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Spartacus

Kritik Details Trailer Galerie News
Antithese zu "Ben Hur" und "Die zehn Gebote"

Spartacus Kritik

Spartacus Kritik
16 Kommentare - 12.05.2020 von luhp92
In dieser Userkritik verrät euch luhp92, wie gut "Spartacus" ist.

Bewertung: 4.5 / 5

Die Antithese zu "Ben Hur" und "Die zehn Gebote".
Es kommt nicht von ungefähr, dass Produzent und Hauptdarsteller Kirk Douglas abseits von Stanley Kubrick als Regisseur auch Dalton Trumbo als Drehbuchautoren engagierte, stand dieser doch wegen seines kommunistischen Aktivismus auf der Schwarzen Liste Hollywoods. Während sich die beiden genannten Genrevorgänger als christlich-fundamentale und moralische Sandalenepen verstanden, handelt es sich bei "Spartacus" um die Ausformulierung einer sozialistischen Revolution und des Befreiungskampfes der arbeitenden Sklavenklasse gegen das römische Bürgertum. Ihren Höhepunkt findet die sozialistische Idee dabei in der ikonischen, kollektivistischen "Ich bin Spartacus"-Szene - jeder ist Spartacus, alle sind gleich und gleich zu behandeln.

Dalton Trumbo und Stanley Kubrick machen es sich in "Spartacus" zum Ziel, ein glaubhaftes, allgemeingültiges und sachliches, ein zwar klar sympathisierendes, aber dennoch niemals einseitiges Bild von der Revolution und dem Klassemkampf zu zeichnen. Ausführlich widmet sich "Spartacus" neben dem Leben der Sklaven ebenfalls dem Alltagsleben der römischen Bürger und der Politik im Senat, um das Weltbild, die Werte und Normen - die Ideologie - des Bürgertums zu vermitteln. Speziell werden dahingehend verschiedene Akteure und Nutznießer charakterisiert, Politiker wie Crassus und Julius Caesar, Geschäftsleute wie Batiatus, Sklavenhändler wie Gracchus oder ehemalige Sklaven und nun Gladiatorentrainer wie Marcellus. Nichtsdestotrotz sucht der Film keine individuellen Schuldigen, vielmehr werden allgemein die Schwächen und Fehler der bürgerlichen Ideologie, des bürgerlichen Gesellschaftssystems angeklagt.

Die Authentizität spiegelt sich darüberhinaus im Grad der Brutalität und in der Art des Schauspiels wider. Für einen Film aus dem Jahr 1960 fallen die Darstellung der Gewalt gegenüber Sklaven, die Gladiatorenkämpfe und die Kriegshandlungen äußerst hart aus, relativ gesehen spart Kubrick nicht an fließendem Blut und zeigt sogar das Abtrennen von Gliedmaßen. Das Schauspiel von Kirk Douglas als Spartacus, Jean Simmons als Spartacus´ Ehefrau Virinia, Charles Laughton als Gracchus und Peter Ustinov als Batiatus zeichnet sich durch immense und zeitlose Natürlichkeit aus. Insbesondere die leidenschaftliche, neckische und ungezwungene Liebesbeziehung zwischen Spartacus und Virinia hat es mir da angetan, die Kritik an Stanley Kubricks kalt-emotionsloser Inszenierung und Schauspielführung wird für mich selten so deutlich widerlegt wie hier! Ich bin ansonsten niemand, der den Oscars allzu große Wichtigkeit beimisst, dennoch ist es in meinen Augen geradezu unvorstellbar, dass von den Schauspielern tatsächlich nur Peter Ustinov nominiert - und dann auch ausgezeichnet wurde.


Des Weiteren finden sich in "Spartacus" mehrere, bemerkenswerte bis außergewöhnliche Untertöne.

