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Dunkirk

Memento Ryan

Dunkirk Kritik

117 Kommentar(e) - 19.07.2017 von Moviejones
Filmkritik

Dunkirk Bewertung: 3.5/5

Christopher Nolan scheitert bei dem Versuch, einen wahren Kriegsfilm zu inszenieren, denn Dunkirk holt den Zuschauer weder ab noch bewegt er richtig. Als Actionfilm auf künstlerischer Ebene wird dem Besucher aber ein 100 Minuten dauernder Ritt geboten, der von einem Höhepunkt zum nächsten hetzt. Charaktertiefe, eine nennenswerte Story oder Hintergrundwissen werden aber nicht vermittelt, zu sehr steht der künstlerische Anspruch im Vordergrund, etwas anders machen zu wollen, und damit scheitert auch das Vermögen, den Zuschauer emotional zu binden. Dies macht Dunkirk wohl zum teuersten, aber auch einem der sehenswertesten Experimentalfilme aller Zeiten auf der großen Kinoleinwand.

Dunkirk Kritik

Dünkirchen 1940. Die deutsche Wehrmacht ist auf dem Vormarsch und knapp 340.000 britische und französische Soldaten sind am französischen Strand eingekesselt. Während das Militär die Evakuierung plant, tobt ein Kampf zu Land, zu Wasser und in der Luft. In diesem Chaos versuchen Soldaten wie Tommy (Fionn Whitehead), am Strand zu überleben und Piloten wie Farrier (Tom Hardy), Bodentruppen und Rettungsboote zu beschützen. Doch es sind Zivilisten wie Mr. Dawson (Mark Rylance), die in diesem Kampf die entscheidende Wendung bringen und zu einer der größten Rettungsaktionen in der Geschichte aufbrechen.

Christopher Nolan kann auf eine faszinierende Filmographie zurückblicken und eines muss man sagen, wenn er sich einem Projekt widmet, dann will er keinen gewöhnlichen Film drehen, sondern etwas anders machen. So auch bei Dunkirk, wo er die Ereignisse der Operation "Dynamo" als Basis nimmt und auf seine Weise versucht nachzuerzählen.

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Dunkirk glänzt dabei in vielen Momenten und vor allem akustisch und visuell wird viel geboten. Das aus den Trailern bekannte Ticken der Uhr ist bezeichnend für den Film, der von Anfang bis Ende versucht, das Tempo zu halten. Erzählerisch versucht sich Nolan an einem Kniff, den es so in der Form im Kino noch nicht gegeben hat: Er verbindet drei Erzählstränge, die eine unterschiedliche Dauer haben und zu verschiedenen Zeitpunkten stattfinden. Hier werden Erinnerungen an seine Anfänge mit Memento wach. Dadurch kann Nolan das Tempo hoch halten und immer eine actiongeladene Szene an die nächste reihen. Der Nachteil dabei, Zuschauer, die die sehr dezenten Hinweise zu Beginn nicht mitbekommen oder falsch interpretieren, werden erst einmal verwirrt die zeitlichen Abläufe und die innere Logik des Films hinterfragen. Währenddessen werden pausenlos weitere Eindrücke und wechselnde Schauplätze zu brachial hämmernden Beats und dem Ticken der Uhr abgeschossen.

Zusammengehalten wird diese Erzählstruktur von einer Darstellerriege, die sich sehen lassen kann. Mark Rylance, Cillian Murphy, Tom Hardy und Kenneth Branagh - die für Dunkirk ungewohnt wenig Text auswendig lernen mussten. Hier kommt es vor allem auf die Leinwandpräsenz an, denn auf Dialoge wird weitgehend verzichtet, Nolan will die Bilder für sich sprechen lassen und optisch tun sie das auch. Dennoch fehlt einiges zu einem Meisterwerk.

