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Tausend Zeilen

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Tausend Zeilen Kritik

Tausend Zeilen Kritik

Tausend Zeilen Kritik
0 Kommentare - 08.10.2022 von ProfessorX
In dieser Userkritik verrät euch ProfessorX, wie gut "Tausend Zeilen" ist.
Tausend Zeilen

Bewertung: 3.5 / 5

Der Starreporter des Die Chronik Lars Bogenius (Jonas Nay) begeistert mit seinen detaillierten und emotionalen Reportagen die Massen. Das merken auch seine Chefs Rainer M. Habicht (Michael Maertens) und Christian Eichner (Jörg Hartmann). Unterdessen findet der freie Journalist Juan Romero (Elyas MBarek) Ungereimtheiten in den Texten von Bogenius und stellt Nachforschungen auf eigene Faust an. Zunehmend gerät Romero dabei unter Druck durch das Unternehmen.

Wenn man Komödien kann, dann kann man alles. So oder so ähnlich geht ein Kredo im dramatischen Segment. Bully Herbig ist ein beeindruckender Filmemacher ohne Zweifel. Über die Jahre zeichneten sich seine Filme dadurch aus, daß sie vor allem rein optisch immer sehr opulent wirkten, ein gutes Gespür für Timing hatten und sich stetig weiter entwickelten. Natürlich könnte man hier und da auch die Debatte aufstoßen, daß der Humor, den Filme wie Der Schuh des Manitu (2001) oder (T)Raumschiff Surprise – Periode 1 (2004) an den Tag legen, jetzt nicht unbedingt so zeitgemäß wären. Doch Kunst darf alles und Kunst muss nichts, insofern ist diese Debatte auch schon erledigt. So oder so kommt Herbig aber aus einem Bereich der Überspitzung und es deutete sich ja mit seiner Liebeskomödie Buddy (2013) bereits an, daß er auch, wenn es um echte Emotionen geht, manchmal über das Maß des erträglichen hinausschießt. Im Falle von Tausend Zeilen legt der Regisseur dabei eine Tonalität an den Tag, die gerade im Bereich der Familie hin und wieder schwer zu ertragen ist. Völlig entgeisterte Kinder, die immer wieder fragen, wo Papa und steckt und so tun, als hätten sie das Wort „Scheiße“ noch nie gehört. Man kann es auch übertreiben und wer jedwede Polemik aus dem Haushalt entfernt, der kann eigentlich nur der amerikanischen Zensur frönen und schlicht und ergreifend kein Mensch mehr sein. Natürlich ist das ein Symptom für die Problematik im Film. Denn einerseits versucht Herbig hier händeringend den guten, alten Journalismus zu retten, will aber gleichzeitig eine Emotionalisierung schaffen, die an Manipulation grenzt. Der schmale Grat, auf dem er wandert, wenn er von Sachlichkeit und Emotionen spricht, gelingt also nur selten.

Trailer zu Tausend Zeilen

Das ist aber teilweise nicht nur den Werten, die vermittelt werden, anzukreiden, sondern auch ein wenig dem Hauptdarsteller Elyas MBarek. Denn MBarek ist ebenso ein zweischneidiges Schwert. Zu seinen Talenten zählt definitiv sein Charisma. Durch nichts anderes neben dieser Banalität von Optik wurde der Österreicher schließlich in Deutschland bekannt. Und genau deshalb wurde er vermutlich auch des Juan Romero gecastet. Und vielleicht auch, weil Deutschland jetzt nicht unbedingt in diesen Kreisen so divers aufgestellt ist. Für MBarek gilt, daß er eine herzensgute Figur darstellen soll, die aber gerade, wenn es um die ganzen Schicksalsschläge geht, die auf sie hereinprasseln, eher etwas steif wirkt. Das ist sicherlich keine Katastrophe, weil MBarek eben charismatisch bleibt und seine Figur eben auch das pure Gute darstellt. Aber richtige Komplexität und Spannung kommt dadurch sicherlich nicht auf. Wer nun nach großartigem Schauspiel sucht, der wird dies eher in Form eher von Jonas Nay erwarten können. Tausend Zeilen versteht das reale Vorbild Claas Relotius als notorischen Lügner, der sich eigentlich kaum darum schert, ob seine Geschichten besonders gut sind oder gut wegkommen. Es hat was unglaublich psychologisierendes, wenn Nay seine Figur aufspielt. Man bekommt dabei erstmals das Gefühl einer völligen Überspitzung beizuwohnen und Nay sorgt indes auch dafür, daß man große Freude an dem Spiel hat, weil man als Zuschauer natürlich die Wahrheit kennt. Im Zuge der Fake-News-Debatte wird der Film dabei zudem recht frech, weil er dem Zuschauer und allen anderen Menschen in gewissen Maßen auch vorhält, daß diese sich nach einer utopischen Welt, in der es nicht zu denken gilt, sehnen. Dieser Ansatz ist indes sehr gewagt und es gelingt dem Film dabei auch seinen Schlag in die Magengrube auszuführen. Subtil geht dabei sicherlich anders. Doch man spricht hier eben von einer Satire.

