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Fargo

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Die derzeit beste Serie weit und breit

Fargo Review

Fargo Review
1 Kommentar - 03.02.2021 von MobyDick
In dieser Userreview verrät euch MobyDick, wie gut "Fargo" ist.
Fargo

Bewertung: 5 / 5

Um es kurz zu machen: Fargo ist derzeit die beste, intelligenteste und überragendste Antholgie-Serie auf dem Markt. Punkt. 10 Punkte

Staffel 1 ist grandios und baut tatsächlich ein bißchen auf der Fargo-Film-Prämisse auf, wobei die Macher am Ende noch der Mut flöten geht. Dennoch sehr sehr überragend. Staffel 2 ist die beste Staffel einer Serie, die ich jemals sah. Das ist das, was Watchmen für die Comics war: Eine komplette Dekonstruktion, jede Folge anders aufgebaut, und trotzdem noch in den Genregrenzen funktionierend. Das ist höchste Kunst! Staffel 3 ist da schon noch weniger fassbar, da dort auf aktuelle Themen Bezug genommen wird und es ins Fargo-Universum gepresst wird, aber dennoch auf seine eigene Art großartig. Und dann ist da noch Staffel 4…

Trailer zu Fargo

Eben diese Staffel werde ich jetzt besprechen, wie andernorts auch schon angekündigt als der vorläufige Abschluss meiner rassismusthematisierten Reviews, und ich hoffe hier ein besseres Review abzuliefern als noch beim sehr diffusen Review zu Antebellum.

Also dann…

Noah Hawleys Fargo hat sich schon seit jeher als Anthologie-Serie angesehen, die die Werke der Coens mehr zelebriert und würdigt als eine dreiste „Wir machen ständig einen auf Fargo“-Serie. So hat sich immer wieder das Setting verändert, die Charaktere, und auch die Konstellationen. So wurden immer wieder wiederkehrende Motive aus Filmen der Coens bedient und dekonstruiert, so wie zum Beispiel die skurillen Figuren, deren tief vergrabenen dunkle Seiten und auch teilweise nur das Andeuten derer sowie immer wieder die eruptive Gewalt, welche niemals wirklich als Lösung eines Konflikts zu helfen in der Lage war. So ist Billy Bob Thorntons Bösewicht in Staffel 1 auch ein absoluter Überbösewicht, der in einer späteren „normaleren“ Staffel wohl auch locker überlebt hätte, da das den Symbolcharakter der Figur verstärkt hätte. So wie es zum Beispiel dem Bösewicht aus Staffel 3 gelingt.

Mit zunehmender Anzahl an Staffeln wurden sie auch immer weiter literarischer und kapitelmässiger unterteilt, dabei sowohl mit den Genregrenzen jonglierend, sie ausreizend als auch dekonstruierend. Von Anfang an wurde neben dem realistischen Setting aber immer wieder auch eine Metaebene bedient, die durch übernatürlichen Einflussfaktoren der Geschichte eine völlig neue Richtung gaben, ohne sie grundsätzlich zu verändern.

