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Mank

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Userkritik von Nothing-is-Written

Mank Kritik

Mank Kritik
23 Kommentare - 01.02.2021 von Nothing-is-Written
In dieser Userkritik verrät euch Nothing-is-Written, wie gut "Mank" ist.
Mank

Bewertung: 2.5 / 5

Hollywood referiert über Hollywood. Anders ausgedrückt: Das Lieblingsthema der Traumfabrik schlechthin findet wieder einmal dankbaren Nährboden für eine Geschichte. Nach unzähligen Ausflügen in die Welt der Stars und des Glamours wagt sich fast unmittelbar nach Tarantinos Once Upon A Time in Hollywood nun mit David Fincher ein weiterer A-Lister in dieses selbstreflexive Metier vor. Für dieses Vorhaben hat er sich mit einem für ihn ganz besonderen Drehbuch bewaffnet…

Was lässt sich mit David Finchers filmhistorischen Deutungsversuch über einen der größten Juwelen der klassischen Hollywood-Ära sagen? In erster Linie muss betont werden, dass Mank wenig überraschend ein Exkurs über die klassische Zeit Hollywoods um 1930/1940 darstellt. Judy Garlands Rolle im Zauberer von Oz oder Scarlett O´Haras Mimenspiel in Vom Winde verweht sind dabei in etwa ebenso von Interesse, wie die selbstbewusste Inszenierung der Drehteams und Filmvorstände in exquisiten Kostümen bei schwerem Zigarrenrauch. Geschildert wird eine Geschichte über einen Kreativen, der sich mit reichlich Alkohol über seine Schreibblockaden hinwegtröstet und in grimmigen Erinnerungen an seinen Einstand und andere biografische Höhepunkte im Filmgeschäft zu schwelgen scheint. Das schnelllebige Alltagsgeschäft Hollywoods scheint ihn förmlich den Lebensdurst geraubt zu haben. Doch eine große Aufgabe wartet nun auf ihn: Youngstar und Lebemann Orson Welles drängt in das Filmbusiness und es bedarf eines guten, nein, eines herausragenden Konzeptes, mit dem er sich in die Herzen des zeitgenössischen Publikums und seiner scharfzüngigen Kritik spielt. Das Ringen mit der Zeit und den inneren Abgründen des Herman J. Mankiewicz beginnt…

Trailer zu Mank

Mit drehbuchartigen Verweisen auf die dargestellte Zeitperiode und das Setting werden so nacheinander Szenen inklusive Rückblenden komponiert, die den schwierigen Werdegang des Drehbuchautors Manks (Gary Oldman) mitsamt seines zugehörigen Arbeitsalltags reflektieren. Zweifellos stellt die versatzstückartige Handlungsstruktur einen durchaus interessanten Ausgangspunkt dar, um eine Geschichte über den Drehbuchautoren in Gang zu setzen. So zeigt sich darin jener erzählerischer Kniff, der bereits beim filmischen Vorbild Citizen Kane für Aufsehen sorgte. Durch Einbindung unterschiedlicher Quellen (etwa Freunde, Geliebte, Erzfeinde, Textquellen), die in der Handlung sondiert wurden, ließ sich ein filmisches Puzzle über einen fiktionalen Medienmogul entwerfen, das sich den Möglichkeiten des journalistischen Arbeitsumfeldes und dem Durst nach Wahrheit entzieht.

Als kinokanonisches Werk zählt Orson Welles Debutfilm Citizen Kane von 1941 für CineastInnen über kurz oder lang zum Pflichtprogramm. Wenigstens einmal, so sagt man, sollte man diesen Meilenstein der Filmgeschichte erlebt haben. Schaut man ihn dann mit heutigen Augen, ist die Enttäuschung zumeist endlos und das Unverständnis für die generalisierenden Jubelstürme scheint es ebenso zu sein. Zurecht lässt sich fragen: Wodurch lässt sich dieses Urteil legitimieren? Weshalb wird ausgerechnet dieser Film mit seiner zweifellos betagt anmutenden Ästhetik immer wieder als zeitlos gepriesen? Auf diese tiefschürfenden Fragen gibt es vielfältige Antworten, die durchaus auch in Mank Anklang finden…

Citizen Kane ist für den nach wie vor anhaltenden Trend der Biopics insofern wegweisend gewesen, als dass eine Figur skizziert wird, die je nach Perspektive gleichermaßen von heroischen Werten (Pathos, Erfindergeist) als auch abscheulichen Abgründen (Sucht nach Liebe und Anerkennung, Größenwahn) gekennzeichnet scheint. Vermehrt sind moderne Biopics im Gegensatz dazu vor allem eines: Imagefilme. Schaut man sich aktuelle filmische Biografien an, etwa über Steve Jobs (Danny Boyles Steve Jobs) oder die Hip-Hop-Formation N.W.A (Gary F. Grays Straight Outa Compton), dann fällt auf, dass man seine Koryphäen selten zu dekonstruieren versucht und sie stattdessen auf ein unerreichbares Podest stellt. Sämtliche menschliche Makel werden durch die Schilderung einer Erfolgsgeschichte beseitigt, um das Visionäre solcher Figuren nicht zu stark anzukratzen. All das geschieht unter der Maßgabe der auratischen Wirkung, die von solchen Figuren auszugehen scheint. Ein Blick hinter diese Fassade wird dadurch zusehends erschwert, weil die Biografien einzig auf die Erfolgsmomente hin ausgerichtet werden. Wenn es auch durchaus funktionabel und wirkungsvoll anmutet, ist das im Kern eigentlich eine feige und einfältige Art, sich mit historischen Figuren der Populärkultur zu befassen, versucht man doch die Möglichkeit einer kritischen Distanz zu nivellieren und das Publikum dadurch zu vereinnahmen. Die ungeschönte Herangehensweise muss man im Falle von Finchers Mank lobend hervorheben. Oldmans Interpretation des Mank gibt ein wenig schmeichelhaftes Bild von dieser Personalie ab und wirkt gerade deshalb lebensnäher.

Die brillierende Kollaboration aus dem von Oldman gespielten Mank und seiner Sekretärin Rita Alexander (Lily Collins) sowie filmische Funfacts ändern am banalen Eindruck ebenso wenig wie der im damaligen Zeitkolorit schwelende Soundtrack, die aufwendigen Kulissen sowie zugehörige Kamera- und Montagetechniken. Dieser Film hat nichts über das Meisterwerk Citizen Kane und seine Entstehungsumstände mitzuteilen, was über Anekdoten und Kalauer hinauskommt.

Bedingt durch das dröge Drehbuch kommt Oldmans anerkennungswürdiges Schauspiel als abgekämpfter Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz zu keiner Zeit über den Status des verkannten Zynikers und Systemkritikers hinaus. Der Alkohol als gleichvoll gehaltvolle Metapher wie Triebfeder für das kreative Delirium sowie die schwierige Beziehung zu seinem ungleich erfolgreicheren, geleckten Bruder Joseph L. Mankiewicz (Tom Pelphrey) kokettieren mit dem Bild des genialen Schreibers in einer Art und Weise, die man trotz ihrer Raffinesse als gewollt umschreiben könnte. Natürlich dürfen einige wenige, aber umso lohnendere, Auftritte des großen Orson Welles nicht fehlen. Als geradezu unheimlich muss man hierbei Tom Burkes Nachahmung des Habitus mitsamt der typischen Bariton-Stimme des jungen Aufsteigers betiteln. Ob nun historisch akkurat oder nicht, sei dahingestellt. Wichtiger ist jedoch, dass aus diesem spannungsreichen Gefüge inklusive einer schier unmöglich zu bewältigenden Mammutaufgabe eines überzeugenden Drehbuchentwurfs keinerlei tiefere Ebene herausgekitzelt wird.

