklich tricky, und das zeigt auch nochmal die absolute Stärke dieses Werkes auf. Zum einen zeigt es ganz klar, dass das bestehende System nicht veränderbar ist, da es erstens extrem festegfahren ist, und zweitens die die es ändern könnten, gar kein Interesse daran haben, dass es geändert wird. Zum anderen zeigt es aber auch, dass eine Änderung des Systems quasi nur mit Gewalt von statten gehen könnte, d.h. die oberen, die es zulassen, würden Gefahr laufen, getötet zu werden.

Und jetzt werden wir philosophisch: ich habe Bekannte und Freunde, die schonmal in einigen afrikanischen Ländern gelebt haben in solchen Eurasier-Projekt-Kommunen, wo sie auch Bedienstete hatten. Obwohl sie sich allesamt als liberal ansehen und kein bißchen rassistisch, höre ich immer wieder, dass man DIESEN LEUTEN gegenüber nie zu freundlich werden darf, denn dann würden SIE NICHT WISSEN, WO SIE HINGEHÖREN. Sie würden frech werden und aufmüpfig, das müsse man schnellstmöglich eindämmen. Aber im gleichen Atemzug davon erzählen, dass man dem Land dort was Gutes tut. Das geht ratzfatz, dass man als Nichtrassist oder Nichtüberlegener irgendwo ankommt, und dann nicht ganz so plötzlich aber sukzessive die Bediensteten wie untere Wesen behandelt. Ein anderer Bekannter hat mir mal erzählt, dass er die Lieblings-Bediensteten immer die Reste seines Familienmahls essen lässt, weil er so ein netter Kerl ist. Uns so brutal (oder verurteilend) das erstmal klingen mag, so irgendwie ehrlich ist es auch: So ist es auch im Film. Der Protagonist hat nur deswegen eine Chance, weil sein Lamm eben ein Weichling ist.

Also was ist die Aussage des Films:

1. Als Herrschender sei möglichst rabiat und brutal und halte dein Eigentum möglichst klein, zerstöre alles, was deinen Machtanspruch untergraben könnte

2. Die Oberen werden dir nie eine Chance geben, du musst dir das alles selbst erkämpfen, und sei es mit Gewalt.

Also ein Aufruf zu zivilem Ungehorsam. Der Film ist komplett sozialer Sprengstoff, der mit seiner letzten Konsequenz eben dies auch verdeutlicht. Und er zeigt auch, dass man irgendwann um nach vorne zu kommen eben doch das eine oder andere extreme Opfer hinnehmen muss.

Und trotz dieser rabenschwarzen Prämisse und den Ausführungen, es gelingt dem Film eben doch auf einer versöhnlichen Note zu enden, so ganz anders als beispielsweise ein Nightcrawler, (und diese ganzen zynischen Filme über rücksichtslose Aufsteiger oder netten leuten, die mit der Zeit lernen rücksichtslos zu werden), der sich in seinem Pessimismus und Zynismus bis zur allerletzten Einstellung suhlte: Denn als unser Protagonist endlich oben ankommt, tut er etwas, was er die ganze Zeit eben nicht getan hat - wohl auch weil er nicht inder Situation hierfür war - er wird sich seiner sozialen Verwantwortung bewusst und übernimmt diese.

Und das ist eben auch eine Message des Films, vielleicht die wertvollste.

Eigentlich war ich bei 8 Punkten, aber nachdem was ich hier verzapft habe und ich das nochmal lese, bekommt der Streifen von mir sogar 9 Punkte.

Und das alles ohne dass ich auf die Inszenierung (schnörkellos) oder die Darsteller (durch die Bank stark, ich persönlich habe immer meine Probleme mit Mrs. Chopra-Jonas, da hier einerseits nachweislich eine der schönsten Frauen der Welt, mit schauspielerischem Talent gesegnet daher kommt, aber ihre offensichtlich mehrfach operierte Nase so irritierend auf mich wirkt, dass es mich aus jedem ihrer Filme reisst!) eingegangen bin.

9 Punkte, topfilm, sozialer Sprengstoff und eben doch Slumdog Millionaire 2.0 in einem

Der weiße Tiger Bewertung
Bewertung des Films
910
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9 Kommentare
MJ-Pat
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luhp92 : : BOTman Begins
19.02.2021 22:46 Uhr
0
Dabei seit: 16.11.11 | Posts: 13.841 | Reviews: 153 | Hüte: 493

@eli4s
Ja, es ist natürlich weiterhin noch ein langer und schwieriger Weg, aber schonmal ein Anfang in die richtige Richtung.

