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Der seidene Faden

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Der seidene Faden Kritik

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Der seidene Faden Kritik
0 Kommentare - 12.07.2022 von ProfessorX
In dieser Userkritik verrät euch ProfessorX, wie gut "Der seidene Faden" ist.
Der seidene Faden

Bewertung: 4 / 5

Im London der 1950er lebt der berühmte Damenschneider Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis). Gemeinsam mit seiner Schwester Dyril (Lesley Manville) befindet sich der begehrte Jungeselle in der High Society der Großstadt. Dort flüchtet er von einer Affäre in die nächste, bis er eines Tages die willensstarke Alma (Vicky Krieps), die fortan seine große Muse sein wird. Doch der Künstler ist nicht einfach und so sorgt seine starke Persönlichkeit immer wieder für Spannungen im Leben der beiden.

Ich fühle mich beeinflusst, wenn ich diesen Film so betrachte. Nicht, daß es sowieso grundsätzlich möglich wäre, etwas im Leben ohne Beeinflussung zu betrachten und dennoch spielt da ein ganz großer Punkt eine Rolle. Die Karriere des Daniel Day-Lewis. Ein Schauspieler, der in Ausübung seiner Kunst daran zweifeln lässt, ob die Begriffe der Wahrhaftigkeit und der Symbiose im Sinne der Schauspielerei, nicht durchaus ihre Wahrheiten haben. Klar ist das oft pathetischer Kitsch und das Selbstbeweihräuchern, um die eigens kreierten Werke zu bestätigen. Doch Method-Acting muss nicht bedeuten, daß man sich bis auf die Knochen runterhungert und zwei Stunden lacht, wie es Todd Phillips und Joaquin Phoenix in Joker (2019) taten. Es kann gleichsam bedeuten, daß man hochkomplexe, den Dramen weniger erlegene, wahrhaftige und echte Persönlichkeiten auf die Leinwand verfrachtet, wie es Day-Lewis auch in diesem Werk tat. Doch selbst wenn Paul Thomas Anderson insgesamt ein wirklich großes Werk mit Der seidene Faden liefert, so leidet der Film dennoch an einem Grundproblem, was sich gerade auch im Umgang mit den Figuren bemerkbar macht. Denn die Figuren machen es einem wirklich nicht einfach, sie zu mögen. Komplexe Persönlichkeiten haben dieses Problem manchmal. Und daher wirken auch die Konflikte, die sie tragen, eher so, als würden sie sich zwischen Göttern abspielen. Allerdings sind zumindest die Zuschauer nach unserem Wissensstand nach wie vor nur Menschen.

Trailer zu Der seidene Faden

Im Allgemeinen wird Der seidene Faden als Liebesfilm betrachtet. Ein Liebesfilm der besonderen Art. Auch das scheint ein Prädikat zu sein, welches man Anderson mit seinem Nachfolgefilm Licorice Pizza (2021) nun einfach so auch ausstellen kann. Diese Liebesgeschichte ist doch lange nicht so verdaulich, wie es sein Folgewerk sein sollte. Und die Frage ist ja, warum dem so ist. Die eine Wahrheit liegt hierbei in den Figuren. Denn diese sind, gerade im Hinblick auf die Hauptfigur Reynolds Woodcock so schwer zu deuten, daß sein Antrieb und sein Verlangen, seine Entwicklung, seine gesprochenen Worte, aber auch sein Tun irgendwie im Konflikt mit seiner reinen Wirkung stehen. Es ist treffend, daß sich Day-Lewis für seinen augenscheinlich letzten Film, eine Figur suchte, die von ihm so vieles abverlangt. Und dabei ist dieser Film in seinem Kern eine Ode an die Kunst. Ähnlich wie auch im Falle der Wissenschaft, stellt die Gesellschaft immer wieder infrage, was ein Mensch denn überhaupt alles tun dürfe, um der Kunst zur sogenannten Wahrhaftigkeit zu verhelfen. Dabei ist es kein Zufall, daß Anderson einen Film über einen perfektionistischen Künstler in Szene setzt und dabei Day-Lewis besetzt. Das ist indes natürlich auch Oscarbait. Doch irgendwie auch nicht, weil der Regisseur nämlich klar die Grenzen zwischen Hingabe und Obsession setzt. Es muss hier eine Grenze geben und auch die Charaktere sind dazu ausgelegt von dieser irgendwann eingeholt zu werden.

