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Außer Atem

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Außer Atem Kritik

Außer Atem Kritik

Außer Atem Kritik
0 Kommentare - 11.06.2022 von ProfessorX
In dieser Userkritik verrät euch ProfessorX, wie gut "Außer Atem" ist.

Bewertung: 3.5 / 5

Dem Alltag entfliehend, stiehlt der kleinkriminelle Michel (Jean-Paul Belmondo) ein Auto und fährt damit in Richtung Paris. Während einer Verkehrskontrolle erschießt er einen Polizisten und ist von nun an auf der Flucht. In Paris angekommen, kann er scih bei der amerikanischen Studentin Patricia (Jean Seberg) verstecken. Die beiden verlieben sich ineinander, haben aber nicht genug Geld für eine Flucht. Unterdessen kommt ihnen die Polizei auch immer Dichter auf die Fersen.

In Träumen fliehen wir alle gerne aus dem Alltag. Etwas Metaphysik, die wir in der uns bekannten Realität zu erklären versuchen, ist dann der Scheideweg der Gedanken und der Dialog für immer nur eine von vielen Deutungen. Außer Atem ist der Debüt-Film des französischen Nouvelle Vague-Pioniers Jean-Luc Godard. Er erzählt von einer Bonnie und Clyde-Geschichte inmitten einer Welt, die sich langsam aber sicher komplett dem Kapitalismus öffnet und in welcher Menschen versuchen aus den festgeschriebenen Normen zu entfliehen. Dabei gilt dieser Film als Meilenstein des Films. Da werden technische Kamerafahrten und insgesamt übergeordnete Innovationen in Techniksegment als bahnbrechend beschrieben. Eine Hommage an das Kino, an das alte, ganz alte Hollywoodkino, mit Helden, die sich in die dreckigsten Moraste der Welt begeben haben. Ferner ist dieser Film vielleicht auch ein Vorreiter für das kritische und rebellische Kino, welches später als New Hollywood bekannt werden sollte.

Wo Travis Bickle noch fragt, ob mit ihm geredet würde und auch Bonnie und Clyde nur ein Ende ihrer Reise kennen, ist Außer Atmen seiner Zeit voraus. So werden Figuren in ihrer gesamten Moral aus einer Perspektive dargestellt, die den Menschen zweifeln lassen kann und vielleicht das Anti-Heldentum erst so richtig mit etablierten. Da ist dieser unscheinbare Rebell Michael, der ein Auto stiehlt und einen Polizisten erschießt. Schnell wird das zum Drama und so flüchtet er nach Paris, wo er die zuvor in Südfrankreich kennengelernte amerikanische Studentin Patricia trifft. Er verliebt sich und gemeinsam versuchen sie genügend Geld aufzutreiben, um eine Flucht nach Italien anzutreten. Das ist minimalistisches Kino. Das ist eine Geschichte, die ihren Fokus nur auf eine schlichte Handlung legt, während die moralisch ambivalenten Figuren zur Deutung stehen. Dabei gibt es natürlich ein Faszinosum für jene Gestalten, die ihren Lebenslauf immer wieder mit einem Gang in die Schatten bestücken. Doch so makellos diese Geschichte auch scheint und ein Skandal jener Zeit sicherlich klar war, ist es doch aus heutiger Sicht eine Geschichte, die uninspirierter nicht sein könnte. Nun liegt es im Auge des Betrachters, ob man einem Film vorwerfen dürfte, sich nicht auch von Werken, die Jahrzehnte nach seinem Erscheinen entstanden sind, abzuheben. Doch das macht auch den Wertungsreiz aus, weil ein Meisterwerk nun mal über solchen Dingen steht.

