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I, Tonya

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I, Tonya Kritik

I, Tonya Kritik

I, Tonya Kritik
0 Kommentare - 08.04.2022 von ProfessorX
In dieser Userkritik verrät euch ProfessorX, wie gut "I, Tonya" ist.
I, Tonya

Bewertung: 4 / 5

Die Junge Tonya Harding (Margot Robbie) wird von ihrer Mutter LoVona (Allsion Janney) bereits für auf eine Karriere als Eiskunstläuferin vorbereitet. Die Sportlerin hat es nicht leicht, selbst wenn ihr Talent ersichtlich ist. Und muss Tonya sich nach und nach an die Spitze kämpfen, während sie in ihrem Privatleben unter ihrem gewalttätigen Mann Jeff (Sebastian Stan) leidet, der auch alles daran setzt seine Frau an die Spitze zu bekommen.

Tonya Harding lebt den amerikanischen Traum. Als Kind aus ärmlichen Verhältnissen, doch mit einem Talent gesegnet, ist die vermeintliche Lebensgeschichte von Tonya Harding die Definition eines Hollywood Filmes. Den Widerständen zum Trotz bahnt sich die junge Dame ihren Weg nach ganz oben und schafft es trotz aller ihr entgegenkommenden Hürden zur Weltklasse aufzusteigen. Leiden für die Kunst. Nach diesem Motto geht diese auf den ersten Blick zu konventionelle Hollywood-Allegorie vor und lässt jeden Filmpreis auf diesen Planeten extrem gönnerhaft wirken. Dabei kann Oscarbaite mitunter auch extrem anstrengend sein, wenn es darum geht, außer der begehrten Trophäe noch etwas mehr als nur eben den Versuch an diese zu gelangen zu erkennen. Und dafür gibt es auch die typischen Anzeichen hier. Vermeintlich intensives Spiel hier, eine wahre Begebenheit da, ein wenig Melodramatik und schon hat man einen Oscarkandidaten geschaffen. Daß die Geschichte dabei allerdings oftmals eben bekannte Pfade bestreitet, sollte an der Stelle niemanden beleidigen, diesen Umstand auch hervorzuheben. Die Realität lässt sich eben oft nicht so gut skizzieren und so arbeiten gerade Biographien doch immer kontrafaktisch, um dem Zuschauer eine angemessene Heldenreise zu präsentieren.

Trailer zu I, Tonya

Doch das ist in sich eigentlich ein guter Deal. Schließlich ist die subjektive Realität der meisten Menschen oftmals eben genauso ermüdend, wie dem Gras beim Wachsen zuzusehen und insofern tun Filme gut daran, eben nicht die Wahrheit zu zeigen. Mit I, Tonya ist Regisseur Craig Gillespie aber immerhin ein Film gelungen, der zu weiten Teilen unterhält. Perspektivisch ist er in jedem Fall gewagt, erzählt der Film doch nicht wie üblich die Geschichte des Opfers, sondern die der Täter. Damit meistert der Film aber gleich auch die erste Hürde, indem eben die Notwendigkeit der Erzählung damit geklärt ist. Natürlich gehen Kunstkritiker von Medien wie Dramen, Büchern und Filmen eben oft davon aus, daß der Zuschauer ein einfaches Gut-Böse-Schema benötigt, um die richtige moralische Erkenntnis aus dem Werk zu ziehen. Daß sich aber einige der bedeutendsten Werke der Filmgeschichte mit Antihelden, gar Antagonisten befassen, haben Kritiker wohl im Hinblick auf die Wertung von I, Tonya vergessen. Normalerweise würde ich an der Stelle auch keinen Exkurs machen, wären nicht einige Stimmen laut geworden und hätten sich ob der vermeintlich falschen Perspektive, die der Film einnimmt, beschwert. Doch Tonya Harding ist bei weitem eine unglaublich faszinierende Persönlichkeit, die von Margot Robbie perfekt verkörpert wurde.