Die angesprochenen Reminiszenzen kann man in Mank dennoch mit Wohlwollen zur Kenntnis nehmen. Beispielsweise die imposante Kulisse bei dem politischen Tischgespräch in William Hearsts persönlichen Xanadu. So scheint diese doch exakt an den größenwahnsinnigen Einrichtungsstil von dessen vermeintlichen Filmdouble Charles Foster Kane angepasst.

In der Tat muten die Entstehungsgeschichte und die Drehumstände von Mank geradezu fantastisch, passender noch, theatralisch an. Die liebevolle Geschichte um den Sohn, der das Erbe des verstorbenen Vaters antritt und aus dem vorhandenen Drehbuch ein romantisierendes Loblied auf das Hollywood vergangener Tage anstimmt, übernimmt freilich ihr Übriges und erweist der Marketing-Abteilung von Netflix einen Bärendienst. Allerdings wird mit diesen exzellenten Voraussetzungen in Mank nichts ähnlich intellektuell Herausragendes vollzogen, das über bloße nostalgische Selbstversessenheit und handwerklich eindrucksvolles Schauspiel hinwegtäuscht.

Schwer wiegt die Last, dass man trotz umfangreichen filmhistorischen Wissens und ästhetischen Gespürs nicht imstande scheint, den damaligen Klassikern der Zunft neue Sinneindrücke abzuverlangen, geschweige denn an diese anzuschließen. Herausgekommen ist dabei ein schwelgerisches Werk in schwarz/weiß-Optik mit bedeutungsschwanger veredelter Rauschpatina. Effektvoll montierte Filmfehler inklusive. Natürlich wurde das Szenario nicht auf Originalfilmmaterial gebannt, sondern mit entsprechenden Filtern auf ursprünglich hochaufgelösten Digitalbildern. Laut Aussagen Finchers blieb von dem Film gerade einmal noch ein ¼ der ursprünglichen Bildqualität übrig. Das könnte man durchaus als törichte Augenwischerei bezeichnen.

Unerträglicher scheint bei alledem aber, dass dem Film jegliche Raffinesse fehlt, die Orson Welles Werk in all seiner prächtig ausgefeilten Manier so berühmtberüchtigt machte. Allen voran wäre die Theatralik, mitsamt ihrer reizvollen Gesprächseinstiege und deren sphärische Rückblenden in die Vergangenheit hervorzuheben. Ebenso wenig findet sich bei Mank auch nur der Hauch einer übergeordneten Idee, was mit der Tiefenschärfe und den dadurch entstehenden Bildebenen anzufangen sei. Welles war es mit derlei stilistischen Mitteln gelungen, die Bildsprache Hollywoods auf den Punkt zu bringen und gilt damit gleichzeitig als Zenit der klassischen Ära Hollywoods. Man muss diesen Film aus heutiger Sicht keinesfalls auf ein unangefochtenes Podest stellen, wie es manche KritikerInnen tun. Wohl aber sollte man die durchaus vorhandene Komplexität der dickensschen Tragik und der aufgezeigten Reflexion über das Medienbusiness sowie dessen kapitalistische Strukturen nachvollziehen, um die Tragweite des Drehbuchs und der filmästhetischen Mittel verstehen zu können. Auch wenn es natürlich den heutigen Zuschauenden ungemein schwerfallen dürfte, sich in die Rolle eines damaligen Publikums und seiner tagesaktuellen Probleme hineinzuimaginieren: selbst der klägliche Versuch hilft ungemein!

So bleibt der fade Eindruck haften, dass Fincher und sein Team dieses Werk wohl als narzisstischen Selbstläufer ansahen. Ein Film, der die kreative Bewältigung des von KritikerInnen wohl gepriesensten Films aller Zeiten aufgreift? All das auch noch durch den Geist eines höchst funktionablen, verkannten Trunkenbolds erschaffen? Das schreit geradezu nach Ruhm, Ehre und Oscar-Gold! Leider ist das Ergebnis deutlich weniger beeindruckend. Der Film schleppt sich ebenso zahnlos und müde, wie Oldmans zwar gekonnt nuanciertes, aber abgekämpftes Schauspiel über eine Laufzeit von mehr als zwei unerträglich langen Stunden.

Im Falle Manks hat man es mit dem filmischen Nostalgiefaktor in seiner banalsten und einfältigsten Art zu tun. Nämlich mit einem solchen, der die filmischen Mittel als Zitat benutzt, ohne ein Verständnis für den kunstvollen Gehalt dieser Ästhetik zu besitzen, geschweige denn diese für das Publikum zu plausibilisieren. Wahrlich, hier strömt keine Magie, denn mit all den Darbietungen verfolgt man weder das aufrichtige Interesse, noch besitzt man das künstlerische Gespür, über den Status einer Jahrmarktsattraktion hinauszukommen. So ziemlich jedes halbwegs anerkannte Buch über den einstigen Status Quo der damaligen Filmindustrie verschafft einen reichhaltigeren und unterhaltsameren Eindruck über die dargestellte Periode und seiner schillernden Figuren.

Mank Bewertung
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23 Kommentare
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MobyDick : : Moviejones-Fan
08.02.2021 11:35 Uhr
0
Dabei seit: 29.10.13 | Posts: 6.298 | Reviews: 159 | Hüte: 488

PaulLeger

Keine Sorge, ich habe noch andere Themen, denen ich mich widmen kann, bevor ich mich sowas wie JFK widme wink

Aber da du so schön fragtest: ich habe JFK tatsächlich in meiner Schulzeit gesehen, und es war damals schon extrem klar für mich, dass es diesen Film in dieser Art so nur geben konnte, da Costner (von dem ich übrigens genau einen Film für gelungen halte!) mit seinem Der mit dem Wolf tanzt das ganz große Ding abgeschossen hatte. Ich habe mich damals bei Sichtung so über diesen Film geärgert, dass ich ihn mir danach nie wieder angeschaut habe und auch nicht vorhabe, es wieder zu tun. Gefühlt war das eine wirre Auflistung von krudesten Behauptungen, die nie untermauert wurden, aber das war auch gar nicht nötig, denn Costner als aufrechter Amerikaner mit Gewissen wird schon recht haben, so kam es natürlich auch zum länsgten Plädoyer in einem Film aller Zeiten. das waren damals 3 vergeudetet Std meines Lebens, und jetzt wo ich noch weniger Restlebenszeit habe, werde ich den teufel tun und mich mit sowas auseinandersetzen, da doch lieber 4 Std den Sendeschluss mit Bernd das Brot anschauen wink

Ich hoffe ich konnte helfen :-D ?

Dünyayi Kurtaran Adam
MJ-Pat
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luhp92 : : BOTman Begins
06.02.2021 16:39 Uhr
0
Dabei seit: 16.11.11 | Posts: 14.324 | Reviews: 157 | Hüte: 508

@PaulLeger

Da legst du im Bezug auf heutige Zeiten bei "JFK" genau den Finger in die Wunde. In Zeiten des Internets sind Verschwörungstheorien nochmals populärer geworden. Ich habe "JKF" vor drei Jahren zum ersten Mal gesehen und habe den Film als hervorragenden Thriller sehr genossen, weil ich den Realitätsrattenschanz dieses Verschwörungsszenarios erfolgreich ausblenden konnte. Ich kann aber jeden verstehen, dem sich hier die Zehennägel hochrollen.

"Dit is einfach kleinlich, weeste? Kleinjeld macht kleinlich, Alter. Dieset Rechnen und Feilschen und Anjebote lesen, Flaschenpfand, weeste? Dit schlägt dir einfach auf de Seele."

