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Halloween - Die Nacht des Grauens

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One good scare

Halloween - Die Nacht des Grauens Kritik

Halloween - Die Nacht des Grauens Kritik
7 Kommentare - 31.10.2022 von Silencio
In dieser Userkritik verrät euch Silencio, wie gut "Halloween - Die Nacht des Grauens" ist.

Bewertung: 5 / 5

Seit nunmehr 44 Jahren schlachtet sich der maskierte Michael Myers mal mehr, mal weniger gut über die Leinwände. Nachdem David Gordon Green das Franchise dieses Jahr dann endgültig zu Grabe getragen hat (na, wer es glaubt...), lohnt sich vielleicht ein Blick zurück auf das Original.

15 Jahre nachdem der damals sechsjährige Michael seine Schwester umgebracht hat, sollen sein Psychiater Doctor Loomis und eine Krankenschwester den gestörten Mörder zu seinem Prozess überführen. (Jepp, genau SO funktionieren Gefangenentransporte...) Doch so einfach läuft das nicht, denn Michael entkommt und macht sich zurück zu seiner Heimat Haddonfield. Dort kreuzt sein Weg sich schon bald mit der Schülerin Laurie, auf die er eine ungesunde Fixierung (gelinde ausgedrückt) entwickelt. Während Doctor Loomis versucht, seinen irren Patienten einzufangen, macht dieser sich an die Arbeit, um Lauries Freundeskreis nachzustellen und Stück für Stück auszudünnen. Doch die aufmerksame Laurie will nicht so leicht zum Spielball werden und stellt sich dem nahezu unaufhaltsamen Michael entgegen.

Über die Jahre ist der Ruf von „Halloween“ von unzähligen Nachzüglern mit mehr als fragwürdiger Qualität ein bisschen angekratzt worden. Als prototypischer Slasher muss John Carpenters Film gradestehen für minderwertige, aber oftmals spaßige, Filme, die weder seine formale, noch seine inhaltliche Klasse erreichen. Für ein lächerlich kleines Budget gedreht, hat „Halloween“ nämlich bewiesen, dass es nicht viel braucht, um die Kassen ganz ordentlich klingeln zu lassen. Bis das „Blair Witch Project“ ihn vom Thron gestossen hat, war „Halloween“ mehr als zwanzig Jahre die profitabelste Indieproduktion der Welt. In der Folge haben findige Produzenten dann auch so wirklich jeden Feiertag ausgegraben, um irgendeinen maskierten Irren mit dem Schlachtermesser durch eine Gruppe Jugendliche zu treiben. Klar, Erfolg und Qualität korrelieren allenfalls, aber mit „Halloween“ hat es dann doch ausnahmsweise einen Film getroffen, der sich die Lorbeeren redlich verdient.

Mit „Assault – Anschlag bei Nacht“ sollte sich für Regisseur John Carpenter ein gewisses Muster einstellen: am heimischen amerikanischen Markt war ihm meist nur ein relativer Erfolg beschert, während seine Filme im europäischen Raum bei den Zuschauern recht beliebt waren (was er selbst einmal mit „The americans call me pornographer, the french call me auteur“ kommentiert hat). Wegen des Übersee-Erfolges von „Assault“ trat dann auch der Produzent Moustapha Akkad an Carpenter und seine Produzentin/Lebensgefährtin Debra Hill, damit die für ihn einen kleinen Exploiter unter dem Titel „The Babysitter Murders“ drehen. Mit einem Auge gen Hitchcock, einem gen Italien (Bava und Argento) und dem dritten (wir sind coole Okkultisten, Klappe zu) in Richtung Kanada („Black Christmas“) schielend machte man sich sodann an die Arbeit, um Horrorfilmgeschichte zu schreiben.

