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Oh Boy

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Oh Boy Kritik

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Oh Boy Kritik
4 Kommentare - 19.02.2022 von ProfessorX
In dieser Userkritik verrät euch ProfessorX, wie gut "Oh Boy" ist.

Bewertung: 4 / 5

Niko Fischer (Tom Schilling) fristet sein Dasein als Taugenichts: Sein Studium hat er abgebrochen und wird trotzdem, ohne das Wissen um diesen Umstand, von seinem Vater (Ulrich Noethen) finanziell unterstützt. Da es Niko schwerfällt seinen Platz in dieser Welt zu finden und er zudem noch überraschend von seiner Freundin verlassen wird und sein Vater ihm das Geld streicht, versucht Niko sich irgendwie in diesem Chaos zu finden. Doch alles ändert sich, als er auf einmal seine ehemalige Mitschülerin Julika (Friederike Kempter) wieder trifft.

Es scheint sich nichts weniger als ein Kampf zwischen Individuum und System in Oh Boy abzuzeichnen. Das mag mitunter zunächst ein wenig seltsam anmuten, schließlich wirkt das ruhige Werk von Regisseur Jan Ole Gerster nicht gerade wie ein Revoluzzer-Film. Doch wer so denkt, der irrt, denn die Wahrheit ist, daß in diesem Film so viel Wahrheit steckt. Das beginnt schon mit dem Hauptcharakter, der eigentlich aus gutem Hause kommt und alles hat, was er braucht, um das zu empfinden, was der Kapitalismus als reines Glück offenbart. Doch Niko Fischer ist nicht so und über weite Strecken offenbart sich niemandem, warum er denn so nicht ist. Dabei gelingt es Gerster schon von vorneherein seine Zuschauer gekonnte zu belehren, indem er seine Hauptfigur als unaufgeregten Revoluzzer inszeniert, der aber eigentlich so gar nicht an einer Rebellion arbeitet. Es ist erschreckend, wie schnell man sich dann dabei erwischt, das gezeigte als nicht normal abzutun, weil das Individuum hier nun endlich seinen Freiraum sucht, gleichsam sind wir das meistens schon gar nicht mehr gewohnt und finden eigentliche Revolutionen nur noch im Rahmen dessen, was der Staat und eben das übergeordnete Gefüge, das paradoxerweise auch wir sind, uns erlaubt.

Dabei zeichnet der Film ein Bild von Berlin, daß gekonnt all das als komisch abstempelt, was der Zuschauer eben im realen Leben als normal empfindet. Der Nachbar, der aber eigentlich zu aufdringlich ist. Der Freund, der aber eigentlich ganz anders ist, als man selbst. Die Angebetete, die aber eigentlich entlarvt, wie falsch man selber ist und wie kaputt nun beide sind. Der Vater, der im Schein des Sorgens um den eigenen Sohn, primär den eigenen Ruf im Blick hat. Nun sind es all diese Figuren, die zwar etwas überzeichnet daherkommen, aber deshalb noch lange nicht unrealistisch sind. Das Skurrile wird in diesem Fall zum Normalen, weil der Film erkennt, wie seltsam doch die Gepflogenheit innerhalb einer durchstrukturierten Welt letzten Endes sind. Dabei tut der Film gut daran, auch seine Hauptfigur nicht als reinen Sympathisant zu etablieren. Schließlich sind Menschen da wesentlich komplexer. Es hat sogar den Anschein, als wolle Gerster bewusst eine Hauptfigur kreieren, die ob etwaiger Taten in der Vergangenheit scheitern sollte. Doch irgendwie ist es dann genau der Punkt, der dafür sorgt, dass wir uns doch für Niko Fischers Odyssee in der Großstadt interessieren.

Das heutige Berlin wird in den Händen von Gerster dadurch zu einem recht seltsamen Ort. Weil die Figuren sich längst in ihrem Stigma gefestigt haben, aber allem Anschein gar nicht verstehen, wer oder was sie sind. Besonders eindrucksvoll bringt das vor allem die Figur von Julika zum Ausdruck. Nicht nur verpasst ihr Friederike Kempter eine seltsame, aber durchaus auch amüsante Tragik, indem sie als Mobbingopfer nie von ihrer Vergangenheit losgekommen ist. Dabei sucht sie sich irgendwie dann die Person, die für ihr Leid verantwortlich ist, um es ihr einerseits heimzuzahlen und sich andererseits augenscheinlich auch an sie zu binden. Doch wer glaubt, der Film skizziere damit nur gescheiterte Existenzen, um so eine Art Opfermentalität herbeizuführen, der irrt. Denn in Wahrheit werden zwar genau diese Dinge gesagt, aber es werden dazu konträr auch ganz andere Dinge getan. Besonders wenn die Figur Julika auf die „Gang“ von Ronny trifft, wird der Film extrem amüsant, ohne zu moralisieren.