MJ-Pat
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luhp92 : : BOTman Begins
06.02.2021 16:00 Uhr | Editiert am 06.02.2021 - 16:12 Uhr
0
Dabei seit: 16.11.11 | Posts: 14.324 | Reviews: 157 | Hüte: 508

@Nothing-is-Written

"Mir gefallen diese klassischen Biopics ehrlich gesagt immer weniger, weil ich mir dann denke, dass es da filmisch in Bezug auf die Widersprüche viel mehr zu evaluieren gäbe, als den bloßen Werdegang der Person."

Biopics, die sich als Abfilmen eines Wikipediaartikels verstehen, reizen mich auch immer weniger. Den Churchill-Film mit Gary Oldman hatte ich mir zum Beispiel zu Beginn vorgemerkt und wollte mir den eigentlich ansehen, habe mittlerweile aber die Lust daran verloren. Aus diesem Grund gefiel mir an "Steve Jobs", dass Aaron Sorkin und Danny Boyle sich für den experimentellen Ansatz mit den drei Ereignissen/Kapiteln und dem "Birdman"-artigen Blick hinter die Kulissen entschieden, um sich Steve Jobs auf diese Art zu nähern. Aber gut, da unterscheidet sich unsere Wahrnehmung wohl etwas, wenn für dich der "Birdman"-Ansatz nicht stark genug verfolgt wurde.

Ich bin nicht der größten Fan von "Bronson" (der arbeitete sich für mich zu sehr daran ab, ein moderner "A Clockwork Orange" zu sein), aber ja, dieser Ansatz für ein Biopic war schon ziemlich interessant.

"Man hätte das durchaus in Bezug auf die quasi religiöse Thematik der sogenannten "Apple-Jünger" übertragen können."

Amüsanterweise findet sich genau dieses Szenario in "Iron Sky: The Coming Race", da hat sich innerhalb der Gesellschaft auf dem Mond eine Elektrotechnik-Religion entwickelt, die deutlich auf die Apple-Gemeinschaft abzielt. War ziemlich witzig. Das könnte man durchaus zu einem abendfüllenden Film ausweiten beziehungsweise man hätte damals für "Steve Jobs" einen solchen Ansatz hätte wählen können, da bin ich bei dir.


Zu "Tron" und "Tron Legacy":

Der erste Film ist ein archaischer Low-SciFi-Fantasyfilm, quasi "Conan" und "Star Wars" in einer virtuellen und rein animierten Welt. Gefiel mir gut, mehr als ein atmosphärisches B-Movie ist das jetzt aber nicht. "Tron Legacy" hat den Ruf, ein audiovisuell genialer Actionfilm zu sein, was er auch ist, aber der Ruf wird dem Film meiner Meinung nach nicht gerecht. Abseits der Apple-Microsoft-Metaebene arbeitet der Film auch viel mit der Beziehung zwischen Schöpfer und Schöpfung (Gott Mensch, Mensch Computerprogramm) aus Basis des altgriechischen und christlichen Glaubens Das im Detail auszuformulieren würde hier jetzt den Rahmen sprengen, gerne kannst du dazu meine Spoiler-Analyse lesen, falls du magst.

https://www.moviejones.de/kritiken/tron-legacy-kritik-4746.html


"Er hat ein Händchen für kreative Inszenierungsweisen und kann selbst schwierige Zusammenhänge wunderbar leicht verständlich machen."

Auf "Vice" mag das zutreffen, "The Big Short" bedient sich aber schon diverser fachchinesischer Begriffe, ohne diese zu erklären oder sie in einen Kontext zu setzen. Das dürfte für Finanz- und Hedgefonds-Laien schwer bis nicht verständlich sein (zu denen ich mich selbst auch zähle). Da fehlt in meinen Augen die Finesse in der Auseinandersetzung mit dem Thema.

Satire als Form der Kritik und des Ad Absurdum Führens ist definitiv legitim, dagegen wollte ich jetzt auch nichts sagen. Ansonsten wäre es auch scheinheilig, da ich gleichzeitig "The Wolf of Wall Street" ziemlich feiere^^ Der Unterschied besteht für mich darin, dass "The Wolf of Wall Street" das rücksichtslose Machtstreben kritisiert und lächerlich macht, gleichzeitig aber auch eine Verbindung zwischen dem kleinen Mann und den reichen Fondsmanagern und Spekulanten herstellt. Anhand Jordan Belforts Werdegang wird geschildert, dass dieser Übergang von der einen "Klasse" in die andere fließend ist. Zudem wird geschildert, dass die Fondsmanager und Spekulanten darauf angewiesen sind, dass der kleine Mann an den kapitalistischen Traum glaubt und den Finanzgurus Glauben schenkt. Der Finanzguru im Film wird ja ausgerechnet von Jordan Belfort persönlich gespielt und das Kameraauge (Kinopublikum) nimmt die Position des Guru-Publikums ein. Das "Wir und die anderen" gibt es in "The Wolf of Wall Street" nicht, bei "The Big Short" sieht es meiner Meinung nach anders aus.

Zustimmung zu "I, Tonya".

Bei der "Parasite"-Serie ist, wenn ich recht informiert bin, noch nicht sicher, ob das einfach nur ein Remake mit zwei US-Familien wird oder ob es sich dabei um eine Erweiterung des südkoreanischen Films handelt, welche die größeren Systemzusammenhänge thematisiert. Beides wurde in News immer mal wieder genannt, Letzteres würde mir besser gefallen.

"Internal Affairs" habe ich noch nicht gesehen, das Scorsese mit "The Departed" den Fokus dann aber auf Boston und auf die US-irische Mafia legt, gefiel mir ebenfalls.

"Dit is einfach kleinlich, weeste? Kleinjeld macht kleinlich, Alter. Dieset Rechnen und Feilschen und Anjebote lesen, Flaschenpfand, weeste? Dit schlägt dir einfach auf de Seele."

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Nothing-is-Written : : Moviejones-Fan
05.02.2021 17:40 Uhr | Editiert am 05.02.2021 - 18:01 Uhr
0
Dabei seit: 04.01.21 | Posts: 300 | Reviews: 2 | Hüte: 46

@PaulLeger

Das mit One Night in Miami ist definitiv ein passender Einwand. Eigentlich sollte das wirklich nur eine kleine Randnotiz sein, ich merke aber, dass sowas natürlich auch erklärungsbedürftiger ist und somit vielleicht gar nicht so zielführend für die Diskussion. Ich beteilige mich da die Tage im passenden Bereich gern. Da fällt mir eine ganze Menge dazu ein...

Das mit der sterbenden Kinokultur im Zusammenhang mit Streaming ist wirklich ein nerviger Aspekt. Amazon macht das ja bei seinen Eigenproduktionen auch liebend gern, in dem vorab eine Animation eines "Amazon-Studios-Kinos" gezeigt wird. Völliger Blödsinn, der mich aufrichtig an deren Feingefühl zweifeln lässt. Grad wenn es nischige Filme sind, schauen die ja eher kino-affine Menschen, die diese Entwicklung kritisch betrachten. Entsprechend würde es mich richtig freuen, wenn du (wieder) als leidenschaftlicher Verfechter der Kinokultur in Erscheinung trittst. Apathie bedeutet, dass man sich abgefunden hat. Das darf man nicht zulassen. Von kritischen Menschen bei den grassierenden Tendenzen und Trends gibt es zu wenige laughing Ich bin etwa jemand, der physische Medien nach wie vor sehr sehr doll schätzt. Das können viele andere Menschen nur schwer nachvollziehen.