Man könnte jetzt fies sein und die patriarchalen Strukturen und die Bedeutung der Frau hier so ein wenig beanstanden. Dabei würden vermutlich die wenigsten Werke ohne eine Rüge noch besichtigt werden können. Sehr wohl ist es aber die Frau, die hier so ein wenig hinter den Erwartungen zurückbleibt. Klar kann man kritisieren, daß man nicht genau erfährt, wie die Beziehung der beiden überhaupt auf diesen Stand gekommen ist. Auf der anderen Seite ist es aber genauso erfrischend, daß Godard auf weitreichende Exposition von Charakteren verzichtet, die einfach in dieser Hinsicht, vielleicht nicht so viel hergeben. Denn die Spannung zieht Außer Atem viel eher darauß, ob das Gangster-Pärchen gefasst wird und wie weit sie gehen, um ihre Haut zu retten. Die Figuren wirken dabei auch gleichsam hilflos, weil sie auch von ihrem Sein und dem potenziellen Treiben danach völlig überfordert sind. Da fließt so ein wenig Existenzialismus mit ein, der die Figuren an den Rand ihrer Gedanken führt. Denn wenn das Nichts das Ende ist, so ist es immer noch erträglicher als endloses Leid.

Die inszenatorischen Kniffe, nach welchen die Handlung so ins Straucheln gerät und auch der Film augenscheinlich Gefahr läuft, in sich zusammenzufallen, sind bewusst von Godard gewählt und fügen sich auch noch heute in das ruhige und langsame Arthauskino. Daß allein macht erstmal nichts mit dem Werk, weil das Werk nur durch seinen Einfluss auf andere Werke, noch lange kein gutes ist. Insofern könnte man ja Transformers (2007) als guten Actionfilm bezeichnen. Doch die wahre Stärke des Films liegt dann auch eher in seiner Drastik. Denn während man Bonnie und Clyde niemals trennen konnte, so sind Patricia und Michel doch zum Ende nicht mehr aus dem gleichen Guss. Natürlich könnte man auch hier endlose Debatten über die Bedeutung der Frau im Hinblick auf das Finale führen, doch es geht hier eher auch um Zynismus, nach welchem jeder Rebell vom Staat entweder resozialisiert, oder der Gar ausgemacht wird. Insofern bleibt natürlich die Frage, in welchem Zustand sich das Frankreich der 1950-1960er Jahre befand. Doch die gesellschaftliche Ebene lässt der Film traurigerweise komplett aus, und zeigt eigentlich nur, was aus den Figuren geworden ist, nicht aber die Hintergründe dessen. Das mag ja vielleicht auch künstlerische Vision oder dergleichen sein, dennoch sollte es für den Gesamtkontext der Geschichte unerlässlich sein.

Um dabei nochmal auf die Figurenkonstellation innerhalb des Films zu sprechen zu kommen, ist es schon auffallend, daß sich Godard mit der Etablierung des Kleinganoven Poiccard und der Studentin Franchini ein Gespann gewählt hat, welches in verschiedenen gesellschaftlichen Schichten stattfindet. Nun leidet auch hier der Film abermals darunter, diese Unterschiede durch die fehlende Exposition nicht mehr, als Interpretation sein zu lassen. Gleichsam kann man diese auch recht gut anstellen. So steht hier der Kleinganove sicherlich klar für das Proletariat, welches vom Kapitalismus in dieser Form bewusst klein gehalten und auch klar ausgebeutet wird. Insofern hat das Individuum, vielleicht ab einem gewissen Punkt auch gar keine andere Wahl mehr, als zu rebellieren. Daß dann wiederum die weniger konforme Studentin den Weg zur Ordnung sucht und dabei den Mann verrät, ist bezeichnend. Da kann natürlich auch ein gewisser Frauenhass drinstecken, wobei das wohl eher weniger der Fall ist, weil es hierfür einfach zu wenig zu der Psyche der Figuren gibt, um eine eindeutige Antwort auszumachen.

Manch einer wird das anders sehen, doch die Wahrheit ist, daß Außer Atem als innovatives Projekt meisterhaft ist, während der reine Film gerade aus heutiger Sicht durchaus daran krankt, nicht mehr mit den danach gesetzten Maßstäben mithalten zu können. Das ist auf einer technischen Ebene bahnbrechend, doch diese ist eben nur ein Teil des Gesamtwerkes. Überdies liefern die Hauptdarsteller eine starke Performance ab und zeigen den gesellschaftlichen Zwist großartig auf.

Außer Atem Bewertung
Bewertung des Films
710

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