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Lawrence von Arabien

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Der Ewige Lawrence

Lawrence von Arabien Kritik

Lawrence von Arabien Kritik
3 Kommentare - 05.08.2019 von MobyDick
In dieser Userkritik verrät euch MobyDick, wie gut "Lawrence von Arabien" ist.

Bewertung: 5 / 5

Angespornt von Tiins wirklich lesenswerter Kritik zu „Lawrence von Arabien“ und nach Rücksprache mit ihm hier nun nachfolgend meine Kritik zu diesem Meisterwerk. Vorher nur kurz nochmal der Tipp von mir: Lest unbedingt Tiins Kritik – egal ob vorher oder nachher – aber lest sie. Sie geht anders ins Detail als ich und ich denke es gibt kein richtig oder falsch in diesem Fall.

Und nachdem das jetzt aus dem Weg ist, kommt hier nun die einzig richtige Kritik (Scherz!) zu diesem Mammut von Film.

David Lean ist einer jener übergroßen Regisseure, die zwar ganz wenige Filme gedreht haben, wo aber so ziemlich jeder dieser Filme mindestens meisterhaft sind. Und obwohl einige seiner Filme auch wirklich als absolute Klassiker angesehen werden, so erfährt Meister Lean dennoch gefühlt weitaus weniger Wertschätzung als er verdienen würde. (So auch hier auf Moviejones: Wenn man zum Zeitpunkt dieser Kritik die Datenbank nach Leans Werken durchforstet, fehlen ganz elementare Werke in seinem Schaffen wie zB Oliver Twist oder Ryans Tochter)

Neben „Die Brücke am Kwai“ und „Dr Schiwago“ gilt Lawrence von Arabien als sein bekanntester und unter Umständen sogar bester Film.

Auf den ersten Blick wird die Geschichte eines abenteuerlustigen britischen Offiziers erzählt, der die nordafrikanische Geschichte prägen wird und ihnen helfen wird, die Türken zu besiegen. Auf den ersten Blick haben wir eine glorifizierende Heldengeschichte – ein Epos, in dem die Rollen klar verteilt sind, eine typische – wie man heute verächtlich sagen würde – „White Savior Story“.

Und das alles auf ausgedehnte 4 Stunden. Und das alles ohne eine einzige Frau, nur Männer. Also nicht einmal der typische Sex and Sleaze in so einem typischen 1960er Abenteuerepos.

Doch das ist alles nur die Oberfläche. Was Lean mit Lawrence von Arabien abliefert, ist der Prototyp und die Perfektionierung des modernen Kinos. Er ist quasi die Blaupause dessen, wofür der Begriff Kinofilm steht. Und zwar aus mehrere Hinsicht.

Die Verfilmung an sich, sprich die Kamera-Arbeit, der Schnitt, die Belichtung, ist vom Allerfeinsten. Jede Einstellung hat ihren tieferen Sinn. Die Dialoge sind allesamt ausgefeilt, und David Lean hat den Anspruch, auch in solch einem Film, irgendwann einen Halbsatz fallen zu lassen, und etwa 173 Minuten später darauf zurück zu kommen und der Zuschauer wird trotzdem sofort verstehen, auf was hier gerade angespielt wird. Das ist erzähltechnisch ganz großes Kino und es ist sozusagen trotz der üppigen Laufzeit kein Gramm Fett an diesem Film (abgesehen vielleicht von der musikalischen Untermalung bei der Intermission, der Ouverture usw).