So lernt der Zuschauer sie als Opfer ihrer Umstände kennen und mit dem Trieb ausgestattet, ihrer Mutter gefallen zu müssen. Dabei zeichnet der Film vor allem den amerikanischen Traum aus der Sicht von Menschen, deren intellektuelles Verständnis nicht über den feuchten Traum der Arbeiterklasse hinaus geht. Völlig naiv und mit dem Verlangen ausgestattet geliebt zu werden, flüchtet sich Tonya Harding hier in eine mehr als nur toxische Beziehung. So gesehen, von der einen Hölle in die Nächste. Dabei ist der Film aber dennoch gewagt, weil er etwas versucht, was eben etwas tut, was selbst systemkritische Werke nicht häufig wagen: Er dekonstruiert das heile Bild der Familie. So ist die finanzielle Unterschicht in Filmen zumindest häufig auch mit einer stabilen Familie gesegnet. Doch bei I, Tonya ist das anders: Der Vater flüchtet, die Mutter misshandelt ihr Kind, ihr Mann Jeff Gillooly misshandelt Tonya ebenfalls und so zeigt der Film auf, wie verstört seine Hauptfigur ist. Sie selber merkt das nicht, dennoch ist sie in einer Welt, die genau diese Missstände nicht nur zulässt, sondern fördert.

Und der Film verpackt das auch ziemlich intelligent, indem er gekonnt mit seinem Zuschauer spielt. Nicht nur werden Momente der Gewalt und der Gefühlsausbrüche durch Videoaufnahme aus der filmischen Gegenwart kommentiert, gleichsam paart der Film seine gesamte Geschichte eben auch mit Menschen, die über die simpelsten Folgen ihrer Taten nicht nachdenken können. Ob eine etwas aus dem Ufer geratene Sabotage, die Vertuschung einer Straftat, dem Kontrast aus Liebe und Abneigung und der differenten Wahrnehmung einzelner Figuren. Denn tatsächlich schildern die Hauptfiguren die Erlebnisse der Ereignisse anders, als sie vielleicht stattgefunden haben. Doch dabei lässt der Film eben auch genügend Spielraum, damit der Zuschauer über die Geschehnisse nachdenken und sich sein eigenes Bild machen kann. Damit gewinnt der Film an einer surrealen Ebene, weil Ereignisse so absurd präsentiert werden und doch im Gesamtkonzept der Geschichte durchaus sinnig sind. Und gleichzeitig wird der Film dabei fast zu einer Frace, in welcher gerade Tonyas Mann und sein Freund Shawn zu einem urkomischen, urpeinlichen, urdümmlichen Buddy-Duo verkommen, die eine absurde Idee tatsächlich in die Tat umsetzen wollen.

Schauspielerisch sorgt das natürlich vor allem bei Margot Robbie für einen großen Applaus, die ihrer Figur Tragik, Witz, Naivität und gleichsam eine im Kontrast stehende Intelligenz verpasst. Als Comicrelief fungiert hier vor allem Paul Walter Hauser, der zwar ein wandelndes Klischee darstellt, aber sich keineswegs mit dem Gesamtkonzept beißt. Ein besonders Lob gebührt hier allerdings auch Sebstian Stan, dessen Figur vor allem dadurch ausgezeichnet wird, völlig die Kontrolle zu verlieren. So mag seine Figur mit am meisten antagonistisch in dem Werk wirken, auf der anderen Seite verpasst Stan der Figur auch eine leicht spürbare Verletzlichkeit. Der eigentliche Star wiederum ist die von Allison Janney verkörperte LaVona Harding, die den Prototyp einer gescheiterten Mutter gibt. Komplett abgebrüht und nur mit dem Blick auf finanzielle Absicherung, schafft sie es aber dennoch ihre Figur komplett logisch innerhalb dieser Welt wirken zu lassen, weil sie tatsächlich den neoliberalen Gedankengang des Materialismus von Menschen verinnerlicht hat und durch trockenen Witz zu begeistern weiß.

Der amerikanische Traum wird hier sicherlich kein weiteres Mal anders gezeigt. Gleichwohl weiß I, Tonya durch die gute Mixtur aus Drama und Komödie zu begeistern, in welcher auch die stellenweise kontrafaktische Darstellung einzelner Figuren zum Nachdenken anregt. Schauspielerisch ist das ebenfalls überzeugend und so ist der Film rasant, unterhaltsam und dennoch intelligent.

I, Tonya Bewertung
Bewertung des Films
810

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