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Uhrwerk Orange

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Uhrwerk Orange Kritik

Uhrwerk Orange Kritik

Uhrwerk Orange Kritik
0 Kommentare - 07.07.2024 von ProfessorX
In dieser Userkritik verrät euch ProfessorX, wie gut "Uhrwerk Orange" ist.

Bewertung: 5 / 5

London, in einer nicht näher definierten Zukunft. Alex (Malcolm McDowell) ist der Anführer einer radikalen Jugendgang. Die Gruppe begeht Gewalttaten über Vergewaltigungen und Einbrüche, bis hin zu Mord. Eines Tages wird Alex von der Polizei gefasst und in ein Gefängnis verfrachtet. Zwei Jahre später wird er an einem von der Regierung initiierten Projekt zur Aversionstherapie teilnehmen. Es dauert zwei Wochen und nach diesen Wochen ist Alex nicht mehr der gleiche.

Große Töne werden angespielt, wenn Beethoven in einem Film Platz findet. Es hat ja gerne etwas Pseudointellektuelles, wenn man sich mit Klassik befasst und dann davon redet, welcher Komponist denn der Liebling ist. Hier ist das anders, denn Kubrick ist vieles, aber sicher nicht pseudointellektuell, wie auch sein Werk hier unterstreicht. Es gibt kaum einen guten Satz, kaum einen Zugang, der dem gerecht würde, was Uhrwerk Orange letzten Endes für ein Film ist. Klar, man kann damit anfangen und erklären, wie schön doch der Plot von A nach B geht und dann letzten Endes in C mündet. Doch das ist keine geistreiche Erklärung, sondern schlicht die Beschreibung eines Zustands. Faszinierend ist, daß der Film eine Welt zeichnet, die irgendwie ein wenig unbeschrieben bleibt. Klar verhaftet in den späten 1960er Jahren, wirkt das Ambiente gerade aus heutiger Sicht schon futuristisch und retrofuturitisch dazu. Ob es nun diese, oder jene Zeiten sind, die hier bespielt werden, kann man nicht genau sagen. Doch das ist auch unerheblich und anderseits gut so, daß es eben nicht klar wird. Kubrick inszeniert hier einen filmgewordenen Universalismus, der zynisch eine Welt beschreibt, die nach Meinungen von Historikern ohnehin keine wirkliche Identität hat. Gemeint ist die Postmoderne und gezeigt werden zu Beginn soziale Ausreißer, die aus unerfindlichen Gründen in dieser Welt tun und lassen können, was sie wollen.

Ja, klar, später wird das noch wichtig. Doch es ist interessant zu sehen, wie lange die Gruppierung um Alex DeLarge, namens Droogs schalten und walten können, bis der Staatsapparat eingreift. Es ist eine Welt der Anarchie, in der die jungen, recht skurril gekleideten Männer einem Minimalfaschismus folgen. Denn Alex ist ihr unangefochtener Anführer und wird es auch so lange bleiben, bis sich jemand findet, der wortwörtlich stärker ist als er. Also tun sie eben das, was Alex möchte und gehen einer täglichen Routine nach. Sie klauen, stehlen, misshandeln und noch dazu vergewaltigen sie Frauen am laufenden Band. Es ist eine eigenartige Obsession und Gewaltspirale, an der man sich hier mithilfe der Klassik eben ergötzt. Das ist zumindest der Eindruck, den man gewinnen kann, wenn man ein sehr seichtes Gemüt hat. Geboren wird Alex nicht unter traumatischen Umständen und es ist auch anzuzweifeln, daß seine Freunde und Gefolgsleute tatsächlich psychisch irgendwie einen sogenannten postmodernen Background haben, der sie und ihn zu Opfern eines Systems macht. Darin steckt nämlich die eigentliche Radikalität von Kubricks Film. Er zeichnet Figuren, die grauenhaften Dinge tun und dafür zunächst keinerlei Strafen oder Belehrungen erhalten. Und dann kommt es unweigerlich zu einer Tat, die den Staat – je nach Deutung dessen – zum Handeln zwingt oder die Droogs auf der Bildfläche der Polizei erscheinen lässt.