Handlungstechnisch wird der Film auch so voran getrieben wie ein typischer guter Roman: Es wird erst mal eine Grundprämisse leicht locker etabliert, der Zuschauer wird in eine gewisse Sicherheit gewogen, glaubt einen typischen Abenteuerfilm vorgesetzt zu bekommen, doch in etwa zur Mitte des Films gibt es diesen Bruch im Film, der dem Zuschauer den Boden ein bißchen unter den Füßen wegzieht und die Karten anscheinend komplett neu mischt. Ab dann ist der Film ungleich düsterer, aber der Film ist dennoch organisch und aus einem Guss. So in dieser Art kann ich mich auf Anhieb nur an zwei Filme erinnern, die das so perfekt hingekriegt haben wie Lawrence von Arabien: „Ein Fall für Harper“ aus 1966, das aus einer lockeren Krimikomödie unmerklich einen astreinen und perfiden Film Noir macht, und natürlich „Matrix“, ab dem Moment von Neo die Pille schluckt. In Lawrence von Arabien hingegen haben wir gewisse Tendenzen von Anfang an vor Augen, aber wir verschliessen gerne unsere Augen davor, da wir nicht darüber nachdenken, dass es zum großen und ganzen Narrativ gehören könnte. Lawrence hat von Anfang an gewisse sado-masochistische Neigungen, die er allerdings noch halbwegs im Zaum halten kann. Ab dem Moment, wo er jedoch zum größeren Wohl eine gewisse Tat begehen will (muss) und sich dessen bewusst wird, dass es ihm gefällt, und ihn das so fürchterlich erschrickt. DAS ist der Wendepunkt. Denn ab hier haben wir eben keinen astreinen Abenteuerfilm mehr vor uns. Hier greift plötzlich alles ineinander, was so zaghaft über Stunden aufgebaut wurde.

Lawrence wird von einem Moment auf den anderen einerseits humanisiert, andererseits mythisch überhöht, und letztlich von einem kolossalen Anführer zu einem Getreidekorn in einem gnadenlosen Mühlwerk der Weltpolitik. Alleine diese Ambivalenz des Charakters mit den politischen Feinheiten eines zerstrittenen arabischen Raumes und ihres Unabhängigkeitskampfes zu vereinen, ist schon ganz große Kunst.

Aber dabei belässt es Lean ja nicht, er verdichtet die Charaktere in solch einem engen Spinnennetz und setzt damit dort an, wo das intelligente Monumentalhollywood der Jahre zuvor heimlich hingesteuert hatte: Die unterschwellige Homoerotik der harten Männer. Hier geht Lean mit seinem Lawrence von Arabien den einen Schritt weiter, den die ganzen Produktionen vorher eben nie ganz wagten (sei es Ben Hur, sei es Spartacus, sei es die Katze auf dem Heissen Blechdach – zugegeben letzterer kein Monumentalfilm im klassischen Sinne). Und hier geht es nicht nur darum, was Lawrence widerfährt, sondern vor allem darum, WARUM es in diesem Film nicht eine Frau gibt, und vor allem, welche Rolle tatsächlich Omar Sharifs Charakter hier spielt. Da ist die Grenze zwischen Loyalität, Abscheu, Verehrung, Mitleid und Selbstaufopferung extrem fließend und für den Außenstehenden (in Form etwa eines Anthony Quinn) deutlicher als für die Figur, die in ihrer Emotionshölle gefangen ist.

Das macht diesen Film natürlich nicht zu einer Nummernrevue, nur um seine Figuren willkürlich zu verhunzen, sondern fügt sich alles sehr harmonisch in ein großes Bild jener Zeit ein und den Figuren wird immer genügend Raum zur Entfaltung gegeben, alle Darsteller füllen ihre Rollen bravourös aus, den Umständen entsprechend versteht sich, und es wird weitestgehend versucht, auf ein Whitewashing zu verzichten, natürlich im Rahmen der zeitlich gegebenen Möglichkeiten. Lean konnte wohl nicht wirklich umhin, einen Alec Guiness in der Rolle eines BeduinenFürsten zu besetzen, aber ansonsten achtet er schon sehr stark darauf. So trumpfen vor allem ein Omar Sharif und ein Anthony Quinn (trotz mexikanischer Herkunft durchaus passabel besetzt) mit ihrem natürlichen Charisma großartig auf. Aber über allem thront ein Peter O’Toole, der hier eine Jahrhundertperformance an den Tag legt. Selten war ein Darsteller so gut und überragend wie O’Toole hier (hier fällt mir höchstens der junge Pacino in Der Pate 2 ein) und er reisst den kompletten Film mit seiner nuancierten, immer unsicherer und verloreneren Performance an sich. Sein Taumeln an die seelische Apokalypse ist eine Qual mit anzusehen und gerade deshalb so eine Wonne. Wenn es eines Remakes bedürfte – heutzutage ist den Leuten ja nichts mehr heilig! – dann könnte ich mir Stand jetzt nur Tilda Swinton als adäquaten Ersatz für diesen recht androgyn wirkenden weißfleischigen Lawrence vorstellen.

