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Sing Street

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Sing Street Kritik

Sing Street Kritik

Sing Street Kritik
0 Kommentare - 13.11.2022 von ProfessorX
In dieser Userkritik verrät euch ProfessorX, wie gut "Sing Street" ist.
Sing Street

Bewertung: 4 / 5

Dublin in den 1980er Jahren: Conor (Ferida Walsh-Peelo) ist Außenseiter in der Schule und flüchtet sich deshalb in die Musik. Eines Tages lernt er die schöne Raphina (Lucy Boynton) kennen und verliebt sich sofort. Um ihr Herz zu gewinnen, möchte er seiner Geliebten einen Auftritt im Musikvideo seiner Band verschaffen. Dummerweise hat er keine Band und so sucht er sich ein paar Jungs aus der Nachbarschaft und schreibt mit ihnen einige Songs.

Die Schulzeit ist nur für die wenigsten Menschen eine große Freude. Dafür gibt es wohl allerhand Gründe. Vom Erfolgsdruck, über Klassizismus, hin zu den Problemen der Pubertät, über bestimmte Menschen, die einen immer wieder schikanieren. Ein Schulfilm lebt von dieser Stereotype: Ein Mobber, aus eher prekären Verhältnissen, der seine Wut an den physisch schwächeren auslässt, um dann am Ende doch von der Gruppe als Teil des Ganzen verstanden zu werden. Da ist sie also, die Annäherung an den Coming of Age-Film, den Leute wie John Hughes, Richard Donner, Rob Reiner, Francis Ford Coppola oder auch Steven Spielberg mit einigen Ideen bereicherten. Daher ist auch die Gruppe recht klassisch zusammengewürfelt. Es gibt die Hauptfigur, es gibt einen, der alles kann und es gibt dann noch, der durch seine körperlichen Andersartigkeiten der wandelnde Sarkasmus ist. Hin und wieder hat das sogar Anleihen an einen Stephen King. Für eine solche Gruppe gilt natürlich auch, daß der Zuschauer sich nicht in richtige Menschen vernarrt, zumindest sind es nicht alle von ihnen. Dabei ist die Thematik, die hier angesprochen wird, durchaus eine wichtige und man kann John Carney dafür gar nicht genug danken, daß er so an Idealen und Wertvorstellungen hängt, die durch die Naivität und den Utopiegedanken der klar politischen Musik getragen wird. Natürlich merken die Figuren davon nichts, wollen sie doch eigentlich nur eines erreichen.

Trailer zu Sing Street

Und was sie mit ihrer selbst gegründeten Band bezwecken, ist an Charme gar nicht zu überbieten. Das ist wirklich absurd, wer macht sowas schon? Nun gibt es da also ein Mädchen, Raphina, die scheinbar in einer ganz anderen Welt lebt, als die Hauptfigur Connor. Daher entschließt sich der junge Freigeist dazu, eine Band zu gründen, Demos aufzunehmen, dann Videos zu drehen und Raphina in diesen Videos auftreten zu lassen. Denn sie ist Model oder möchte Model sein. Es ist eine total absurde Geschichte, weil sie eigentlich über die gesamte Zeit konstruiert wirkt und Menschen hier etwas vorgeben, was sie gar nicht sind. An jeder Ecke könnte man etwas ankreiden. Hier die Gründung der Band, dann die Freundschaften, die vorher nicht existierten, die kaputte Familie. Das alles ist eben Filmmagie. Dennoch aber ist es gut so, weil diese Romanze, die zum Kern der Geschichte wird, so spannend und herzerwärmend ist. Wir lernen einen totalen Versager kennen, also wenn man nach gesellschaftlichen Maßstäben ginge, der einfach nur dieses Mädchen, oder diese junge Frau für sich gewinnen will. Natürlich kommt das abrupt, doch das dürfte dem Zuschauer auch klar sein und somit hält sich Carney nicht mit den unwichtigen Dingen auf. Und gleichzeitig ist auch die Chemie und die tolle Schreibe dieser Figuren dafür verantwortlich, daß man das billigend in Kauf nimmt. Denn was so faszinierend ist, ist, daß man sich wünscht, daß die beiden wirklich das bekommen, was sie wollen. Es braucht gar nicht viel von Lucy Boynton, um zu verstehen, warum Conor „Cosmo“ Lalor so fasziniert ist von ihr. Sie ist intelligent, sehr zurückhaltend in ihrer Gedankenwelt, temperamentvoll und lässt den jungen immer so ein wenig an der Leine. Doch nicht, um sich ihren Selbstwert zu steigern, sondern um ihn zu testen und gleichsam spürt man dadurch, wie die Liebe in den Figuren überhaupt erst wächst.

