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303

Kritik Details Trailer Galerie News
Emotionaler Roadtrip mit Tiefgang

303 Kritik

303 Kritik
5 Kommentare - 01.05.2019 von CINEAST
In dieser Userkritik verrät euch CINEAST, wie gut "303" ist.

Bewertung: 4.5 / 5

Kurz vorweg...ich habe den Film eigentlich nur aus einem Grund geschaut - und zwar weil er in der Top-5 2018 - Liste von eli4s gelandet ist. Wenn der Film auf seiner ohnehin schon sehr stark selektierten Liste unter den Top 3 zu finden ist, kann der nicht verkehrt sein, so mein Gedanke. Da musste ich einfach einen Blick riskieren. Vorab schon mal ein "Dankeschön" für die indirekte Empfehlung, da mir sonst eine deutsche Filmperle entgangen wäre. Nachfolgend ein kleines Plädoyer für diesen Film, dass ursprünglich nur ein zu lang geratener Kommentar war...

Inhalt

Trailer zu 303

Der Film erzählt die Geschichte der beiden Mittzwanziger Jule (Mala Emde) und Jan (Anton Spieker), die sich unabhängig voneinander auf eine persönliche - im wahrsten Sinne des Wortes - Reise begeben und dabei zufällig aufeinander treffen. Aufgrund verschiedener Umstände setzen sie ihre Reise, die sie durch halb Europa führt, anschließend gemeinsam fort, nicht wissend, was dieses Zusammentreffen für weitreichende Folgen auf ihrer beider Leben haben wird...


Kritik

303 war mir bis zur oben erwähnten Topliste vollkommen unbekannt gewesen, ich hatte vorher nichts weiter über ihn gehört oder gelesen. Zuerst war ich etwas überrascht ob der für dieses Genre sehr langen Laufzeit, aber ich habe ihn dann einfach mal aus der Laune heraus gestern Abend angemacht und - so viel sei vorweggenommen - er hat mich wirklich umgehauen. Zugegeben, ich brauchte ein wenig Zeit um mich auf die Art und Weise wie er gefilmt und gespielt ist einzulassen - anfangs dachte ich es ist doch wieder nur so ein typisches deutsches Möchtegern-Rebellisches-Aussteiger-Roadmovie-Drama mit zwei Gegensätzen, die sich dann doch irgendwann anziehen, aufgebläht auf 2 1/2 Stunden - aber das war ein Riesenirrtum.

Regisseur Hans Weingartner (Die fetten Jahre sind vorbei) nutzt die lange Laufzeit unheimlich gut und zieht einen so intensiv in die Geschichte der beiden Hauptfiguren, dass ich mich nach dem Film erstmal wieder geistig in mein Leben zurücksortieren musste, so sehr war ich emotional Teil der Reise der Beiden. Das Darsteller-Duo spielt hier so natürlich als hätte der Kameramann sie tatsächlich spontan auf ihrer Reise mit der Kamera begleitet. Die Dialoge wirken nahezu komplett improvisiert, obwohl sie - ganz im Gegenteil - auf jahrelange intensive Drehbuchentwicklung zurückzuführen sind. Dabei werden hier unheimlich viele (gesellschaftliche/philosophische/zeitaktuelle) Themen sehr klug und sehr feinfühlig abgehandelt und das so unprätentiös, dass man sie aufsaugt wie einen Schwamm ohne das Gefühl zu haben gerade lebenspsychologisch belehrt zu werden. Auch die Musik und die eingestreuten Landschaftsaufnahmen sind wahnsinnig schön, aber niemals nur zum Selbstzweck inszeniert, sondern immer der Intensivierung der Geschichte dienend, eingestreut. Der Soundtrack wurde komponiert und zusammengestellt vom deutschen Komponisten Michael Regner, für den es erst die zweite Kinoarbeit darstellt und ist einer der schönsten und bewegendsten, den ich seit langem gehört habe.