Edit: Deinem scharfsinnigen Kommentar zum Fake-News-Sachverhalt und der resultierenden Signalwirkung auf andere DrehbuchschreiberInnen und einem unreflektierteren Publikum kann ich nur beipflichten. Ich wollte das ursprünglich ähnlich schreiben, allerdings wollte ich nicht schon wieder so moralisierend rüberkommen. Der Sachverhalt um JFK ist ein gutes Beispiel um aufzuzeigen, welche Blüten eine solche Herangehensweise treiben kann. Da hilft es im Nachhinein wenig zu sagen, dass das ja bloß Fiktion sei. Die Bilder hallen stärker nach als jeder Kommentar dazu...

"I have been watching my life. It’s right there. I keep scratching at it, trying to get into it. I can’t." "MAD MEN" S02E12: THE MOUNTAIN KING

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PaulLeger : : Moviejones-Fan
05.02.2021 17:25 Uhr
0
Dabei seit: 26.10.19 | Posts: 930 | Reviews: 8 | Hüte: 128

@ Nothing-is-Written

Vorweg: Zu "One Night in Miami" kannst du deine Gedanken ja im dortigen Kommentarbereich hinterlegen, dort hab ich auch schon einen Kurzkommentar abgegeben, dann hätten wir wenigstens eine der Diskussionen hier in den passenderen Bereich ausgelagert, hier sprengen wir gerade ja so ein wenig den Rahmen.^^

Mit deiner Netflix-Kritik rennst du bei mir offene Türen ein. Leider merke ich an mir schon allmählich, dass man sich mittlerweile schon fast mit der Unvermeidlichkeit dieser Entwicklung arrangiert hat. Daher hab ich mich auch gar nicht mehr groß mit dem ins Auge stechenden Widersinn, eine Ode an das Kino beim Totengräber desselben zu veröffentlichen, beschäftigt. Als Scorsese sich an Netflix verkauft hat, hab ich hier noch hitzige Diskussionen über dessen Scheinheiligkeit geführt, mittlerweile bin ich da fast schon abgestumpft, wenn der nächste Filmemacher das Kino verrät. Aber schön, wenn du in der Hinsicht die Fahne hochhältst, ich werde versuchen in der Hinsicht auch wieder meine Resignation abzuschütteln und mit neuem Elan in den Windmühlenkampf zu ziehen.^^

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PaulLeger : : Moviejones-Fan
05.02.2021 17:16 Uhr
1
Dabei seit: 26.10.19 | Posts: 930 | Reviews: 8 | Hüte: 128

@ MobyDick

Da du meine Kritik gelesen hast, weißt du ja, dass ich dem Film trotzdem eine gute Bewertung gegeben habe, ergo hat dieser Punkt meine qualitative Einstufung des Films nicht großartig beeinflusst. Und auch Nothing-is-Written führt doch viel gravierendere Punkte für seine Wertung an als diesen, daher diskutieren wir hier also lediglich einen Aspekt, der die qualitative Einordnung des Werks nicht groß beeinflusst. Dennoch finde ich, dass man diesen Aspekt thematisieren kann und vielleicht sogar muss.

Nun ist die Urheberschaft eines Drehbuchs sicherlich kein Ding, wegen dem man einen großen Aufriss machen müsste und gerade "Mank" dürfte als Nischenfilm ohnehin nur ein kleines Publikum haben (was sich allerdings ändern könnte, wenn er den Oscar für den besten Film erhalten sollte, denn dann dürften viele Netflix-Nutzer, die den Film bislang links liegen gelassen haben, ihn aus reiner Neugier mal anklicken, zumal Netflix den Film dann sicher ganz prominent auf der Startseite platzieren würde). Und der Großteil der Zuschauer wird das, was Fincher ihnen hier auftischt, für die Wahrheit halten, eben weil der Film eine wahre Geschichte präsentiert und sich dabei bewusst historisch gibt.

Und in Fake News-Zeiten finde ich es mit einer "so what?"-Einstellung da nicht getan. Hier darf man den Einfluss, den Filme auf die Meinungsbildung haben, nicht unterschätzen. Um mal ein ungleich problematischeres, weil ein bedeutenderes Thema behandelndes Beispiel zu nehmen: Es ist belegt, dass in den 90ern sehr viele Menschen das von Oliver Stone in "JFK" zusammenfantasierte Verschwörungsgeschwurbel für die Wahrheit hielten und das wohl bis heute noch tun. Mit Geschichtsbüchern beschäftigt sich nach der Schule kaum noch jemand, einen Stargespickten Hollywoodfilm sehen da schon deutlich mehr Leute. Und Stone vertritt seine Thesen ja wirklich überzeugend und zieht gekonnt alle Register der Manipulationsklaviatur, die ihm das Medium Film zur Verfügung stellt, unter propagandistischen Gesichtspunkten macht er glatt Eisenstein Konkurrenz, also wer kann es dem Durchschnittsfilmgucker verdenken?

Im Übrigen wäre da mal eine Neubewertung von "JFK" aus heutiger Sicht im Zeichen von QAnon und Co. interessant. Vielleicht ja was für dich nachdem du deinen Rassismus-Zyklus abgeschlossen hast? wink

Wie schon erwähnt ist der Fall "Mank" da natürlich weniger gravierend, aber daran, dass eine neue Generation an Filminteressierten dazu erzogen wird, Welles für einen Scharlatan zu halten, der das Genie Mankiewicz ausgenutzt hat, kann man sich denke ich schon zurecht stören.

Langer Rede kurzer Sinn: dein Versuch, die Diskussion um historische Ungenauigkeiten zu verbieten, wurde hiermit abgelehnt tongue-out

@ luhp92

Kann mich nur erinnern, dass in "Steve Jobs" Archivmaterial eines Interviews von Arthur C. Clarke vorkam, aber den genauen inhaltlichen Bezug weiß ich auch nicht mehr.

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Nothing-is-Written : : Moviejones-Fan
05.02.2021 14:08 Uhr
0
Dabei seit: 04.01.21 | Posts: 300 | Reviews: 2 | Hüte: 46

@MobyDick

Ich glaube, dass wir uns gerade an dieser Detailfrage aufhängen, liegt daran, dass der Film ansonsten nicht so viel Substanz und Relevanz für unsere heutigen Sehgewohnheiten besitzt. Wie bereits geschrieben ist er nicht einmal in der Wahl der stilistischen Mittel sonderlich spannungsreich und interessant. Natürlich hängen wir uns dann auch sehr am kontroversesten Aspekt auf. Das ist zugegebenermaßen nicht das Hautproblem dieses Films. Wie gesagt ändert das nicht sonderlich viel am Urteil, sondern macht das Gesehene eher noch redundanter/tragischer, da nicht einmal hieraus ein Erkenntnisgewinn resultiert. Wozu aber dann das ganze Theater? Nostalgie ist ja ganz schön, aber er erreicht ja nicht einmal die Klasse und Raffinesse der damaligen Filme. Der Film scheint tatsächlich in allen Belangen aus der Zeit gefallen. Schade um das liebe Geld.

Vielen Dank für die Einladung in diesen reichhaltigen Themenbereich. Davon habe ich bereits mitbekommen und zwei-drei überaus interessante Reviews von dir gelesen. Das Themengebiet ist klar mit vielen diskussionswürdigen und schwierigen historischen Zusammenhängen versehen. Ich finde es richtig stark, dass du dich thematisch da so hineingearbeitet und entsprechend viele Rezensionen verfasst hast.