Zwar könnte man dahingehend dann auch frech sein und argumentieren, daß der Film eben so zu keiner wirklichen Erkenntnis kommt. Schließlich ist auch die Macht des Staates, den das Individuum kreiert, um im Endeffekt daran zu zerbrechen, keine besonders neuen Erkenntnisse. So zeichnen endlos viele Filme den Kapitalismus und seine Auswirkung ziemlich treffend. Doch Gerster hat in diesem Sammelsurium der Philosophie einen sehr schlichten und dennoch effektiven Vorteil. Er erzählt seine Geschichte in unter 85 Minuten und ist dabei ebenso effektiv wie andere Werke. Viele Einstellungen zeigen zudem einfach nur das Bild von Berlin. Eine Stadt, die eigentlich so kaputt und trostlos erscheint, als wären die schlimmsten Tage der Menschheit noch lange nicht vorbei. Ob das nun Zynismus, die reine Wahrheit oder ein bloßer Zufall ist, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden.

Aber auf jeden Fall hebt sich dann ein wenig die Angst im Zuschauer, wenn er Tom Schilling auf seiner Sinnsuche in der Großstadt begleitet. Eine ähnliche Thematik griff nicht zuletzt auch Fabian oder der Gang vor die Hunde (2021) auf und wieder einmal ist es Tom Schilling der denn Sinn suchenden Melancholiker gibt. Und Schilling ist auch hier großartig, weil er zwar überwältigt von den eigentlichen Situationen wird, aber auf der anderen Seite sich auch gut dabei leiten lassen kann. Er weiß nicht, wohin ihn der Weg führen wird, und damit ist auch klar, wie schnell sich Menschen von einer Gesellschaft verschlingen lassen können, ohne dabei letztendlich eine eigene Existenz aufzuweisen.

Eigentlich ist in Oh Boy alles perfekt. Zumindest, könnte man das meinen. Allerdings die grundsätzliche Idee, nichts, was nun wirklich besonders innovativ wäre. Auf der anderen Seite sorgen die cleveren Einfälle um die Figuren, und auch die starken Bilder dafür, daß sich in Oh Boy letzten Endes doch ein wohliges und gleichzeitig ungemütliches Gefühl auftut.

Oh Boy Bewertung
Bewertung des Films
810

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4 Kommentare
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eli4s : : Moviejones-Fan
19.02.2022 21:00 Uhr
0
Dabei seit: 22.02.12 | Posts: 2.614 | Reviews: 31 | Hüte: 107

@luph92

Film ist super. Kann da den anderen nur zustimmen. Greif zu

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TiiN : : Goldkerlchen 2021
19.02.2022 20:51 Uhr
0
Dabei seit: 01.12.13 | Posts: 7.429 | Reviews: 153 | Hüte: 457

@luhp92

Du scheinst ein sehr gutes Gedächtnis zu haben. Ich glaube ich habe mich tatsächlich ähnlich über Victoria geäußert, kann das leider nur nicht mehr finden. Den Film Victoria ansich fand ich gut. Nur wurde mir Berlin etwas zu eindimensional gezeigt, quasi aus der Perspektive, wie es die Touristen sehen.

Oh Boy habe ich geschaut, fand ihn gut und habe ihn ebenfalls mit 8 Punkten bewertet. Leider kann ich mich nicht mehr so gut erinnern, aber ich meine mich zu erinnern, dass er Berlin deutlich authentischer dargestellt hat.

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ProfessorX : : Moviejones-Fan
19.02.2022 18:36 Uhr
0
Dabei seit: 17.05.14 | Posts: 719 | Reviews: 279 | Hüte: 28

@luhp92

Meines Erachtens ist er es auf jeden Fall wert!

MJ-Pat
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luhp92 : : BOTman Begins
19.02.2022 11:23 Uhr
0
Dabei seit: 16.11.11 | Posts: 15.200 | Reviews: 164 | Hüte: 540

Auch so ein Film, bei dem ich mir seit fast Jahren schon denke, den müsste ich mir mal ansehen, nur um mitreden zu können^^

@TiiN, hast du den eigentlich schon gesehen? Es würde mich interessieren, ob der Film für dich zu sehr Hipsterkino ist, wie es ja schon bei "Victoria" der Fall war, oder ob du dich als Berliner tatsächlich repräsentiert fühlt.

"Dit is einfach kleinlich, weeste? Kleinjeld macht kleinlich, Alter. Dieset Rechnen und Feilschen und Anjebote lesen, Flaschenpfand, weeste? Dit schlägt dir einfach auf de Seele."

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