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Possessor

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"Irgendwelche Auffälligkeiten?"

Possessor Kritik

Possessor Kritik
4 Kommentare - 20.02.2022 von MB80
In dieser Userkritik verrät euch MB80, wie gut "Possessor" ist.
Possessor

Die Eröffnung des Filmes lässt eigentlich schon erahnen, dass man sich hier irgendwo im „Cronenberg extended family business“ befindet. Eine junge Frau bereitet sich scheinbar auf eine Abendveranstaltung vor, wozu auch gehört sich eine Nadel, die eher einem Klinkenstecker als einer medizinischen Injektionsnadel ähnelt, unter großzügigem Blutvergießen in Nahaufnahme in die Kopfhaut zu stecken. Noch eine leicht verstörende Szene später, die ganz dezent an eine Schauspielerin erinnert, die versucht die Nuancen ihres Charakters zu erforschen, verübt die Frau einen Anschlag, den sie, wie wir später herausfinden, mit fast übertriebener Grausamkeit ausführt. Und eine „Suicide by Cop“ Szene später (bloß nicht den Wind aus den Segeln nehmen…) fällt der wahren Hauptfigur wortwörtlich die Maske vom Gesicht (ich verrate hier übrigens strikt nur Dinge, die in den Trailern schon klar gezeigt werden). Tasya Vos (Andrea Riseborough, Oblivion, Mandy) übernimmt und missbraucht als Attentäterin für eine nicht genauer genannte Firma Menschen als ihre Stellvertreter, und schlüpft wortwörtlich in ihren Kopf. Der nächste Auftrag hat Sean Bean‘s Charakter als Ziel, immer ein gutes Omen, und ist deutlich komplexer und lukrativer als die letzten Jobs. Was kann schon schief gehen?

Dies ist der zweite Film von Brandon Cronenberg, Sohn von David Cronenberg, und genüssliche Verunstaltungen von Körper und Geist waren schon immer ein Markenzeichen des Vaters. Wie in der ersten Sequenz schon klar gemacht, hat der Sohnemann offenbar großen Spaß daran, in seine Fußstapfen zu steigen. Possessor ist ein extrem gut anzusehender, und sehr wortwörtlicher Mindfuck, der sowohl als gute Unterhaltung funktioniert, sich nicht für seine pulp-esque Gewaltdarstellung schämt, und gleichzeitig die ein oder andere flexible Metapher in sich trägt, sodass das eigene Hirn nach der Sichtung schön weiterarbeitet. Also hochgradig invasiv, über seinen eigenen Text hinaus. Endlich mal wieder ein cleverer Horrorfilm…

Von der Inszenierung her ist der Film eigentlich über jede Kritik erhaben, und präsentiert sich als stylischer Alptraum. Es wird relativ schnell klar, dass wir uns weniger in der Zukunft als einer parallelen Realität befinden. Die verwendete Technologie ist für uns vielleicht (zum Glück) Zukunftsmusik, sie wird allerdings von einer eher kruden Technik bedient, deren Schalter am ehesten Erinnerungen an die 80er hervorrufen. Der Film verliert sich schlauerweise auch nicht in sinnlosen techno-bubbles, um sich zu erklären, es geht hier um das Resultat und die Konsequenzen. Mit vielen traumhaften, oft verstörenden Sequenzen wird die Thematik und die Absurdität passend eingefangen, später kommen passend dazu noch unberechenbare Schnitte hinzu, wenn langsam nicht mehr ganz klar ist, wer die Kontrolle noch hat. In einer hervorzuhebenden Sequenz wurden schmelzende Wachspuppen verwendet, um in einer smarten Anordnung die Verschmelzung des Bewusstseins zu inszenieren. Brandon Cronenberg scheint auch einen guten Sinn für das visuelle Sequenzen zu haben, die gleichzeitig gut aussehen und auch einen Sinn transportieren. Untermalt wird dies von einer stimmungsvollen Tonuntermalung, die auch ins verstörende abdriften kann, wenn es verlangt wird.