Die Liebesbeziehung zwischen Spartacus und Virinia baut auf einem feministischen Fundament auf. Unter den Sklaven werden Frauen den Männern zugeteilt, um Sex mit ihnen zu haben, dem ist zu Beginn auch Spartacus nicht abgeneigt. Als ihm auffällt, dass ihm seine römischen Herren beim Sex zusehen wollen, schreit er ihnen entgegen, er sei kein Tier. Daraufhin meint Virinia zu Spartacus, sie sei gleichfalls kein Tier. Fortan behandelt Spartacus Virinia mit Respekt, was schließlich in der Liebesbeziehung mündet.

Anknüpfend an der Antithese zum Bibelfilm wird in "Spartacus" wissenschaftliches und antireligiöses Denken befürwortet. In einer Szene vertraut Spartacus Virinia an, er möchte die Naturphänomene verstehen lernen und nennt als Beispiele das Fallen von Steinen, die Flugfähigkeit von Vögeln, den Sonnenuntergang, die Mondphase und die Entstehung des Windes. Virinia karikiert dann die Vorstellung, dass Naturphänome einen göttlichen Ursprung haben.

Zwischen Crassus und seinem Haussklaven Antoninus kommt es zu einer sehr erotischen Badeszene, in der Crassus´ Bisexualität offengelegt wird. Antonius badet Crassus, während dieser Antonius mit zweideutigen Bemerkungen zu verführen sucht, er fragt ihn, ob er Austern und Schnecken esse. Ferner fragt Crassus, ob Ersteres moralisch, aber Letzteres Unmoralisch sei und kommt zu dem Schluss, dass es lediglich eine Frage des Geschmackes sei und beide Präferenzen unabhängig von der Moral existieren. Leider wurde diese Szene damals aus der Kinofassung herausgeschnitten und erst 1991 im Zuge der Restauration eingefügt.


Fazit: "Spartacus" ist mein fünfter Kubrick-Film, ich bin immer wieder fasziniert davon, wenn sich Regisseure in jedem Gerne, welches sie anpacken, pudelwohl fühlen und zu Meisterleistungen auflaufen. Trotz des christlich-fundamentalen Hintergrunds bin ich ein sehr großer Fan von "Ben Hur", "Die zehn Gebote" funktionierte diesbezüglich für mich dann leider nicht mehr. Daher ich bin froh, dass in der Zeit mit "Spartacus" auch ein alternativer Sandalenfilm gedreht wurde.

Spartacus Bewertung
Bewertung des Films
910
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16 Kommentare
MJ-Pat
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luhp92 : : BOTman Begins
15.05.2020 13:41 Uhr
0
Dabei seit: 16.11.11 | Posts: 12.864 | Reviews: 142 | Hüte: 449

@MB80
"Der Punkt ist ja, dass freie Entscheidung etwas tief menschliches ist, dass man sogar den übelsten Arschlöchern, und so wird Alex ja auch gezeichnet, nicht nehmen kann."

Über die Existenz des freien Willens lässt sich aus biowissenschaftlicher, neuroligischer Sicht streiten, aber das ist jetzt ein ganz anderes Thema^^

"So jetzt hast du mich, ich schau mir den Film die Tage nochmal an "

Hehe. Das schaue ich mir nach der Arbeit zu Hause mal an.

- "Sie sind ein Erpresser und ein Bandit, Mr. Shatterhand."
- "Willkommen in Amerika!"

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PaulLeger : : Moviejones-Fan
15.05.2020 12:38 Uhr
0
Dabei seit: 26.10.19 | Posts: 374 | Reviews: 3 | Hüte: 45

@ MB80

Hehe, wobei man den betreffenden User kennen müsste, die Aussage könnte sehr gut auch ironisch gemeint sein. Gibt zwar genug Leute, die BvS als Meisterwerk ansehen aber die Inklusion von "Transformers 2" macht mich schon ein wenig stutzig ob das ernst gemeint ist.

