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Große Erwartungen

Das Unglück müde machen

Große Erwartungen Kritik

1 Kommentar(e) - Fr, 07.12.2012 von FBW - Hierbei handelt es sich um die » Große Erwartungen « Filmkritik der Deutschen Film- und Medienbewertung (FBW), die wir mit freundlicher Erlaubnis veröffentlichen.

In diesem Jahr wäre der Ausnahme-Schriftsteller Charles Dickens 200 Jahre alt geworden. Grund genug sich an eine Verfilmung seines Romans Große Erwartungen zu wagen? Schon wieder? Immerhin räumte erst vor wenigen Monaten der von der BBC produzierte Fernseh-Dreiteiler Great Expectations etliche Primetime Emmys ab. David Lean erweckte bereits 1946 in seiner oscarprämierten Verfilmung den komplexen Stoff auf der Leinwand zum Leben, 1998 verlegte der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón die Handlung in das Amerika der Gegenwart - um nur einige herausragende Interpretationen dieses Dickens-Klassikers zu nennen. Der facettenreiche Regisseur Mike Newell (Vier Hochzeiten und ein Todesfall), der sich wie sein Kollege Cuarón an eine Harry-Potter-Verfilmung wagte, belässt die Geschichte nun wieder in ihrer Zeit. Und verpflichtet dafür das halbe, hochkarätige Potter-Ensemble.

So begegnen wir Lord-Voldemort-Darsteller Ralph Fiennes in der Rolle des entflohenen Sträflings Magwitch in der - herrlich düster ins Cinemascope-Bild gesetzten - schicksalhaften Friedhofszene wieder, als er den Waisenjungen Pip (Toby Irvine) zwingt, ihm zu helfen. Und "Bellatrix" Helena Bonham Carter spielt wieder einmal eine Rolle, die sie im Schlaf beherrscht: Sie übernimmt den Part einer der exzentrischsten Figuren der Literaturgeschichte, der steinreichen Miss Havisham. Die wurde vor 30 Jahren vor dem Altar sitzengelassen und rächt sich deshalb an allen Männern - mit Hilfe ihres Mündels Estella, das sie zur Kaltherzigkeit erzog. Neben aller Düsternis gibt Carter der Miss Havisham eine melancholische Note, die sie sehr glaubhaft wirken lässt.

Der junge Pip verfällt nun also wieder einmal hoffnungslos der höhergestellten, wunderschönen Estella (Helena Barlow, die eine kleine Rolle in Harry Potter und die Heiligtümer des Todes - Teil 2 spielte). Der Wermutstropfen der überaus stimmigen Verfilmung: So wie Toby Irvine überzeugender wirkt als sein älterer Bruder Jeremy (Gefährten), der Pip als Erwachsenen darstellt, gibt auch Helena Barlow der jungen Estella mehr Tiefe als Holliday Grainger (Die Borgias - Sex. Macht. Mord. Amen.) der älteren. Die untergründigen Gefühle, die die zu bloßen Spielbällen der Erwachsenen herangereiften Kinder füreinander empfinden, werden im zweiten Teil der Handlung leider kaum spürbar.

Doch zunächst tritt der dubiose Anwalt Mr. Jaggers, in Gestalt des famosen Hagrid-Darstellers Robbie Coltrane, auf den Plan. Der sehnlichste Wunsch des begabten Pip scheint mit seinem Eintreffen endlich in Erfüllung zu gehen: Das Vermögen eines anonymen Gönners ermöglicht ihm den Einstieg in die Londoner High Society. Und was für ein verblüffend echtes viktorianisches London Mike Newell und Kameramann John Mathieson (Gladiator) zum Leben erwecken! Neblig, arm, roh und dreckig - nur die Mitglieder der höheren Gesellschaft leben hier in Saus und Braus. Kostüme und Innenausstattung wirken ebenfalls unglaublich authentisch, so dass man sich wirklich wie im Dickensschen London des 19. Jahrhunderts fühlt. Und die komplexe Geschichte nimmt ihren Lauf...

Alle Jahre wieder liefert Dickens ebenfalls zigfach interpretierte "Weihnachtsgeschichte" im Fernsehen der Geiz-ist-geil-Generation zeitloses Denkfutter zum Fest. Auch die Themen von Große Erwartungen sind leider immer noch recht aktuell: das der Klassengesellschaft etwa, oder dass Erwachsene mit ihren Plänen Kinder ihrer Identität berauben. Man kann sich also nur darüber freuen, dass eine weitere, in vielen Punkten gelungene und sehr werkgetreue Verfilmung die nachfolgende Generation in die Kinos lockt - mit Stars, die die Jugend schätzt. Denn um mit dem avantgardistischen Dickens zu schließen: "Wir müssen lernen, die Komödie zu Ende zu spielen. Wir müssen das Unglück müde machen."

Große Erwartungen bekommt 3,5 von 5 Hüten.


(Quelle: teleschau - der mediendienst | Gabriele Summen)

Große Erwartungen Bewertung
Bewertung des Films
710
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