Er habe sie komplett vereinnahmt, sagt die Figur der Alma Elson, die hier von Vicky Krieps gespielt wird. Gemeint ist der Lebemann Woodcock, der sie zu seiner Muse erklärt. Es ist die Antriebskraft des Künstlers und irgendwie kann dieser Künstler sich trotz seines Talentes für Kleidung nie so richtig ausdrücken. Er ist maßlos, wenn es um den eigenen Kontrollwahn geht. Sei es die Kunst, aber auch sein Privatleben. Er ist einfühlsam und findet dabei nicht wirklich die richtigen Worte für seine Muse. Diese bemerkt das auch, sucht ebenfalls nach Wahrheit. Sie bindet sich an einen Mann, der komplett von ihr Besitz ergreift. Fleißige Psychologen werden darin natürlich Komplexe lesen und man könnte dem Film hier auch einiges in Sachen Emanzipation vorwerfen. Zumindest, wenn man den Film nach der Hälfte ausmachte. Denn der Film ist ebenso ein Wandeln der Kräfteverhältnisse, wie seine Hauptfigur subtil und pointiert darin ist, seine Gefühle offen zu zeigen. Manchmal sind nicht die mit dem größten Stock die Mächtigsten, sondern eher die, die den mit dem größten Stock beeinflussen können. Und darin liegt auch ein weiterer Kernkonflikt des Films. Denn dadurch, daß Elson so großen Einfluss auf ihren Mann nehmen kann, wird deutlich, was Anderson sagen will. Gleichsam kann man hier auch den Wandel der Figuren vollends beobachten und spürt förmlich diesen minimalistisch wirkenden Krieg.

Man will dann im Kern natürlich auf Folgendes hinaus. Nämlich, daß die Liebe und Zeit miteinander doch über allem Materiellen stehen sollte. Für die Hauptfigur geht es im Kern darum, zu bedeuten und überdauern. Auch das ist wohl eine Parallele, die man zu jedem Schauspieler ziehen kann und damit auch zu Day-Lewis. Die Metapher ist ja offenkundig. Ein Schneider, der etwas schaffen will, was größer ist, als er selbst. Wenn man davon aber weggeht, so verbleibt hier auch das klare Treffen zweier Welten. Ein Konflikt zwischen Proletariat und der Oberschicht. Als er sie kennenlernt, kellnert sie in einem Restaurant. Vielleicht ist das wieder dieser Kitsch, der den amerikanischen Traum zum Mittelpunkt macht. Und dennoch sollte man Anderson nicht auf diese Weise banalisieren. Denn tatsächlich liegt auch eine große Wahrheit in dem Treffen der Figuren. So sind beide natürlich in ihrem Kern Handwerker. Kommen daher aber auch aus ähnlichen Verhältnissen. Diese Gegenüberstellung repräsentiert aber auch gleichsam den Trugschluß der modernen Welt. Wenn man nach diesem Maßstab ginge, so könnte natürlich aus jedem ein Woodcock werden, was aber eher utopisch scheint. Daraus resultiert ein Klassenkampf, und eben auch eine Teilung vorsieht. Es ist aber tatsächlich interessant, daß das symbolische Proletariat den intellektuellen, besessenen Künstler im Laufe der Geschichte durch Verführung und Intelligenz ausspielen kann.

Natürlich wäre dahingehend auch wichtig zu sehen, wie sich diese Figur mit dieser Erkenntnis entwickelt. Doch da endet der Film letztlich, im ewigen Kreislauf. Und was dazwischen passiert ist eine hochintelligente und dabei brillant inszenierte Charakterstudie eines ebenso hochintelligenten und brillanten Regisseurs. Jede einzelne Szene wirkt hier perfekt abgestimmt. Wenngleich natürlich der Film so seine Schönheitsfehler hat, schafft es Anderson aber mit einem wirklich durchdachten Drehbuch zu überzeugen. Es ist schwer zu erahnen, ob die Charaktere einander gegen Ende fallen lassen, oder eben nicht. Und gerade weil Anderson seine Hauptfiguren so undurchsichtbar schreibt und inszeniert, bleibt auch die Spannung in den ruhigsten Momenten komplett erhalten. Ebenso ist auch das rein technische am Film brillant. Sei es die großartige Kamera, die die Kühle der High Society einfängt. Sei es die Musik, die immer wieder berauschend und anspannend wirkt. Ebenso betreibt die Kamera hier cleveres Foreshadowing und spielt so mit dem aufmerksamen Zuschauer.

Technisch brillant, inhaltlich stark und dennoch in machnen Momenten zu unterkühlt wirkt Der seidene Faden. Dabei ist er auf der anderen Seite ein wirklich großartiger Abschied eines wahren Meisters der Schauspielerei. Ebenso füllt Anderson seinen Film mit vielen cleveren Ideen und der Gegenüberstellung zweier Welten, die auch die Kräfteverhältnisse immer durcheinander wirft.

Der seidene Faden Bewertung
Bewertung des Films
810

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