So brillant an vielen Stellen die Optik und Akustik ausfallen, so interessant die Ideen bei der Umsetzung scheinen, so gut die Darsteller ihre Rollen auch füllen, es sollte dem Zuschauer mehr als ein Experimentalfilm hinter der Fassade geboten werden. Die Faszination wird aus der Aneinanderreihung der Szenen gezogen, deren Anordnung manchmal willkürlich erscheint und die sich mitunter immer wieder gegenseitig der Spannung berauben. So viele Stellen es aber auch gibt, bei denen es sich lohnt, genauer hinzuschauen, so wenig lohnt es sich, über die Szenen nachzudenken, denn inhaltlich wird wenig geboten. Weder wird der Zuschauer geschichtlich aufgefangen noch wird eine wie auch immer geartete Story geboten, die über eine willkürliche Momentaufnahme hinausgeht. Die Hinführung zur Operation "Dynamo" und deren Bedeutung gehen im Film völlig unter, wer Hintergründe verstehen will, muss sich anderweitig informieren. Doch auch wenn keine Dokumentation erwartet werden sollte, schadet es nicht, mit gut gewählten Infos den Zuschauer punktuell zu ködern.

Dunkirk ist ein Film, der perfekt zu Christopher Nolans filmischem Schaffen passt. Wie kein anderes Werk in seiner Laufbahn zeigt es, dass er im Grunde ein Scharlatan ist. Die Handlungen seiner Filme sind oft trivial, von komplizierten Themen und Stoffen hält er sich fern, obwohl es so aussieht als ob. Kaum ein anderer Regisseur versteht es so gut, simple Geschichten als etwas zu verkaufen, was sie nicht sind. Einem Jahrmarktzauberer gleich, der mit Rauch und Effekten arbeitet und Magie vortäuscht, kaschiert Nolan Trivialität mit Regiekniffen, hervorragenden Darstellern und einer starken, oft mehrdeutigen Bildsprache. Er versteht es zu inszenieren und verkauft so dem Zuschauer den Eindruck, Komplexität auf hoher Ebene zu erleben. Dies macht Nolan nicht zu einem schlechten Menschen oder einem schlechten Regisseur, nur sollte man seine Filme im rechten Licht betrachten. Viele regen sich auf, wenn die Etikettierung falsch ist und Pferd im Lasagnehack zu finden ist, aber einen Popkornfilm als Kunstfilm zu verkaufen, das ist für viele legitim. Was übrigens passiert wenn ein Nolan-Film erscheint, bei dem nicht Nolan drin steckt, hat man bei Transcendence gesehen.

Genau genommen ist aber nicht vorrangig das der Punkt, woran Dunkirk scheitert, sondern der Versuch, ein Kriegsfilm zu sein. Wir haben es in erster Linie neben dem künstlerischen Fokus mit einem sehr gut gemachten Actionfilm zu tun, daraus zieht der Streifen seine Faszination und seinen Unterhaltungswert. Man sollte sich aber schämen, den Film mit echten Kriegsfilmen wie Der Soldat James Ryan, Apocalypse Now, Platoon, Full Metal Jacket oder Der schmale Grat in einem Satz zu erwähnen. Bedrohlichkeit und Spannung kommen nicht durch die Handlung oder gezeigten Szenen auf, sondern vor allem aufgrund des enervierenden Soundtracks und hohen Tempos, was für stimmungsvolle Unbehaglichkeit sorgt, die Szenen selbst lassen hingegen völlig kalt. Was daran liegt, dass die Figuren weder Tiefe besitzen, noch deren Schicksal dem Zuschauer wirklich nahegeht.