Getragen wird der Film einerseits von der erhabenen Musik von Maurice Jarre. Ganz ehrlich, dass es heutzutage keine wirkliche Film- M-U-S-I-K mehr gibt, sondern nur noch Soundtracks ist eines der schlechtesten Entwicklungen des Blockbusterkinos. Wer einmal die Musik von Jarre, Morricone, Conti, Schiffrin gehört hat und wer dann heute Zimmer, Giacchino und wie sie alle heissen hört, merkt sicherlich den Unterschied. Oder aber ich werde/ bin alt?

Und andererseits natürlich von den super erlesenen Bildern, die in 70mm eingefangen sind und die Wüsten-Panorama-Einstellungen auf ein neues Mass heben. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass dieser Film in dieser Art auf der ganz großen Leinwand gesehen werden muss. Und es ist im gleichen Atemzug unbedingt notwendig zu erwähnen, dass so ziemlich jeder große Regisseur jener Zeit sich bei Lean bedient hat. Die berühmte Szene beispielsweise, in der Sharif von einem winzigen Punkt auf der Leinwand zu einem ausgewachsenen Mann auf seinem Reittier wird, wurde mindestens einmal von Leone zitiert und danach unzählige Male indirekt von jedem Möchtegern.

Um es also nicht unnötig in die Länge zu ziehen, noch ein Wort zur Lauflänge des Filmes. Mit 4 Stunden ist das natürlich auf den ersten Blick eine kolossale Laufzeit und eigentlich nicht rechtfertigbar für die Länge eines Kinofilmes. Vor allem auch mit der immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspanne des Publikums. Aber zum einen stimmt das nur bedingt: Die heutigen Kinofilme werden gefühlt auch immer länger (mit durchaus weniger Inhalt versteht sich), aber es gibt da immer noch den Unterschied zwischen 2,5 Std und 4 Std, das ist klar. Und selbst eine Intermission ist da nicht immer ganz hilfreich, da 4 Std mit Pause und Werbung locker mal die 5 Std knacken kann. Aber das ist eher ein tatsächliches Zeitproblem und weniger eines der Aufmerksamkeit des Zuschauers. In einer Zeit, wo Leute sich 6 Staffeln ansehen, wie ein Tony Soprano zum Psychiater geht und nichts dazulernt; eine ganze Folge lang beobachten wie ein Walter White eine Fliege jagt, wo ein Jon Hamm mehrere Staffeln lang kettenrauchend, nichtstuend seelisch vor die Hunde geht, sind 4 Stunden für so ein Juwel von Film eben nicht zu lang. Und sie überfordern auch kein Publikum. Ganz und gar nicht. Man muss sich halt statt 10 Stunden Jessica Jones anzuschauen mal 4 Stunden T.E. Lawrence anschauen – und hat dann deutlich mehr davon. Hier ist alles pickepallevoll ohne Leerlauf, und das dann auch noch auf dem höchsten technischen Stand seiner Zeit.

Das ist ein beeindruckendes Werk, das für mich jahrelang als bester jemals gedrehter Film durchging. Und auch heute noch würde ich ihn jederzeit zu den besten 5 Filmen aller Zeiten zählen – trotz Lauflänge, trotz fehlender Frauen, trotz Alec Guinness. Wegen Leans Können, wegen dem intelligenten Drehbuch, wegen der überragenden Inszenierung (ein Geniestreich zum Beispiel der Einstieg in den Film und dann alles andere als Rückblende, sowas darf nicht unerwähnt bleiben), wegen Sharif, wegen Jarre, und vor allem wegen O’Toole – dem Ewigen Lawrence!

