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Die Jagd

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Die Jagd Kritik

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Die Jagd Kritik
0 Kommentare - 28.04.2022 von ProfessorX
In dieser Userkritik verrät euch ProfessorX, wie gut "Die Jagd" ist.

Bewertung: 3.5 / 5

Der Erzieher Lucas (Mads Mikkelsen) hat vor kurzem ene schwierige Scheidung durchgemacht und ein neues Leben begonnen. Er hat neue Freunde, einen neuen Job und verliebt sich in Nadja (Alexandra Rapaport). Als eines Tages die kleine Klara (Annika Wedderkopp), Tochter von Lucas Freund Theo (Thomas Bo Larsen) behauptet, von Lucas missbraucht worden zu sein, läuft sein Leben komplett aus dem Ruder.

Nimmt man so ein heikles Thema wie vermeintlichen Kindesmissbrauch als Prämisse für einen Film, so schafft man sich mit allem anderen als einer Verteufelung der Täter sicherlich keine Freunde. Viel zu emotional aufgeladen ist die Gesellschaft, wenn es um das Wohlergehen und Leiden junger Menschen geht. Und das ist mitunter auch nur gut so, schließlich will man die Schatten jener Welt verdecken und mit einem Licht aufhellen und eine Umwelt schaffen, die insbesondere für Kinder nur von schönen Erinnerungen erhellt wird. Mit Die Jagd griff Regisseur Thomas Vinterberg einerseits also kein leichtes Thema auf, weil die Erfahrungen jener Opfer durchaus schwer verdaulich sind, und andererseits wieder doch, weil es so emotional ist und für den Großteil der Menschheit eben nur eine Wahrheit hinter jenen Taten steckt. Dabei leidet der Film aber eben darunter, daß er, wenn es um die Entfaltung der Geschichte geht, eben doch erschreckend offenkundig Wahrheit und Fiktion vermischt. Denn eigentlich ist von Beginn an klar, wer nun Opfer und wer der eigentliche Täter ist. Dabei lässt der Film somit auch kaum Raum für Interpretationen, weil auch etwaige Offenbarungen innerhalb der Geschichte so gestrickt werden, daß man das Gefühl bekommt, hier versuche jemand eine Geschichte zu strecken. Denn mit dem Wissen im Hintergrund würde sich auch die Wahl der Hauptfiguren recht schnell obsolet machen.

So erzählt Vinterberg eine recht schnell aufgedröselte Geschichte, die aber gleichzeitig auch versucht, mit vielen Genres auf einmal zu spielen. Und das gelingt ihm, indem der Film von Drama zu Thriller wechselt und dann wieder umgekehrt. Die Stimmung kippt ähnlich, wie wenn ein Komiker einen unendlich peinlichen Kalauer zum Besten gibt. Dabei lässt der Film eben eine gewisse Ruhe auf den Zuschauer los, weil auch die gesamte Tragik von einer Schwere getragen wird, durch welche die Figuren in ihrem eigenen Kosmos immer auch alleine wirken. Da gibt es dann keinen Dialog und somit greift der Film auch eines der größten Probleme der Menschheit auf. So verbleibt die gesamte Zeit über ein Elefant im Raum, nach welchem die Figuren eigentlich ein Gespräch suchen müssen, dennoch aber ob ihrer eigenen Verwirrung, gepaart mit Angst, Unverständnis, Wut und Trauer, nicht in der Lage sind, jene wirklich schwierigen Fragen einfach aus der Welt zu schaffen. Das Individuum tritt hier gegen die Mehrheit und den Staat an, und ist nicht zuletzt auch ob etwaiger in der Gesellschaft kusierender Stereotypen eben an die Meinung von anderen gebunden. Das wird vor allem deutlich, wenn die Möglichkeit zur Versöhnung innerhalb einer kleinen Gemeinde durch eine Geschichte nicht mehr gegeben ist.