Damit ist auch der erste Akt eigentlich abgehandelt und folglich beobachtet der Zuschauer eine ganz neue Welt und Situation. Dabei könnte man meinen, daß sich etwa ein Michael Cimino mit Die durch die Hölle gehen (1978) und Im Jahr des Drachen (1985) davon hat inspirieren lassen. Im weiteren Verlauf wird Alex auf relativ fragwürdige Arten und Weisen resozialisiert. Also das, was das liberale Amerika in unendlich vielen Filmen mit fragwürdigen und a-moralischen Figuren macht. Doch da ist Kubrick und da ist auch eben dadurch Uhrwerk Orange deutlich anders gehalten. Der aus einer exzentrischen Subkultur entstammende Alex verliert im Verlauf jener Szenen das, was ihn ausmacht. Er wird gefoltert, und zwar auf recht bestialische Weise. Dabei beobachtet man, wie diese Figur quasi dressiert wird, auf ein geregeltes Leben im Kapitalismus. Er soll sich anpassen und gleichgeschaltet werden. Hier jedenfalls werden diejenigen, die ohnehin keine Nähe zu Alex aufbauen können, eine äußert große Befriedigung empfinden können. Denn wie auch schon Mantarochen in SpongeBob Schwammkopf (seit 1999), stellt Alex zum Glück der Herren und Damen fest, daß es nun endlich „gut“ ist. Er ist gut geworden und sein Zorn, seine absurde Neigung zur Gewalt und eskapistischen Ausflüchte werden gebremst. Man kann es ungefähr mit einer Art unterdrückten Sexualität vergleichen. Wobei, je nach Mensch ist dieser Vergleich vielleicht etwas abgeschmackt.

Tja, und wie das eben so ist, wenn man resozialisiert wird, wird man irgendwann unweigerlich – je nach Staat – auch wieder in die Welt entlassen. Für Alex gelten nun die alten Regeln und Überlebensstrategien nicht mehr. Auf seinem Weg nach draußen, trifft er, wenn auch recht zufällig, hier und da mal Personen, denen er unsägliches Leid hinzugefügt hat. Und da die Welt, die Alex verlassen hat, sich danach auf ihn vorbereitet hat oder eben auf weitere wie ihn, kommt es unweigerlich zur erneuten Gewalt. Doch diesmal ist es eben nicht Alex, der Täter ist, sondern er ist das Opfer. Als Zuschauer ist es natürlich jetzt die moralische Frage, wie man das Leid empfindet. Wenn man einer einfachen Moral folgt und da Auge-um-Auge zentralisiert, dann wird man natürlich nur wenig Mitleid mit Alex empfinden können. Und ehrlich gesagt, ist das auch nicht gänzlich falsch. Doch was Kubrick dabei auch zeichnet, ist eben eine neoliberal-kontrollierte Welt. In dieser gibt es eben keine wirkliche Resozialisation und es herrschen Menschen, die nun ja, ökonomisch gut betucht sind und auch die Funktion der Exekutive im Staat, darf da nicht außen vor gelassen werden. Denn die alten Droogs, die noch vor einiger Zeit irgendwelche Obdachlosen mit Alex verprügelten, sind nun Polizisten und verprügeln Alex quasi im Namen des Staates. Hier ist natürlich die Frage, was höher wiegt. So nämlich ist die Frage, ob die Polizei hier als staatliche Institution Gewalt ausübt, oder Alex ehemalige Freunde, weil sie ihn kannten. Auch das ist ein schwieriger Schnittpunkt mit dem Film.

Wobei das die Botschaft nicht torpediert und den Film damit schlechter machte. Generell ist es ja auch erstaunlich, welche Gemüter eben von solchen Machtpositionen angelockt werden. Uhrwerk Orange ist da erschreckend aktuell und beschreibt das Zeitgeschehen dieser Tage doch auch noch ziemlich treffend. Unterdessen lässt Kubrick auch die Politik und Wissenschaft teil an der Resozialisierung haben. Während erstere damit prahlen, aus Alex einen besseren, also angepassten Menschen gemacht zu haben und das eben zwecks Wählerstimmen ausschlachten, ist es vor allem die unethische Wissenschaft, die Alex vermeintliche, fehlende Menschlichkeit auf unmenschliche Weise wieder herstellt. Auch da gab es ja in der Realität leider genügend Beispiele. Und genau das hat satirischen Gehalt, weil die Brutalität des Lebens nun in Regelform stattfindet und man diese Welt dann quasi auch als Irrenhaus bezeichnen könnte.

Über die Qualität von Kubrick im Allgemeinen zu sprechen, ist nicht besonders originell. Doch Uhrwerk Orange ist ein weiteres Beispiel dafür, daß sich da nach wie vor noch lohnt. Es ist vermutlich die bitterste Satire der Filmgeschichte und in seiner Radikalität und Absurdität unglaublich wagemutig und inspirierend. Hier läuft alles von Anfang bis Ende auf Hochtouren und mündet in einen perfekten Film. Selten, kann man das sagen. Hier ist es aber der Fall.

Uhrwerk Orange Bewertung
Bewertung des Films
1010

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