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X (2022) Kritik

X Kritik

X Kritik
5 Kommentare - 06.06.2022 von ProfessorX
In dieser Userkritik verrät euch ProfessorX, wie gut "X" ist.

Bewertung: 3.5 / 5

Ende der 1970er Jahre möchte ein Filmteam im Süden der USA auf einem abgelegenen Bauernhof einen Porno drehen. Die Gruppe um den Manager Wayne Gilroy (Martin Henderson), Regisseur R.J. (Owen Campbell), seine Freundin Lorraine (Jenna Ortega), Schauspieler Jackson Hole (Scott Mescudi), Stripperin Maxine (Mia Goth) und Bobby-Lynne (Brittany Snow) kommt auf dem Bauernhof an, berichtet ihren Gastgebern Howard (Stephen Ure) und Pearl (ebenfalls Mia Goth) nichts von ihrem Vorhaben, bis jedoch die Nacht hereinbricht und diese es selbst herausfinden.

Ein unbeschriebenes Gesetz im Slasherfilm besagt, daß Gewalt über die Grenzen des Ertragbaren gehen muss. Was hat man nicht schon alles für Diskussionen über die Auswirkung von Gewalt in Bezug auf das Verhalten von Kinder und Jugendlichen geführt. Die Ballerspiel-Debatte, die alle paar Jahre zumeist von erzkonservativen Hobby-Psychologen ausgepackt wird, findet sich auch in Filmen immer wieder. Zumeist aber glücklicherweise ironisch. Doch wenn man sich etwas auskennt, dann ist eigentlich klar, daß es alles schon mal gab und alles nochmal geben wird. Dabei ist der Anspruch natürlich klar, weil man alles toppen will und so ein bisschen trifft das auch auf X zu, der in seinem Kern eine durchaus intelligente Geschichte erzählt, aber auch nicht so intelligent, wie sie gerne wäre. Selbiges lässt sich auch über die Gewalt sagen, die im heutigen Kino ihren Reiz verloren hat. Man erinnere sich nur mal an frühe Slasher, wie etwa Halloween – Die Nacht des Grauens (1978), Nightmare – Mörderische Träume (1984), oder auch Scream – Schrei! (1996). Doch heute ist das alles ein wenig anders, die Zeiten, in denen Figuren wie Freddy Krueger durch ihr bloßes Aussehen und einige knarrende Türen schockieren konnten, sind vorbei. Und das spürt man auch in der Revival-Phase des Slasher-Kinos. Hier ist kein Platz mehr für cartooneske Gewalt, völlig tollpatschige Mörder, oder lachende Monster. Halloween Kills (2021) und Scream (2022) machten es bereits vor. Alles wird durch Gewalt in eine unnötige Schwere gehoben, derer sich auch X nicht entziehen kann. Und das ist hier besonders problematisch, weil die Geschichte um eine mordende Oma nicht besonders authentisch wirkt. Das heißt, der Film tauscht Hyperrealismus mit Humor und macht sein eigenes Werk damit umso unglaubwürdiger.