Ein guter Vergleich ist die Omaha Beach-Sequenz von Der Soldat James Ryan. So wie in Dunkirk sind die Soldaten zu Beginn nur namenslose Gesichter. Doch Steven Spielberg schaffte es, dass der Zuschauer geschockt das Schicksal dieser ihm unbekannten Soldaten miterlebte. Nolan hingegen scheitert bereits, überhaupt eine Gefühlsregung beim Zuschauer zu erzeugen. So technisch verspielt der Film auch ist, so nüchtern, kalt, sachlich ist er auf der anderen Seite. Dort wird einer erschossen, dort in die Luft gesprengt, dort ertrinkt jemand. Alles geht unter im Lärm und Tempo. Reflektion ist weder das Ziel, noch erwünscht und so ist es wieder bezeichnend, dass auf Blut nahezu komplett verzichtet wird. Für einen Kriegsfilm indiskutabel. Selbst Michael Bay erzeugte mit Pearl Harbor deutlich mehr Emotionen - und das will was heißen!

Der harten finalen Worte zum Trotz bekommt Dunkirk dennoch von uns eine Empfehlung, denn selbst mit seinen Defiziten gehört er dank seiner Umsetzung zu einem der interessantesten Filme der letzten Zeit und der Mut, so einen Film zu finanzieren, gehört honoriert. Man sollte aber wissen, worauf man sich einlässt und vor allem sollte man mit dem Begriff Meisterwerk vorsichtig sein, denn davon ist Dunkirk weiter entfernt als Dünkirchen von Großbritannien.

Nachtrag: Wir haben mit unserer Kritik extra etwas gewartet, da wir Dunkirk sacken lassen wollten, nachdem ihn mehrere Leute aus der Redaktion gesehen haben. Die überschwänglichen Meinungen vieler Kritiker können wir jedenfalls nicht teilen. Nach der Pressevorführung haben wir mit einigen weiteren Redakteuren gesprochen und nicht selten kam auf unseren Einwand, dass vermutlich bei der zweiten Sichtung manche Stellen klarer werden, die Antwort "Aber Dunkirk ist kein Film, den man ein zweites Mal sehen muss.". Für einen Kriegsfilm, der bewegen sollte, zudem erstaunlich, wenn 3/4 der Kinobesucher pünktlich mit Beginn des Abspanns aufspringen und fluchtartig und mit skeptischem Blick den Saal verlassen.



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Dunkirk Bewertung
Bewertung des Films
710
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117 Kommentare - Moviejones distanziert sich von Userbeiträgen.
tommy666
Moviejones-Fan
26.09.2017 | 09:01 Uhr26.09.2017 | Kontakt
Jonesi

Der Film ist einfach nur schlecht! Natürlich muss sich ein Kriegsfilm mit einem Szenario im 2 Weltkrieg vergleichen mit Soldat James Ryan, Stalingrad, Pearl harbour usw... Und er scheitert einfach kläglich. Der Sound war anfangs ja ok, wenn sich aber dieser dann eigentlich fast non Stop durch den Film zieht ist er nicht mehr bedrohlich sondern nervig.

Nolan ist vollkommen überbewertet, Batman war cool, doch es war nicht nolans Idee eine düstere Version zu machen... Er setzte dies nur cool um... Auch das Drehbuch stammte nicht von ihm, er war nur beteiligt...

Mit diesem Film wollte er wohl einen Meilenstein wie James Ryan schaffen doch das ging vollkommen in die Hose... Es gibt kein mitfiebern, das Schicksal der Soldaten und Zivilisten geht einem keine Sekunde nahe!

Es schlagen Bomben ein... Doch keiner schreit weil alle natürlich Instant tot sind... Die bösen bösen kinderfressenden deutschen dürfen natürlich nicht fehlen... Es werden Rettungsschiffe bewusst versenkt... Man steuert abstürzende Flugzeuge bewusst in einen kleinen Ölteppich im Wasser damit jaaaa noch viele Verbrennen... Boah, was für ein Schwachsinn dieser Film..

Die Bewertung von moviejones verstehe wer will... Dieser Gurkenfilm verdient 1 Stern.

Oberlamer
Moviejones-Fan
Geschlecht | 04.09.2017 | 09:18 Uhr04.09.2017 | Kontakt
Jonesi

Meine subjektive Meinung: Nolan wurde und wird überschätzt. Habe ihn mir gestern im Kino angeschaut. Zugegeben, das beklemmende Gefühl, die Bedrohung und sogar Kälte kamen teilweise schon rüber. Aber der Film hatte Längen und ist mit 3,5 Sternen schon richtig bewertet.