Weingartner hat ca.12 Jahre am Drehbuch zu diesem Film gearbeitet und sich seit seiner Produktionsassistentenzeit am Set von Before Sunrise von Richard Linklater - von dem er u.a. inspiriert wurde - mit der Erarbeitung der Charaktere und den behandelten Themen beschäftigt und das merkt man dem Film jederzeit an. Jede Entscheidung der FIguren, jeder Szenenwechsel und jede Entwicklung der Geschichte erscheinen einem völlig logisch, weil der Film sich die ausreichende Zeit nimmt darauf hinzuarbeiten. Diese intensive emotionale Bindung des Zuschauers hätte niemals in einem 90 minütigen Film aufgebaut werden können. Jule und Jan kommen einem irgendwann so vertraut vor, dass man nicht mehr das Gefühl hat das man dort zwei Filmcharaktere vor sich hat, sondern zwei echte reale Menschen, deren persönliche Geschichte man gerade nahezu dokumentarisch begleitet. Was dem Film außerdem eine starke Authentizität verleiht, ist die Tatsache, dass das Filmteam die Reise der beiden Protagonisten tatsächlich angetreten hat und damit an Originalschausplätzen gedreht wurde, was auch beinhaltet, das unter anderem die vor Ort lebenden Menschen miteinbezogen wurden. So sind z.B. die kurzen Gespräche mit Verkäufern auf einem Marktplatz spontan entstanden und wurden für den FIlm verwendet. Der Film hat außerdem einen leicht autobiografischen Charakter, da sich die Grundidee, zwei Menschen brechen zu einem Roadtrip auf, auf Weingartners eigene Erfahrungen während des Drehs zu seinem Film Das weisse Rauschen zurückfühen lässt. Darauf bezieht sich im Übrigen auch der etwas kryptische Filmtitel - der bezieht sich nämlich auf das Reise-Omnibus-Modell Mercedes-Benz O 303, dass im Film selbst allerdings gar keine Verwendung findet.

Ich könnte noch stundenlang weiterschwärmen, aber man sollte diesem Film einfach eine Chance geben und sich auf ihn einlassen, er hat es verdient!

Fazit

303 - ist ein wunderbar - echter - Film geworden, der seinen Protagonisten und ihrer Entwicklung ausreichend Zeit zur Entfaltung gibt und dabei komplett auf effekthascherisch-aufgebauschte Elemente verzichtet. Alles was hier passiert, dient der Geschichte und der Entwicklung der Figuren. Sehr intensiv gespielt von zwei aufstrebenden Jungschauspielerin. DAS ist großes Gefühlskino! Echt, ehrlich, natürlich! Kein Vergleich zu den teilweise pseudo-melodramatischen Hollywood Liebesdramen mit Dialogen aus dem Holzhammer-Phrasen-Automaten. Auch wenn man - wie ich - vorwiegend keine große Affinität zum deutschen Film hat, sollte man hier mal über seinen Schatten springen und eine Ausnahmen machen. Sollte man gesehen haben!

Klare Empfehlung!

Bewertung:

9 von 10 Hüten!

303 Bewertung
Bewertung des Films
910
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5 Kommentare
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eli4s : : Moviejones-Fan
04.05.2019 15:25 Uhr
0
Dabei seit: 22.02.12 | Posts: 2.013 | Reviews: 29 | Hüte: 48

@Cineast

Deine Kritik liest sich sehr gut und informiert auch über ein paar interessante Hintergründe, die mir nicht bekannt waren. Ich freue mich, dass der Film dir auch so gut gefallen hat. Silencios Vergleich mit "Im Lauf der Zeit" ist gar nicht schlecht ;).

Hoffe, 2019 bringt ähnliche Filme. Bisher bin ich leider kaum reingekommen ins neue Kinojahr und habe fast alles verpasst, was bisher für mich interessant klang. Seien wir gespannt.

Beste Grüße!

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Silencio : : Moviejones-Fan
03.05.2019 10:59 Uhr
0
Dabei seit: 17.08.17 | Posts: 1.597 | Reviews: 46 | Hüte: 159

CINEAST:

Wie gesagt, das ist einfach nur persönlicher Geschmack. Mich holst du besser ins Boot, wenn du die persönliche Perspektive ein bisschen zurückschraubst, weil die Review dadurch "universaler" wird. Dass dein Ansatz als "Erfahrungsbericht + Kritik" andere Leute ins Boot holen kann, seh ich ja durchaus ein. laughing

"303" hab ich persönlich zwar mitgekriegt (und auf einer langweiligen Bahnfahrt bestimmt mal eine Review gelesen), weil er durch die Programmkinos tingelte, aber der lief bei mir eher so unter "Name abgespeichert und alles andere vergessen", deswegen ist die Review dahingehend schon ganz praktisch gewesen.

Guck den und guck generell alles vom Wenders, was dir vor die Flinte kommt. Neigt manchmal zum Kitsch ("Der Himmel über Berlin" ist ein ganz toller Film, aber Bruno Ganz`"Als ich ein Kind war"-Singsang läuft mir immer noch kalt den Rücken runter), aber immer sehr gut inszeniertes Kino. Streamt auch einiges bei Prime, wenn ich mich gerade nicht irre.

"I know writers who use subtext... and they are all cowards."