Dabei greift der Film auf übliche Slasher-Manierismen zurück. Hier eine Gruppe von relativ jungen Menschen, die sich der völligen Lust hingeben, nicht besonders beeindruckt von ihrer eigenen Umgebung sind und dann eben abgeschlachtet werden. Doch man täte X auch unrecht, wenn man das Werk darauf reduzierte. Denn tatsächlich ist der Film zuallererst einmal handwerklich gut gemacht. So nimmt der Film sich genau die benötigte Zeit, um die Gruppe von Figuren zu etablieren und den Zuschauer an sie zu binden. Klar sind die nicht alle sympathisch. Doch wenn Figuren von ihren Kriegstraumata aus Vietnam berichten, eher einer schüchternen, gehemmten Entwicklung unterliegen, oder auch nur den grotesken Traum davon haben, einmal große Künstler zu werden, dann hat das etwas. Und gleichsam macht der Film damit auch gleich mehrere Ebenen auf, die einer Deutung verlangen. So ist es natürlich einerseits bezeichnend, daß ein dunkelhäutiger Mann, der jetzt vielleicht nicht die besten finanziellen Voraussetzungen hat, in einem sinnlosen Krieg kämpfen musste. Es sind in der Regel in Amerika ja immer diese Leute. Dann wiederum hat man da einen visionären Regisseur, der im Stile der Kinder aus Super 8 (2011), seinen eigenen Traum von der großen Kunst lebt. Ein Porno mit Anspruch. Gerade die von Owen Campbell verkörperte Figur des RJ Nichols ist wohl das, was man einen Träumer nennen dürfte. Dabei ist sein Anspruch an die eigene Kunst natürlich etwas, über das sich streiten ließe. Schließlich würden die wenigsten einen waschechten Porno wohl wegen der Handlung schauen. Darin findet sich dann eine Überheblichkeit und gleichsam wirkt das auch so ein wenig parodistisch im Hinblick auf jene selbst darstellende Konzern-Prediger, die heute als Influencer herumlaufen. Betrachtet man den Kontext, in dem der Film spielt, kann man dort vielleicht auch eine Kritik, an der oft so romantisierten Vorstellung über die machenden New Hollywood-Giganten finden. Aber das ist vielleicht zu viel des Guten.

Klar ist aber, daß in X ein Generationen-Konflikt im Vordergrund steht. Wenn man einen Porno auf einer Farm dreht, dann geht es eben auch viel um Nacktheit und Fleischeslust. Dabei findet sich eben ein typisches Slasherthema, über die Konsequenz von Nacktheit und Sex wieder. Immer mündet sie im Tod. Menschen, die miteinander verkehren, müssen sterben. Wenn man sich das so vor Augen führt, dann ist der Slasher eigentlich ein Plädoyer für den prüden amerikanischen Konservatismus, nach welchem Sex nur in der Ehe und am besten nur zwecks Fortpflanzung stattfinden kann. Der ständig laufende und wütende TV-Prediger untermauert das nochmals. Und damit macht sich auch X so ein wenig strafbar, weil man hier zwar noch den Höhepunkt leben darf, denn Rest aber nicht mehr erleben. Der Konflikt zwischen Alt und Jung ist dabei nicht sonderlich subtil, weil es gerade auch der Figur Pearl darum geht, endlich wieder Sex haben zu können. Doch sie ist alt und einfach grotesk anzusehen. Ganz schlechte Chancen für Sex. Dennoch schafft der Film damit auch ein in sich stimmiges Motiv für das, was eben unweigerlich passieren muss. Man kann von Horrorfilmen und Slashern nur selten etwas erwarten, was in irgendeiner Form von innerer Logik nicht viel zu weit hergeholt wäre. Außerdem begreift der Film sein Problem sowieso nicht auf einer Schwere, die dann nur pseudointellektuellen irgendeine Form von Befriedigung geben könnte.

Überdies ist das gesamte Werk von Ti West tatsächlich ziemlich gut inszeniert. Mal ausgenommen von der Gewalt, gelingt es ihm nämlich den Zuschauer lange auf die Folter zu spannen und die Eskalation wirkt indes sehr gut, weil man die Charaktere auch erstmal kennenlernen durfte. Auch einzelne Foreshadowings im Film oder das Spiel mit Lichtern und Tönen, sorgen dafür, daß der Film immer abwechslungsreich und spannend bleibt. Gleichsam ist X auch ein Werk über endlose Horrorfilmzitate geworden. Insofern passt das Werk natürlich in seine eigene Zeit. Von Psycho (1960), über Blutgericht in Texas (1974) bis hin zu Shining (1980) vereint das Werk hier Verweise auf sehr unterschiedliche und dennoch in ihrer Art sehr gute Horrorfilme. Doch reines Zitatekino ist X bei weitem auch nicht, weil es seine eigene Epoche auch gekonnt in den Vordergrund rückt. Und warum man das Jahr 1979 so in die Geschichte zentriert, ist natürlich eine Frage, die wieder Deutung bleibt. Hier kann man nur spekulieren, aber vielleicht will West sogar das ewige Reminiszenzen-Kino, daß seit den 2010er Jahren so überpräsent in Hollywood stattfindet, vor Augen führen. Vielleicht ist es aber auch eine rein konzeptionelle Entscheidung, um modernen Medien und dergleichen aus dem Weg zu gehen. So oder so taugt X aber doch als Kunstwerk, weil er diese Deutungen eben zulässt und dabei nichts von dem eigentlichen Werk verloren geht.

