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Geh und sieh!

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"Und als es das zweite Siegel öffnete, hörte ich das zweite lebendige Wesen sagen: Komm und sieh!"

Geh und sieh! Kritik

Geh und sieh! Kritik
11 Kommentare - 17.01.2021 von PaulLeger
In dieser Userkritik verrät euch PaulLeger, wie gut "Geh und sieh!" ist.

Bewertung: 5 / 5

Eine Diskussion darüber, was einen Antikriegsfilm genau konstituiert, brachte mich dazu, den in meinen Augen ultimativen Vertreter mit einer Kritik zu würdigen, den sowjetischen "Komm und sieh" von 1985.

Zunächst einmal eine kurze Titelklärung: Der Film ist in Deutschland sowohl als "Komm und sieh" als auch als "Geh und sieh" bekannt, was den einfachen Grund hat, dass die BRD und die DDR den Filmtitel damals jeweils unterschiedlich übersetzt haben. Ich nutze stets den Titel "Komm und sieh", weil dies die sinnhaft richtige Übertragung ist. Zwar ist der DDR-Titel die wörtlich korrekte Übersetzung, allerdings nimmt die Werkbezeichnung im Original Bezug auf eine wiederkehrende Zeile in der Offenbarung des Johannes, deren deutsche Übersetzung ich auch als Überschrift für diese Kritik gewählt habe, demnach ist die wörtliche Übersetzung in diesem Fall eben nur die zweitbeste.

Als nächstes müsste ich bei einer Kritik zu einem gewöhnlichen Spielfilm nun eine Spoilerwarnung voranstellen, da ich im Folgenden auf einige Szenen im Detail und sogar auf das Ende eingehe. Allerdings kann einen nichts, was man im Vorfeld über diesen Film hört oder liest, auf die Grenzerfahrung vorbereiten, die die Erstsichtung dieses Werks auslöst, daher spielen Spoiler im Grunde keine Rolle, denn in "Komm und sieh" geht es gar nicht darum, was erzählt wird (denn thematisch haben auch andere Filme sich mit sehr ähnlichen Gräueln beschäftigt), sondern wie das geschieht.

Zunächst einmal verzichtet Regisseur und Co-Autor Elem Klimov auf eine konventionelle Dramaturgie und somit auf das, woran die meisten anderen Versuche bereits scheitern. Befreit man sie von ihrem Setting in einem spezifischen Krieg, funktioniert die Mehrzahl der Kriegsfilme wie handelsübliche Thriller, bei denen das Publikum mit den Protagonisten mitfiebert, dass sie ihre Tortur überleben mögen. "Komm und sieh" funktioniert dagegen nicht nach gängigen Spielfilmregeln, hier gibt es keine Spannungserzeugung im klassischen Sinne, stattdessen wirkt alles, was passiert, unausweichlich und bricht einfach in den Film herein, während der Zuschauer in diesen Abwärtssog mit hineingezogen wird. So wie der Krieg keine logische Struktur hat, muss konsequenterweise auch dessen Visualisierung darauf verzichten.

Dabei ist der Anfang noch vergleichsweise gut konsumierbar. Der junge Fljora wird irgendwo in den weißrussischen Wäldern zum Partisanenkrieg eingezogen und ist zunächst Feuer und Flamme, die deutschen Besatzer zu bekämpfen. Der folgende Lageralltag gaukelt dem Zuschauer noch konventionelle Pfade vor, die der Film aber spätestens mit der Begegnung Fljoras mit der jungen Glasha verlässt. Es folgt eine surreale, in ihrer Schönheit atemberaubende Szene des Glücks, die von einem Fallschirmjägerangriff jäh unterbrochen wird.

Ab diesem Zeitpunkt beginnt eine Reise ins Herz der Finsternis, die bis zur letzten Einstellung einer kathartischen Montage, in der das Leben einer für die Handlung wichtigen Person mit nachdrücklichem Effekt rückwärts erzählt wird, andauern wird. Surrealistische Einschübe ziehen sich auch in der Folge durch den Film, kippen dann aber stets ins Albtraumhafte und bieten somit keine Entlastung, sondern verstärken nur noch die verstörende Wirkung des Gesehenen.