Thematisch präsentiert sich der Film dabei wie ein Amalgam aus verschiedenen Filmen, aber Crash, eXistenZ, Eastern Promises, Inception, Ghost in the Shell sowie Under the Skin kommen direkt ins Gedächtnis. Man befasst sich mit Identitätsverlust, Existenz, Kontrollverlust, Verlust der Menschlichkeit, einer invasiven Veränderung des Körpers (wieder so ein Ding von Daddy Cronenberg) und der völligen Einbindung der Menschen in die Industrie. Eine gute Dosis Kapitalismuskritik, wenn auch nicht besonders sensibel, wird uns hier serviert. Nicht umsonst übernimmt eine Angestellte einen anderen Angestellten, um ein Attentat in einer Firma zu verüben, in der das Personal im Grunde wie Drohnen ihrer Arbeit nachgehen (in unserer Realität würde man es wohl data mining nennen, und dafür gibt es Programme), und deren CEO nicht zurückhält, seine Verachtung über diese Tätigkeit auszusprechen, auch wenn die betroffene Person zur Familie gehört. Menschen werden zu Werkzeugen, wortwörtlichem „Arbeitsfleisch“, das gesteuert und danach entsorgt wird. Und absolut niemand macht irgendwelche Anstalten, auch nur anzudeuten, es gehe um irgendetwas anderes als Geld.
Ganz besonders hart geht der Film dabei mit der scheinbaren Protagonistin ins Gericht, deren inzwischen schon arg abgestumpften Sensibilitäten schon in der ersten Sequenz angedeutet werden. Und falls die verstörenden Szenen bei ihrer Familie, in denen sie versucht, wieder ein Teil dieser zu werden, noch nicht überzeugt haben, für die Person sollten zwei Szenen am Ende alles klar machen. Generell sollte sich niemand diesen Film ansehen, wenn es ein Verlangen nach sympathischen Charakteren gibt, die sind nämlich Fehlanzeige (mit vielleicht zwei Ausnahmen).

Schauspielerisch gibt es ebenfalls nichts zu meckern, Andrea Riseborough ist sowohl talentiert als auch mit etwas speziell Schrägem gesegnet, was sie schon in Mandy zur idealen Wahl machte. Hier wird sie zum Menschen, die sich scheinbar in anderen Menschen besser zurechtfindet als im eigenen Sozialleben. Jennifer Jason Leigh ist ihre Koordinatorin, und bringt diese kalkulierende Kühle, aus der aber eine latente Bedrohung spricht, mit (siehe Annihilation). Und man sollte nicht Christopher Abbott vergessen, der die unglückliche Rolle des Avatars für Vos einnimmt, und dabei eigentlich zwei Performances abliefern muss.

Für wen sich das nach einer Menge anhört: ja, ist es, und der Film hat auch etwas bipolares, ähnlich zu vielen von David Cronenbergs Filmen ist er erst einmal ein schräger Horrorfilm, der gleichzeitig eine intellektuelle Schiene fährt. Und wenn ich von „flexibler Metapher“ spreche, dann deute ich auch durchaus darauf hin, dass hier nicht alles perfekt ausformuliert ist. Die letzte Szene, oben angedeutet, landet aber. Für manche ist die Furcht vor dem Identitätsverlust vielleicht größer, als seine Identität zu akzeptieren.

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4 Kommentare
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MisfitsFilms : : Marki Mork
23.02.2022 17:40 Uhr
0
Dabei seit: 09.07.13 | Posts: 4.068 | Reviews: 0 | Hüte: 118

Danke für die Review. Die Unrated liegt hier bei mir rum und aktuell hat es mich noch nicht nach einem langen Arbeitstag oder am Wochenende zum Film gezogen, auch wenn ich sehr interessiert bin als Fan der alten Daddy Cronenberg Filme.

Jetzt bin ich wieder etwas angefixxter smile

MJ-Pat
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MB80 : : Cheddar Goblin
21.02.2022 08:29 Uhr
0
Dabei seit: 01.06.18 | Posts: 2.299 | Reviews: 41 | Hüte: 213

eli4s:

Danke fürs Lesen und Hut, bin mal auf deine Sicht gespannt. Ich habe den auch auf Amazon gesehen, einziger Nachteil ist es gibt den nicht OV. Die deutsche Synchro war aber solide soweit ich das bewerten kann...

“...and the stronger the fear of boredom, the louder the music."

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eli4s : : Moviejones-Fan
20.02.2022 22:10 Uhr
0
Dabei seit: 22.02.12 | Posts: 2.614 | Reviews: 31 | Hüte: 107

Liest sich sehr gut. Der Film steht auf meiner Liste, war aber bisher bei Amazon nicht zum Leihen verfügbar.

Werde ich auf jeden Fall baldmöglichst einschieben.

MJ-Pat
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MB80 : : Cheddar Goblin
20.02.2022 20:43 Uhr | Editiert am 20.02.2022 - 20:45 Uhr
1
Dabei seit: 01.06.18 | Posts: 2.299 | Reviews: 41 | Hüte: 213

Wieder so ein Film, den ich eigentlich allen empfehle, außer du brauchst...

a) sympathische Heldin/Held, und dazu einen Sonnenuntergang

b) einen Filmtipp für die Großeltern

Bild

“...and the stronger the fear of boredom, the louder the music."

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