@MobyDick
Ich hatte Geschichte auch als Abifach (2012), die Klausur habe ich meine ich über das Kaiserreich und Bismarck geschrieben^^ Leider ist das Schulsystem in NRW so dämlich, dass man im Grundkurs nur bis 1945 kommt und die Geschichte danach einfach komplett wegfällt. Das muss dringend reformiert werden (aber gut, der Schulstoff müsste ohnehin allgemein reformiert werden).

- "Sie sind ein Erpresser und ein Bandit, Mr. Shatterhand."
- "Willkommen in Amerika!"

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MobyDick : : Moviejones-Fan
17.02.2021 21:24 Uhr
0
Dabei seit: 29.10.13 | Posts: 5.968 | Reviews: 141 | Hüte: 442

Eli4s

Also eines der elementaren Elemente der Erzählung ist der nicht ganz (un)reliable Narrator, da wird was gesagt, aber was anderes gezeigt, so dass man nicht alles für bare Münze nehmen kann. Das was man sieht, ist das wie es passiert. Und da ist es am Ende tatsächlich so, dass er sich zwar hochboxt, aber am Ende eben doch ein soziales Gewissen offenbart. Ob das damit zusammen hängt, dass er ein großes Opfer gebracht hat oder allgemein durch seine Sozialisierung zu einem besseren Menschen wird, ist da schon nebensächlich.

Den neuen Ost-West Konflikt habe ich mal bewusst in meiner Kritik ausgeblendet, da das zwar ganz klar auch thematisiert wird, aber für den gemeinen Inder ja nur eine hohle Phrase und ein leeres Versprechen ist, womit ihm nicht im Geringsten geholfen wird. Und das enttarnt der Film mE ziemlich deutlich u d macht den Inder zum Feind des Inders, und nicht den Ami oder den Chinesen oder wen auch immer. Da gibt es ganz andere Probleme, und selbst der Chinese kann ja damit völlig zu Recht nichts anfangen. Aber auch hier viele Lesarten möglich.

Auch zur unterschwelligen Homoerotik, diese ist durchaus angebracht, um das Parasit-Wirt-Verhältnis, gegenseitige Abhängigkeiten sowie eine stückweite Abnabelung durch ein erstarktes Selbstwertgefühl aufzuzeigen. Aber der Film ist auch so pickepackevoll, dass allein die mickrige Andeutung schon genug hergibt.

Und letztlich zum Nightcrawler, auch da geht es eben um einen Kerl, der mit allen Mitteln aus seiner Kaste nach oben möchte und da sehr skrupellos bis zur Schmerzgrenze agiert. Und so verhält es sich ja auch bei unserem Protagonisten hier, nur dass wir hier tatsächlich auch ein Wachsen des Charakters mitbekommen, der zudem letztlich tatsächlich von Nutzen für die Gesellschaft ist, wenn auch im Kleinen.

Zur Grundaussage und den Lösungsansätzen: auch da macht er es sich nicht einfach oder kommt mit einem erhobenen Zeigefinger daher, und lässt zig Lesarten zu. Alleine dass wir hier nach Lösungsmöglichkeiten diskutieren zeigt das ja auf ;)

Alles in allem wie gesagt sehr starkes Stück und daher auch meine glasklare Empfehlung, ruhig mal weitere Prestigeprojekte aus Netflixindien zu schauen so lange sie das noch so drehen dürfen : der Pate von Bombay ist zumindest in der ersten Staffel ganz ganz starkes Genrekino, auch mindestens qualitativ auf Augenhöhe mit White Tiger, und Delhi Crime ist für mich neben Fargo und The Wire für mich die beste Serie weltweit in diesem Jahrtausend.

Luhp92

Stimme dir weitestgehend zu, auch bzgl deiner Argumentation ggü eli4s smile

Nur mein Halbwissen ist wirklich größtenteils Schulwissen, hatte Geschichte als abifach ;)

Dünyayi Kurtaran Adam
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eli4s : : Moviejones-Fan
17.02.2021 21:12 Uhr
0
Dabei seit: 22.02.12 | Posts: 2.499 | Reviews: 31 | Hüte: 104

@luph92

ja, schon. aber damit (wie man auch in westlichen Demokratien sieht) ist das Problem ja nicht aus der Welt. Wie er ja selbst im Film mal sagt: eigentlich gibt es nur 2 Klassen: arm und reich.