Staffel 3 war schon sehr ambitioniert, aber mit Staffel 4 versucht sich Fargo nun an einem Epos über Amerika, ungeschönt und ungeschminkt, aus der Perspektive der nicht weissen Gesellschaftsschicht Amerikas. Das ist derzeit der letzte Schrei, schliesslich hat dieses Anliegen derzeit jede Serie, die was auf sich hält breit vor sich ausgewälzt. Das war in Man in the High Castle in der letzten Staffel so, das war in Watchmen so, das ist in American Gods so, und das ist in zig weiteren Serien und Miniserien so. Damit hat es sich ja nicht mal, das Thema Schwarz ist auch derzeit im Filmgeschäft allgegenwärtig, sei es Blakkklansman, sei es Green Book, sei es Moonlight, sei es Detroit, ja sei es Black Panther, sei es get Out, sei es Wir; die Liste lässt sich auch hier beliebig fortführen. Und es ist jedes Mal interessant, die verschiedenen Blickwinkel dazu führen allesamt erst zusammengenommen dazu, dass man sich ein kompletteres komplexeres Bild schafft. Und es gibt dann auch noch den Umstand, dass derzeit tatsächlich qualitativ und inahltlich unterschiedliche Werke bei rum kommen, wenn es beispielsweise von einem schwarzen Filmemacher konzipiert ist oder wenn es von einem weissen Filmemacher konzipiert ist, denn egal wie sehr man versucht, die Sichtweise des anderen auf Zelluloid zu bannen, irgendwie fehlt ein kleines Mosaiksteinchen immer, damit es authentischer wird. So ist sowohl Detroit zwar ein gut gemeinter Versuch als auch Watchmen, da in beiden Fällen die weissen Filmemacher nicht ganz die richtigen Schlüsse zu ziehen in der Lage sind: Während in Detroit die einzige Lösung die Radikalisierung des Schwarzen zu sein scheint, wird in Watchmen zwar der Übergott zum Schwarzen gemacht, aber um es plump auf den Punkt zu bringen: Der Typ wird zu einem schwanzgesteuerten Idioten, der sich töten lässt von ein paar nicht näher definierten Rassisten, und die Lösung des Problems wird dann natürlich doch von einem alten weissen Mann herbei geführt. Da hat wohl einer trotz der ganzen hippen und zeitgemässen Folgen mit der obligaten Wut und dem wirklich erzählungswürdigen Thema vorher seine Hausaufgaben nicht ganz bis zum Schluss gemacht oder durchgehalten.

Und nun haben wir mit Hawley wieder einen weissen Filmemacher, der sich dem Thema Rassismus annähert, und wieder einen anderen Blickwinkel andeutet.

Und tatsächlich kommt diese Staffel in den ganzen sozialen (ja genau!) Medien nicht sonderlich gut weg, weder bei imdb, noch bei RT oder bei metacritic. Die professionellen Kritiken sind zwar noch moderat überragend, aber die normalen Zuschauer lehnen die Staffel größtenteils ab. Wenn man sich mal die Mühe (etwa 10 Minuten „Recherche“) macht, ist der grundlegende Tenor, dass sich irgendwie jeder komischerweise auf die Füsse getreten fühlt: Die Italiener werden karikiert, die Iren verteufelt, die Schwarzen (je nach Zugehörigkeit und Lesart) entweder in einen Gott-Status erhoben oder als niedere Arbeiter gedemütigt, und der Komiker Chris Rock kann natürlich keine solche Serie wie Fargo tragen. Das alles ist so schlecht aufgebaut, und gar kein Vergleich zu den Staffeln vorher. Das ist doch kein Fargo. Nur weil der Typ jetzt verspätet auf den PC Zug aufspringt, beraubt er die Serie ihrer Seele. Buh!

Tja, die Geschichten der Coens haben schon immer von karikierten Figuren gelebt, so auch hier, also daran liegt es nicht. Die Klischees werden aufegfahren, um die Geschichte zu erzählen, nicht die Figuren zu denunzieren. Das ist ein Unterschied zu anderen Werken anderer Leute, die Figuren nur karikieren, um sie der Lächerlichkeit preis zu geben. Eine watschelnde naseweisse Krankenschwester (übrigens weiss), die den Rand der Karikatur ebenso überschreitet, wird dann natürlich auch nicht kritisiert, da sich hier irgendwelche Gruppierungen wunder oh wunder nun eben nicht auf den Schlips getreten fühlen. PC bedeutet eben nicht, dass nur Randgruppen korrekt behandelt werden müssen, sondern alle, und eine Geschichte, die Americana sein will und über Üertreibung der Charaktere seine Geschichte erzählen will, wird jegliche Gruppierung karikieren dürfen. Und genau das tut diese Staffel: Die Weissen bekommen ihr Fett weg, die Schwarzen, und die dazwischen oder daneben. Da macht die Serie zum Glück keinen Unterschied. Wenn die Italiener die Schwarzen als Affen ansehen, dann sieht der weisse Mann den Italiener als Dreck an, und ist dabei eiegntlich die verabscheungswürdigste der Figuren. Ein Timothy Olyphant beispielsweise, spätestens seit Justified auf coole Rollen abonniert, ist cool, keine Frage, aber er ist auch ganz klar einer der größten Rassisten der gesamten Staffel, was auch eine ganz klare Meta-Ansage in Richtung reaktionäres Action-Kino ist.