Einige Bilder brennen sich für immer ins Gedächtnis ein, etwa wenn ein im toten Winkel des Protagonisten verborgener Leichenberg mit niederschmetterndem Effekt für den Zuschauer kurzzeitig ins Bild gesetzt wird, eine Holzkirche in Flammen aufgeht und nicht zuletzt die Großaufnahme des von den Schrecken gezeichneten Gesichts von Fljora, dessen Leidensweg der zum Zeitpunkt der Dreharbeiten erst 14 Jahre alte Alexei Kravchenko mit seiner unglaublichen Darbietung regelrecht körperlich spürbar macht.

In Bezug auf die Inszenierung muss das markerschütternde Sounddesign hervorgehoben werden, das vor allem im Schlussteil in eine konstant dröhnende Kakophonie übergeht, so dass es wohl nicht einmal helfen würde, die Augen vor den Schreckensbildern zu verschließen, da die enervierende Tonspur allein schon eine entsetzliche Wirkung erzielt. Wie für die Protagonisten gibt es auch für den Zuschauer kein Entrinnen. Dafür sorgen auch die Kameraeinstellungen, die zumeist nah am Geschehen bleiben und mit vielen Close-ups auf die Gesichter Immersion erzeugen.

Bei vermeintlichen Antikriegsfilmen werden gerne die Todesopfer unter den Hauptfiguren oder die Tatsache, dass es für die Protagonisten in einer Niederlage endet, ins Feld geführt, um daraus eine Antikriegsbotschaft zu destillieren. Auch hier zeigt Klimovs Werk meisterhaft auf, wie kurz das Denken in solchen Kategorien greift, denn oberflächlich betrachtet hat "Komm und sieh" sogar ein Happy End: Der Protagonist hat überlebt, er gehört der Siegerseite an und die Bösen haben sogar ihre gerechte Strafe bekommen. Dennoch gibt es keinen Zweifel daran, dass Fljora kein Sieger ist. Nicht nur, weil er am Ende dank der herausragenden Maske gegenüber dem Filmanfang um 20 Jahre gealtert aussieht, wissen wir genau, dass der Krieg das Leben dieses Heranwachsenden nachhaltig zerstört hat, bevor es so richtig begonnen hatte und dafür spielt es überhaupt keine Rolle, auf welcher Seite er gekämpft hat.

Der Film endet mit dem Lacrimosa aus Mozarts Requiem, das hier natürlich programmatisch passt, daneben vielleicht aber auch den einzigen Hoffnungsschimmer in 140 Minuten bieten soll: Nachdem man mit anschauen musste, wozu die Menschheit in ihrem Schlechtesten fähig ist, wird man mit einem der schönsten Werke, die sie hervorgebracht hat, aus dem Film entlassen (wobei der Terminus "entlassen" hier nicht ganz passt, denn dass irgendjemand das Gesehene direkt vergessen könnte, scheint schwer vorstellbar, der Film begleitet einen noch lange nach dem Abspann). Erhabene Kunstwerke wie das Requiem, oder auch "Komm und sieh", machen Hoffnung, dass die Menschheit vielleicht ja doch eine Chance verdient hat.

Einige User geben in ihren Kritiken neben der Wertung immer auch den Wiederschauwert des jeweiligen Films an. Bei "Komm und sieh" dürfte der Wiederschauwert von den meisten, die ihn sahen, mit "niemals wieder" angegeben werden. Und dennoch verdient dieses Meisterwerk nichts anderes als die Höchstwertung.