Bereits in der ersten Sequenz, einer mehrere Minuten andauernden Plansequenz, die den Mord an Michaels Schwester zeigt, wird man Zeuge der souveränen Kameraarbeit des späteren Spielberg-Kollaborateurs Dean Cundey. Es ist dann auch diese Sequenz, die den Erzählmodus des klarmacht: „Halloween“ funktioniert vor allem durch das geschickte Perspektivenspiel. Wir schleichen uns in Egoperspektive an ein Haus, beobachten ein Pärchen, verschaffen uns Zutritt in das Haus...und den Rest kann sich jeder wohl selbst ausmalen. Als dem Mörder dann die Maske abgezogen wird, wechselt die Perspektive, in einer Kraneinstellung wird uns enthüllt, dass es der sechsjährige Michael war, der seine Schwester umgebracht hat. Einen Moment verweilt die Kamera in ihrer erhöhten, objektivierten Stellung, das Geschehene wird zu einem Schlag in den Magen, wir müssen uns mit den Implikationen des gerade Gesehenen auseinandersetzen. Harter Cut zu den Credits, Carpenters treibender Synthscore... und die Geschichte beginnt erst wirklich.

Wir wechseln zu Doctor Loomis, der Ahab zu Michaels Wal, Van Helsing zu seinem Dracula, Elmer Fudd zu seinem... okay, Vergleich ein bisschen überspannt, aber ihr versteht schon, worauf ich hinaus will. Als Michaels Psychotherapeut ist Loomis der einzige, der erkannt hat, dass Michael kein Mensch ist, konsequenterweise nennt er ihn auch anfangs nur „it“ - die Freudsche Dimension des Begriffs ist von den Filmemacher natürlich vollkommen intendiert. Michael ist ein rein von seinem Es getriebenes Wesen, vorsprachlich und unausdrückbar, das „Ding“ (Carpenter stößt uns drauf, indem er das Hawk-produzierte „Ding aus einer anderen Welt“ im Fernsehen laufen lässt), für das wir keinen Namen haben, weil es außerhalb unserer symbolischen Ordnung liegt. Der Schrecken in „Halloween“ liegt dann auch darin begründet, dass so ein „Ding“ in uns allen schlummert, dem wir Einhalt gebieten, aber auch irgendwie Ausdruck verleihen müssen und das mit Gewalt ausbricht, wenn wir es verdrängen sollten.

Und wie wir diesem Ding vielleicht Herr werden können, das zeigen uns Bob und Lynda, die sich dem schnöden Genuss hingeben. Doch diesen Genuss kann Michael nicht zulassen, da er ihm aufgrund seiner psychosexuellen Verwirrung selbst verwehrt bleibt. Interessant an dieser Sequenz ist dann vor allem, dass Michael wie schon bei dem Mord an seiner Schwester in die Rolle des Freundes schlüpft (wir erinnern uns, die Maske, die er in der Eröffnungssequenz anzieht, trägt kurz vorher noch der Freund seiner Schwester). Gerade an solchen Stellen zeigt sich die Qualtität von Carpenters reduzierter Erzählung, die Motive sind da, auf einem unterbewussten Level nehmen wir sie auch wahr, aber weil sie nie ausgesprochen werden, können sie sich festhaken und den Grusel entstehen lassen.

Michaels Gegenspielerin ist dann auch ganz passend die pflichtbewusste, aber (oder: genau deswegen) etwas verklemmte Laurie, die sich im Niemandsland zwischen Prä- und Postpubertät aufhält („Not a girl, not yet a woman“ sang Comrade Britney mal...) und die Objekt von Michaels Obsession wird. Laurie hat bereits einen Job, bekommt die Sache mit dem Daten aber nicht so ganz hin. Als Annie ihr sagt, sie könne die Jungs auch selbst ansprechen, reagiert Laurie etwas peinlich berührt: auch sie kann derzeit das Ding nur unterdrücken, ihm aber kein Ventil verschaffen. Und so verkompliziert sich dann auch, wie das Ende des Films gelesen werden muss. Kontemporäre Kritiker haben dem Film vorgeworden, er würde eine reaktionäre Sexualmoral predigen, weil die jungfräuliche Heldin das Monster aus der Welt schaffe, während ihre promiskuitiven Freundinnen sterben, verkennen dabei aber, dass Laurie nicht gewinnt, weil sie am besten vorbereitet ist, sondern weil sie verklemmt genug ist, um Michael mit den eigenen Mitteln zu schlagen.

Das Ende ist dann auch kein triumphaler Sieg, stattdessen bleibt Ambivalenz: mit der Frage, ob Michael der Bogeyman gewesen sei, fragt Laurie, sie begibt sich damit selbst in eine präpubertäre Position. Wenn die Kamera dann geisterhaft ein letztes Mal über die Schauplätze des Filmes schwebt, müssen wir an jeder Ecke damit rechnen, dass Michael erneut aus dem Dunkel tritt. Denn wir haben ihn nur von uns weggestoßen, aber nicht verbannen können...