Unterdessen ist natürlich ein eher voyeuristischer Drang darin begründet, daß die Tötungen in einem Slasher auch unterhaltsam sind. Nun leidet der Film eben wie gesagt daran, daß er seine Gewalt nicht überstilisiert. Und dennoch hat das Werk einige Momente, die wirklich belustigend und unterhaltsam sind. Die üblichen Querelen der trennenden Gruppe bleiben zwar, aber wenn sich etwa eine Pearl zu einer gewissen Person ins Bett legt, dann hat das etwas extrem skurriles und immer unterhaltendes.

Mit X trifft Regisseur Ti West voll ins Schwarze. Ein Film, der dem Slasher wirklich guttut, weil er sehr viel Spielraum für eigene Gedanken zulässt, seine Charaktere gut etabliert und dabei sehr oft sehr kreativ daherkommt. Nicht alles funktioniert hier immer und so sind Geschichte, wie aber auch die Gewaltdarstellung zu sehr gewollt und zu wenig gekonnt. Dennoch trösten die Schauspieler gut darüber hinweg und die aufgebaute Mythologie hinter dem Werk fordert den Zuschauer im besten Sinne heraus.

X Bewertung
Bewertung des Films
710

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5 Kommentare
MJ-Pat
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luhp92 : : BOTman Begins
07.06.2022 18:06 Uhr
0
Dabei seit: 16.11.11 | Posts: 15.345 | Reviews: 165 | Hüte: 544

@eli4s

The House of the Devil, The Innkeepers, The Sacrament

"Dit is einfach kleinlich, weeste? Kleinjeld macht kleinlich, Alter. Dieset Rechnen und Feilschen und Anjebote lesen, Flaschenpfand, weeste? Dit schlägt dir einfach auf de Seele."

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ProfessorX : : Moviejones-Fan
07.06.2022 17:50 Uhr
0
Dabei seit: 17.05.14 | Posts: 735 | Reviews: 318 | Hüte: 29

@luhp92

Knan den auf jeden Fall empfehlen. Der ist zwar auch nicht der Über-Reißer, weil er sich an ganz großen, gängigen Horrorfilm-Problemen bedient. Dennoch aber sehr spannend. ^^

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eli4s : : Moviejones-Fan
07.06.2022 16:56 Uhr
0
Dabei seit: 22.02.12 | Posts: 2.623 | Reviews: 31 | Hüte: 108

Habe mir gerade mal Wests Filmographie angeschaut. Sehe da jetzt auch nichts, was irgendwie bemerkenswert wäre. X hatte ich aber auch mal auf dem Zettel. Wenn ich mal nichts besseres zu tun habe, werde ich mir den mal ansehen.

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Silencio : : Moviejones-Fan
07.06.2022 16:07 Uhr
0
Dabei seit: 17.08.17 | Posts: 2.084 | Reviews: 52 | Hüte: 237

luhp:

"er gilt ja schon als einer der besten zeitgenössichen Horror-Regisseure."

Zu Unrecht.

"I am not fucking around here, I believe a well-rounded film lover oughta have something to say about Jean-Luc Godard and Jean-Claude Van Damme."

-Vern

MJ-Pat
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luhp92 : : BOTman Begins
07.06.2022 16:05 Uhr
0
Dabei seit: 16.11.11 | Posts: 15.345 | Reviews: 165 | Hüte: 544

Den hätte ich auch gerne im Kino gesehen, läuft bei mir auf dem Land aber nicht..

Generell müsste ich mal mit den Werken von Ti West anfangen, er gilt ja schon als einer der besten zeitgenössichen Horror-Regisseure.

"Dit is einfach kleinlich, weeste? Kleinjeld macht kleinlich, Alter. Dieset Rechnen und Feilschen und Anjebote lesen, Flaschenpfand, weeste? Dit schlägt dir einfach auf de Seele."

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