Der Vergleich mit One Night in Miami passt für mich zumindest insofern, da dieser Film sehr deutlich macht, dass es um eine fiktionalisierende Gesprächskonstellation und die zugehörige Reflexion bestimmter zeitgenössischer Umstände geht. Thematisch bedingt ist das natürlich an ein weitaus tiefgreiferendes Anliegen gekoppelt, das Menschen bis heute verfolgt. Rassistische Ressentiments sind nicht im Ansatz abgeschlossen und der Diskurs darüber kocht gerade so richtig hoch. Die Geschichte Manks und seine kreative Zuschreibung kann man im Gegensatz zu der dort vorliegenden soziologischen Fallhöhe getrost als nette Randnotiz für einige Nerds abtun. Dieser im Kern redundante Vergleich sollte keinesfalls der Abwiegelung der rassistischen Tendenzen und der ereignisreichen Historie um dieses schwerwiegende Thema dienen. Das verbittet sich selbstverständlich. Es ging mir rein um den kreativen Ansatz.

"I have been watching my life. It’s right there. I keep scratching at it, trying to get into it. I can’t." "MAD MEN" S02E12: THE MOUNTAIN KING

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Nothing-is-Written : : Moviejones-Fan
05.02.2021 13:46 Uhr
0
Dabei seit: 04.01.21 | Posts: 300 | Reviews: 2 | Hüte: 46

@luhp92

Mir gefallen diese klassischen Biopics ehrlich gesagt immer weniger, weil ich mir dann denke, dass es da filmisch in Bezug auf die Widersprüche viel mehr zu evaluieren gäbe, als den bloßen Werdegang der Person. Den kann man ja überall nachlesen. Genau das möchte ich nun im Fall von Steve Jobs demnächst einmal tun, um mich dem Film dann vielleicht noch einmal von einer anderen Seite zu widmen. Vielleicht kommt dann der Geistesblitz, dass das ein interessanterer und scharfsinnigerer Film ist, als von mir dargestellt.

Mich stört die oft typische Manier der Biopics. Vielleicht schaue ich aber auch nur die falschen Filme und hege in der Hinsicht darüber hinaus einen speziellen Geschmack? Das möchte ich nicht bestreiten. Ich sehne mich wohl mehr nach der Darstellung des Konflikts, solche Personalien filmisch zu bannen. Quasi bin ich damit mehr am experimentellen Ansatz interessiert, als an einem bekömmlichen Produkt. Filmische Mittel können in diesem Zusammenhang so viel zu einer differenzierten Betrachtungsweise beitragen. Bei Orson Welles Cititzen Kane wurde das genial gelöst: Befrag 5 verschiedene Personen über jemand bestimmten. Je nachdem, in welcher Beziehung sie zu demjenigen Menschen stehen, wirst du vielleicht 5 ganz verschiedene Geschichten hören. Wer hat dann Recht? Biopics geben zu oft vor, dass sie die "richtige Wahrheit" besitzen. Das ist so ermüdend wie falsch. Da fehlt mir das selbstreflexive Moment. Sowohl das, der gewählten ästhetischen Mittel als auch der intellektuellen Selbstbefragung des Kunstschaffenden und ihres Drehteams...

Etwas in der Richtung von Birdman hätte mir persönlich ehrlicherweise deutlich mehr zugesagt. Geschmäcker und Erwartungen sind da verschieden und oft entstehen genau dadurch Konflikte. Siehe etwa Literatur- und Videospielverfilmungen.

Ich werfe mal ein absoultes Extrembeispiel in den Ring: Bronson von Nicolas Winding Refn. Diese Idee empfand ich als wirklich interessant für ein Biopic. Die theatralische Inszenierung durch eine alternative Persona von Tom Hardys Figur. Das hatte etwas Schizophrenes und Vereinnahmendes und wirkte auf mich aufgrund der Künstlichkeit des Rahmens äußerst anziehend in Bezug auf einen Biographien-Film. Da ging es nicht um Akkuratesse und psychologische Einsichtnahme, sondern um das Spiel mit der Selbstinszenierung einer solchen Personalie. Das passt zu der Idee eines sensationslüsternen Gewaltverbrechers

Man hätte das durchaus in Bezug auf die quasi religiöse Thematik der sogenannten "Apple-Jünger" übertragen können. Jobs war ja auch äußerst kalkulierend theatralisch auf den Effekt seiner Vorträge bedacht (die Präsentation des W-Lan bleibt mir wohl auf ewig im Gedächtnis). Warum nicht einen ähnlichen Rahmen wählen, um das zu reflektieren?

(Ich wäre wohl kein guter Drehbuchautor. Diese lose Idee kann man mit Sicherheit wunderbar zerpflücken. Es sollen wirklich nur lose Gedanken darüber sein, wie man die Thematik um einen der größten popkulturellen Figuren des Tech-Business anders hätte reflektieren können. Das wäre durchaus auch in würdevoller Art und Weise möglich. Trotzdem bin ich mir bewusst, dass das vielleicht zu gewollt und überspitzt in Bezug auf den analytischen Geschäftsmann Jobs wäre.)

Den Jobs-Film mit Kutscher habe ich gesehen und lääängst vergessen. Ich glaube dass das so ein Film für einen verregneten Sonntag ist, wo man absolut nichts mit seiner Zeit anzufangen weiß. Mit anderen Worten: Ich lehne mich mal aus dem Fenster und sage: Du hast nichts verpasst. Auch den werde ich mir aber spaßichtshalber noch einmal schauen, um mir eine differenziertere Meinung zu bilden - zumindest teilweise. Ich komme bestimmt darauf zurück und erwähne unsere reichhaltige Diskussion im entsprechenden Kommentarbereich cool

Die Interpretation von Tron: Legacy klingt richtig cool und zynisch. Ich habe bisher nur Ausschnitte von den beiden Filmen gesehen und die habe ich bereits auf meiner Liste. Da werde ich hoffentlich irgendwann dazu kommen, sie zu schauen. Die Prioritäten liegen da aber zugegebenermaßen nicht sonderlich hoch (vielleicht ein Fehler?).

Adam McKay empfinde ich mit den von dir genannten Schwächen ebenfalls als schwierig aber auch unterhaltsam und geistreich. Er hat ein Händchen für kreative Inszenierungsweisen und kann selbst schwierige Zusammenhänge wunderbar leicht verständlich machen. Vielleicht sogar etwas zu einfach, weil die daraus resultierenden Probleme viel zu mannigfaltig scheinen, als dass sie von einzelnen Figuren in ihrer Gänze überblickt werden können. Mit der Zeichnung von gut-böse macht er es sich allerdings deutlich zu einfach. Das stimmt. Insbesondere, weil das wie von dir angesprochen eher die Wissensstände eines liberalen bis linken Publikum bedient, ohne auf die Belange der Gegenseite wertzulegen. Das ist recht einseitig. Bei Vice treffen diese Vorwürfe allerdings mehr zu, als bei The Big Short. Da gab es ja mehrere Rückenfiguren, die realtiv transparent über die Vorgehensweise reflektieren. Dass es darunter auch böse Bänker gibt, ist nun auch nichts neues. Im Gegensatz dazu war Craig Gillespies I, Tonya da schon von deutlich mehr Ambivalenz zu seinem sozio-ökonomischen Umfeld gekennzeichnet. Vor allem durch das spannungsreiche Spiel von White Trash vs. Upper Class und seiner mannigfaltigen Selbstwidersprüche.

