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Weekend

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Weekend Kritik

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Weekend Kritik
0 Kommentare - 24.06.2022 von ProfessorX
In dieser Userkritik verrät euch ProfessorX, wie gut "Weekend" ist.

Bewertung: 5 / 5

Das wohlhabende Pärchen Corinne (Mireille Darc) und Roland (Jean Yanne) machen sich mit dem Auto auf den Weg aufs Land, um das Testament von Corinne’s Vater entgegenzunehmen. Doch auf ihrem Weg geschehen allerlei seltsame Dinge und so passieren Autounfälle, Wegelagerer laufen ihnen über den Weg und auch eine Kannibalenbande streift ihren Weg.

Dieser Experimentalfilm Weekend wurde in der Rezension als eine Mischung aus Alice im Wunderland und James Bond verstanden. Und das allein ist eigentlich nicht einmal annähernd genug, um sich der Größe und der Verwirrung, die Godards Werk ausstrahlt, anzunähern. Im Grunde ist die Geschichte schnell erzählt. Da gibt es ein Paar, welches sich nicht besonders gut abkann, und eigentlich nur in Streitereien versinkt. Doch wie das Leben eben so spielt, holt die beiden das Leben auch einfach ein. Als nämlich der Vater der von Mireille Darc gespielten Corinne stirbt, macht sich das Paar auf den Weg, um auch eine Erbschaft entgegenzunehmen. Darauf haben sie lange gewartet und so steht ihnen nichts mehr im Wege, zumindest vorerst. Von Diebstählen, über Gewaltakte bis hin zu einer sektenhaften Kanibalenbande, trifft das Paar dabei unterschiedlichste Menschen, und man spürt da förmlich die Aggressionen. Es gibt da eine Szene, die wie keine andere vermutlich den Film in seiner Ganzheit beschreibt. Und diese Szene beschreibt aber auch den Eindruck, den Godard von der Welt jener Tage und vom Menschen im Allgemeinen hatte. Dabei entscheidet sich gerade in diesem Moment, ob man das Gezeigte aushalten kann, oder nicht. Es kommt zu einem riesigen Stau auf einer Landstraße, die in einem wahnwitzigen Autokorso, der über mehrere, lange, zähe Minuten andauert und in seiner Auflösung in einem grauenhaften Unfall mit mehreren Toten mündet. Es ist eine dieser vielen eindrucksvollen Szenen, die uns sehr viel über den Zustand der Menschheit aussagt. Dabei vereint Godard etwas, was in der Realität niemals so vereint würde, nämlich Ursache und Wirkung. Man kennt das aus dem Alltag, wenn man sich darüber echauffiert, daß man nun plötzlich für Lebensmittel mehr zahlen soll, als man vorher gewohnt war zu zahlen. Dabei spielt ein System Individuen gegeneinander aus, wohl auch deshalb so erfolgreich, weil man ein System kaum antagonistisch zeichnen kann, ohne dabei nicht mindestens die Vertreter jener Ideologie, zu drangsalieren. Dabei ist das immer ambivalent, weil auch der Mensch eben immer ambivalent bleibt.

Die Normalität auf den Kopf zu stellen, ist etwas, was Filme gerne als Schauwerte verkaufen, und dabei mit großen und vielsagenden Effekten locken. Wir atmen das ja förmlich, wenn Thanos in Avengers: Infinity War (2018) einen Planeten nach Tony Stark schmeißt. Doch das scheint alles so fern, weil es so abstrakt wirkt. Und Weekend ist über weite Strecken eigentlich nur ein Roadmovie auf Acid. Daher ist der Alice im Wunderland-Vergleich natürlich auch angebracht. Doch während gerade die genannten Werke uns in eine vermeintlich andere Realität werfen, die wir auch bewusst als anders wahrnehmen, ist Godard hier ein wenig radikaler, weil er die Realität in ihrer absurdesten Form zeichnet und dabei pure Provokation betreibt. Es ist ein wütendes Werk, daß vor Augen führen soll, in welcher Welt man angekommen ist. Das wirkt zuerst natürlich irgendwo auch belustigend, und albern, wenn sich die Protagonisten von einer Bredouille in die nächste katapultieren. Von Diebstahl, über Abhängigkeitsverhältnisse zeichnet der Film eigentlich eine komplett anarchische Welt, in der es keinerlei Regeln mehr geben kann. Doch daß die Abhängigkeit den Menschen in ein Moment zwingt, in welchem er vor die Wahl zwischen absolutem Leid, oder absolutem Ende wählen muss, zeigt auf, daß selbst das freie Individuum niemals so frei ist, wie es eben auf den ersten Blick wirkt. Dabei schockt der Film mit radikalen Bildern und zeigt ebenso, wie sehr man die Menschlichkeit im Zuge dieser Welt verlieren kann. Man ist da nicht investiert, weil man gerade eigentlich ein ganz anders Ziel hat und weil man es gewohnt ist und es einem schlicht und ergreifend auch egal ist.