TiiN
Pirat
Geschlecht | 21.08.2017 | 18:29 Uhr21.08.2017 | Kontakt
Jonesi

@MobyDick
Aber zum Beispiel Revenant ist auch sehr ermüdend und repetitiv, gilt aber trotzdem als Mainstream

Ich glaub da haben wir es schon. The Revenant ist für mich nämlich auch kein Mainstream. Vielleicht sind die Auffassungen da einfach zu unterschiedlich smile

Trotzdem kurz weiter:

Pseudowissenschaftlich, oder willst du sagen, dass diese 5. Dimension wirklich wissenschaftlich erklärt wird? Und die sogenannten wissenschaftlichen Erklärungen könnten auch von der Sendung mit der Maus erklärt werden, also alles so erklärt, dass jeder sie versteht.

Ich habe Kip Thornes Arbeiten nicht gelesen, aber ich könnte mir vorstellen, dass gerade der Part mit der fünften Dimension mehr Fiction als Science ist.

Auf das weitere gehe ich nicht ein. Da sind wir sicher zu fest unterschiedlicher Meinung und hier gehts dann immer noch um Dunkirk und nicht Interstellar. smile Aber wie gesagt, durch das Erwähnen von Revenant ist evtl. schon alles geklärt.

MobyDick
Moviejones-Fan
21.08.2017 | 18:01 Uhr21.08.2017 | Kontakt
Jonesi

TiiN:

Mal auf die Schnelle wink

Eine Länge von knapp 3 Stunden ist heute nicht mehr so selten aber nicht unbedingt eine Mainstreamformel -> wie du schon sagtest spricht dies nicht gegen Mainstream


Interstellar ist voll von langen Weltraumaufnahmen welche auf viele ermüdend wirken -> Naja, es sind nicht die Weltraumaufnahmen, die ermüdend wirken, sondern die Kombination mit seinem Gesamtbild. Aber zum Beispiel Revenant ist auch sehr ermüdend und repetitiv, gilt aber trotzdem als Mainstream. Ähnlich dürfte es bei Interstellar sein.


der Film wird von wissenschaftlichen Theorien getragen, welche allesamt auch noch weitestgehend wissenschaftlich erklärt werden -> Nun ja, lass es mich so sagen: Pseudowissenschaftlich, oder willst du sagen, dass diese 5. Dimension wirklich wissenschaftlich erklärt wird? Und die sogenannten wissenschaftlichen Erklärungen könnten auch von der Sendung mit der Maus erklärt werden, also alles so erklärt, dass jeder sie versteht.


Mainstreamkino lebt zwar von Filmmusik, aber sicher nicht von so einem Orgelspiel -> Geschmackssache


Der Twist am Ende mit der fünften Dimension dürfte sich auch fern ab vom Mainstream bewegen -> Twist finde ich übertrieben, denn wer aufmerkssam ist, kann das erahnen, und zweitens ist gerade dieses melodramatische Element zur Lösung der Erdenprobleme ein extremes Anbiedern an das Mainstream, welches nebenbei auch eine der Hauptschwächen des Films (Bevorzugung der Tochter gegenüber dem Sohn) als Haupttrumpf zelebriert

Was man sagen kann, ist das all diese Themen oben von einer emotionalen Vater-Tochter-Geschichte getragen und erzählt werden und diese ist in weiten Teilen durchaus Mainstream-Charme versprüht. -> Tja, ja und nein, siehe oben

Letztendlich fehlt jedoch das typische Happy End. -> Hmm, im Angesicht der Charakterisierung ist das Ende durchaus als Happy End anzusehen

Dünyayi Kurtaran Adam
TiiN
Pirat
Geschlecht | 21.08.2017 | 17:45 Uhr21.08.2017 | Kontakt
Jonesi