Und diese berühmte Schere geht ja weiter auseinander in dem kapitalistischen System auch ohne/ nach der Überwindung des Kastensystems. Insofern mag man das als Fortschritt zu dem Kastensystem sehen, aber letztlich kein Fortschritt bewegt man sich immer noch innerhalb des eigentlichen Problems, wie unten beschrieben.

MJ-Pat
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luhp92 : : BOTman Begins
17.02.2021 20:45 Uhr | Editiert am 17.02.2021 - 20:48 Uhr
0
Dabei seit: 16.11.11 | Posts: 13.841 | Reviews: 153 | Hüte: 493

@eli4s
"Auch scheint er nicht wirklich eine Veränderung des Systems anzustreben."

Er vollzieht schon einen Wandel von dieser Diener-/Besitzebene hin zu einem kapitalistischen Arbeitsverhältnis. Der Taxifahrer Balram versteht sich, aus der unteren Kaste kommend, ja automatisch als Eigentum der Familie aus der oberen Kaste. Und bis auf die Ehefrau sieht das die Familie der oberen Kaste genauso. Quasi wie im Feudalismus mit Bauern und Adel oder einer Sklavenhaltergesellschaft, natürlich nicht so absolut wie da, Balram erhält schließlich auch Lohn, aber vom Prinzip her.

Der Taxiunternehmer Balram dagegen sieht sich als Arbeitgeber, behandelt seine Untergebenen als Angestellte/Arbeitnehmer und nicht als (Familien-)Besitz oder gemäßg irgendeiner Kaste, er gewährt ihnen sogar Arbeitsschutz und Arbeitsrechte (wie im Zuge der Industrailisierung erkämpft, siehe meine Diskussion mit MobyDick).

- "Sie sind ein Erpresser und ein Bandit, Mr. Shatterhand."
- "Willkommen in Amerika!"

MJ-Pat
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luhp92 : : BOTman Begins
17.02.2021 20:22 Uhr | Editiert am 17.02.2021 - 20:25 Uhr
0
Dabei seit: 16.11.11 | Posts: 13.841 | Reviews: 153 | Hüte: 493

@MobyDick

Die Französische Revolution setzte allerdings trotz des Wiener Kongresses die Grundpfeiler der Freiheit und des Bürgerrechts, Napoleon trug diese dann in Europa hinein und verankerte sie durch seine Gesetzesbücher, von dem wiederum heutige Gesetzesbücher stark beeinflusst sind. Die gescheiterte, deutsche Revolution 1848 hätte es ohne den französischen Vorgänger ja auch gar nicht erst gegeben.

Russland verlor Monarchie und Ständegesellschaft ebefalls durch eine Revolution, also von unten und nicht von oben. Im deutschen und osmanischen Reich waren sie Opfer des verlorenen Ersten Weltkrieges. Die britische Monarchie konnte sich als Sieger halten, Großbritannien hat nichtsdestotrotz eine lange Tradition des Parlamentarismus (Bill of Rights), da hast du Recht.

Die Industrialisierung beziehungsweise Marxismus/Sozialismus als Reaktion darauf, auf dessen Basis dann Sozialdemokratie und Kommunismus entstanden, spielen natürlich ebenfalls eine große Rolle. Das ist die sozialistische Seite vieler heutiger Staats- und Gesellschaftssystem.

Allerdings sind die meisten dieser Staaten ja keine rein sozialistischen Staaten, sondern sind gleichzeitig geprägt vom Liberalismus, der auf Errungenschaften des britischen Parlamentarismus sowie der US-amerikanischen Unabhängigkeit und der französischen Revolution zurückgeht. Bzw. analog zu Marx die liberalen Staatstheoretiker wie Hobbes und Locke. Und gerade die Aufklärung ist unweigerlich verbunden mit dem liberalen Gedanken und steht mitunter Pate für all diese liberalen Gesellschaftsumwälzungen.