@ TiiN

Danke für die Info, freut mich, dass zumindest einer der beiden doch nicht so schlecht ist wie sein Ruf. Gucken werd ich sie auf jeden Fall beide noch.

MJ-Pat
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MB80 : : Cheddar Goblin
15.05.2020 11:38 Uhr
0
Dabei seit: 01.06.18 | Posts: 1.546 | Reviews: 27 | Hüte: 122

@luhp92:

Du meintest ja, dass er für sein Verhalten eigentlich zu gut wegkommt, darauf bezog ich mich. Der Punkt ist ja, dass freie Entscheidung etwas tief menschliches ist, dass man sogar den übelsten Arschlöchern, und so wird Alex ja auch gezeichnet, nicht nehmen kann.

So jetzt hast du mich, ich schau mir den Film die Tage nochmal an ;)

“Ich bin der große Verräter. Es darf keinen größeren geben!“

MJ-Pat
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luhp92 : : BOTman Begins
14.05.2020 23:02 Uhr | Editiert am 14.05.2020 - 23:06 Uhr
0
Dabei seit: 16.11.11 | Posts: 12.864 | Reviews: 142 | Hüte: 449

@TiiN, MB80 und MobyDick: Auch euch ein Dankeschön für die Hüte :-)


@MobyDick

Am Ende kommt ja der Minister, entschuldigt sich bei Alex DeLarge und bietet ihm sogar einen Job wegen der Verdienste an. Da kommt Alex schon mehr gut als negativ weg.

@MB80
"in der sich der Film pro freier Wille positioniert"

Was meinst du da speziell bezogen auf das Ende?


@PaulLeger:
Ja, die mangelnde, menschliche Emotionalität in "2001" ist klar intendiert.

@TiiN: Wie ich gelesen habe, handelt es sich bei "Spartacus" um den einzigen Film, bei dem Kubrick nicht die volle Kontrolle inne hatte. Und gerade deswegen hat er ein solches Arbeiten bei seinen zukünftigen Filmen stets von vorneherein ausgeschlossen.


@PaulLeger und MB80

In der Tat sind das die gleichen Kritiker wie bei "Temple of Doom" ^^
Auf Filmstarts treibe ich mich allerdings nicht herum, dazu kann ich nichts sagen.

- "Sie sind ein Erpresser und ein Bandit, Mr. Shatterhand."
- "Willkommen in Amerika!"

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TiiN : : Pirat
14.05.2020 22:06 Uhr
0
Dabei seit: 01.12.13 | Posts: 5.475 | Reviews: 126 | Hüte: 273

So viele Kubrickdiskussionen hier, sehr schön smile

Zunächst mal gefällt mir deine Kritik zu Spartacus, du hast einige interessante Ansätze gebracht auf die ich bei einer Zweitsichtung mal achten müsste.
Ich persönlich sah in Spartacus aber weniger einen Kubrick-Film. Wie MobyDick schon sagte, war er der Ersatzregisseur, hatte auch keine Drehbuchbeteiligung und so wirklich das Sagen hatte eher Douglas denke ich. Ich finde den Film gut, habe ihn aber nie wirklic heng mit Kubrick verbunden.

Es gibt ja diese großen drei Kubrick-Filme, welche in diversen Rankings oben stehen.

  • 2001: Odyssee im Weltraum
  • A Clockwork Orange
  • Dr. Seltsam oder wie ich lernte die Bombe zu lieben

Diese sind auch stark, insbesondere wenn man sich mit der Symbol dahinter weiter auseinander setzt.
Aber am meisten überrascht haben mich Barry Lyndon und Eyes Wide Shut. Barry Lyndon war für mich in der ersten Hälfte ein Kampf - aber anschließend hat er mich so in seinen Bann gezogen, das fand ich Irre. Eyes Wide Shut ist durch sein spätes Erscheinungsdatum von der Machart recht modern, aber hat trotzdem diesen Kubrick-Faktor und ist total eindringlich.