@luhp92
Ohne Frage ist Interstellar ein Mainstreamfilm

Ist er das ohne Frage? Die meisten Leute in meinem Umfeld fanden den Film zwar sehr interessant und an gewissen Stellen auch mitreißend, aber in seiner Summe doch viel zu schwer. Was mir am ehesten einfällt:

  • Eine Länge von knapp 3 Stunden ist heute nicht mehr so selten aber nicht unbedingt eine Mainstreamformel
  • Interstellar ist voll von langen Weltraumaufnahmen welche auf viele ermüdend wirken
  • der Film wird von wissenschaftlichen Theorien getragen, welche allesamt auch noch weitestgehend wissenschaftlich erklärt werden
  • Mainstreamkino lebt zwar von Filmmusik, aber sicher nicht von so einem Orgelspiel
  • Der Twist am Ende mit der fünften Dimension dürfte sich auch fern ab vom Mainstream bewegen

Was man sagen kann, ist das all diese Themen oben von einer emotionalen Vater-Tochter-Geschichte getragen und erzählt werden und diese ist in weiten Teilen durchaus Mainstream-Charme versprüht. Letztendlich fehlt jedoch das typische Happy End.

luhp92
BOTman Begins
Geschlecht | 16.08.2017 | 18:06 Uhr16.08.2017 | Kontakt
Jonesi

Dieser Beitrag wurde am 16.08.2017 18:12 Uhr editiert.

@MobyDick

  1. Dass Nolan mit TDKR und Interstellar menschlichere Filme mit positiveren Signalen gedreht hat, deren Enden man als Happy End verstehen kann (was für mich bezüglich TDKR nicht der Fall ist), sehe ich genauso wie du, würde es den Filmen aber nicht als Kritik auslegen oder als Anbiedern an den Zuschauer bezeichnen. Im Vorfeld zog TDKR für den Zuschauer doch gerade daraus seine Spannung, dass sie sich fragen konnten, ob Bruce Wayne nun überlebt oder nicht. Sie hätten denke ich beide Enden ohne zu murren akzeptiert und das konnte ich damals im Kinosaal genau so merken. Comic-Puristen schließe ich an dieser Stelle jetzt mal aus, die fanden es ja schon beschissen, dass Batman am Ende von TDK ins Exil ging. Interstellar erhielt mitunter Kritik aufgrund des Happy Ends, im Kontrast dazu wurde der Film von vielen aber auch als sehr sperrig und langweilig empfunden. Ohne Frage ist Interstellar ein Mainstreamfilm, von Anbiedern kann hier meiner Meinung nach aber nur bedingt die Rede sein.

    Und im Fall von Dunkirk trifft es finde ich überhaupt nicht zu! Zum Einen ist der Film so experimentell, dass er zurecht als 100-Millionen-Dollar-Arthouse beschrieben wird, und mit dem Verzicht auf erklärende Dialoge und Hintergründe sowie auf eine detaillierte Zeichnung der Charaktere eckte er bei der Zuschauermasse und sogar bei Nolan-Fans ordentlich an. Ich habe noch nie so viele negative/mittelmäßige Kritiken von eingefleischten Nolan-Fans zu einem seiner Filme gelesen wie zu Dunkirk! Die Moviejones-Kritik war dabei die erste. Zum Anderen ist das inhaltiche Happy End aufgrund der historischen Grundlage doch schon vorgegeben, wichtig ist also Nolans Umgang mit den Charakteren. Der Bootsjunge ist tot, Mark Rylance geht trotz seiner Rettungmission in der Masse unter und erscheint nur als Zahnrad im Getriebe, Tom Hardy gerät in Kriegsgefangenschaft und die restlichen Soldaten sind entweder tot oder traumatisiert, weil sie sich als Feiglinge sehen. Zudem steht mit der Schlacht um England bereits der nächste Kampf bevor. Also wo siehst du da ein durchgängiges Happy End bzw. ein Anbiedern an den Zuschauer?