Man muss aber auch sagen, dass es einem Regisseur wie McKay wohl auch um sorgfältige Recherche geht und die satirische Form ein probates Mittel darstellt, um die pervertierten ökonomischen Zusammenhänge ad absurdum zu führen. Ich finde in Anbetracht dieser Filme eher die Feststellung bedenklich, dass es keine systemischen Schranken für die Egomanie zu geben scheint. Aus wirtschaftspolitischer Sicht kann ich diese Zusammenhänge in Bezug auf das rücksichtslose Machtstreben der einzelnen Figuren jedenfalls bestens nachvollziehen, wodurch ich die Dämonisierung als nicht ganz so kritisch einordnen würde. Für mich legen die Beiträge eher den Finger in die Wunde der brüchigen Regulierungsmöglichkeiten und des fehlenden Veränderungsstrebens.

Von der Serie zu Parasite habe ich auch gelesen. Ich halte bereits die Grundidee, eine Serie daraus zu machen, für nicht so toll. So wie der Film gestrickt war, hat doch alles gepasst. Da brauche ich nicht die mittellose Familie Smith, die in Übersee genau das Gleiche wie im Film bei den reichen Millers veranstaltet. Außer vielleicht, man bringt eine weitere Note hinein und transzendiert noch das Rassismusthema dazu. Da böte sich ein interessanter Konflikt an, der etwas über die amerikanische Gesellschaft verriete, das im Original nicht angesprochen wurde. Da wäre ich aber eher für einen Film. Scorseses The Departed empfinde ich beispielsweise als sehr interessant in Bezug auf Infernal Affairs. So übersetzt man die Grundidee angemessen, ohne in einer bloßen Kopie zu versacken.

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MobyDick : : Moviejones-Fan
05.02.2021 12:59 Uhr
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Ohne mich jetzt wirklich in die ganze Diskussion reinzuarbeiten: ich verstehe beim besten Willen nicht, warum man den Film nicht als solchen betrachtet, sondern ihm ankreidet, dass er historisch inakurat verfährt. Der Film nimmt sich ganz explizit zu keinem Zeitpunkt heraus zu behaupten, dass das Gesehene tatsächlich so geschehen ist, sondern erzählt typisch 40-90er Jahre Drehbuch einen weissen alten Mann mittleren Alters und dreht ihn durch die Mangel, und genauso typisch sind da die deutlich jüngeren hübschen Frauen, die ihm dienlich (bewusst so geschrieben) zur Seite stehen. Dass der Film eine ganz andere Geschichte erzählt, wird auch durch die überspitzte und kurze Inszenierung Welles sehr sehr deutlich. Fincher überarbeitet das wahrscheinlich deutlich schwächere Drehbuch seines vaters, dass es auf heute auch noch passen kann und erzählt mehr die Geschichte eines Mannes, der sein Gewissen wieder entdeckt und deshalb vor die Hunde geht, als dass er die Geschichte vom Drehbuch schreibt, dies ist nur der Aufhänger.

Nothing-is-Written

Zu One Night in Miami, ich denke du kannst hier nicht wirklich einen Vergleich ziehen, da schon der Topic komplett ein anderer ist. Wenn du an diesem Thema interessiert bist (Black America in Movies), da habe ich mehrere (wahrscheinlich viel zu viele) Kritiken aus den verschiedensten Blickwinkeln betrachtet verfasst, da können wir uns gerne in einem der Titel weiter unterhalten. Den Film selbst habe ich noch nicht gesehen, weiss auch nicht, ob ich mir den noch zeitnah antun werde, gerade weil ich schon so viel dazu geschrieben habe und mit der letzten Kritik auch gesagt habe, dass ich damit erstmal durch bin. Außerdem halte ich das Spannungsfeld der Geschichte für zu ausufernd und mannigfaltig, als dass das in den Kontext eines besseren Fernsehfilmes ( so wirkt das Ganze auf mich zumindest) reingepresst werden sollte.

Dünyayi Kurtaran Adam
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Nothing-is-Written : : Moviejones-Fan
05.02.2021 12:32 Uhr
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@PaulLeger

Das Ausschweifen in diesen "Nebenaspekt" ist doch wunderbar! Das trägt unheimlich viel zum Verständnis des Films bei und signalisiert wie problematisch der Film in Bezug auf seine Rahmenhandlung gelesen werden kann. Pompöse und detailversessene Manierismen hin oder her. Wenn man mit solch erhellenden Informationen um die Ecke kommt, braucht man sich jedenfalls definitiv nicht zu entschuldigen -)

Was ich mich im Angesicht des Drehbuchs und der von dir geschilderten problematischen Hergänge ja irgendwo frage, ist, wieso man ein solches Drehbuch mit so einer schwierigen, bis unhaltbaren These überhaupt entwirft und Jahre später noch immer daran festhält? In so einem Fall studiert man doch jedes Fitzelchen Informationsquelle, um sich nicht den offensichtlichen Anfeindungen ausgesetzt zu sehen. Es ist ja nicht so, dass hier ein fiktionales Märchen gemäß Once Upon a Time in Hollywood mit netten Anekdoten geschildert werden sollte. Zumindest sehe ich das Gegenteil im Film: hier möchte man doch ganz klar darauf hinaus, die historischen Schieflagen einer Ära/eines bestimmten Sachverhalts geradezurücken und ein wenig der glanzvollen Zeiten zu präsentieren. Mit diesem Anstrich scheint man ja hausieren zu gehen. Wenn man das hingegen als eine Story "Was wäre wenn?" hinstellen würde, dann böte das eine interessante Ausgangslage für den Diskurs. Das hielte ich in unseren Zeiten irgendwie sogar für clever. So jedoch bekommt die widersprüchliche Fake-News-Ebene einen sehr bitteren Beigeschmack.

Erschwerend kommt für mich bei alledem nun hinzu, dass ich nicht verstehe, weshalb David Fincher die Verfilmung für eine gute Idee hielt. Man könnte das ja darauf herunterbrechen: besitzt er keine Sensibilität für die Brisanz des Themas/ seiner Berufsehre? Stellt er das Reißerische über das Faktische? Es muss doch wichtig für ihn als Regisseur sein, dass man in künstlerischer und kreativer Hinsicht die Anerkennung erhält, die einem zusteht. Damit wäre eine Art Metakommentar auf die Arbeitsweise seines Vaters so ziemlich das einzige, was den Film dann legitimieren könnte. Schlimmer wiegt der Verdacht, dass David Fincher diese Passagen in unreflektierter Art und Weise einbaute. Quasi, dass er nicht einmal versteht, welche brisanten Fallstricke und Widersprüche das Drehbuch seines Vaters besitzt und die Filmhandlung ungewollt selbst ad absurdum führt. Das ist wahrlich schwere Kost. Da werde ich definitiv dranbleiben und mich mehr dazu belesen. Denn grundsätzlich möchte ich eine solche Interpretation der Hergänge nicht verweigern, obwohl davon wenig im Film zu spüren ist. David Fincher ist doch eigentlich ein kluger Regisseur und das beißt sich für mich sehr in Anbetracht unserer Dikussion.

Gestern habe ich One Night in Miami gesehen. Bis auf den Titel wahrscheinlich historisch betrachtet absolut untragbar. Darum ging es in dem Film jedoch nicht. Geglückt ist damit aber ein intelligentes Kammerstück und Gedankenspiel um große Berühmtheiten der "schwarzen Community" (problematische Begriffskette in dem Zusammenhang übrigens). Da war viel mehr Fingerspitzengefühl für die fiktionale Ebene ersichtlich, als es beim selbstversessenen Mank der Fall war.

