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Zombie - Dawn of the Dead

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Der Argento-Cut ohne Kenntnis des Romero-Cuts

Zombie - Dawn of the Dead Kritik

Zombie - Dawn of the Dead Kritik
4 Kommentare - 01.11.2020 von luhp92
In dieser Userkritik verrät euch luhp92, wie gut "Zombie - Dawn of the Dead" ist.
Zombie - Dawn of the Dead

Bewertung: 4 / 5

Im Kino gesehen (Argento Cut).

Wenn ich alle Zombiefilme und Zombieserien Revue passieren lasse, die ich bisher gesehen habe, dann haben diese unabhängig von ihren sonstigen Qualitäten und Inhalten eines gemeinsam: Die Gore-Effekte empfand ich nur in den seltensten Fällen als verstörend oder furchterregend. Das änderte sich gestern, erstaunlich bei einem Film aus dem Jahr 1978. Zum einen begründet sich das wohl dadurch, dass Romero und SFX-Künstler Savini hier vor nichts zurückschrecken, zum Anderen steht der naturalistisch-viehische Gore im Kontrast zum unglaubwürdigen und billigen Gesichts-Make-Up der Zombies, was den Effekt des Gores womöglich nochmal verstärkt hat.

Ohnehin spingt "Dawn of the Dead" dem Zuschauer direkt mit dem Arsch ins Gesicht, indem der Film mit einer chaotischen TV-Sendung und einem brutalen Polizeiübergriff auf der Schwelle des gesellschaftlichen Zusammenbruchs einleitet. Die Angst regiert, die Regierung ist überfordert. Wichtige Informationen zum Wesen und zur Bekämpfung der Virus-Zombie-Pandemie wurden bewusst und zu lange zurückgehalten, gleichzeitig zeigt sich die Bevölkerung teilweise uneinsichtig ob der getroffenen Schutz- und Eindämmungsmaßnahmen, worauf Regierung und Polizei/Militär entsprechend drastisch reagieren. Über allem schwebt die humanistische Frage, ob es sich bei den Zombies noch um Menschen handelt und ob man diese einfach umbringen darf. Anstatt zusammenzuarbeiten und die Einheit zu bekräftigen, zerfällt die Gesellschaft in Einzelteile. Nicht nur erweckt dieses apokalyptisch energetische Intro den Eindruck einer zeitlich verfrühten Adaption des ersten Teils des King-Romans "The Stand" (erstaunlicherweise zählt in beiden Werken auch eine schwangere Frau namens Fran zu den Hauptcharakteren), aufgrund der aktuellen Corona-Pandemie wirkt das Intro erst recht verstörend und creepy. Man erkennt bezogen auf systemische und menschliche Verhaltungsmuster unweigerlich Parallelen zur aktuellen Zeit, die man ohne Corona ganz anders oder gar nicht wahrnehmen würde.

Betrachtet man den historischen Kontext der Entstehungszeit, darüberhinaus eventuell noch mit einem Blick auf Romeros "Night of the Living Dead" von 1968, lassen sich hier leicht Parallelen zur Bürgerrechtsbewegung und zum Vietnamkrieg finden, in diesem Momenten entpuppt sich "Dawn of the Dead" als zynische Satire auf die US-Gesellschaft. Der gewalttätige Polizeiapparat geht mörderlisch gegen die Menschen und Zombies wie gegen systemgefährdende Aufständische vor, teilweise treffen sich Polizei, Militär und Zivilisten gar zum vergnüglichen Töten von Zombies, vogelfrei deklariert, einer fremdländischen Bedrohung oder Untermenschen gleichkommend. Des weiteren entbrennt analog zum Vietnamkrieg eine Grundsatzdiskussion über den Umgang mit den Zombies.

Sobald sich "Dawn of the Dead" dem Einkaufszentrum als Setting zuwendet, konzentriert sich Romero auf eine ausgefeilte Kritik am Materialismus, die über reine Konsumkritik hinausgeht. Die Zombies kehren wegen bruchstückhaften Erinnerungen an ihr früheres Leben in das Einkaufszentrum zurück (die Anhäufungen und Tumulte weisen frappierende Ähnlichkeiten zu realen Einkaufsereignissen auf), zu Beginn bedienen sich auch die menschlichen Protagonisten am reichlichen und frei verfügbaren Angebot und leben ein Leben im Luxus. Die Identifikation mit den Waren und dem Materiellen reicht sogar soweit, dass sich die Überlebende Fran wie eine Schaufensterpuppe kleidet und schminkt, durch mehrere Schnitte von den Überlebenden hin zu den Schaufensterpuppen bekräfigt Romero diese Identifikation. Der Luxus vermag es jedoch nur kurzfristig, von der eigenen Tristesse und dem weltlichen Elend abzulenken, und führt letztendich keine Veränderung des Wohlbefindens herbei. Nichtsdestotrotz verteidigen die Protagonisten die Waren und ihrem im Grunde wertlosen Besitz im letzten Drittel bis auf den Tod, nicht etwa gegen die Zombies, sondern gegen eine andere Menschengruppe. Anstatt sich zusammenzutun und nach Lösungsansätzen des gemeinsamen (Über)Lebens zu suchen, werden die Menschen weiterhin vom materiellen Besitz,- Herrschafts- und Dominanzanspruch gelenkt. Aus den Anfängen der Pandemie wurden keine Lehren gezogen.

"Wenn die Toten auferstehen, dann müssen wir das Morden beenden, sonst werden wir wie sie."