Das alles wird dann von grandioser Musik untermalt. Man kann das als pubertäres Gehabe abtun und den Figuren sagen, sie mögen doch bitte erwachsen werden. Allerdings täte man den Figuren damit unrecht, weil sie eben nicht erwachsen sein müssen und gleichsam das Träumen eben zum Leben gehört. Zwar mag es eine gewisse Attitüde amerikanischer Klischees geben, indem diese Art von Traum zum Zentrum wird. Gleichsam scheut der Film aber auch nicht davor zurück, die Schattenseiten jener Welt zu zeigen und Menschen in prekären Verhältnissen darzustellen. Doch der Film lässt zu keinem Zeitpunkt das Gefühl entstehen, es ginge hier um dunkle Gedanken und man müsse sich im Selbstmitleid suhlen. Viel mehr wird Musik hier als Flucht oder Therapie der eigenen Umstände verstanden. Dadurch, daß die Figuren auch explizit über ihre Texte philosophieren und sich ab einem gewissen Punkt nichts mehr daraus machen, anders zu sein, sind sie in ihrer Psyche extrem gereift und noch dazu greifbar. Gerade auch kirchliche Institutionen werden dann angegriffen, also textlich. Und da die Kirche als Konzept natürlich auch nicht ungefährlich ist und lange nicht mehr das, was sie eigentlich mal sein sollte, verdient sie diese expliziten Seitenhiebe. Das ist Punk. Auch wenn es mehr wie Pop-Punk anmutet, ist Sing Street textlich genau das: Wild, etwas ironisch, kritisch und in gewissen Maßen philosophisch. Das ist dann reine Geschmacksfrage, ob man diese Musik mag. Aber tatsächlich ist sie großartig.

Stilistisch wird also die The Clash wiederbelebt, während Carney dem gesamten Film eine eigenartige Melancholie verpasst. Natürlich wird dieses Liebespaar in der Provinz nicht glücklich und träumt von einer strahlenden Zukunft. Gerade dieser Ansatz könnte einfach dazu führen, dem Film Verblendung vorzuwerfen, weil somit ein Aufsteigertum oftmals in Szene gesetzt wird, während der Kapitalismus und all seine Fehler dadurch legitimiert wird. Doch diese Rebellen steigen nicht auf, obwohl sie gut sind. Sie sehen ihre Zukunft weit weg von irgendwelchen Normen. Gerade das Ende vermittelt doch stark diesen Eindruck. Und dann, kurz zuvor, kommt es zur wahren Revolution. Menschen lehnen sich gegen das Establishment auf und kritisieren textlich die Ungerechtigkeit. Unterdessen schwingt im Film auch immer ein Mut zur Traurigkeit mit, weil lange über den Ausgang des Films geschwiegen wird. Natürlich ist das alles recht seicht oder kommt in der Inszenierung so rüber und dennoch lässt sich Carney nie in die Karten schauen und man hätte ihm einen gewissen Zynismus mit dem totalen Verlust der Liebe durchaus zugetraut. Doch dadurch, daß der Film diesen nicht so ausführt, gelingt ihm die eigentliche Revolution. Wie ein Pubertierender wechselt der Film hin und wieder seine Stimmung und nimmt somit die Perspektive jener Menschen ein, ohne diese jemals als verblödete Träumer zu zeichnen. Dafür allein gebührt Carney ein großer Respekt.

Auch interessant ist, daß der Film sich rein optisch sehr an seine Epoche hält. Frisuren und Anziehsachen sehen möglichst grotesk aus und der Wettbewerb der Geschmacklosigkeit gewinnt. Zudem baut der Film auch das ein oder andere Easter-Egg ein, indem er Raphina von Szene zu Szene die optische Erscheinung wechseln lässt. Natürlich kann man das zunächst als Anspielung auf Padmé Amidala aus den Star Wars-Prequels verstehen, gleichsam orientiert sie sich stilistisch aber auch stark an den Ikonen der 1980er Jahre und wechselt da wild hin und her.

Die Andersartigkeit der Jugend wird auch in Sing Street nicht unbedingt frei von Klischees erzählt. Und dennoch macht dieses Rebellische so viel Spaß, weil die Figuren ernst genommen werden. Klar ist die Geschichte absurd, doch dadurch gewinnt sie auch einen starken Reiz und musikalisch ist der Film eben in jedem Belang großartig. Getragen von einer mutigen Melancholie sinniert der Film über den Idealismus junger Geister, und lässt dabei den Staat nicht die Kontrolle über diese Menschen gewinnen.

Sing Street Bewertung
Bewertung des Films
810

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