Wenn in einer der ersten Szenen Chris Rock was davon erzählt, dass er genug davon hat, dass seine Leute es leid sind, immer noch Knie auf ihrem Nacken zu spüren, die sie davon abhalten, sich zu entfalten oder richtig zu leben, dann ist das schonmal sehr deutlich. Wenn am Ende aber der Mafioso sagt: „Du gehörst mir, und das wird immer so sein!“ Dann ist das einerseits sowohl immer noch rassistisch konnotiert, aber gleichzeitig ein uramerikanischer kapitalistischer Satz, der deutlich mehr Aussagekraft hat als nur den rassistischen. Dies wird auch gerade dadurch bestärkt, dass dies aus dem Mund des Mannes kommt, der gerade trotz der ganzen Umstände Respekt für den anderen bereit hält und nur nach geschäftlichen Prinzipien vorgeht und dabei auch nicht davor zurück schreckt, die eigenen veralteten Strukturen zu sprengen.

Und genau das ist der Anspruch, den Hawley hier fährt: Er erzählt seine Americana und Rassismus und Unterdrückung ist und war immer schon Teil dieses Landes. Rassismus und Unterdrückung jeglicher Art. Und es ist der schlechte Mensch per se, der daran nichts ändern wird.

Hierfür fährt Hawley ganz große Geschütze auf, er nimmt sich ausladend viel Zeit, seine Kernthematiken und sein immenses Figurenarsenal zu entwickeln bevor er das Kartenhaus implodieren lässt.

Das ist bisweilen sperrig, spleenig und sogar grotesk und kann verschreckend wirken, aber es ist genauso gut richtig gross. Und es hält den leuten eben den Spiegel vor, hier ist es nun nicht mehr: „Haha, schau dir die Sonderlinge da an, wie die alle vorgeführt werden.“ Diesmal ist es: „Hee, sowas kenne ich auch, moment mal, das ist jetzt aber nicht lustig!“

Fargo war noch nie als lustig konzipiert, immer ging es darum eine ganze, große Story zu erzählen, wo der Mensch des Menschen Wolf ist (Kongenial in einer Folge bei Staffel 3 auf den Punkt gebracht), und das eine Minderheit von guten Menschen trotzdem die Fahne hoch halten, zumindest versuchen. Staffel 4 zerstört dies nun komplett, jeder Versuch, was Gutes zu tun, wird unterlaufen und führt zwangsläufig nur zum Überleben auf egal welche Art.

Das System kann man als kleines Licht nicht ändern, man kann aber für sich selbst und seine Liebsten versuchen, das Beste daraus zu machen.

Das ist leider gar nicht mehr so optimistisch wie noch Staffel 2 beispielsweise endete und trotzdem oder gerade deswegen so grossartig war. Das ist schwere literarische Kost, mit einem Silberstreif ganz weit hinten am Horizont.

Ja, die vierte Staffel behandelt und verhandelt Rassismus, aber nicht einseitig sondern analytisch und auf das grosse Ganze bedacht. Insofern ist es auch richtig, dass er nicht nur die schwarze Sichtweise bedient, sondern alle, auch die, die dazwischen hängt, wie eben die Ich-Erzählerin, die immer zwischen den Stühlen sitzen wird, und dennoch weit kommen dürfte. Vielleicht ist das der positive Schlussatz?

10 Punkte (auch diese Staffel, aber aufgepasst, worauf ihr euch einlasst!)

Fargo Bewertung
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1010
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MobyDick : : Moviejones-Fan
03.02.2021 12:53 Uhr
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Dabei seit: 29.10.13 | Posts: 5.960 | Reviews: 138 | Hüte: 441

Neben The Wire wahrscheinlich die beste US Serie aller Zeiten!

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