Um den Bogen zurück zu Indien zu schlagen, durch den britischen Imperialismus wurden Konzepte wie Liberalismus oder der Nationalstaat dann auch in deren Kolonien transportiert, was dann wiederum (Gandhi war paradoxer-/ironischerweise eben Akademiker/Gelehrter an einer britischen Universität) zur indischen Unabhängigkeit,Nationgründung und Demokratie führte.

Gereicht hat das offensichtlich nicht, um das Kastensystem zu sprengen. Vielleicht wurde Indien zu lange als Kolonie von Großbritannien kleingehalten und es ist sicherlich auch wahr, wie du schreibst, dass Aufklärung nicht radikal vorangetrieben wurde/wird und es an Bildung mangelt. Daran müsste die indische Regierung anknüpfen. Was wäre sonst eine Alternative, wenn es von oben - seit mittlerweile 70 Jahren - nicht klappt? Eine sozialistiche Revolution würde wahrscheinlich straight in Richtung Stalin oder Mao Zedong kippen. Bliebe also nur etwas wie die Französische Revolution.

P.S.: Ich würde dem Schulunterricht da keine allzu große Bedeutung beimessen, vieles habe ich mir (und hast sicherlich auch du dir) selbst erarbeitet oder im Austausch mit anderen Menschen.

- "Sie sind ein Erpresser und ein Bandit, Mr. Shatterhand."
- "Willkommen in Amerika!"

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eli4s : : Moviejones-Fan
17.02.2021 19:22 Uhr | Editiert am 17.02.2021 - 19:24 Uhr
0
Dabei seit: 22.02.12 | Posts: 2.499 | Reviews: 31 | Hüte: 104

Der Seitenhieb gegen Slumdog Millionaire hat mir auch im Film gut gefallen. Vorgestern gesehen. Kann vieles von dem, was du sagst zustimmen. Der Film ist spannend, obwohl ich am Anfang Sorge hatte, dass es so eine märchenhafte "Tellerwäscher wird Millionär-ist es nicht toll??" Geschichte wird und zu sehr auf dem Einzelschicksal rumreitet. Dabei hat er diese "Diener-Mentalität" echt gut rübergebracht und die festgefahrenen Traditionen, die alte Hierarchien zusätzlich festigen. Also nicht nur durch die oberer Klasse, sondern auch das Denken innerhalb der eigenen Klasse (der Eltern etc.), wie du ja besprichst.

Was ich bemerkenswert fand ist, dass der Protagonist kein Sympathieträger ist und dass die Implikation seiner Geschichte eine sehr düstere ist. Das hat mich überrascht.

Es geht ja nicht nur arm gegen reich, sondern auch arm gegen arm. "Arm" ist also nicht gleich gut. Die (moralische) Korruption zieht sich von oben bis unten durch und wird ja sogar vom Protagonisten als einzige Weg nach oben dargestellt. Das fand ich schon verstörend und im Kontext der Figur im Film auch nachvollziehbar.
Auch scheint er nicht wirklich eine Veränderung des Systems anzustreben. Er scheint eher zu sagen, er dreht den Spieß um. Er ist jetzt oben und wird seine Macht ausnutzen, wie die die er verdrängt. Auch dann auf staatlicher Ebene - er macht ja auch den Konflikt auf zwischen dem Westen und eben primär Indien und China.
Obwohl er ja dann seine "Angestellten" scheinbar besser behandelt und so weiter - das geht ja aber nicht wirklich weit. Das gibts ja schon. Am kapitalistischen System und Machtgefälle ändert sich ja nicht viel. Bekommt er ja auch zu spüren, als er von den Chinesen ignoriert wird. Ich hatte erst gedacht, dass er vielleicht, oben angekommen, das System von innen verändern will, aber er wechselt ja eigentlich nur die Seiten.

Insofern denke ich - aber das ist vielleicht nur ein Formulierungsproblem - dass die Themen des Films und die Darstellung nicht gleich die Aussage des Films ist. Ich denke, die Aussage des Films zielt auf die Lösung/Lücke im System ab:
Wie schaffen wir es Möglichkeiten zu schaffen, diesen Zustand zu verändern, OHNE auf Gewalt zurückzugreifen.
Hier hatte ich ein bisschen ein Problem, weil der Film suggeriert, dass es so weitergehen wird. Er prangert an und warnt, was auch schon viel ist. Einen Lösungsvorschlag hat er aber nicht wirklich. Vielleicht war mir das aber auch nur zu niederschmetternd...