Die Welt ist ein Dorf und das wird in Die Jagd nicht nur zu einem Spruch, sondern zu einem fatalen Niedergang, der auf dem Weg, der nicht selbst gewählt wurde, hunderte von verbrannten Leichen hinterlässt. Das Vertrauen zu den engsten Nahestehenden wird dann auf die Probe gestellt, wenn man einem gesellschaftlichen Stigma, nach welchem ein Kind nur gut sein kann, eben vertraut und darauf baut. Doch das Gute in Kindern muss nicht zwangsläufig immer gegeben sein und so zieht Vinterberg in seinem durchdachten Drehbuch auch diese Brille vom Kopf seiner Zuschauer, um zu zeigen, daß ambivalentes Verhalten auch schon in jungen Jahren gegeben sein kann. Natürlich ist es schwierig, Kindern auch eine Komplettschuld an gerade so einer heiklen Sache zu geben, die sie vielleicht nicht mal verstehen, auf der anderen Seite ist es dann aber auch das Verhalten der Erwachsenen, daß hier von einem blinden Vertrauen erzählt, nach welchem die Wirkung von Worten junger Menschen nicht unerheblich sind. Es ist eine Tragödie im wahrsten Sinne, weil eine Person unter einer Lüge leidet, ein Kind nicht wirklich versteht, was gerade passiert und alle Erwachsenen drumherum nicht wissen, wie sie mit der Situation umgehen soll. Darin liegt vermutlich eine große Wahrheit, wenn man sich mit jenen Themen befasst. Ohnehin müssen Pädagogen immer und immer wieder zugeben, wie wenig sie eigentlich wissen und daß gerade die Arbeit mit Menschen häufig reines Bauchgefühl bleibt. Und nach einer ähnlichen Logik gehen auch die Pädagogen in dem Kindergarten vor. Wenngleich das hier auch ein wenig überspitzt dargestellt wird.

Unterdessen ist es vor allem Mads Mikkelsen, der dem gesamten Werk seinen eigenen Stempel aufdrückt. Mit Brille, ungemachtem Haar wirkt er hier wie eine gängige Spießer-Versinnbildlichung, die tatsächlich keinerlei Macht besitzt. Im Film selber merkt es ein Freund an, und so ist sein Lucas vor allem jemand, der sich eine Menge gefallen lässt. Ein guter Mensch, der sehr verkopft und ruhig durch die Welt streift und sich eher verkriecht, als zurückzuschlagen. Diese introvertierte Ader, vermutlich aber nicht nur auf der reinen Behauptung, die nun im Raum steht, fußt, macht Lucas so nahbar und zeigt abermals, wie wandlungsfähig der in US-Blockbustern verheizte Mads Mikkelsen doch eigentlich ist. Dabei zeigt der Charakter zum Ende auch noch wahre Größe, die den meisten Menschen vermutlich nicht gelungen wäre und dahingehend auch stark an der Realität vorbeischrammt.

Interessanter hingegen ist, wie sich eine Lüge indes aufbauschen kann und wo Menschen auch die Gefüge der Behauptung mit ihren eigenen Erwartungen und Stereotypen untermauern. Da wird erzählt, daß Kinder nicht lügen und auch Klara nie gelogen habe. Ein Gespräch zwischen einigen vermeintlichen Pädagogen und dem Mädchen Klara wird hier zum Druck für ein kleines Mädchen, daß ohnehin schon längst die Kontrolle verloren hat und diese nun abgibt an Menschen, die reine Behauptungen durch ihre naive Herangehensweise untermauern. Wahrnehmung ist tatsächlich unglaublich komplex und daß Menschen dazu neigen, die Meinung der Mehrheit anzunehmen ist etwas, daß sich vor allem hier auch durch starke Dialoge und bloßes Gerede über Vermutungen untermauert. Der Vorgang scheint hier zwar ein wenig konstruiert, spiegelt indes aber vor allem die Unvollkommenheit von Menschen jedwedes Alters wider.

Das Zusammenspiel aus Thriller und Drama macht Die Jagd durchaus ansehnlich, ebenso wie sein großartiger Hauptdarsteller. Wenn es um die Zeichnung der Realität geht, dann verliert das Werk dennoch aufgrund von Konstruktionen einer Geschichte an Glaubwürdigkeit. Dennoch erscheint der Film viel mehr noch wie eine soziale Studie, die die einzelnen Wesen des Menschseins auf die Probe stellt und hinterfragt.

Die Jagd Bewertung
Bewertung des Films
710

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