Und noch ein letztes Wort zu David Lean: Der Mann ist auf alle Fälle eine kleine Filmretrospektive wert, und man sollte sich in dem Zusammenhang auch mal seine Spätwerke wie Ryans Tochter und Die Reise nach Indien zu Gemüte führen. Sehr gute und intelligente Kost, auf vielen Ebenen, nur halt a bisserl Sitzfleich nötig. Insgesamt würde ich sagen, dass Lawrence von Arabien zusammen mit Dr Schiwago sein bester Film ist, die deutlich mehr Gemeinsamkeiten haben als man ahnen würde, aber das ist ein völlig anderer Aufsatz ;-)

10 Punkte

Lawrence von Arabien Bewertung
Bewertung des Films
1010
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3 Kommentare
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MobyDick : : Moviejones-Fan
06.08.2019 09:49 Uhr
0
Dabei seit: 29.10.13 | Posts: 4.890 | Reviews: 79 | Hüte: 328

TiiN

Danke erstmal für den Hut, den es auch gleich zurück bei deiner Kritik geben wird :-)

Tatsächlich hat er doch einige Filme mehr gedreht als ich es auch in Erinnerung hatte, was auch wohl daarn liegt, dass ich hauptsächlich sein Werk ab Kwai kenne und da ist es ja wirklich überschaubar. Ich denke, den einen oder anderen davon werde ich mir glaube ich mal geben. Und wenn man sich anschaut was für Genres er alles bedient hat, scheint er ja ziemlich überall mal was gemacht zu haben.

Die Ouverture und Intermission stören mich nicht im Geringsten, ich wollte sie dennoch erwähnen, da sie ja doch ein bißchen dazu beitragen, den Film noch etwas länger zu machen, also quasi nur als Hinweis zu verstehen.

Wie gesagt, ich finde die Motorradszene gar nicht so unpassend wie du, aber das ist glaube ich auch nur Haarspalterei wink

Nochmal kurz zu Schiwago: Der ist ähnlich ausufernd, ähnlich intellektuell, aber vom Grundtenor komplett anders (alleine dadurch dass der Protagonist eben passiver ist und einen ganz anderen Lebensweg führt) und ebenso überragend. Ich wüßte nicht, welchen Film ich besser finde, muss aber alleine auf Grund der Machart glaube ich Lawrence vorne sehen. Aber 10 Punkte bekommt der auch von mir wink

Dünyayi Kurtaran Adam
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TiiN : : Goldkerlchen 2019
05.08.2019 17:58 Uhr
0
Dabei seit: 01.12.13 | Posts: 4.958 | Reviews: 118 | Hüte: 217

Danke MobyDick, dass du dich wirklich hingesetzt und diese Kritik geschrieben hast. Sie bringt sehr gut deine Leidenschaft zu diesem Werk rüber. smile
Dir scheinen die Ouvertüre und Intermission weniger Freude zu bereiten? Ich muss sagen, ich fand beides gut und passend - die Ouvertüre als Einstimmung darauf, dass man sich vier Stunden auf etwas einlassen möchte ... und die Intermission um die vielen Inhalte zur Hälfte einfach mal sacken zu lassen.

Der Kniff mit dem Anfang und der Nacherzählung des gesamten Films hat mir auch gut gefallen, trotzdem bleibe ich dabei, dass das Motorradunglück verglichen zum Rest des Films doch sehr hölzern daher kommt.

David Lean ist einer jener übergroßen Regisseure, die zwar ganz wenige Filme gedreht haben, wo aber so ziemlich jeder dieser Filme mindestens meisterhaft sind.

So wenig sind das gar nicht, in seiner Filmografie komme ich auf 18 Regie-Arbeiten. smile

Bislang habe ich nur Die Brücke am Kwai und Lawrene von Arabien gesehen... als nächstes sollen mal Doktor Schiwago oder Oliver Twist rankommen.

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MobyDick : : Moviejones-Fan
05.08.2019 12:53 Uhr
1
Dabei seit: 29.10.13 | Posts: 4.890 | Reviews: 79 | Hüte: 328

Wie versprochen hier meine Kritik :-)

Dünyayi Kurtaran Adam
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