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Shoah

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"I will give them an everlasting name"

Shoah Kritik

Shoah Kritik
7 Kommentare - 04.05.2022 von MB80
In dieser Userkritik verrät euch MB80, wie gut "Shoah" ist.

Claude Lanzmann’s 566 Minuten lange Dokumentation über den Holocaust ist auf mehreren Ebenen monströs, von Aufwand und Filmlänge her, und natürlich vom Thema. 11 Jahre verbrachte Lanzmann von 1974 bis 1985, um die Tatorte und Schauplätze zu filmen, und Zeitzeugen, Opfer sowie Täter, zu befragen. Das Ergebnis ist ein 9 ½ Stunden langer Film, der unglaublich viele Facetten dieses bitteren Kapitels abdeckt. Der absolut hypnotisch ist, was bemerkenswert ist, da über die gesamte Dauer eigentlich nur Menschen reden. Und den man kaum in einer Sitzung durchsehen kann, sowohl von der Länge als auch von der emotionalen Belastung her.

Lanzmann bricht mit konventionellen Dokumentationen, indem er sich weigert Archivmaterial zu verwenden. Das gesamte Material stammt aus seinen Interviews und damals aktuellen Aufnahmen. Dadurch erreicht er etwas durchaus bemerkenswertes, eine quasi vollkommen authentische Wiedergabe durch die Menschen, die da waren. Interessanterweise wird dadurch die Aktualität des Ganzen, man muss bedenken zur Zeit der Aufarbeitung war der zweite Weltkrieg gerade drei Jahrzehnte vorbei, noch unterstrichen. Die ganze Geschichte, mit allen gruseligen Details, entfaltet sich quasi wie frisch aus der Quelle vor einem. Die Interpretation überlässt er dankbarerweise komplett den Zuschauer:innen.

Thematisch gibt sich der Film alle Mühe, wirklich alles abzudecken, aber im Kern fokussiert er sich auf einige Hauptthemen. Der Aufbau der Vernichtungslager im Osten, und die Vorbereitung der Abtransporte. Die Logistik der Transporte und die Abläufe in den Lagern. Zuständigkeiten, und wer an welcher Stelle was wusste (oder hätte wissen können/müssen). Das Leben im Ghetto sowie der Aufstand im Warschauer Ghetto, sowie die gescheiterte Revolte in Auschwitz selbst. Das Bild der Opfer und Täter voneinander. Lanzmann findet dabei seinen eigenen Rhythmus, und balanciert seine audiovisuellen Kompositionen geschickt. Viele Zeugenberichte werden so von langen Kamerafahrten durch die zerstörten Gänge der alten Baracken und Krematorien begleitet, was einen absolut fesselnden, verstörenden Eindruck hinterlässt. Auf der anderen Seite unterbricht er bestimmte Interviews nicht, auch wenn seine Gesprächspartner (und -Partnerinnen) unter der Last der Erinnerung fast kollabieren. Manchmal sagt ein Gesichtsausdruck, oder eben was man nicht in Worte fassen kann, am meisten aus. Roger Ebert hat in seiner Review hier ein Interview hervorgehoben, ich persönlich fand die Reaktion von Jan Karski am schockierendsten. Karski, der aussieht wie der Inbegriff eines gut gealterten Gentlemans, erklärt noch ausdrücklich, dass er für das Interview bereit ist, nur um beim Gedanken an seinen ersten Satz in Tränen auszubrechen und das Zimmer schnell zu verlassen (Lanzmann wird ihm mit dem Film The Karski Report noch eine eigene Dokumentation widmen, letztendlich hatte er bis zu 9 Stunden Interviewmaterial mit ihm).

Lanzmann ist unnachgiebig, bei allen. Wenn die Opfer nicht mehr können, fragt er weiter. „We have to do it. You know it.“ Auch bei den Tätern lässt er nicht locker. Er bohrt unnachgiebig, ohne Worte in den Mund zu legen oder ausfällig zu werden. Ob es nicht seltsam sei, dass ein deutsches Dezernat für die angebliche „Erhaltung“ des Ghettos verantwortlich war, während die Menschen dort auf der Straße sterben? „Ein Paradoxon.“ Ja, aber was heißt das? Lanzmann schält und legt dabei ein ganz essenzielles Problem der damaligen (hoffentlich) deutschen Gesellschaft offen: eine schockierende Zivilfeigheit und Obrigkeitshörigkeit. Auf die Frage an eine deutsche Siedlerin, warum sie denn nie versucht hat, die Häftlinge in Ketten einfach einmal anzusprechen, gibt diese zu, dass es zwar dafür kein Verbot gab, aber man habe sich halt nicht getraut. Vorauseilender Gehorsam, einer der Pfeiler, auf die die Nazis ihren Terror aufbauen konnten. Man kann sich nicht dem Eindruck entziehen, dass die Kriegsgeneration auch hier eine große emotionale Kälte an den Tag legt. Doch auch in Polen führte der Film 1985 zu einem Skandal und durfte nur in einer geschnittenen Version gezeigt werden, da viele Interviews einen immer noch weitverbreiteten Antisemitismus in Polen, oft bei Interviews direkt neben den ehemaligen Konzentrationslagern, an den Tag legten.

