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Promising Young Woman

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Promising Young Woman Kritik

Promising Young Woman Kritik

Promising Young Woman Kritik
0 Kommentare - 04.02.2022 von ProfessorX
In dieser Userkritik verrät euch ProfessorX, wie gut "Promising Young Woman" ist.
Promising Young Woman

Bewertung: 4 / 5

Die ehemalige Medizinstudentin Cassie (Carey Mulligan) hat kein einfaches Leben. Mit 30 Jahren lebt sie immer noch bei ihren Eltern Stanley (Clancy Brown) und Susan (Jennifer Colldige). Dazu arbeitet sie in einem Coffee und lässt sich Nachts von irgendwelchen Männern mit nach Hause nehmen. Doch das alles ist nur Fassade, und so erteilt sie den geschockten Männern eine Lektion. Der Grund für ihr Handeln, liegt darin, daß ihre Studienfreundin Nina während einer Party vergewaltigt wurde, was allerdings unter den Teppich gekehrt wurde.

Ein ganz und gar unangenehmes Gefühl schleicht sich ein, wenn man sich Promising Young Woman anschaut. Schließlich ist das Thema, der vergewaltigten und in Veruf geratenen Freundin, die verstorben ist, nichts, was man leicht verdauen könnte. Es ist kein Geheimnis, daß der Film im Zuge der Me Too-Debatte um Harvey Weinstein und andere ehemalige Hollywoodgrößen, aber auch einem generellen Sexismus innerhalb unserer Gesellschaft entstanden ist. Und das merkt man. So betreibt der Film eine Gesellschaftsstudie, indem er die Probleme, die tatsächlich einer bestimmten Perspektive unterliegen, beziehungsweise ein nicht unwesentlicher Teil der Gesellschaft nicht hat, in den Fokus rückt. Aus guten Menschen werden aufdringliche Machthaber und das Stigma der eigentlichen Einvernehmlichkeit in sexueller Spannung wird gebrochen. „Nein“ heißt nein. So einfach wäre es, ein Problem aus der Welt zu schaffen, könnte man meinen. Doch ein „Nein“ zu akzeptieren, liegt nicht in der Natur der Sache und so wird aus den netten Jungs von Nebenan, daß wovor sich Diejenigen fürchten, die der Wahrheit nicht ins Auge blicken können. Das geht mitunter durch Mark und Gebein, weil die Inszenierung, aber auch das Drehbuch von Fennell den Finger in die Wunde legt, ohne dabei eben klassische Schwarzweißmalerei zu betreiben.

Trailer zu Promising Young Woman

Denn tatsächlich baut der Film Ambivalenzen ein, um sie dann wieder zu brechen und darauß erneut einen Bruch mit gewissen Stigmata herbeizuführen. Was wäre das doch so schön, einen Mann zu haben, der wirklich Verständnis hat und wirklich ein netter Kerl ist. An die Figur von Bo Burnham zeigt sich die eigentliche Genialität des Werkes. So spielt der Film zunächst mit der Nice Guy-Attitüde, um dem Zuschauer zum einen zu verdeutlichen, daß nicht alle Männer gleich sind. Und in der Tat, auch unter Menschen, die tatsächlich schlimme Dinge getan, oder zugelassen haben, gibt es Solche und Solche. Nun ist es mitunter schwierig, tatsächlich ambivalente Persönlichkeiten in Filmen zu zeigen. Schließlich umschreiben Dramen die Realität. Doch dieser Film will nicht gefallen in der Hinsicht, daß er uns ein schönes Märchen präsentiert, indem am Ende die wahre Liebe siegt. So ist auch Promising Young Woman zunächst ein Liebesfilm, der aber dann gekonnt, mit der Erwartungshaltung, in eine zynische Satire abdriftet.