MJ-Pat
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CINEAST : : ReReleaser
01.05.2019 21:18 Uhr | Editiert am 01.05.2019 - 21:20 Uhr
0
Dabei seit: 17.11.09 | Posts: 1.338 | Reviews: 5 | Hüte: 34

@Silencio

Besten Dank für dein Feedback ;)

Ich bin ja schon froh, dass sich überhaupt jemand hierher verirrt hat, bei der Flut an Endgame-Kritiken.

Ich weiß, dass der Ich-Erzähler im Allgemeinen nicht unbedingt die eleganteste Erzählperspektive ist und auch bei Kritiken nicht unbedingt förderlich ist um einen weitestgehend objektiven Einblick auf einen Film zu geben, aber...

Hier war es mir ein besonderes Anliegen, mein persönliches Empfinden in Bezug auf diesen Film besonders deutlich mit einfließen zu lassen, gerade weil er mich emotional so abgeholt hat und für mich eine Besonderheit in der aktuellen deutschen Filmlandschaft darstellt - die hier ja im Allgemeinen auch nicht immer allzu gut wegkommt. Eine sachlichere Beschreibung eines Films mit dem unspektakulären Titel 303 hätte meiner Ansicht nach vermutlich nicht den gewünschten Effekt des "Interesse zum über den Tellerand schauen - weckens", sondern eher einen gegenteiligen gehabt. Außerdem sprach ich ja zu Beginn eher von einem Plädoyer als von einer Kritik, also bin ich safe auf der Seite... ;)

Der letzte deutsche Film der mich ähnlich begeistert hat war z.B. Victoria und der hatte, schon allein durch seine außergewöhnliche Drehart, deutlich mehr öffentliche Aufmerksamkeit als es vielleicht sonst der Fall gewesen wäre. 303 lief im Allgemeinen - wie für mich ja auch - schon eher unter dem Radar, obwohl er bei den Preisverleihungen zumindest einige Nominierungen einheimsen konnte.

Im Lauf der Zeit kenne ich tatsächlich noch nicht, wird auf die Liste genommen.

- CINEAST -

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Silencio : : Moviejones-Fan
01.05.2019 16:59 Uhr
0
Dabei seit: 17.08.17 | Posts: 1.597 | Reviews: 46 | Hüte: 159

CINEAST:

Für eine dritte Kritik ist das schon ordentlich und eigentlich kaum verbesserungswürdig. Ich würde mir die doppelte Einführung sparen (den Toplistenhinweis hast du ja zweimal verbraten), aber ansonsten fiele mir da nichts auf, an dem man rummeckern könnte.

Geschmacklich (und dementsprechend vollkommen irrelevant :p ) gefallen mir persönlich Kritiken besser, die das "Ich" vermeiden. Ich selbst kann in Kritiken (da unterscheiden sich dann meine eigenen auch öfter mal von meinen Kurzkommentaren) mit den Informationen zu den Sehgewohnheiten wenig anfangen, weil sich das eben vom Film wegbewegt - andererseits ist das wahrscheinlich ziemlich nützlich für Leute, die "aus der gleichen Ecke" kommen, die Gewohnheiten also mit dir teilen. Vielleicht würde ich mir noch die Überschriften sparen ("Inhalt", "Kritik" etc), weil der Leser Struktur (die bei dir ja ganz unproblematisch vorhanden ist) erahnen sollte, statt sie zu sehen, aber auch das ist rein geschmacklich. Das ist aber meckern auf hohem Niveau, ich hoffe, das liest sich jetzt nicht zu negativ.

Inhaltlich hat das übrigens auf jeden Fall Interesse geweckt und ich werde bei Gelegenheit zumindest mal reinschauen. Klingt von der Machart ein bisschen wie "Im Lauf der Zeit" vom Wenders, nur eben stärker durchgeplant. Nicht die schlechteste Inspirationsquelle. Gibt auf jeden einen Hut, auch weil das von der "Endgame"-Flut abweicht. ;) laughing

"I know writers who use subtext... and they are all cowards."

MJ-Pat
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CINEAST : : ReReleaser
01.05.2019 14:10 Uhr | Editiert am 01.05.2019 - 21:18 Uhr
2
Dabei seit: 17.11.09 | Posts: 1.338 | Reviews: 5 | Hüte: 34

Dieser Film war eine große "Unbekannte" und eine noch größere Überraschung für mich! Ich hoffe ich kann mit dieser Kritik einigen von euch diesen Film schmackhaft machen, sodass er noch ein paar Menschen mehr erreicht, als es bisher der Fall ist.

Da es erst meine 3. Kritik ist, bin ich für konstruktive Meinungen dazu sehr dankbar!

@eli4s

Auf deine Meinung bin ich natürlich besonders gespannt! ;)

- CINEAST -

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