@PaulLeger
Mir fehlen nur noch seine beiden Frühwerke, die aber eh nicht sonderlich gut sein sollen und daher nicht sehr hoch auf meiner Liste stehen.

Für Fear and Desire mag das zutreffen. Aber Der Tiger von New York ist ein starker Film, natürlich unter Berücksichtung seiner Zeit und seiner Entstehung.

MJ-Pat
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MB80 : : Cheddar Goblin
14.05.2020 19:33 Uhr
0
Dabei seit: 01.06.18 | Posts: 1.546 | Reviews: 27 | Hüte: 122

@PaulLeger und luhp92:

Das kommt bestimmt auch von Filmstarts... Da habe ich gerade unter der Kritik zu "Batman v Superman" folgenden Kommentar gefunden:

"Filmstarts hat ja wohl ´n Knall. Das war der beste Film aller Zeiten. Viel besser als Transformers 2, den ich bisher für den besten hielt."

Wilde Community laughing

@Paul:

Also wenn ich mich richtig erinnere, dann hatte Kubrick aus genau dem Grund Interesse an dem Material (Buchname vergessen...), weil er eben einen Menschen zeigen wollte, der in dieser rigiden Gesellschaft und ihren Normen verformt wird. Opportunist, ja da geh ich durchaus mit, aber Unsympath, hmm. Ich würde mal sagen, die meisten seiner Entscheidungen in der ersten Hälfte sind für uns zumindest nachvollziehbar. Ob Kubrick das als Entschuldigung durchgehen lässt, ist fraglich, da bin ich wieder bei dir (ich vermute mal, da landen wir dann wieder bei "Uhrwerk Orange").

“Ich bin der große Verräter. Es darf keinen größeren geben!“

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PaulLeger : : Moviejones-Fan
14.05.2020 15:56 Uhr
0
Dabei seit: 26.10.19 | Posts: 374 | Reviews: 3 | Hüte: 45

@ luhp92

Die Kubrick-Kritiker dieser Art, die ich lese, sind sich übrigens darüber einig, dass "Eyes Wide Shut" sein bester Film ist.

Solche Leute gibt es? Sind das die gleichen, die "Temple of Doom" als besten Indy-Teil bezeichnen? wink

Beim Thema Emotion sehen wir es ja ähnlich. In vielen seiner Filme ergibt die fehlende Emotionalität ja gerade Sinn, z.B. wenn sich in "2001" der Computer menschlicher verhält als die menschlichen Figuren.

@ MB80

Für mich lässt du Barry da ein bisschen viel durchgehen, wenn du das meiste darauf zurückführst, er sei ein Opfer der Umstände. Nur weil einem eine Frau und deren Sippe mal übel mitgespielt haben, wird man nicht ohne eigenes Zutun zum Dieb, Deserteur, Lügner und Betrüger, alles wohlgemerkt noch im ersten Teil. Denke Barry wird die meiste Zeit als Opportunist gezeichnet, nicht gerade eine Sympathie weckende Charakterisierung. Zumal wenn man Kubricks Menschenbild aus seinen anderen Werken heranzieht es fraglich scheint, ob gerade Kubrick die äußeren Umstände als Entschuldigung anführen wollte.

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MobyDick : : Moviejones-Fan
14.05.2020 09:21 Uhr
0
Dabei seit: 29.10.13 | Posts: 5.551 | Reviews: 112 | Hüte: 391

luhp92:

Jip, Spartacus ist die No1!

Und dann noch:

"So verachtenswert, dass ich es dem Film fast schon ankreide, dass Alexander DeLarge am Ende noch zu gut wegkommt."