Doch bei all dem Zynismus, ist der Film gegen Ende leider auch nicht so gewagt, wie er sein möchte. Denn während der Film eigentlich die ganze Zeit soziale Stigmata und mit Klischees bricht, zerfällt das Konstrukt gegen Ende ein wenig, weil es so schwach und konsequenzfrei wirkt, im direkten Vergleich zu dem Rest des Filmes. Zwar lässt das Werk zum Ende hin offen, wie es mit einigen Personen weitergeht, dennoch hätte hier eine härtere Gangart sicherlich nicht geschadet. Doch vielleicht umschreibt das auch den fast lethargischen Weltblick, der sich mitsamt schwarzhumorigen Anleihen offenbart. Dabei hat es sich für die Macher hinter dem Werk zudem zunächst noch gelohnt, eine kitschige Liebesgeschichte zu etablieren, deren Katharsis sich gegen Ende bittersüß mit Stereotypen Mustern bricht. Denn tatsächlich wirken die romantischen Momente im starken Kontrast auf die Wendungen unglaublich wirkungsvoll, weil der Zuschauer eben Zeit hat, die Figuren im Konstrukt kennenzulernen und sie anschließend dekonstruiert zu wissen.

Großartig ist indessen vor allem Carey Mulligan, die zunächst noch relativ farblos wirkende Britin, beweist, nach undankbaren Rollen wie in Drive (2011) oder Der große Gatsby (2013), wie facettenreich sie sein kann. Denn einerseits lernt der Zuschauer sie als gebrochen, sarkastische Zynikerin kennen, die aber auf der anderen Seite ihre Fassade nicht fallen lassen kann, ohne daran zu zerbrechen. Es ist fast so, als verkörpere sie eine gespaltene Persönlichkeit, wie sie Nachts auf Männerjagd geht und des Tages ihren herkömmlichen sozialen Pflichten nachkommt. Dabei profitiert auch der Film davon, daß Mulligans Performance ein wahres Pulverfass ist, und so bleibt für den Zuschauer offen, inwieweit ihre Figur nun zu explodieren droht, aber auch ihre Vergangenheit nach und nach aufgedröselt werden kann. In manchen Momenten driftet die Figur sogar in eine Art Horrorfigur ab, indem der Wechsel und die Anspannung der Szene, im Zusammenspiel mit der großartigen Hauptdarstellerin eben auf den Punkt gebracht werden.

Richtig perfide wird es dann, wenn die agierenden Männer in diesem Konstrukt einer Opfer-Täter-Verschiebung nachgehen, nach welcher sie eigentlich nicht für bestimmte Taten zur Verantwortung gezogen werden kann. Dabei erweist der Film sich abermals als ziemlich clever, weil er auch das systemische Gefüge der Erwartung an bestimmte Figuren, Instanzen, mit tatsächlichen Gegebenheiten vermischt. Zwar wird hier nicht explizit davon geredet – wenn man denn tatsächlich mal auf den gemeinsamen Konsens der Tat kommt – daß die Opfer jener Vorkommnisse ja selbst daran Schuld seien, dennoch wird es ziemlich stark impliziert. So ist auch der Film dabei alles andere als Schwarzweißmalerei, weil selbst Figuren, die eigentlich dem Stigma unterliegen und Opfer des Systems sein könnten, eben auch zu denjenigen gehören, die den Status-Quo fortleben lassen und somit Teil des Problems werden.

Promising Young Woman ist all das, was gutes Kino ausmacht: Er ist überraschend, intensiv, ehrlich und direkt. Er hält dem Zuschauer tatsächlich einen Spiegel vor, welcher durch die großartige Carey Mulligan, aber auch das gesellschaftskritische Drehbuch und die Inszenierung durch Emerald Fennell an Präsenz und Aussagekraft nichts einbüßt. Manchmal vielleicht noch zu harmlos, aber definitiv ein in sich stimmiges und weitestgehend unbequemes Werk.

Promising Young Woman Bewertung
Bewertung des Films
810

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