Das faszinierende an dem Film ist letztendlich aber auch, dass er die Zuschauer:innen nicht einfach nur niederwalzt, sondern durchaus immer wieder den Wert der Menschlichkeit sowie des Überlebenswillens der Opfer betont. Und wenn es nur in dem Wert liegt, den ein Tagebuch hat, das den Krieg überlebt hat und etwas überliefert. Und nicht zuletzt endet der Film mit dem Aufstand im Warschauer Ghetto, und betont hier nochmal die Energie der Opfer, und differenziert dies von der blinden Passivität der (Mit-)Täter, die wie ein Block Blei über einigen Interviews hängt. Auf die Frage, warum er immer lächelt, sagt ein Überlebender nur: „Ich bin lebendig. Warum sollte man nicht lächeln.“ Das ist nur eine von vielen Weisheiten, die man aus diesem Film ziehen kann.

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7 Kommentare
MJ-Pat
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MB80 : : Cheddar Goblin
09.05.2022 09:45 Uhr
0
Dabei seit: 01.06.18 | Posts: 2.299 | Reviews: 41 | Hüte: 212

MobyDick:

Holla, das ist aber mal echt hohes Lob, muss ich natürlich abstreiten, aber danke fürs Lesen, Lob und Hut (dito an Bartacuda, wie ich gerade gesehen habe).

Zum Bekanntheitsgrad und Spielberg, ich denke zum einen ist Spielbergs Film neuer und vor allem in einer konfortableren Länge und Format. Ich finde den ja gelungen, aber ich kann mir auch vorstellen, dass viele Leute sich dann leichter für die "happy end" (wenn man es so nennen darf) Version von Holocaust zu entscheiden. Und ich höre schon wieder die Terry Gilliam Anhänger mit den Füssen scharren ;)

Dam ARTE Hinweis muss ich mal nach gehen, habe aber immer wieder gelesen dass es echt gute Gründe gibt, warum der Film verschollen ist.

“...and the stronger the fear of boredom, the louder the music."

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MobyDick : : Moviejones-Fan
07.05.2022 18:31 Uhr
0
Dabei seit: 29.10.13 | Posts: 6.617 | Reviews: 190 | Hüte: 526

Das ist die mit Abstand am besten geschriebene Kritik hier auf MJ, Hut dafür smile

Zum Bekanntheitsgrad, ich persönlich habe ein bisschen das Gefühl, dass mittlerweile eher Spielberg mit dem Titel identifiziert wird, weil er nach Schindlers Liste ja diese Stiftung gründete...

Aber ja, wer sich ein bisschen mit diesem Thema beschäftigt, kommt an diesem Werk nicht herum.

(Es gibt da übrigens - ich glaube von Arte - eine recht sehenswerte Doku über Jerry Lewis verschollenen Film zum selben Thema. nur für die, die es interessiert ;) )

Dünyayi Kurtaran Adam
MJ-Pat
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MB80 : : Cheddar Goblin
07.05.2022 12:04 Uhr
0
Dabei seit: 01.06.18 | Posts: 2.299 | Reviews: 41 | Hüte: 212

Mj-AndreSeifferth:

Hui, danke für die lieben Worte und den Ehrenhut. Freut mich vor allem, dass sich doch ein paar Leute mit dem Film beschäftigt haben, ich habe das Gefühl er ist ein wenig in Vergessenheit geraten, außer man geht eben einige Best-of Listen von Kritikern durch. Völlig zu Unrecht finde ich, auch als jemand, der schon diverse Dokus zu dem Thema gesehen hat, fand ich diesen Film wirklich nochmal besonders und unfassbar detailliert und authentisch.

"Lanzmanns Arbeit zeigt zumindest, dass technische Hilfsmittel nicht nur der Zerstörung dienen können, sondern auch um nachhaltige Sichtbarkeit zu gewährleisten und Menschen einen geschützten Raum für ihre Gedanken und Erinnerungen zu bieten."

Das ist ein interessanter Gedanke, besonders mit Blick auf die als Stilmittel eingesetzten Zugfahrten. Heute bringen die Güter durch das Land und Lanzmann zu den Drehorten, aber was er auch implizieren möchte ist auch klar. Da deutet er schon diesen Missbrauch der Technik zum Massenmord an.

