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Glaubensfrage

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Glaubensfrage Kritik

Glaubensfrage Kritik

Glaubensfrage Kritik
0 Kommentare - 27.07.2022 von ProfessorX
In dieser Userkritik verrät euch ProfessorX, wie gut "Glaubensfrage" ist.

Bewertung: 3.5 / 5

Die Nonne Aloysius Beauvier (Meryl Streep) und der charismatische Priester Brendan Flynn (Philip Seymour Hoffman) geraten immer wieder aneinander. Grund dafür ist, daß Beauvier eher konservative Werte verfolgt, während Flynn frischen Wind in die religiöse Lehranstalt bringen will. Daraufhin entscheidet sich Beauvier, die Ordensschwester Marie James (Amy Adams) auf den Mann anzusetzen. James hält Flynn für einen guten Mann, doch als etwas auf einen Missbrauch eines Jungen hindeutet, versucht Beauvier noch mehr gegen den Mann vorzugehen.

Als Zuschauer ist man gehalten, sich in die Lehren und Weisen des Vater Brendan Flynn zu verlieben. Seine unorthodoxe Sichtweise auf das strenge Regiment der Direktorin einer katholischen Schule macht ihn wahrlich zum Sympathieträger der Geschichte. Das entlädt sich und natürlich sind die Dinge nie so wie sie scheinen. Das führt dann unweigerlich zu einer Frage über Schuld oder Unschuld. Aus dem naiven Blick einer Schwester, die hier von Amy Adams gespielt wird, lernt der Zuschauer die Zustände dieser Welt kennen, kann sich ihrem Optimismus und der Sicht auf die Welt aber nie gänzlich verschließen. Und darin steckt eine große Stärke von Glaubensfrage. Wir lernen drei wichtige Figuren kennen. Drei Menschen, die in ihrer Ausstrahlung klarer nicht sein könnten. Idealismus, Freundlichkeit und Boshaftigkeit werden hier gezeichnet, wenn es darum geht, die Kirche und ihre Funktionäre auf symbolische Charaktere herunterzubrechen. Das hat immer etwas Naives und man ist geneigt sich dieser Naivität auch freiwillig hinzugeben, weil die Charaktere dafür einfach zutreffend sind, als daß man es anders sehen könnte. Darauß resultiert jedoch, daß ein gewisser Status-Quo immer erhalten werden muss, was dann einen weiteren Teil, der durchaus zu kritisieren wäre, in den Hintergrund rückt und, wenn man ganz böse ist, gar negiert.

Sexueller Missbrauch in der Kirche gehört leider zum Alltag und ist vermutlich so alt wie die Sünde selbst. Man ist vermutlich auch nicht sonderlich verschwörungstheoretisch, wenn man anmerkt, daß dieses durchaus absolut kaputte System auch stark daran arbeitet, daß solch ein Missbrauch in der Kirche und an Kindern vereinfacht wird. Pfarrer werden von A nach B verfrachtet, hochrangige Funktionäre bis hin zum Vatikan vertuschen offenbar solche Fälle und so weiter und so fort. Und auch diesen Teil zeigt dieser Film auf. Es geht um einen charismatischen Pfarrer, dessen Zuneigung zu einem dazu noch dunkelhäutigen Jungen in den 1960er Jahren Rätsel aufgibt. Dann sind es die Beobachtungen aller Beteiligten, die Sorge bereiten. Kommt er dem Kind zu nahe? Ist er einfach freundlich? All das sind Fragen, die dieser Film aufgreift und dabei ist er ziemlich gekonnt. Das liegt eben daran, daß die Ambivalenzen und die Undurchdringbarkeit von Brendan Flynn zu jedem Zeitpunkt spürbar wird. Auf Vorwürfe reagiert er mit Wut und Empörung und macht sich damit so glaubwürdig. Ohnehin gelingt es Philip Seymour Hoffman eine bedrohliche Spannung in seine Darstellung zu legen, weil man nie genau sagen kann, wie dieser Mann nun zu deuten ist. Denn dem Glauben scheint er sich komplett zu verschreiben und es hat natürlich auch etwas sehr Spannendes, einen Pfarrer als Beschuldigten zu nehmen.

Offenkundig orientiert man sich damit an der Realität, doch das ist nicht alles. Schließlich ist die Adaption eines Theaterstückes hier auch ein sehr sprachlastiges Werk. Und darin wird eben auch die Gefahr, die von der Sprache ausgeht, erkundet. Immer wieder wird dieser Mann in die Ecke gedrängt und immer wieder scheint er so überzeugend darin, seine Unschuld zu beweisen. Das glaubt ihm auch die Junge-Schwester Marie James, die hier so gekonnt den Idealismus zeichnet. Doch auch dieser wird an einigen Punkten entlarvt. Besser gesagt, die Menschen dahinter werden es. Und dann ist klar, daß wirklich alle in diesem Haus verdorben sind. Der Film lässt kein gutes Blut an den Funktionären des Glaubens, was nicht heißt, daß der Glaube als solcher hier in die Ecke gedrängt wird. Interessant ist dabei, wie präzise es dem Film gelingt seine offenkundige Wahrheit durch reines Schauspiel hier zu verschleiern. Das ist indes natürlich gewollt und ebenso eine reine Manipulation. Doch das Werk will ja genau diesen Umstand ankreiden und deshalb ist es dahingehend auch kein Fehler, sich einer solchen Meinung zunächst hinzugeben. Dabei verzichtet das Werk auch auf etwaige Nebenschauplätze und erklärt den Dialog zu seinem Kernthema. Oder besser gesagt, daß Reden. Natürlich ist das auch etwas, was ganz gut in das Bild einer Predigt passt, denn Kirchenvertreter sind ja auf Worte spezialisiert.

Dann wiederum wird das Thema der Rasse hier leidvoll gezeigt. Es muss ja irgendwie immer so sein, daß die Hautfarbe das Zentrum von kleingeistigen Debatten wird. Daß das vermeintliche Opfer eines Priesters, dann ein dunkelhäutiger Junge zu Zeiten der Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King Jr. ist, ist ebenso wenig ein Zufall. Klar geht es hier um sexuellen Missbrauch an Kindern. Da gibt es keinen schlimmeren oder geringeren Missbrauch, aber die Tatsache, daß Rassismus hier eine nicht unwesentliche Rolle spielt, macht das gesamte Werk nur noch schwerer. Und darin merkt man abermals, wie kaputt das Haus der Liebe eigentlich ist. Denn dieser Junge, gespielt von Joseph Foster sieht sich auch im Alltag mit anderen Messdienern mit rassistischen und körperlichen Anfeindungen porträtiert. Natürlich hat er da keine wirkliche Lobby, die hinter ihm steht. Wenngleich Flynn diese Rolle augenscheinlich übernehmen möchte. Einzig die Mutter macht sich so richtig für den Jungen stark und Viola Davis gibt in ihren wenigen Leinwandminuten eine derart eindringliche Leistung ab, daß es nicht wundert, daß sie für zahlreiche Filmpreise nominiert wurde.

Eindringlich, erschreckend und brutal dekonstruiert Glaubensfrage die Stigmata der Heiligkeit. Dazu wird hier schauspielerisch ganz großes Kino geliefert, während das Werk den Zuschauer auch für lange Zeit an der Nase herumführen kann. Das ist nicht aufgesetzt, sondern ganz stark gespielt von allen Akteuren, sodass der Film mehr ein Werk für seine Künstler ist, als eine wirklich nervenaufreibende Geschichte zu präsentieren.

Glaubensfrage Bewertung
Bewertung des Films
710

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