Der Argento-Cut soll im Gegensatz zum 20 Minuten längeren Romero-Cut den Fokus mehr auf Exploitation und Action legen und in Kombination mit dem Goblin-Soundtrack ein temporeicheres und adrenalingeladeneres Erlebnis kreieren. Das kann ich klar bestätigen, zumindest bezogen auf die erste Filmhälfte, danach flacht der Argento-Cut atmosphärisch merklich ab. Eine Laufzeit von 120-Minuten für einen reinen Exploitation-Genrefilm erscheint mir nicht allzu sinnvoll, den hätte man meiner Meinung nach knackiger und dichter schneiden können/sollen.

Zombie - Dawn of the Dead Bewertung
Bewertung des Films
810
DVD & Blu-ray

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4 Kommentare
MJ-Pat
Avatar
luhp92 : : BOTman Begins
03.11.2020 20:19 Uhr | Editiert am 03.11.2020 - 20:22 Uhr
0
Dabei seit: 16.11.11 | Posts: 13.477 | Reviews: 150 | Hüte: 477

@eli4s

Danke.

Ich habe gerade nochmal nachgeschaut und da ist mir aufgefallen, dass mir da ein Fehler unterlaufen ist und/oder ich unbewusst Fehler aus anderen Artikel übernommen habe. Primär gibt es drei Fassungen:

Die 138 Minuten lange "Long Version" (Cannes-Cut, Extended Cut), die in Eile fertiggestellte Rohfassung, die 1978 auf dem Cannes Festival gezeigt wurde.

Den 126 Minuten langen "American Theatrical Cut" (Directors Cut- Romero-Cut), die Romero-Fassung, die dann 1979 in die englischsprachigen Kinos kam.

Den 118 Minuten langen "Argento Cut" (Euro-Cut). Für die nicht-englischsprachigen Länder übertrug Romero die Rechte auf Dario Argento, der sich mehr auf Tempo, Action und Explotation fokussierte - wohl auf Kosten der Charakterzeichnung. Zudem tauschte er im Gegensatz zur "Long Version" den ursprünglichen Soundtrack komplett durch den von Goblin aus.

Darüberhinaus gibt es noch diverse andere Fassungen, die auf Basis der ursprünglichen drei Fassungen erstellt wurden.

Ich dachte bisher, die "Long Version" sei der Romero-Cut.

Ausführlicher kannst du das auf Wikipedia nachlesen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Zombie_(Film)#Versionen

- "Sie sind ein Erpresser und ein Bandit, Mr. Shatterhand."
- "Willkommen in Amerika!"

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eli4s : : Moviejones-Fan
03.11.2020 14:31 Uhr
0
Dabei seit: 22.02.12 | Posts: 2.420 | Reviews: 31 | Hüte: 92

Schöne Kritik.

Der Film lief bei mir über Halloween auch im Kino - ohne Corona wäre ich vielleicht auch rein gegangen. Absoluter Klassiker.
Dass es da zwei verschiedene Cuts gibt, war mir gar nicht so bewusst. Wo ist der Unterschied?

MJ-Pat
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luhp92 : : BOTman Begins
02.11.2020 18:49 Uhr | Editiert am 02.11.2020 - 18:51 Uhr
0
Dabei seit: 16.11.11 | Posts: 13.477 | Reviews: 150 | Hüte: 477

@MisfitsFilms
Oh, dankeschön und sehr gerne smile

Ja, im 1968er "Night of the Living Dead" wird das Thema und eine kritische Beleuchtung sicherlich noch präsenter und deutlicher zu vertreten sein, allein schon wegen des Brandaktuellen während der letzten Jahre der 1960er. Ich emfpand es jedoch als aufwühlend, dass sich das Verhalten zehn Jahre später in "Dawn of the Dead" nicht verändert hat. Die Polizei steigert sich in einen Gewalt-, Schieß- und Mordrausch hinein und innerhalb der US-Gesellschaft entbrennt analog zu Vietnam eine Grundsatzdiskussion über den Umgang mit den Zombies.

Ja, wenn man den Film heute schaut, erkennt man bezogen auf systemische und menschliche Verhaltungsmuster unweigerlich Parallelen zur aktuellen Zeit, die man ohne Corona ganz anders oder gar nicht wahrnehmen würde.

Ich muss jetzt echt nicht "Night of the Living Dead" und "Dawn of the Dead 2" schauen^^

- "Sie sind ein Erpresser und ein Bandit, Mr. Shatterhand."
- "Willkommen in Amerika!"

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MisfitsFilms : : Marki Mork
02.11.2020 12:57 Uhr
0
Dabei seit: 09.07.13 | Posts: 3.147 | Reviews: 0 | Hüte: 97

In der Tat war der erste Teil, NIGHT OF THE LIVING DEAD, Kritik am System, Rassenhass und den amerikanischen Wahn auf der Jagd.

Der zweite Teil ist eigentlich reine Konsumkritik, darum auch u.a. Sätze wie "vielleicht erinnern sie sich an ihr Leben vorher und kommen deshalb zum Einkaufszentrum".

Interessant was Du in ihm alles gesehen hast. Das liegt sicher eher an unserer heutigen Zeit, die über den ganzen Globus deutlicher angespannter ist als die letzten 80 Jahre. Hab mir den Film schon lange nicht mehr angeschaut, werde dank deiner Kritik dies aber die Woche nachholen. Mal sehen ob im Romero oder im Argento Cut -)

Danke für deine Kritik, hab ich wie Du siehst interessiert gelesen

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