Dem zweiten Teil des Satzes müsste ich sogar teilweise widersprechen, da die Täter ja gezielt geheim gefilmt wurden, auch wenn ihnen etwas anderes versprochen wurde. Da die Opfer aber auch mit Lügen gefügig gemacht wurden ist das eine Entscheidung, die ich emotional und moralisch nur gut heißen kann. Die Nachwelt soll schon wissen, wer das zu verantworten hat, und wie die versucht haben sich raus zu reden.

“...and the stronger the fear of boredom, the louder the music."

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MJ-AndreSeifferth : : Moviejones-Fan
06.05.2022 15:40 Uhr
0
Dabei seit: 05.01.22 | Posts: 55 | Reviews: 0 | Hüte: 3

@MB80

Die Redaktion dankt von ganzem Herzen für deinen unglaublich wertvollen und eloquent geschriebenen Beitrag! cool Du bekommst einen Ehrenhut von uns surprised

Persönlich wüsste ich nicht, wo man bei dieser unvergleichlichen Aufarbeitung der Begebenheiten anfangenen soll. Hier ergeben sich dermaßen viele Fallstricke, dass es unmöglich scheint, Claude Lanzmanns Werk gerecht zu werden. Ich finde es bemerkenswert, dass dir das mit einem unheimlichen Blick für zahlreiche wesentliche Details gelungen ist!

Es ist schön, dass du die Zeit gefunden hast, um dieses Mammutwerk zu einem der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte zu sichten und dass du deine Eindrücke hier auf MJ teilst. Dadurch werden auch andere Menschen auf diese Dokumentation aufmerksam und sie gerät, genau wie die Zeitzeugen, hoffentlich nie in Vergessenheit.

Mich fasziniert der Gedanke, dass es Menschen gibt, die sich künstlerisch damit auseinandersetzen und aus den gebündelten Grausamkeiten imstande sind, etwas Bleibendes zu kreieren und nicht die Augen vor der Vergangenheit verschließen. Natürlich wäre es schöner, wenn sich diese "Verbrechen gegen die Menschheit" (siehe Hannah Arendt) niemals zugetragen hätten. Lanzmanns Arbeit zeigt zumindest, dass technische Hilfsmittel nicht nur der Zerstörung dienen können, sondern auch um nachhaltige Sichtbarkeit zu gewährleisten und Menschen einen geschützten Raum für ihre Gedanken und Erinnerungen zu bieten. Ich finde, dass das ein zentraler Punkt der Dokumentation ist, der implizit durch die Realisierung von Shoah mitschwingt. Diesen Gedanken von Filmmaterial als ein demokratisches Medium finde ich tröstend, wenngleich dieses natürlich auch ebenso leicht für propagandistische Zwecke instrumentalisiert werden kann bzw. wurde.

MJ-Pat
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MB80 : : Cheddar Goblin
06.05.2022 14:26 Uhr
0
Dabei seit: 01.06.18 | Posts: 2.299 | Reviews: 41 | Hüte: 212

eli4s:

Danke fürs Lesen und Feedback. Der Film stand tatsächlich ne Weile bei mir im Regal, weil es eben so ein Klotz ist und man die Zeit erst mal haben muss... Aber ich bin da ganz bei dir, und es lohnt sich auch ihn episodenhaft zu sehen. Gerade diese unheimlich persönliche Komponente habt ihn von anderen Dokumentationen ab.

“...and the stronger the fear of boredom, the louder the music."

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eli4s : : Moviejones-Fan
04.05.2022 19:38 Uhr
0
Dabei seit: 22.02.12 | Posts: 2.614 | Reviews: 31 | Hüte: 107

Sehr schön beschrieben. Die Wichtigkeit dieses Zeitdokuments kann man nicht genug unterstreichen. Gerade da in den nächsten Jahren wohl die letzten Überlebenden auch langsam altersbedingt verschwinden werden...

MJ-Pat
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MB80 : : Cheddar Goblin
04.05.2022 15:46 Uhr | Editiert am 04.05.2022 - 15:46 Uhr
3
Dabei seit: 01.06.18 | Posts: 2.299 | Reviews: 41 | Hüte: 212

Ich vermute, das ist eine Möglichkeit, die Quarantäne rum zu bekommen...

Wie bei so vielen älterne Filmen inzwischen lässt sich dieser übrigens auch in guter Qualität auf Youtube streamen:

Shoah 1985 | Part 1 [ENGLISH SUBTITLES]

“...and the stronger the fear of boredom, the louder the music."

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