Was mich an dem Film übrigens auch stört: Es ist ein Film, der Filmgeschichte verhandelt und er wird über einen Distributionsweg veröffentlicht, der dem Kino antagonistisch und ahistorisch gegenüberzustehen scheint. Natürlich ist es das gute Recht eines Streaming-Anbieters, solche Stoffe zu verfilmen. Anderweitig hatte das Drehbuch auch wenig Chancen auf Anerkennung/Finanzierung. Vielleicht auch, weil man um die Fallstricke des Szenarios wusste? Fincher hat sich dann eben für diese Veröffentlichungsform entschieden, damit er ihn realisieren kann. Irgendwie empfinde ich das aber dann als recht fad. In dem Fall kommt zwar eine Blu-Ray auf den Markt, doch wir wissen, dass das nicht unbedingt der von Netflix und Co. favorisierte Kanal ist, wie solche Filme "konsumiert" (nicht unbedingt genossen) werden sollen. Ich bin beispielsweise jedesmal genervt, wenn die Abspanne von irgendwelchen weiterführenden Serien- und Filmanzeigen überlagert werden, obwohl ich "Autoplay" deaktiviert habe. Ich möchte auch diesen Aspekt mitsamt der Filmmusik ungestört genießen können. Die Hauptsache scheint, dass das Netflix-Logo zu Beginn eingeblendet wird. Die restlichen Beteiligungen der kleineren Lichter sind da wohl egal, damit man schnell wie ein Hamster in das Rad zurückkehrt und es weiter dreht. Entschuldigung für diesen Nebenstrang. Das musste gesagt werden, weil es sich für mich in Bezug auf die rezensierte Themenbandbreite des Films in mehrerlei Hinsicht passt...

Trotzdem bin ich für so manchen Film/Serie dankbar, die ohne diesen Service wahrscheinlich nie und nimmer realisiert worden wären.

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MJ-Pat
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luhp92 : : BOTman Begins
05.02.2021 09:29 Uhr | Editiert am 05.02.2021 - 09:31 Uhr
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@Nothing-is-Written und PaulLeger

Wenn schon ein Hollywood-Kitschmärchen über die Stummfilmzeit, würde ich anstelle von "The Artist" eher "Hugo Cabret" empfehlen^^ Im Idealfall hat man zuvor dann noch diverse Filme von Georges Méliès gesehen. Künstlerisch schön und mit einem brillierenden Hauptdarsteller, das trifft auf "Mank" meiner Meinung nach aber ebenso zu. Dazu dann noch Amanda Seyfried und - was mich freut - Lily Collins und Tuppence Middleton. Charles Dance sowieso. Ich würde vermuten, wem "The Artist" gefällt, dem gefällt auch "Mank". Wobei die Aussage schon korrekt ist, dass "Mank" mehr sein möchte als "The Artist".

Gestern habe ich noch gelesen, dass Jack Finchers "Mank"-Drehbuch von David Fincher und vom Produzenten Eric Roth sogar noch umgeschrieben und entschärft wurde, weil es für sie zu starke Anti-Welles-Züge hatte und Jack Fincher in der Vergangenheit deswegen des Öfteren Kritik entgegenschlug.
Edit: Ah, ich hätte mal die Diskussion zu Ende lesen sollen^^

Mit Adam McKay ("The Big Short", "Vice") stehe ich auf dem Kriegsfuß, das ist dann die Art einseitiges Biopic in die andere Richtung. Die entsprechenden Ereignisse und Personen stehen ohnehin schon überall in der Kritik, die Filme hauen dann mit erhobenem Zeigefinger und vorgespielter Besserwisserei fröhlich drauf, ohne neue Erkenntnisse zu liefern, das ist dann Satire für jedermann/frau, um nochmal die eigene Meinung zu bestätigen. In "Vice" kommt noch hinzu, dass Christian Bales und Amy Adams´ ernstgemeintes Masken- und Method-Acting sich vollkommen mit dem Stil der Satire beißt, man stelle sich vor, Leonardo DiCaprio hätte so in "The Wolf of Wall Street" gespielt^^ Sam Rockwell als George W. Bush und Steve Carell als Donald Rumsfeld machen es dagegen richtig.
Adam McKay soll ja jetzt Bong Joon-hos "Parasite" für den US-Markt als Serie adaptieren, das kann meiner Meinung nach nur schief gehen...

"Dit is einfach kleinlich, weeste? Kleinjeld macht kleinlich, Alter. Dieset Rechnen und Feilschen und Anjebote lesen, Flaschenpfand, weeste? Dit schlägt dir einfach auf de Seele."

MJ-Pat
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luhp92 : : BOTman Begins
05.02.2021 08:26 Uhr
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@Nothing-is-Written

Ja, so eine überspitzte Exzess-Satire wie "The Wolf of Wall Street" wäre bei einem Film über Steve Jobs wahrscheinlich der falsche Ansatz gewesen. Wobei ich selbst auch nie auf den Gedanken gekommen wäre, einen solchen Film wie "Steve Jobs" als "Birdman"-artigen Charakter- und Dialogfilm hinter den Kulissen des Apple-Konzern und der Apple-Showbühne umzusetzen.

Bezüglich "2001", da bekomme ich es im Detail leider auch nicht mehr auf die Reihe, was mir damals dahingehend aufgefallen ist. Ich habe "Steve Jobs" bisher leider auch nur einmal gesehen, über den Wert einer Mehrfachsichtung kann ich in dieser Hinsicht nichts sagen.

Hast du eigentlich auch "Jobs" gesehen, den Film mit Ashton Kutcher? Ich habe den nicht gesehen, der Film gilt allgemein ja wirklich als unzufriedenstellendes Biopic. Falls du den gesehen hast, würde mich da ein Vergleich interessieren.

Spannend ist im Bezug auf Apple übrigens auch "Tron: Legacy", den könnte man tatsächlich als Kampf des Underdogs/Rebellen Apple gegen das Establishment/Imperium Microsoft interpretieren. Das würde mich auch nicht wundern, Steve Jobs war als Aktionär ja direkt mit Disney verbunden.

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PaulLeger : : Moviejones-Fan
04.02.2021 23:38 Uhr | Editiert am 04.02.2021 - 23:40 Uhr
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@ Nothing-is-Written

Eigentlich gibt es die Kontroverse nur, weil Pauline Kael, die alles war nur keine Historikerin (in meinen Augen war sie nicht mal eine sonderlich gute Kritikerin, aber das tut hier nichts zur Sache), 1971 eine Schmähschrift verfasst hat, die unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten nicht mal als Hausarbeit im ersten Semester durchgegangen wäre.

Fun Fact: Kael hat in ihrem Essay Rechercheergebnisse genutzt, ohne deren Urheber anzugeben, sich also mit fremden Federn geschmückt. Wohlgemerkt in einem Artikel, in dem sie Welles genau das vorwirft, das ist schon nicht mehr nur ironisch, das ist dreist.

Die zahlreichen methodischen Unzulänglichkeiten und sachlichen Fehler ihres Pamphlets können bei Interesse in der englischen Wikipedia unter dem Abschnitt "Response" (er ist ziemlich lang...) nachgelesen werden. Der nachfolgende Abschnitt "Reevaluation" ist ebenfalls sehr erhellend.

Ein paar Jahre später hat sich der Filmhistoriker Robert Carringer Zugang zu allen bei RKO verfügbaren Drehbuchentwürfen verschafft, anhand der Originalquellen eine gründliche Analyse angestellt und ist zu folgendem Schluss gekommen: "the full evidence reveals that Welles contribution to the Citizen Kane script was not only substantial but definitive."