Geh und sieh! Bewertung
Bewertung des Films
1010
DVD & Blu-ray

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11 Kommentare
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PaulLeger : : Moviejones-Fan
20.01.2021 20:02 Uhr
0
Dabei seit: 26.10.19 | Posts: 930 | Reviews: 8 | Hüte: 128

@ luhp92

Bei "Komm und sieh" muss man sich leider auf Youtube anmelden, um sein Alter zu bestätigen.

iPhone-Besitzer? Wenn man ein Android-Gerät hat, hat man ja automatisch eine gmail-Adresse mit der man sich auch bei YouTube anmelden kann.

MJ-Pat
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MB80 : : Cheddar Goblin
18.01.2021 20:27 Uhr
0
Dabei seit: 01.06.18 | Posts: 1.988 | Reviews: 35 | Hüte: 176

@ luhp92

Keine Ausreden mehr bitte ;)

@ eli4s

Gerne geschehen und noch danke für den Hut, den du mir scheinbar diskret bei "Mulholland Dr" rübergeschoben hast...

“Ich bin der große Verräter. Es darf keinen größeren geben!“

MJ-Pat
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luhp92 : : BOTman Begins
18.01.2021 19:09 Uhr
0
Dabei seit: 16.11.11 | Posts: 14.325 | Reviews: 157 | Hüte: 508

@PaulLeger und MB80

Danke danke.

Bei "Komm und sieh" muss man sich leider auf Youtube anmelden, um sein Alter zu bestätigen.

"Dit is einfach kleinlich, weeste? Kleinjeld macht kleinlich, Alter. Dieset Rechnen und Feilschen und Anjebote lesen, Flaschenpfand, weeste? Dit schlägt dir einfach auf de Seele."

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eli4s : : Moviejones-Fan
17.01.2021 23:58 Uhr
0
Dabei seit: 22.02.12 | Posts: 2.526 | Reviews: 31 | Hüte: 104

@MB80

also Krieg ist ein Sujet, das mich mit am wenigsten reizt.

Aber der Link ist super. Vielen Dank!

MJ-Pat
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MB80 : : Cheddar Goblin
17.01.2021 23:07 Uhr
0
Dabei seit: 01.06.18 | Posts: 1.988 | Reviews: 35 | Hüte: 176

@ MobyDick, eli4s, luhp92, PaulLeger

"Fires on the Plain" (1959) by Kon Ichikawa ist übrigens in guter Qualität und Untertitel auf YouTube, wie gerade gesehen habe. Das ist dann mein nächstes Projekt zum Thema Krieg ;)

Die Tarkowskiys und diverses anderes von Mosfilm u.a. findet ihr hier, ne echte Fundgrube:

https://www.openculture.com/freemoviesonline

“Ich bin der große Verräter. Es darf keinen größeren geben!“

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PaulLeger : : Moviejones-Fan
17.01.2021 22:30 Uhr
0
Dabei seit: 26.10.19 | Posts: 930 | Reviews: 8 | Hüte: 128

@ MobyDick, eli4s, luhp92, MB80

Danke für das Lob und die Hüte!

Wenn ich zwei User dazu animiert habe, den Film evtl. (erneut) zu schauen, hat sich die Kritik schon gelohnt.

@ luhp92

Den Film müsste es frei auf YouTube geben, auf dem Kanal von Mosfilm (die haben meine ich auch sämtliche Tarkowski-Filme online). Halt in Originalsprache, aber denke, dass man Untertitel einblenden kann.

@ MB80

Ich hab ja kurz über "Der Antikriegsfilm, der "Das Boot" wie die Schlauchbootfahrt an Onkel Jürgens Junggesellenabschied aussehen lässt" als Headline für die Kritik nachgedacht tongue-out

Nee ich hab schon bewusst auf konkrete Vergleiche mit anderen Werken verzichtet. Wie gesagt, gibt deutlich schlimmere Vertreter als Petersens Film.