Carpenter und seine Kollaborateure erzählen die Geschichte mit einer simplen Klarheit, die ihresgleichen sucht. Charaktere und Situationen werden immer nur so weit ausformuliert, wie es für das Verständnis der Zuschauer notwendig (aber auch ausreichend) ist. Der oben bereits erwähnte Dean Cundey holt aus den begrenzten Mitteln raus, was nur rauszuholen ist, gerade seine Kameraarbeit veredelt Carpenters Drehbuch erheblich. Nur durch ihn können die Straßen im Vorort zu unendlich klaffenden Schluchten zwischen Häusern werden, nur durch ihn lauern in jedem Schatten unaussprechliche Abscheulichkeiten. Gerade seine Arbeit mit dem damals neuen Panaglidesystem, der günstigen Alternative zur Steadicam, verleiht dem Film eine unheimliche Dimension. Losgelöst von Dollys und Schienen kann die Kamera mit dem Kamermann durch die Szenerie gleiten, was hier vor allem zur Verunsicherung der Zuschauer führt: wir wissen häufig nicht, ob wir uns gerade wieder in einer POV-Einstellung Michaels befinden, oder ob es sich um eine objektivierte Einstellung handelt. Aber auch das Produktionsdesign ist für das schmale Budget angemessen durchdacht. Mein liebstes Detail beim diesjährigen Durchlauf des Films ist wohl in Lauries Zimmer zu finden: es dürfte wohl wenig passendere Motive für den Zwischenbereich zwischen Kindheit und Erwachsenenalter geben, als die Raggedy Ann-Puppe unter einem Künstlerposter (James Ensor, der gerne Menschen in Masken gemalt hat...). Und der Score... über den ist schon mehr digitale Tinte vergossen worden, als ich zählen könnte, deswegen kürze ich das hier mal ab: der ist sehr gut. Da, kontroverse Meinung, meinem Ruf als Contrarian wieder gerecht geworden.

„Halloween“ ist ein selten angetasteter Klassiker, der auch heute noch zu gefallen weiß. Gerade seine handwerkliche Souveränität gepaart mit seinem flotten Skript lässt ihn weiterhin haushoch über den meisten anderen Genrevertretern stehen. Wartet heute Abend bis zum Sonnenuntergang, macht euch eine große Popcorn und lasst euch mal wieder richtig von den Abgründen der menschlichen Seele erschrecken. Denn wie Sherriff Bracket schon wusste: „It`s Halloween, everyone is entitled to one good scare.“

Halloween - Die Nacht des Grauens Bewertung
Bewertung des Films
1010

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7 Kommentare
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Silencio : : Moviejones-Fan
06.11.2022 20:36 Uhr
0
Dabei seit: 17.08.17 | Posts: 2.161 | Reviews: 53 | Hüte: 246

MB80:

"John Carpenter: Master of Cinema" hies die, Hirnfurz gehabt. Ist bei der alten "Assault"-Doppel-DVD dabei gewesen.

"I am not fucking around here, I believe a well-rounded film lover oughta have something to say about Jean-Luc Godard and Jean-Claude Van Damme."

-Vern

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MB80 : : Cheddar Goblin
06.11.2022 19:32 Uhr
0
Dabei seit: 01.06.18 | Posts: 2.516 | Reviews: 43 | Hüte: 232

Silencio:

"John Carpenter: Prince of Darkness", was war das für ne Doku? Finde ich tatsächlich nirgends.

“...and the stronger the fear of boredom, the louder the music."

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Silencio : : Moviejones-Fan
06.11.2022 14:23 Uhr
0
Dabei seit: 17.08.17 | Posts: 2.161 | Reviews: 53 | Hüte: 246

ZSSnake:

Lustigerweise hatte ich beim letzten Schaurn den gleichen Gedanken. Es passiert SO VIEL in kurzer Zeit, wobei alles relevant ist, da ist nicht eine Sekunde verschwendet. Total auf das wesentliche konzentriert.

