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Hass

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Die Ban-Lieus sind eine Messe wert

Hass Kritik

Hass Kritik
1 Kommentar - 06.05.2021 von MobyDick
In dieser Userkritik verrät euch MobyDick, wie gut "Hass" ist.

Bewertung: 4.5 / 5

Nach der Diskussion hier zuletzt bzgl. Taxi Driver dachte ich mir, dass ich einen Film bespreche, der sich einer bestimmten Szene in Taxi Driver bedient und sie für sich in einem völlig anderen Kontext vereinnahmt. Aber dazu später mehr.

Hass ist Milieu-Studie, Gesellschaftskritik, Coming-of-Age, Sozialdrama und Thrillerdrama in einem, wobei die ganze Geschichte aus der Sicht dreier Freunde auf dem Scheideweg geschildert wird.

Soziale Unruhen sind schon längst keine Neuigkeit mehr in den Trabantenstädten und sozial benachteiligten Vororten Frankreichs, zumeist leben hier Menschen mit arabisch-, afrikanisch- oder osteuropäischer Herkunft und das Armgefälle ist hier enorm. Dementsprechend ist das Mißtrauen gegen den Staatsapparat in Form der Polizei, die keine probaten Mittel findet außer einer Eskalataion der Gewalt immens und am immer weiter eskalieren.

Hass erzählt über einen Tag verteilt episodenhaft die Erlebnisse dreier solcher Freunde, die auch mal einen Abstecher in die Stadt machen und dort auch mal in Berührung mit dem Bürgertum kommen. Dabei ist ein jeder dieser drei Jungs ein Archetyp und Abziehbild der verschiedenen Situationen, in der man sich gerade im Leben befindet: Einer befindet sich gerade auf dem Absprung, der andere weiss einfach noch nichts mit sich anzufangen und der andere strotzt nur so vor jugendlicher Aggression, die daher rührt, dass er genau weiss, dass ihm das Leben übel mitspielt.

Diese drei Freunde werden überragend von mittlerweile solchen Frankreichexportschlagern wie Vincent Cassel und Said Taghmaoui gespielt, der dritte im Bunde Hubert Kounde ist in Frankreich auch kein unbekannter, hat sich allerdings eher dem Theater verschrieben.

Mathieu Kassovitz (der Regisseur) geht mit diesem Film ein All-In, da er keinerlei Kompromisse eingeht und den Zuscahuer direkt in die Magengrube tritt. Dies macht er indem er die drei Freunde, die allesamt sehr vorsichtig damit sind, ihr Innenleben tatsächlich freizulegen, da das als Schwäche ausgelegt wird (vor allem von sich selbst), sukzessive ihre Panzer ablegen lässt und die drei von ihrer menschlichen Seite zeigt, ihre Unsicherheiten freilegt und ihre Träume offenlegt. Beizeiten ist seine Inszenierung auch auf eine gewisse Weise magisch und bezaubernd, dass man mit zunehmender Dauer auch vergisst, dass es sich hierbei um eine reale Tragödie handelt, dessen tragischer Höhepunkt noch längst nicht erreicht ist. Und am Ende ist man fast geneigt die drei Freunde mit einem Lächeln und freundlichen Nicken zu verabschieden. Aber eben nur fast.

Dabei macht Kassovitz entgegen dem ersten Eindruck eben nicht den Fehler und schwelgt in Armutsromantisierung sondern legt den Finger durchaus in die Wunde und legt das System als den Bösewicht fest, aus dem es eben kein Entkommen gibt, die Bewohner der Ban Lieus sind am Arsch, die Polizisten sind am Arsch, entweder sind sie desillusioniert und zynisch, um nicht noch weiter vor die Hunde zu gehen, oder es sind immer noch idealistische Menschen, die doch noch versuchen etwas zu verbessern, und gerade deswegen auch vor die Hunde gehen werden. Er unternimmt gar nicht erst den blauäugigen Versuch, einen Lösungsansatz darzulegen und mit einem erhobenen Zeigefinger ein Märchen von einem potentiell friedlcihen Ausweg anzubieten. Er inszeniert seinen Film daher auch recht nüchtern mit einer extrem exquisiten Schwarzweisskameraführung, welche fast schon klinisch dokumentarisch drauf hält.