MJ-Pat
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MB80 : : Cheddar Goblin
17.01.2021 17:31 Uhr
0
Dabei seit: 01.06.18 | Posts: 1.988 | Reviews: 35 | Hüte: 176

@PaulLeger

Sehr gute Kritik, gerade dem Punkt, dass der Film durch den ich nenne es mal "Mangel an Handlung und Entscheidungsfreiheit" so stark ist, rennst du bei mir offene Türen ein. Top-Wertung habe ich dem auch gegeben, der ist wirklich eine audio-visuelles Tour de force...

Da du die Szenen ansprichst: Die Szene mit dem "toten Mädchen" wird einen lange verfolgen, gerade weil wir hier fehlgeleitet werden und der Blick von Fljora eben nicht ein mitleidiger zum Mädchen ist, sondern dem Zuschauer gilt und eigentlich genauso tot ist.

Die stärke der letzten Szene sehe ich übrigens auch darin, dass sie so kurz einen surrealen "Was wäre gewesen wenn..." Moment kreiert, aber einen dann doch damit zurück lässt, dass es in der Geschichte eben keinen Rückwärtsgang gibt.

Das der Film einen sicheren Platz in meiner Liste der 80er hat ist gesetzt. Aber deshalb ist "Das Boot" kein schwacher Film ;) Ich finde den Vergleich sowieso schwer, der eine setzt auf Realismus, der andere ganz offensichtlich auf fast surreale Bilder (wobei der Horror da eben auch darin liegt, dass das doch genauso teilweise stattgefunden hat).

Anyway, bei dem Film hier sind wir auf jeden Fall im selben Team. Hut!

“Ich bin der große Verräter. Es darf keinen größeren geben!“

MJ-Pat
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luhp92 : : BOTman Begins
17.01.2021 15:54 Uhr
0
Dabei seit: 16.11.11 | Posts: 14.325 | Reviews: 157 | Hüte: 508

Ein sehr schönes Review.

Einer der vielen Filme, die ich noch sehen muss. Für die 1980er-Wahl werde ich wohl auch noch ein paar Filme nachholen.

"Dit is einfach kleinlich, weeste? Kleinjeld macht kleinlich, Alter. Dieset Rechnen und Feilschen und Anjebote lesen, Flaschenpfand, weeste? Dit schlägt dir einfach auf de Seele."

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eli4s : : Moviejones-Fan
17.01.2021 13:34 Uhr
0
Dabei seit: 22.02.12 | Posts: 2.526 | Reviews: 31 | Hüte: 104

Also ich würde ihn nochmal ansehen, wenn ich es hinbekomme. Eine DVD müsste irgendwo in einer Kiste rumfahren... Aus meiner Erinnerung heraus wird es der Film nicht in meine Liste schaffen. Ich weiß, dass ich damals eher enttäuscht war nach all den Lobpreisungen. Ist aber bestimmt 10 Jahre her seit ich den gesehen habe.

Deine schöne Kritik hat mich aber schon etwas angestupst. Mal sehen.

Ich meine, im selben Jahr kam ja auch Lanzmanns Shoah Doku raus. (Auch) ein Monument. Wobei ich Dokus für die Wahl außen vor lassen werde.

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MobyDick : : Moviejones-Fan
17.01.2021 09:39 Uhr
0
Dabei seit: 29.10.13 | Posts: 6.298 | Reviews: 159 | Hüte: 488

PaulLeger

Sehr schöne und treffende Kritik, Hut smile

Übrigens haben mindestens MB80 und ich auch mal wenn ich mich recht erinnere eine ellenlange Diskussion über den Film...

Und der Film findet auch mehr als nur ein paar lobende Worte in meiner Kritik zu Wege zum Ruhm, der sehr deckungsgleich mit deinem Fazit sein dürfte ;)

Dünyayi Kurtaran Adam
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PaulLeger : : Moviejones-Fan
17.01.2021 01:58 Uhr
3
Dabei seit: 26.10.19 | Posts: 930 | Reviews: 8 | Hüte: 128

Aus aktuellem Anlass und um auch mal ein wenig Werbung für die 80er-Wahl zu machen. wink

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