Tut er das wirklich ? wink

Dünyayi Kurtaran Adam
MJ-Pat
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MB80 : : Cheddar Goblin
14.05.2020 00:16 Uhr
0
Dabei seit: 01.06.18 | Posts: 1.546 | Reviews: 27 | Hüte: 122

PaulLeger:

Also das er Barry nicht sentimental inszeniert stimmt, aber als Unsympath wird er auch nicht dargestellt. Der Witz ist ja, dass Barry in der ersten Hälfte des Filmes wenig vorzuwerfen ist, und er eigentlich komplett getrieben wird von einer Gesellschaft, die ihn wegen seines Familienstandes ausgrenzt. Seinen ersten Fehltritt begeht er ja aus Liebe, und wird dafür verarscht. Und sein Verhältnis zu seinem Freund in der Armee ist ja sehr freundschaftlich, und sein leiblicher Sohn wird definitiv von ihm geliebt. Den Bruch zum Unsympathen macht er in der Szene in der Kutsche, wo klar wird dass er nur wegen des Geldes geheiratet hat. Die Ironie ist ja, dass er da, wo er in der feinen Gesellschaft angekommen ist, quasi zum Mittäter wird.

@luhp92:

"So verachtenswert, dass ich es dem Film fast schon ankreide, dass Alexander DeLarge am Ende noch zu gut wegkommt."

Gerade da zeigt sich ja die Radikalität, in der sich der Film pro freier Wille positioniert. Sympathisch ist in dem Film kein einziger Charakter. Also Kubrick ist ja kein Menschenhasser, es "menschelt" aber weniger als in anderen Filmen, von denen wir es gewohnt sind. Und ja, das ist durchaus eine Stärke.

“Ich bin der große Verräter. Es darf keinen größeren geben!“

MJ-Pat
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luhp92 : : BOTman Begins
13.05.2020 20:42 Uhr | Editiert am 13.05.2020 - 20:52 Uhr
0
Dabei seit: 16.11.11 | Posts: 12.864 | Reviews: 142 | Hüte: 449

Zum Emotionskino Kubricks (MB80, PaulLeger):

Dass Kubricks Stil in der zweiten Hälfte seines Schaffens von nüchterner und distanzierter Natur ist, stimmt natürlich. Aber sind es deswegen automatisch emotionslose, kalte und unmenschliche Filme, braucht es für das Gegenteil unbedingt Sympathieträger und Sentimentalität? (Anmerkung: Nolan wird da das gleiche vorgeworfen wie Kubrick.)

Das Schicksal von Private Paula in "Full Metal Jacket" geht mir jedes Mal nahe, der Wahnsinn, den er durchmacht, inklusve der Wahnsinnsperformance von Vincent DOnofrio ist deutlich spürbar. Und die Endszene mit dem Mickey-Maus-Song zeugt von großer Tragik und Anteilnahme.

Bezüglich der Sympathie und der Emotionen kann es aber auch in die andere Richtung gehen, oft richtet Kubrick seinen Blick ja gezielt auf Unsympathen. Und insbesondere in "A Clockword Orange" wird Alexander DeLarge als dermaßen verachtenswerter Charakter zum Leben erweckt, hier ebenfalls eine Wahnsinnsperformance von Malcolm McDowell, wie ich nur sehr selten in einem Film erlebt habe. So verachtenswert, dass ich es dem Film fast schon ankreide, dass Alexander DeLarge am Ende noch zu gut wegkommt.

Die Kubrick-Kritiker dieser Art, die ich lese, sind sich übrigens darüber einig, dass "Eyes Wide Shut" sein bester Film ist.


@MobyDick

Danke für die Anmerkung zur Heterogenität in "Spartacus", das wirst du als absoluter Filmkenner besser beurteilen können als ich. Von Anthony Mann las ich diese Woche zum ersten Mal überhaupt^^

"Ben Hur" wollte ich mit dem Vergleich keineswegs herabwürdigen, insgesamt sehe ich den Film - auch wegen der Schauwerte - weiterhin über "Spartacus" und würde da auch klar die 10/10 Punkten geben. Zugegeben habe ich "Ben Hur" - mit Ausnahme der Szene des Wagenrennens - aber schon seit Jahren nicht mehr gesehen, meine Begeisterung zehrt sich aus den Erinnerungen und meine Kritik am christlichen Fundamentalismus aus der groben Handlung. Auch hier danke für die Erläuterungen, ein Rewatch stünde da dann echt mal an.