Die Frage, die sich nun stellt, ist, wieso Jack Fincher in den 90ern immer noch einer längst widerlegten Theorie nachhing. Alternative Facts gab es offenbar schon vor Trumps Präsidentschaft. Eine pikante Note erhält das Ganze noch dadurch, dass in "Mank" selbst die Fake News-Problematik sehr offensiv thematisiert wird. Dies dürfte sicher auf Skriptergänzungen von David zurückzuführen sein, da ich mir nicht vorstellen kann, dass ein Autor in den 90ern diesem Aspekt so viel Raum eingeräumt hätte wie heute, wo er eines der bestimmenden Themen ist. Wäre aber interessant zu evaluieren, ob David hier eine Art Metakommentar auf die Vorgehensweise seines Vaters eingebaut hat.

PS: Ich hoffe man kann mir als Welles-Fan mein viel zu ausladendes Abschweifen in diesen Nebenaspekt nachsehen.^^

Irgendwie ist es schade, dass man die ganzen Anmerkungen nicht in eine separat überarbeitete Version hineinstecken kann. An der finalen Wertung ändern die vorgebrachten Kritikpunkte zwar wenig, aber die Beschreibung profitierte mit Sicherheit davon. Andererseits: so funktioniert eben das Kritikertum. Man muss sich einfach bestmöglich positionieren und sinnvoll argumentieren. Die Diskussion sehe ich jedenfalls ebenso als Chance für Denk-Korrekturen an

Für mich ist Filmkritik immer ein Diskurs. Wenn ich hier eine Kritik lese, dann lese ich immer auch die zugehörigen Kommentare, im Optimalfall entsteht so ein ganzheitliches Bild des betreffenden Films. Deine Kritik steht gut da wie sie ist und wird durch zusätzliche Punkte in den Kommentaren ergänzt, ich finde das gut.

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Nothing-is-Written : : Moviejones-Fan
04.02.2021 20:07 Uhr | Editiert am 04.02.2021 - 20:19 Uhr
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@PaulLeger

Den historischen Hintergrund finde ich auch bei Mank sehr schwierig. HistorikerInnen sind sich da sehr strittig, was nun die genauen Hintergründe zum Drehbuch waren. Es gibt da durchaus Feststellungen einer deutlich produktiveren Zusammenarbeit, als im Film skizziert. Mit Sicherheit hat Welles mehr als das hineingetragen, auf was er im Falle Manks reduziert wird. Insbesondere die Bildmetaphorik muss erneut hervorhoben werden.

Das hat aber finde ich wenig mit der ansonsten einigermaßen guten Darbietung Oldmans zu tun. Das wollte ich ihm fairerweise attestieren. Ob das im Angesicht des pathetischen Drehbuchs überzeugend ist, empfinde ich als schwierig.

Die Drehbuchschwächen habe ich soweit es ging ausführlich darzulegen versucht. Dazu zählt für mich auch die von dir genannte Schwäche. Deine Schilderung trifft also durchaus zu. Ich empfand ihn aber dabei im negativen Sinne als eine recht traurige Figur, die für mich gerade aufgrund ihres Besserwissertums wenig anziehend wird. Was hier überwiegt, ist diskutabel. Es stimmt aber: das Ende finde ich auch schwierig, bis banal. Das hatte ich fast verdrängt, weil es so billig und aufgesetzt wirkt. Schlimmer wäre nur noch ein typischer Lauftext mit Foto oder Videomaterial des echten Mank gewesen shock

Edit: Irgendwie ist es schade, dass man die ganzen Anmerkungen nicht in eine separat überarbeitete Version hineinstecken kann. An der finalen Wertung ändern die vorgebrachten Kritikpunkte zwar wenig, aber die Beschreibung profitierte mit Sicherheit davon. Andererseits: so funktioniert eben das Kritikertum. Man muss sich einfach bestmöglich positionieren und sinnvoll argumentieren. Die Diskussion sehe ich jedenfalls ebenso als Chance für Denk-Korrekturen an cool

Zu Biopics/Imagefilmen:

Die genannten Filme finde ich persönlich ebenfalls recht stark und einzigartig in diesem Zusammenhang. Personalien wie Adam McKay sind aber quasi damit groß geworden, Hollywood dahingehend gegen den Strich zu bürsten und sich (un-)rühmlichen Figuren mit kreativen Mitteln zu widmen. Solch subbversive Beiträge widerlegen das grundsätzliche Phänomen ja nicht. Sie sind ja gerade deshalb aufregend, weil sie anders funktionieren. Würde jeder Beitrag so dekonstruktiv daherkommen, wäre die Faszination weniger gegeben. Cool, dass du gerade auf Finchers The Social Network eingehst. Da war das Drehbuch durch Aaron Sorkin eindeutig hochkarätiger.

Im Falle von The Artist gab der Film für mich allerdings nie mehr vor, als Kitsch zu sein. Der Academy gefiel das freilich. Gerade mit dem Wissen, dass das einfach nur ein weiterer Film mit der typisch gepriesenen "Magie Hollywoods" ist, komme ich persönlich besser damit klar. Da spielt die Erwartungshaltung natürlich mit hinein. Bei Mank erwartete ich schon deutlich größere Zusammenhänge. Gerade durch seine Bezugnahme auf so ein Schwergewicht der Filmgeschichte. Überhaupt weil der Film sich auf historische Ereignisse zu beziehen versucht und nicht einfach bloß ein Beitrag im Stile damaliger Filme ist, wiegt die Sachlage für mich deutlich schwerer. Meine Aussage war ja bewusst, "wenn schon Kitsch, dann wenigstens richtig!" -) Ob einem der aber deshalb zwingend gefallen muss, steht auf einem anderen Blatt...

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PaulLeger : : Moviejones-Fan
04.02.2021 19:29 Uhr
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@ Nothing-is-Written

Die ungeschönte Herangehensweise muss man im Falle von Finchers Mank lobend hervorheben. Oldmans Interpretation des Mank gibt ein wenig schmeichelhaftes Bild von dieser Personalie ab und wirkt gerade deshalb lebensnäher.

Hier möchte ich einhaken, denn aus meiner Sicht macht sich gerade "Mank" einer Glorifizierung seines Protagonisten schuldig. Mit der historisch inkorrekten Darstellung Manks als alleinigem Autor von "Citizen Kane" stellt Fincher seinen Protagonisten auf ein unverdientes Podest. Zumal die Zeichnung Manks durch den ganzen Film hindurch ihn trotz seiner angedeuteten Fehler auch eindeutig zum Sympathieträger macht: Stets ist er der klügste Mann im Raum, immer hat er ein ungemein kluges Bonmot als Antwort parat.

Und wenn du bei "Steve Jobs" die Wichtigkeit der letzten Einstellung für die Kernaussage betonst, dann führt die gleiche Herangehensweise bei "Mank" zu dem eindeutigen Beweis, dass Mank hier als strahlender Held präsentiert wird, denn in der Schlusseinstellung darf er seinen Oscarsieg feiern, Welles einen lässigen Spruch mitgeben und sich unwidersprochen die alleinigen Meriten für das "Citizen Kane"-Skript anheften.

Gleichzeitig würde ich auch deine pauschale Kritik an zeitgenössischen Filmbiographien nicht unterschreiben. Bei "Steve Jobs" sehe ich es genauso wie luhp92, dazu fallen mir aus dem letzten Jahrzehnt spontan mit "The Social Network", "I,Tonya", "Love & Mercy", "Jackie", "Vice" oder "Rocketman" genug Beispiele ein, die filmisch überzeugen können und ihre Protagonisten alles andere als strahlend darstellen.

Abschließend möchte ich anmerken, dass es absolut legitim ist, "Mank" seine Anbiederung an die Oscar-Academy anzukreiden. Im gleichen Atemzug dann aber eine Empfehlung für den wohl schlimmsten Fall von Oscar-Anbiederung im letzten Jahrzehnt auszusprechen, lässt mich dann doch ein wenig verwundert zurück. wink

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