"I am not fucking around here, I believe a well-rounded film lover oughta have something to say about Jean-Luc Godard and Jean-Claude Van Damme."

-Vern

MJ-Pat
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ZSSnake : : Expendable
06.11.2022 07:31 Uhr
0
Dabei seit: 17.03.10 | Posts: 8.699 | Reviews: 177 | Hüte: 587

Wunderbar geschrieben und trifft den Nagel durchgehend auf den Kopf. Halloween ist auf so viele Arten immer wieder sehenswert und wandert nicht umsonst jedes Jahr am titelgebenden Feiertag in den Player. Carpenter hat eine Menge großartiger Filme geschaffen, aber Halloween (vermutlich Hand in Hand mit The Thing) thront da ganz weit oben.

Der Film hat diese Energie, die nur ganz wenige Filme auf die Leinwand bringen. Und auch wenn er heute sicher für den einen oder anderen zu langsam und methodisch daherkommen könnte (was bei perfekt ausgenutzten etwa 90 Minuten von mir nie so empfunden wurde), ich kenne kaum einen Film der so gut "fließt" während seiner Laufzeit und sie so effektiv nutzt, um alles zu zeigen, was er erzählen will. No ounce of fat there, so to speak.

"You will give the people of Earth an ideal to strive towards. They will race behind you, they will stumble, they will fall. But in time, they will join you in the sun, Kal. In time, you will help them accomplish wonders." (Jor El, Man of Steel)
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Silencio : : Moviejones-Fan
05.11.2022 18:24 Uhr
0
Dabei seit: 17.08.17 | Posts: 2.161 | Reviews: 53 | Hüte: 246

MB80:

Was Curtis da sagt, passt halt nur bedingt zur Figur (die ja immer peinlich berührt scheint, wenn ihr Dating-Leben thematisiert wird), beantwortet auch nicht die Frage, warum Laurie so aufmerksam ist (sie könnte auch genauso gut paranoid sein, mehrere Szenen spielen mit der Möglichkeit, dass Michael gar nicht tatsächlich da war) und widerspricht auch dem, was die Hill den Kritikern entgegnet (unter anderem in der "John Carpenter: Prince of Darkness"-Doku.)

"I am not fucking around here, I believe a well-rounded film lover oughta have something to say about Jean-Luc Godard and Jean-Claude Van Damme."

-Vern

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MB80 : : Cheddar Goblin
05.11.2022 14:42 Uhr
0
Dabei seit: 01.06.18 | Posts: 2.516 | Reviews: 43 | Hüte: 232

Silencio:

Ziemlich ausführlich und auf den Punkt in meinen Augen, Hut. Nur eine Anmerkung:

"Kontemporäre Kritiker haben dem Film vorgeworden, er würde eine reaktionäre Sexualmoral predigen, weil die jungfräuliche Heldin das Monster aus der Welt schaffe, während ihre promiskuitiven Freundinnen sterben, verkennen dabei aber, dass Laurie nicht gewinnt, weil sie am besten vorbereitet ist, sondern weil sie verklemmt genug ist, um Michael mit den eigenen Mitteln zu schlagen."

Als strebsamer Filmfreund habe ich mir ja auch einmal den Audiokommentar mit Carpenter und Curtis angesehen, und zumindest Curtis lehnt jeden sexuellen Interpretationsansatz hier ab. Sie meinte, ihre Absicht sei immer nur gewesen, dass Laurie die vorsichtigste der Freunde sei und daher überlebt. Das ist natürlich noch nicht mal halb so interessant wie andere Ansätze, aber bei mir blieb seitdem immer die Frage: wieviel von dem, was wir heute in dem Film sehen, war wirklich beabsichtigt?

“...and the stronger the fear of boredom, the louder the music."

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Silencio : : Moviejones-Fan
31.10.2022 11:34 Uhr
3
Dabei seit: 17.08.17 | Posts: 2.161 | Reviews: 53 | Hüte: 246

@Moviejones:

Obwohl ich die Carpenter Version ausgewählt habe, hat sich irgendwie das Postermotiv des Zombie Remakes ins Vorschaubildchen eingeschlichen...

"I am not fucking around here, I believe a well-rounded film lover oughta have something to say about Jean-Luc Godard and Jean-Claude Van Damme."

-Vern

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