Und genau darin liegt eben die größte Stärke des Films. Gerade wenn es etwa darum geht, die großen Reportagen von Bogenius in ihren Details zu analysieren und zu zeigen, welch narratives Können dahintersteckt, kann Herbig inszenatorisch mit sehr guten Kniffen aufwarten, indem er den Zuschauer mit Lüge und Wahrheit konfrontiert. Ohnehin gelingen dem Regisseur hier großartige Szenenübergänge und eine allgemein sehr straffe Inszenierung. Die Sehnsucht nach der Lüge ist etwas, was ja vor allem das rechte Milieu bedient und seiner Gefolgschaft damit eine Welt baut, die sie einerseits serviert bekommen und andererseits aber auch dringend haben wollen. Die Fähigkeit zum eigenständigen Denken wird hier auf den Prüfstand gestellt, weil der Film klarmachen will, daß man gewisse Lügen auch einfach glauben will. Natürlich steht die Redaktion des Spiegels dann natürlich nur sinnbildlich für den Zeitgeist, weil zum einen Profit geschlagen werden soll und zum anderen da auch selbst bei der vierten Gewalt ein großes Desinteresse oder apathisches Gegenübertreten der Fakten steckt. Man möchte es nicht wissen. Und das ist eine sehr ehrliche Aussage, weil man als Mensch nicht immer dazu neigt, auch mit der Wahrheit konfrontiert werden zu wollen. Die großen Vorbilder für Herbigs Film sind dabei ganz klar die Adam McKay-Satiren The Big Short (2015) und Vice – Der zweite Mann (2018). Dabei kommt es seinem Film auch zugute, daß Herbig selbst seine Wurzeln auch in der Komödie hat und so ist dieser Film mit einem relativ guten Wortwitz gespickt, der das gesamte Werk auflockert. Wenngleich der Film auch insgesamt durch die Fokussierung auf die Fiktion und einzelne Detaillierung dieser sehr leicht verdaulich wirkt.

Nun könnte man sich sicherlich daran stören, daß der Film seinen Fokus auf eine einzelne Täterschaft legt und alle drumherum beteiligten Personen eher wie Idioten oder sich selbst belügende Personen wirken. Doch genau das ist gar kein Fehler, sondern ebenfalls relativ clever. Denn gerade, weil der Film sich auf ein recht kleines Problem fokussiert, gelingt es dem Werk darüber hinaus auch die Systemik hinter diesem in den Fokus zu rücken. Unweigerlich wird der Zuschauer also vor die Frage gestellt, ob es nicht ein größeres Problem gibt. Und dann greift auch schon wieder die Satire, weil die Personen, die hier etwas verantworten, durchaus auch sinnbildlich für den Zuschauer stehen können. Man will die Lüge glauben, auch das ist etwas sehr Psychologisches und wenn man dann vor die Wahrheit gestellt wird, muss man ganz klar Opfer bringen. Unterdessen spielt der Film vor allem mit Welten. Und zwar in dem Sinne, daß er dabei immer wieder einen starken Farbwechsel vornimmt und gleichzeitig wieder in die eigentliche Realität wandert. Der Film lässt dabei keine Müdigkeit aufkommen und zeigt eine gewisse Bandbreite an Ortschaften, die aufzeigen sollen, daß dieses Lügengebilde um Bogenius ihn einerseits zu einem vermeintlichen Alleskönner machte, aber seine Lügen auf der anderen Seite nicht mal besonders gut durchdacht waren.

Vieles in Tausend Zeilen hängt klar davon ab, wie man sich einen solchen Film vorgestellt hat. Herbig schafft es nicht an die großen Kino-Satiren heranzureichen, weil er dafür viel zu viel Fokus auf das Privatleben seiner Hauptfigur richtet. Clever ist jedoch, daß er im Sinne einer Überspitzung nicht versucht, Bogenius über alle Maßen zu psychologisieren und auch im Sinne des Fakenews-Zeitgeistes relativ spannende Aussagen zur vierten Gewalt und deren Konsumenten trifft. Etwas blass bleibt zwar MBarek und seine Figur ist außerhalb des Heldentums eigentlich nicht viel mehr, doch umso interessanter ist dieser Bogenius und sein Treiben. Dazu gesellt sich eine sehr raffinierte Inszenierung durch Herbig, die wie ein Schlag in die Magengrube wirkt.

Tausend Zeilen Bewertung
Bewertung des Films
710

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