"Ansonsten das zweitbeste Historien-Sandalen-Epos aller Zeiten."

Meinst du damit, dass "Spartacus" bei dir auf Platz 1 steht oder meinst du einen anderen Film? Und falls Letzteres, welchen?

- "Sie sind ein Erpresser und ein Bandit, Mr. Shatterhand."
- "Willkommen in Amerika!"

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PaulLeger : : Moviejones-Fan
13.05.2020 17:43 Uhr | Editiert am 13.05.2020 - 17:45 Uhr
0
Dabei seit: 26.10.19 | Posts: 374 | Reviews: 3 | Hüte: 45

@ MB80

"Barry Lyndon" ist so der letzte wo er sich bemüht, eine gewisse Sympathie zu den Charakteren aufzubauen,

Hm, nicht sicher ob er das tut, eigentlich präsentiert er uns den Protagonisten den ganzen Film über als totalen Unsympathen, wenn man so will bekommt Barry erst in der Duellszene in der Scheune und somit ganz am Schluss zum ersten Mal einen positiven Charakterzug, daher ist es umso erstaunlicher, dass sein zuvor gezeichneter Abstieg dennoch emotional so gut funktioniert. Dahingehend unterstreicht der Film Kubricks emotionale Meisterschaft sogar, weil dieser zeigt, dass er die üblichen Mittel des Sentimentalkinos (Sympathie zum Protagonisten aufzubauen) eben gar nicht benötigt, um dennoch Emotionen zu evozieren, das ist so ziemlich der größte Schlag ins Gesicht, den er seinen Kritikern, die mit der Emotionsschiene kommen, verpassen konnte.^^

Dass die falsch liegen, hatte er ja eh schon lange vorher mit der Schlussszene von "Wege zum Ruhm" bewiesen.

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MobyDick : : Moviejones-Fan
13.05.2020 14:42 Uhr
0
Dabei seit: 29.10.13 | Posts: 5.551 | Reviews: 112 | Hüte: 391

Auch von mir ein Hut für ein schönes Review eines tollen Filmes.

Nur zwei Ergänzungen meinerseits:

Bzgl Kubricks kalt-emotionsloser Inszenierung gerade diesen Film heranzuziehen empfinde ich als ein zweischneidiges Schwert, da man gerade in diesem Film eine gewisse, dem Film zuträgliche Heterogenität schon erkennen kann. Das liegt wahrscheinlich auch ein bißchen daran, weil Kubrick erst als ersatzregisseur einstieg, nachdem der Erstregisseur von Douglas gefeuert wurde. So hat man schon noch meines Erachtens gewisse Einflüsse eines Anthony Mann durchaus erkennen. Was jetzt nicht heisst, dass das stimmen muss, denn in Wege zum Ruhm ist er ja auch ziemlich emotional, aber ich bilde mir ein, dass hier sowas zu erkennen ist.