  2. Dass die Soldaten gegen Ende meinen, dass sie sich schämen und als Feiglinge sehen, habe ich nicht als Holzhammermethodik empfunden, für mich fügte sich das sehr gut in die Handlung ein und spielgelt sehr gut ihren psychischen Zustand, ihren Drill und die Antikriegsthese des Films wieder. Als guter Soldat hat man nicht zu fliehen, sondern muss bis zum Tod weiterkämpfen.
    Kenneth Branagh bricht in Tränen aus, weil nach all den Tagen der Hoffnungslosigkeit endlich Rettung in Form der Kleinschiffer naht. Im Film heißt es ja, dass die Heimat (England) so nah ist, dass man sie fast schon sehen könne und trotzdem ist sie für die Soldaten so weit entfernt wie der Mond. Mit den Kleinschiffern erhält Branaght dann endlich wieder Hoffnung auf Rettung, würdest du in so einem Moment nicht in Tränen ausbrechen? Ansonsten markiert er für mich nicht den Helden für den Widerstand, sondern für das vom Krieg unabhängige Überleben der französischen Soldaten. Eine äußerst ehrenswerte Tat!

Zur Mogelpackung:
Auch Filme haben irgendwo ihre Grenzen, in den GoT-Making-Ofs zum "Battle of the Basterds" und zur "Loot Train Attack" wird das finde ich sehr gut erklärt. Für die filmische Inszenierung einer Kriegsszene benötigt man ein Zentrum, dem man mit der Kamera folgt, ansonsten endet die Szene in absoutem Chaos und der Zuschauer verliert komplett den Überblick. Spontan fällt mir noch "Saving Private Ryan" ein, dort fokussiert sich Spielberg im Intro primär auf Tom Hanks. In "Dunkirk" ist es der von Fionn Whitehead gespielte Soldat Tommy, dem man als Zuschauer bzw. die Kamera folgt. Zunächst trifft er den Franzosen "Gibson", zusammen retten sie den Soldaten Alex, danach schließen sie sich den Schotten an und werden auf See letztendlich von Mark Rylance gerettet.

Zu Tom Hardy kann ich ansonsten nichts mehr sagen, außer mich zu wiederholen, dass er für mich mit seinem Schicksal abgeschlossen hat und die Soldaten nicht sehen lassen wollte, dass sein Flugzeug abstürzt und er mit einem Fallschirm abspringt. Ich kann deine Argumentation aber sehr gut nachvollziehen.

- "Sie sind ein Erpresser und ein Bandit, Mr. Shatterhand."
- "Willkommen in Amerika!"

MobyDick
Moviejones-Fan
16.08.2017 | 13:59 Uhr16.08.2017 | Kontakt
Jonesi

@luhp:

1. Für mich war Nolan vor Dark Knight Rises ein Regisseur, der immer beinharte Filme abgeliefert hat, die auch vor Kälte immer so gestrotzt haben. Sie waren immer gut durchdacht und für mich auch qualitativ sehr gut, aber sie waren nicht immer das, was man beim Publikum anbiedern nennen dürfte. Ich persönlich bin der Meinung, dass er mit DKR angefangen hat, menschlichere Filme zu machen, die den Menschen auch positive Signale vermitteln wollen sowie auch bestimmte Werte. Inszenatorisch spiegelt sich dies auch darin wieder, dass man die jeweiligen abschließenden Momente seiner Filme immer auch als Hoffnungsschimmer ausmachen kann. Das war früher nicht immer so. Und meines Erachtens ist dies ein neuerliches Anbiedern beim Publikum, so wie es Spielberg seit der Weiße Hai auch immer irgendwie macht. Wenn man sich seine Filme Duell und Sugarland Express anschaut, so ist da nicht dieses Anbiedern zu sehen, wie es seit dem Haifilm immer wieder der Fall ist: Leute die tot sein könnten/sollten, tauchen wieder auf, es gibt ein bis vor drei Minuten noch für unmöglich geglaubtes Happy End usw. Ich will Nolan dafür nicht schlecht machen, ich denke sogar, für einen Regisseur, der sich oben festbeissen will, ist so ein Ansatz unerläßlich. Aber mir fällt es halt auf. Und ich persönlich finde, dass seine Filme dadurch leiden. Aber im Großen denke ich, dass er es richtig macht, wenn ich sehe, wie viele Leute sowohl Interstellar als auch Dunkirk, beides in meinen Augen durchschnittliche Filme, die deutlich wertiger wirken als sie sind, super finden.