Überdies wird auch das Beziehungsmodell um die zwei Hauptfiguren großartig in Szene gesetzt. Daß Beziehungen in unserer Welt einem sozialen Stigma ausgesetzt werden und auch an Erwartungen von außen geknüpft sind, sollte man ja eigentlich wissen. Dabei ist ebenso klar, daß die Liebe in ihrer Form immer dann am ehesten funktioniert, wenn sie von Außenstehenden einer kritischen Begutachtung unterzogen wird. Doch die beiden Figuren Corinne und Roland sind eigentlich die gesamte Zeit am Streiten und verbünden sich dann erst, wenn Andere ihre Art zu leben infrage stellen. Dabei wird deutlich, daß Liebe auch immer pubertärem Gehabe unterlegen ist, weil man sich und vor allem Anderen beweisen will, wie gut man doch als Kollektiv funktioniert. Auch die Vergleiche zum Gegenüber sind dabei von enormer Wichtigkeit, wie dieser Film aufzeigt. So ist klar, daß die beiden einander nichts zu bieten haben, sind sie zusammen, so sind sie einsam und spielen sich eigentlich nur gegeneinander aus. Frei nach dem Motto „Der Feind meines Feindes..." führen diese Menschen ihre Verpflichtungen einander gegenüber aus, und sind bereit ans Äußerste zu gehen, wenn man sie moralisieren möchte. Es gibt hier keine positiven Ideen oder Philosophien, die die Menschen antreiben. Gleichsam wird dadurch deutlich, daß der Mensch sich vom menschlichen, durch die Versuchung des Kapitals entfernen wird.

Gleichzeitig brodelt über allem auch die Gefahr eines ausbrechenden Krieges. Das mag nur unterschwellig eine Rolle spielen, doch die Angespanntheit und der Hass, mit dem sich die Figuren auf dieser Odyssee begegnen, wird mit einem gesellschaftlichen Umbruch begründet. Natürlich nicht offenkundig, aber das Klammern an das Kapital und die misanthropischen Konflikte im Zusammenspiel mit jedem anderen Wesen, zeigen auf, daß es nun keine Grenzen mehr geben kann. Jeder Versuch, sich friedlich zu einigen, ist gescheitert. Gleichsam werden schreckliche Ereignisse hier nur noch nüchtern betrachtet und in ihrer Konsequenz führen sie nur zu einem Zweck, nämlich sich wirtschaftlich zu festigen. Dabei wird auch deutlich, daß selbst nahestehende Menschen und die bereits gelaufene Katastrophe zugunsten eines wirtschaftlichen Erhalts geopfert werden müssen. Insgesamt gibt es dann keine Einigkeit, und die Wesen werden hier aufgrund der inneren Konflikte, die durch das Kapital auferlegt wurden, zur anarchischen Selbsterhaltung getrieben. Sodass natürlich auch Feinde von Außen ein leichtes Spiel mit der Gesellschaft haben. Das ist die zynische Betrachtungsweise einer vollendeten Dystopie, die der Film in diesem Kontext mit ganz gewöhnlichen Abläufen und drastischer Gewalt kombiniert.

Überdies ist dann natürlich auch die gesamte Anstrengung, derer sich die Figuren ausgesetzt haben. Sie führt sie zu etwas, was man eigentlich als banales Ziel abtun könnte. Dabei werden Verbrechen als das Resultat einer nicht erfüllten Hoffnung zum Kernantrieb. Man hat dabei die gesamte Zeit das Gefühl, als würde man irgendwelchen Idioten bei idiotischen Konflikten zuschauen. Doch daß diese Konflikte in ihrer Gesamtheit natürlich auch unser ganzes Leben gut umschreiben, dürfte indes bereits deutlich sein. Dabei wird das natürlich auf die Spitze getrieben und findet seine Erlösung in dem Einzigen, was nun doch als Grenze festgesetzt war. Das sprichwörtliche „einander Zerfleischen" wird von Godard in diesem Werk in einen wortwörtlichen Kontext gepackt und scheint hier als die einzige Lösung. Natürlich erneuert und untermauert er damit nur die zu Anfang gestellten Thesen. Doch gleichsam ist da natürlich auch noch der schwarze Humor, der hier so ein wenig Distanz schafft, wodurch das Werk in seiner letztlichen Wertung, nur eine Lösung offenbart, die zwar als Blick auf die Zeit beginnt und dennoch über weitere Jahrzehnte bestand halten sollte.

Diesen Film seltsam zu nennen, wäre eine gnadenlose Untertreibung. Insgesamt steht Weekend als Reaktion auf den Vietnamkrieg in einer eher radikalen und absurden Weise dar. Dabei ist das Werk nicht frei von Ironie und dennoch vermittelt das Aufdröseln langweiliger und erzwungener Strukturen hier den Eindruck, als könnte es nicht die Zeit überdauern, während der Mensch zum Spielball eines Systems verkommt, welches er nicht in Gänze verstehen kann. Dabei ist der Bezug zur Realität und zur Gegenwart mehr als nur gegeben und zeigt auf, daß der Film in seiner Drastik auch die ach so fernen Probleme in die uns bekannte Realität holt.

Weekend Bewertung
Bewertung des Films
1010

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