Auf jeden Fall steckt viel drin. Guter Film!!

Den Vergleich zu Nightcrawler kann ich gerade nicht nachvollziehen. Da liegt der Themenschwerpunkt doch woanders?
Und homoerotische Untertöne habe ich auch nicht wahrgenommen, wäre auch für das Thema nicht wirklich relevant?

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MobyDick : : Moviejones-Fan
11.02.2021 12:44 Uhr | Editiert am 11.02.2021 - 12:56 Uhr
0
Dabei seit: 29.10.13 | Posts: 5.968 | Reviews: 141 | Hüte: 442

luhp92

Ich denke, dein Vorschlag setzt voraus, dass die französische Revolution von Erfolg geprägt war, was sie aber bei leibe nicht war, nach dem Wiener Kongress wurde ja alles wieder auf Null gesetzt, die Bewegungen 1848 in Deutschland beispielsweise wurden auch niedergeschlagen. Erst das nächste Jahrhundert änderte sich was an der ganzen Situation, weil die Veränderung von oben herbei geführt werden konnte, auch deshalbd weil die ganzen Thronfolger und Herrscher irgendwelche weltfremden Mimosen waren. Man denke nur an den russischen Zaren, den osmanischen Herrscher, die europäischen Adelshäuser.

ich denke, das englische Parlament und die Industrialisierung an sich hat mehr zu der heutigen Gesellschaft geführt als die französische Revolution welches in ein Terrorregime überleitete (daher ja auch der heutige Begriff Terror)...

Und damit so etwas funktionieren kann, braucht man sowas wie Aufklärung und Bildung, etwas was in diesen Ländern ja (bewusst ?) zurück gehalten wird, bzw. wenn mal einer an der Macht ist, plötzlich revidiert und zurück gefahren wird. Edit: Und selbst dann hast du noch gebildete aufgeklärte Arschlöcher

... auch hier der disclaimer: mein Geschichtsunterricht liegt ein paar Jahre zurück, verzeiht also bitte die historische evtl Inakuratesse wink

Dünyayi Kurtaran Adam
MJ-Pat
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luhp92 : : BOTman Begins
10.02.2021 20:06 Uhr | Editiert am 10.02.2021 - 20:09 Uhr
0
Dabei seit: 16.11.11 | Posts: 13.841 | Reviews: 153 | Hüte: 493

Yess. Gestern gesehen und ich wüsste jetzt nicht, was ich noch ergänzen sollte. Ich kann mich deinen Worten nur anschließen. Selbst solche Kleinigkeiten wie die aufblitzende Homoerotik (die Szene, in der Balram und Ashok zusammen singen), die eventuell noch hätte verdeutlicht werden können, habe ich sehr ähnlich empfunden.

Auch ich habe mich gerade beim Lesen gefragt, auf welchem Weg man das feudal- und sklavenartige Kastensystem sowie die Niedrigstellung der Frau abschaffen könnte. Es bräuchte evetuell wohl echt eine Art bürgerrechtliche und egalitäre Revolution wie in Frankreich Ende des 18. Jahrhunderts, nur frage ich mich, ob Indien über ein so starkes Bürgertum verfügt, welches eine solche Revolution antreiben könnte. Und wenn schon nichts Revolutionsartiges, dann zumindest eine sozialdemokratische Partei, die dann auch wirklich dem Namen nach handelt. Und der Staat müsste - wie auch in den westlichen Staaten geschehen - die ganzen Familienbande aufsprengen. Im Film sieht man ja sehr gut, welchen rückständigen, negativen Einfluss die Familien haben, sowohl in der oberen als auch der unteren Kaste.

P.S.: Bezeichnend für das Jahr 2021 und die aktuelle Situation, dass ich erst am 9. Februar den ersten Spielfilm des aktuellen Jahres gesehen habe.

- "Sie sind ein Erpresser und ein Bandit, Mr. Shatterhand."
- "Willkommen in Amerika!"

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MobyDick : : Moviejones-Fan
08.02.2021 11:18 Uhr
0
Dabei seit: 29.10.13 | Posts: 5.968 | Reviews: 141 | Hüte: 442

Ganz starkes Stück Kino, das unter normalen Umständen für eine Menge Preise im engsten Rennen sein sollte

Dünyayi Kurtaran Adam
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