2. Ist jetzt ein Weilchen her, dass ich den Film gesehen habe, aber hier jetzt mal ein paar Topics:

- Dass ausgerechnet dieser eine Junge auf dem Boot sterben muss, ist so ziemlich die älteste Masche

- Dass der Kutterkapitän einen gefallenen Soldatensohn hat... gähn ... in meinen Augen wäre es deutlich ambivalenter, wenn es diese Hintergrundgeschichte nicht gäbe

- Dass am Ende dieser eine Soldat immer wieder sagen muss, wie sehr er sich schämt, ist schon eine Holzhammermethodik, seinen Punkt an den Mann zu bringen

- Warum muss Kenneth Brannaghs Charakter zum einen irgendwann in Tränen ausbrechen, und zum anderen den Helden für die Resistance markieren?

- All diese und mehrere zum nüchternen Ton des Films unpassende melodramatischen Elemente machen ihn wahrscheinlich zu einem massentauglicheren Film, aber in meinen Augen auch zu einem deutlich gewöhnlicheren und dadurch auch schlechteren

Und nun noch zu meinem Punkt mit der Mogelpackung, was du komischerweise gar nicht angesprochen hast:

Die Geschichte der Soldaten vor Ort ist eigentlich nur die Geschichte einiger weniger, die ständig versuchen zu fliehen. Dadurch wird extreme Spannung erzeugt, aber die zermürbende Situation des Wartens aller anderen Soldaten wird dadurch erstens ausgeblendet und wirkt auf mich auch so, als hätte Nolan hier nicht einen vernünftigen Ansatz gefunden, dies befriediegend in den Film zu integrieren.

Und nun noch kurz zu Hardys Charakter:

Sein Motiv ist unbestritten, aber wie sein Handlungsstrang schließlich endet, dient nur dazu, diese poetisch anmutenden Bilder zu generieren. Er hätte seinen Flieger auch ins Meer fliegen lassen können und sich retten lassen. Niemand hätte ihn vor ein Gericht gestellt, da er erstens viele Leben gerettet hat und zweitens er glaubhaft versichern könnte, dass er einfach nicht wußte, wie wenig Treibstoff er noch hat... Und seien wir mal ehrlich, wer begibt sich schon freiwillig in Kriegsgefangenschaft? Hoffnung hat er seinen Kameraden auch so schon gegeben...

Dünyayi Kurtaran Adam
luhp92
BOTman Begins
Geschlecht | 05.08.2017 | 14:50 Uhr05.08.2017 | Kontakt
Jonesi
1

@MobyDick

Da besteht hier für mich doch Erklärungsbedarf:

  1. Inwiefern wird Nolan für dich zu einem zweiten Spielberg?
  2. Inwiefern verrät Nolan seine guten Ansätze durch das Drehbuch?

Tom Hardys Schicksal wird meiner Meinung definitiv nicht für coole Bilder und Einstellungen verraten, im Endeffekt führt sein gesamter Handlungsstrang zu dieser Entscheidung. Er kämpft solange, bis er keinen Treibstoff mehr hat und möchte nach England zurückfliegen. Er kehrt jedoch um und widersetzt sich damit dem direkten Befehl seiner Vorgesetzten, um die Schiffe, Boote und Soldaten am Strand zu beschützen. Schließlich spendet er den Soldaten Hoffnung durch seinen Überflug. Er hat mit seinem eigenen Schicksal zum Wohl der Soldaten abgeschlossen und in England wäre er wahrscheinlich ohnehin vor einem Kriegsgericht gelandet.