Bzgl der Herabwürdigung eines Ben Hur im Vergleich: Lange Jahre habe ich es genauso gesehen wie du, aber damit tuen wir dem Film von Wyler durchaus Unrecht. Der Film muss sich zum einen an einem extrem religiös-fundamentalen Werk abarbeiten, dennoch gelingt es ihm gerade in der Zeit, in der er gedreht wurde, ein extrem subversives - eben die Machtverhältnisse jener Zeit hinterfragendes - Meisterwerk abzuliefern. Dazu gehört vor allem, dass Hestons Ben Hur eben kein Strahlemann ist, sondern durchaus ein sehr düsterer und ambivalenter Charakter ist, der zum einen in gewissen Momenten eben nicht zur Identifikation einlädt. Und zum anderen ist Boyds Mesala mehr als nur ein typischer Abziehscherge, der Mann ist durchaus vielschichtig, und wenn man sich darauf einlässt, gibt es auch durchaus bei dieser Figur den einen oder anderen identifikationspunkt. Hinzu kommt eine sehr deutliche, wenn auch ziemlich gut versteckte homoerotische Schiene, die dann auch noch durch eine absichtlich lediglich dahingerotzte Liebesgeschichte kümmerlich kaschiert werden soll. Hinzu kommt, dass der Film mit Schauwerten punktet, die selbst heute noch Ihresgleichen suchen. Dass der Film am Ende so gefühlt extrem in die religiöse Schiene abdriftet, finde ich auch nicht sonderlich gut oder der Qualität des bisherigen Filmes unbedingt zuträglich, aber das ist ja im Grunde eine der Grundessenzen der "Literaturvorlage". Und das ist dann natürlich auch der Grund dafür, dass er dann auch so extrem deutlich das Nachsehen hinter Spartacus hat. Ansonsten das zweitbeste Historien-Sandalen-Epos aller Zeiten.

Dünyayi Kurtaran Adam
MJ-Pat
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MB80 : : Cheddar Goblin
13.05.2020 09:39 Uhr
0
Dabei seit: 01.06.18 | Posts: 1.546 | Reviews: 27 | Hüte: 122

@luhp92:

Ebenfalls von mir: schöne Kritik. Habe den Film allerdings ne Weile nicht gesehen, auch wenn ich mir vor kurzem mal wieder einige Kubricks gegeben habe (habe übrigens auch noch die ein oder andere Lücke im Frühwerk).

"...die Kritik an Stanley Kubricks kalt-emotionsloser Inszenierung und Schauspielführung wird für mich selten so deutlich widerlegt wie hier!"

Das ist der einzige Punkt wo ich sagen würde ja, korrekt, aber es ist halt ein Frühwerk und die Entwicklung geht schon hin zur nüchtern-distanzierten Inszenierung. "Barry Lyndon" ist so der letzte wo er sich bemüht, eine gewisse Sympathie zu den Charakteren aufzubauen, was davor bei "2001" und "Uhrwerk Orange" schon fast fehlt. Und danach geht er mit ""Shining", "Full Metal Jacket" und "Eyes wide shut" auch nochmal auf Distanz.

“Ich bin der große Verräter. Es darf keinen größeren geben!“

MJ-Pat
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luhp92 : : BOTman Begins
13.05.2020 05:32 Uhr
0
Dabei seit: 16.11.11 | Posts: 12.864 | Reviews: 142 | Hüte: 449

Dankeschön :-)

Ergänzung: Abseits seiner realisierten Filme hätte ich liebend gerne Kubricks "Napoléon" gesehen.

- "Sie sind ein Erpresser und ein Bandit, Mr. Shatterhand."
- "Willkommen in Amerika!"

MJ-Pat
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luhp92 : : BOTman Begins
12.05.2020 23:09 Uhr | Editiert am 12.05.2020 - 23:12 Uhr
4
Dabei seit: 16.11.11 | Posts: 12.864 | Reviews: 142 | Hüte: 449

@PaulLeger

Danke für das Lob :-)

Mir fehlen noch:
- Fear and Desire
- Der Tiger von New York
- Die Rechnung ging nicht auf
- Wege zum Ruhm
- Lolita
- Dr. Seltsam
- Barry Lyndon
- Eyes Wide Shut


Abgesehen von Platz 1 sind die Nuancen so gering, dass es mir da schwerfällt, ein Ranking zu erstellen^^ Ich habe die gesehen Filme jetzt mal wie folgt angeordnet:

1) 2001
2) Full Metal Jacket
3) A Clockwork Orange
4) The Shining
5) Spartacus

- "Sie sind ein Erpresser und ein Bandit, Mr. Shatterhand."
- "Willkommen in Amerika!"

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