Die wenigen oben angesprochenen magischen Momente unterläuft er ständig mit kleinen Stichen, die immer wieder in ihrer sinnlosen Hoffnungslosigkeit schon den Weg vorbereiten, der dann final auf einen ohne Umschweife eintritt. Man mag auch hier von einem nihilistischen Ende sprechen, aber auch das ist wieder zu kurz gegriffen, der letzte Moment ist eben nicht nihilistisch, er ist das Tüpfelchen auf der Wut über den Istzustand und ein cineastisch extrem mächtiger Aufschrei, der - wie sich mittlerweile herausgestellt haben dürfte - eben nicht gefruchtet hat.

Kassovitz Film ist alles, nur eben nicht subtil - wozu auch! - und er hämmert am Ende wirklich seine Message unters Volk. Natürlich lässt er viele Aspekte und Probleme, die ein Leben in diesen Banlieus mit sich bringt, eben auch mal aus, aber es geht ihm auch nicht wirklich um eine vollumfängliche Doku, sondern einen knüppelharten und wütenden Aufschrei in Form eines Ausschnittes aus solch einem Kaleidoskop und eine Bestandsaufnahme eines immer noch aktuellen Frankreich. Ein Vierteljahrhundert später hat sich nicht viel geändert und wenn dann nicht unbedingt zum Besseren. Zeitlich ist der Film näher an den Louis de Funes Filmen und thematisch und inhaltlich immer noch sehr nah an uns. Das nur um zu veranschaulichen, wie aktuell der Film nach wie vor ist.

Jetzt noch zu besagter Szene, die der Film sich von Taxi Driver zu eigen macht: Natürlich handelt es sich um die berühmte Spiegelszene, die vielleicht ikonischste Szene des Scorsese Films. Diese Szene ist in Hass mit mehrfacher Deutung möglich: Zum einen eben genau wie sie gedreht ist, da ist der Jugendliche, der den Film nicht richtig deutet und daher die Szene als krass und cool empfindet, und sie daher nachspielt. Dann ist aber auch noch die Deutung, dass dieser Junge eben keinen Bock mehr auf die tägliche Schikane seitens der Polizei hat und sich wehren möchte. Das eine geht ins andere fließend über und gibt dieser Szene eine gänzlich andere und eigene Bedeutung, dabei aber das Meisterstück von Scorsese sowohl zelebrierend als auch die Fan-Subkultur, deren Nichtverstehen zu entlarven, aber die Szene trotzdem genau im richtigen Kontext zu setzen.

Und obwohl Hass eben ein klotzender und nicht kleckernder Film ist, hat er immer wieder solche subtilen Momente parat, die ihn eben doch über einen einfachen wütenden Film setzen und ihn trotz allem auch zu einem subtilen und traurigen Film machen.

Kassovitz hatte einen überragenden Erfolg mit diesem Film, etwas womit wohl wirklich keiner gerechnet haben dürfte, und die Darsteller sind auch alle ihre Wege gegangen seitdem, also ein Win-Win für alle. Kassovitz bekam danach sogar tatsächlich eine Carte Blanche für sein nächstes Projekt, wo er dann diese Themen dann umso drastischer in Gewand eines Killerthrillers sezierte. Jener Film (Assassin(s), nur für die, die sich ernsthaft dafür interessieren) kam dann auch nicht mehr ganz so gut an und gilt gemeinhin als schwächer. das leigt aber daran, dass eben jener Film nun deutlich subtiler und nuancierter agiert, weitaus weiter greift, Urbanisierung, Perspektivlosigkeit, Verdumpfung durch Medien oder umgekehrt, und ein altes bestehendes krankes System mit der Zukunft zusammenarbeiten lässt, wobei das alte System die Jugend immer wieder ins Verderben reisst, auf die eine oder andere Art. Die Kompromisslosigkeit und Subtilität gepaart mit einem der irritierendsten Twists der Filmgeschichte sorgten dann dafür, dass jenes Meisterwerk, dass sich keinesfalls vor Hass verstecken braucht, ein bißchen in Vergessenheit geriet, aber der Film ist eine Geschichte, die ihren eigenen Beitrag wert ist ;-)

Zurück zu Hass: Ganz großes Kino in kleinem intimen Format, dass allen Beteiligten das Tor zur Karriere weit offen stiess, zu Recht.

9 Punkte

Hass Bewertung
Bewertung des Films
910
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1 Kommentar
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MobyDick : : Moviejones-Fan
06.05.2021 10:31 Uhr
0
Dabei seit: 29.10.13 | Posts: 6.345 | Reviews: 165 | Hüte: 495

Großartiger Film, den ich übrigens eben nicht jedem empfehlen kann, gerade weil das kein Feelgoodfilm der Marke Ziemlich beste Freunde ist...

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