Gegen Ende finden sich ein paar pathetische Szenen, aber die sind echt nicht der Rede wert und erscheinen aufgrund des filmischen und historischen Kontexts in einem vollkommen anderen Licht, als man es von üblichen Kriegsfilmen gewohnt ist. Die Briten haben keine Schlacht gewonnen, sondern nur überlebt. Mit dem Pathos erhöht Nolan den Sieg, doch mit dem Sieg meint er nicht den Krieg sondern das Überleben. Doch trotz des Überlebens steht der nächste Kampf bevor. Nicht weil die Briten kriegsgeil sind oder kämpfen wollen, sondern weil sie es müssen. Der übermächtige Feind steht nun schließlich vor der eigenen Haustür und wird nicht in Frankreich halt machen. Das ist für mich die eigentliche Tragik. Sie sind der Hölle entkommen, doch nun wird die Hölle in die Heimat einbrechen.

- "Sie sind ein Erpresser und ein Bandit, Mr. Shatterhand."
- "Willkommen in Amerika!"

MobyDick
Moviejones-Fan
03.08.2017 | 23:54 Uhr03.08.2017 | Kontakt
Jonesi

Grundsätzlich muss ich sagen, dass ich doch enttäuscht bin, Nolan wird immer mehr zu einem zweiten Spielberg. Der Film an sich hat sehr gute Ansätze, die er allerdings mit seinem Drehbuch und mitgebrachten Ideen verrät. Auch verrät er seine Charaktere für coole Bilder und Einstellungen, siehe Tom Hardys Schicksal. Und letztlich zum Imax: Das war das erste Mal, dass ich es als störend empfand, dass alle Maße lang das Format gewechselt hat. Gerade in so einem Film, der so irre von seiner Spannung lebt, geht plötzlich viel verloren. Im Grunde genommen kommt mir der Film selbst mit Abstand wie eine Mogelpackung daher, trotzdem würde ich nach wie vor nicht von Scharlatanerie reden. Besonders störend ist auch dieser Pathos, der so gar nicht zur sonst nüchtern wirkenden Inszenierung passt.

Ansonsten aber technisch sehr gut, irre spannend, kann schon verstehen, wenn einige Kritiker (in meinen Augen recht unreflektiert) von einem Meisterwerk sprechen.

3,5 Sterne passen völlig.

Dünyayi Kurtaran Adam
FrauSkywalker
Moviejones-Fan
Geschlecht | 31.07.2017 | 11:22 Uhr31.07.2017 | Kontakt
Jonesi

Ich muss ja sagen, dass ich den Film wirklich großartig fand.

In diesem Jahr bin ich bisher selten so begeistert aus dem Kino gegangen.

Nolan macht mit Dunkirk einfach etwas völlig anderes. Nicht vergleichbar mit Kriegsfilmen, wie wir sie bisher kennen. Charakternähe wird kaum aufgebaut, so bleiben einem persönliche Schicksale mehr oder weniger erspart. Zugleich schlägt der Film mit solch einer Gewalt ein, einfach die Verdeutlichung, dass so unzählige Soldaten austauschbar waren, ihr Schicksal ungewiss und somit der ganze Krieg einfach nur kalt und brutal dargestellt wird. Es geht hier nicht um den einzelnen, sondern darum möglichst viele Menschen zu ermorden, völlig egal wer das ist. Und gerade weil man so auf Distanz gehalten wurde, wusste man, dass jederzeit alles möglich ist. Jeder kann zu den nächsten Opfern gehören.

Allein der Sound in diesen Film sorgt für grandiose Anspannung. Ich konnte teilweise meine Sitzlehne nicht los lassen. Hut ab! Das war Spannung pur!

Für mich definitiv der Film des Sommers. Und damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet.