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Vortex

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Der Traum vom Kino: Gaspar Noés "Vortex"

Vortex Kritik

Vortex Kritik
2 Kommentare - 18.07.2023 von Entenverlag
In dieser Userkritik verrät euch Entenverlag, wie gut "Vortex" ist.
Vortex

Bewertung: 4 / 5

Gaspar Noé wird alt, Gaspar Noé wird zahm. So zumindest der erste Eindruck, wenn man sich "Vortex" ansieht. Keine Skandale mehr, kein Sex, keine Gewalt. Doch liest man zwischen den Zeilen, zeigt sich schnell, dass Noés neuestes Werk keinen Funken früherer Vielschichtigkeit verloren hat. Dass er das Medium Film noch immer weiterzudenken weiß, dass er vom Kino träumt wie kaum ein anderer Regisseur.

Und das ist wörtlich gemeint: "Ich glaube [...], dass Kino als Kinosaal die angemessenste, die wichtigste Umgebung bietet, um unsere Träume offenzulegen, unsere Träume zu erzählen, weil es im Kino dunkel ist. Man hat keinen Kontakt. Als würde man in seinem Bett liegen und schlafen und träumen", sinniert die Hauptfigur des Filmes - ein in die Jahre gekommener Filmkritiker, gespielt von dem berühmten Regisseur Dario Argento, der vor seinem Tod um jeden Preis ein Buch über das Kino schreiben möchte. Und doch fürchtet er ständig, nicht fertig zu werden: Wieder und wieder blättert er durch alte Fotoalben, liest alte Artikel, schaut alte Filme. Ein Sinnbild des Alterns, sich an die Vergangenheit zu klammern, wenn sie unaufhaltsam davonrennt. "Traum in einem Traum", nennt dies der Film, und errichtet so seine ganz eigene Metaebene, wenn Argento, in einem Film, auch tatsächlich vom Kino träumt.
Doch Träume können schmerzen, Träume können platzen. Es ist die Krankheit seiner Frau, die seine Wünsche begräbt. Im verwirrten Zustand zerreißt sie sein Buch - "dieses Haus ist für mich zum Albtraum geworden", beklagt er daraufhin. Denn sie hat Demenz. Anders als er, der die gemeinsame Wohnung auch nach diesem Eingeständnis nicht verlassen will, ist sie dem Vergessen verdammt. Sie läuft durch die Zimmer und deckt vergangene Familienbilder zu - der symbolische Gegensatz zu Argento, transportiert über Noés vielschichtige Filmsprache.

Mittels Split-Screen-Technik, welche zwei verschiedene Aufnahmen parallel im selben Bild zeigt, setzt "Vortex" diese beiden Perspektiven einander entgegen. Es beginnt mit einem einzelnen Shot auf die glückliche Zeit des Ehepaares, zwischen den sich kurz darauf ein schwarzer Balken schiebt. Die Zeit trennt die beiden, nicht nur narrativ, sondern auch bildlich. Zwei Personen, zwei Kameras. Wieder und wieder spielt Noé die beiden Blickwinkel gegeneinander aus, wenn die Figuren die Aufnahme wechseln oder gar ganz verlassen. Hat die Frau ihren Mann vergessen, ist sie in "seinem" Bild zu sehen, er aber nicht in ihrem. Zeigt ihr Sohn Bilder von Familienangehörigen, derer sie sich nicht erinnert, drücken die gewählten Kamerawinkel die Charaktere auseinander, obwohl sie rein räumlich direkt beisammen sitzen. Und vertreten Figuren konträre Positionen, formulieren beide Shots ein zusammenhängendes Bild, das an seiner schwarzen Achse getrennt und gegenübergestellt ist. Entsprechend sitzen unentschlossene Personen dazwischen, zerrissen zwischen zwei Bildern.
So spielt "Vortex" mit der Wahrnehmung seiner Zuschauenden, mit der Überforderung, zwei Shots gleichzeitig betrachten zu müssen. Fokussiert man den einen Screen, verpasst man etwas im anderen, achtet man auf beide, wird die eigene Betrachtung unscharf. Ganz gezielt generiert Noé damit sowohl ein Gefühl für die Demenzerkrankung an sich als auch für die Schwierigkeit, sich um Betroffene zu kümmern. Denn wer auf sein Leben schaut, kann das Benachbarte nie vollständig erfassen - und umgekehrt.
Ja, der Regisseur vermag es sogar, der Bildkomposition an sich cleveren Subtext zu entlocken. Gleiche Raumaufteilung paralleler Shots, gleiche Körperhaltung gezeigter Personen. Eine schmerzhaft sterbend, die andere seelenruhig schlafend. Grausamer Kontrast verpackt in ausgeklügelte Ästhetik. Geschieht das Unvermeidliche, verblasst die zugehörige Aufnahme und das halbe Bild bleibt schwarz. Eben weil die verbleibende Perspektive nun allein ist und der Verstorbene viel Leere zurücklässt. Da braucht es keinen Soundtrack, die Geräusche einer alten Wohnung sind Kulisse genug. Da braucht es keine Verklärung, ein nüchterner Blick auf den Tod ist wirkungsvoll genug.

Kein Trost, keine Lügen - eine ehrliche Verfilmung der Vergänglichkeit des Lebens. Schließlich bedeutet das Wort "Vortex" übersetzt "Kreislauf". Ein Titel, der sich ebenso auf den visuellen Zirkelschluss bezieht, welchen der Film formuliert.

8,5 von 10 Enten.

Vortex Bewertung
Bewertung des Films
810

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2 Kommentare
MJ-Pat
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luhp92 : : BOTman Begins
18.07.2023 20:11 Uhr
0
Dabei seit: 16.11.11 | Posts: 18.730 | Reviews: 187 | Hüte: 688

Gerne doch smile

"Dit is einfach kleinlich, weeste? Kleinjeld macht kleinlich, Alter. Dieset Rechnen und Feilschen und Anjebote lesen, Flaschenpfand, weeste? Dit schlägt dir einfach auf de Seele."

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Entenverlag : : Moviejones-Fan
18.07.2023 18:47 Uhr | Editiert am 18.07.2023 - 18:50 Uhr
0
Dabei seit: 20.02.23 | Posts: 139 | Reviews: 30 | Hüte: 22

Diese Analyse ist zum Teil unter der Beihilfe des lieben @luhp92 entstanden - vielen Dank dafür noch einmal. c:

"Je poetischer, je wahrer."
~Novalis

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