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Kritik zu J. Edgar

"J. Edgar" Filmkritik


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Eastwoods Parabel für die Liebe

Filmkritik von

Heute Abend habe ich mir den neuesten Streich von Clint Eastwood auch gegönnt. Der Film ist vielleicht nicht das omnipotente Meisterwerk geworden, aber ein absolut sehenswerter Film ist er trotzdem. J. Edgar ist letztlich nur in zweiter Instanz die Geschichte eines Mannes, in erster Linie handelt der Film von Liebe. Im Weiteren werde ich daher insbesondere dieses zentrale Element als Grundlage nehmen.

Kritik:

Diese Kritik kann und muss einen leicht anderen Weg nehmen als das typische Schema, welches ich sonst verfolge. Das liegt nicht nur daran, dass die Figuren für einen Film dieser Art weit stärker in den Fokus rücken, sondern auch daran, dass der Film seine Qualität insbesondere aus der eigentlichen Geschichte hinter der Geschichte zieht. Die eigentliche Handlung des Films werde ich hier nicht zusammenfassen, dass haben Biografen in etlichen Büchern und nicht zuletzt bei Wikipedia ausreichend oft gemacht. Und auch wenn ich dieses Mal die Handlung nicht vorwegschicke, sollten die Figuren an gewohnter Stelle zu Beginn der Kritik stehen.

Figuren:

Im Mittelpunkt des gesamten Films steht natürlich die Titelgebende Figur des John Edgar Hoover, verkörpert von einem Leonardo DiCaprio, der sich mit diesem Film eine Oscarnominierung mehr als nur verdient hätte. Er spielt sich hier schlichtweg die Seele aus dem Leib. In brillanter Manier verkörpert er alle Stationen des Lebens seiner Figur von den Anfängen als hungriger Idealist mit großen Vorstellungen bis hin zu seinem Ende als von vielem enttäuschter alter Mann, der trotzdem seinen Frieden findet.

Wesentlich für die Figur sind besonders ihre Beziehungen. Und hier kommen die Nebendarsteller ins Spiel. Dazu sei gesagt, dass egal wie groß der Anteil der anderen Figuren auch sein mag, neben DiCaprios virtuosem Spiel jeder andere Darsteller lediglich wie ein Nebendarsteller wirkt. Trotzdem sind diese Rollen absolut nicht zu vernachlässigen.

Als erste Figur im Leben von J. Edgar steht seine Mutter Anna Marie, genial gespielt von Judy Dench. Die Hoovers Leben definierende und bestimmende Frau mit den großen Ambitionen im Bezug auf ihren Sohn diktiert ihn und macht seine Person aus. Wenn etwas Mutter nicht passt, dann ändert Edgar es. Alles, seine Berufung, seine sexuelle Orientierung, sein Privatleben, wird von ihr bewertet und beeinflusst. Dadurch, dass er bis ins mittlere Alter bei seiner Mutter wohnt, kann er sich ihrem Einfluss nicht entziehen und wird so stets von seiner Liebe zu ihr getrieben. Diese Szenen zwischen DiCaprio und Dench lassen zugleich die Mutterliebe spüren, aber zeigen auch stets, wie ungesund der Einfluss seiner Mutter auf Edgars Entwicklung ist.

Als zweite Frau in seinem Leben steht Naomi Watts toll gespielte Helen Gandy als Sekretärin bis zu seinem Ende als eine der wenigen wirklichen Vertrauenspersonen an Edgars Seite. Die zunächst als Liebesgeschichte beginnende Beziehung entwickelt sich schnell zu einer an Vertrauen kaum zu überbietenden Freundschaft und Loyalität, die in jeder Szene zwischen den Figuren spürbar bleibt. Obgleich es auch immer wieder klar wird, dass die bestimmende Person in dieser Beziehung stets Edgar ist und bleibt.

Als dritte Figur in Edgars Leben steht an seiner Seite vom Anfang bis zum Ende Armie Hammer in der Rolle des Clyde Tolson. Zunächst eigentlich offensichtlich als rechte Hand Hoovers etabliert wird bereits relativ früh im Film klar, dass sich hier der eigentliche Kern der Geschichte verbirgt. Durch stete Andeutungen immer wieder am Rande thematisiert und zum Ende hin auch konkretisiert findet sich die Liebesbeziehung zwischen den beiden Männern, die im Zentrum der Macht praktisch keine Chance haben kann und doch durch Hoovers Position verschleiert bleibt. Diese Liebe, von den Medien heiß diskutiert und nie über eine Spekulation hinaus bestätigt, steht im Fokus des Films.

________

Hier setzt Eastwood den Hebel an. Und wieder beweist er, dass die Story eigentlich nur das Spielfeld für die Figuren ist, auf denen er letztlich seine Geschichte erzählen kann. Und die Geschichte in diesem Film ist die von Hoovers Liebe. Natürlich über alles andere erhoben die Liebe zu Clyde, die so warm und tiefgehend inszeniert wird, dass sie viele wirkliche Liebesfilme weit in den Schatten stellt. Wenn sie am Ende ihre großen Momente bekommt, dann trifft das, es berührt und lässt mitfühlen. Aber nicht nur diese, erst ganz zum Schluss klar umrissene und ausgesprochene Liebe ist Thema, sondern insbesondere die unausgesprochene Liebe. Die Liebe zum Vaterland, der Patriotismus, der Hoover zu immer neuen Gedanken und Handlungen im Kampf gegen die „Rote Invasion“ treibt und ihn und sein FBI immer mächtiger macht. Diese Liebe ist Triebfeder jedweder Innovation und Weiterentwicklung innerhalb des FBI und definiert als fast greifbarer Wert Hoovers Machtposition.

Eastwoods Regie ist zu keiner Zeit ein Vorwurf zu machen, hier stimmt erneut wie praktisch immer bei ihm handwerklich alles. Jede Einstellung sitzt und insbesondere die Überblendungen sind immer wieder ein wahrer Augenschmaus. Montagen, der dezente Einsatz von Musik, die Art wie die Geschichte stets auf zwei Ebenen erzählt wird, das ist einfach, aber ungeheuer effektiv und gelungen.

Zur Musik sei zudem gesagt, dass hier wirklich sparsam vorgegangen wurde. Zwar gibt es vor allem gegen Ende in den Szenen um die Beziehung zwischen Edgar und Clyde häufigen Einsatz von berührenden Pianothemen, aber über die gesamte Strecke des Films bleibt die Musik ein Stilmittel und verkommt nicht zu dem in vielen anderen Filmen beliebten Klangteppich, der mit Höhen und Tiefen versucht Emotion zu steuern. Eastwoods Einsatz der Musik stützt die Emotion, er ruft sie nicht hervor und das weiß zu gefallen.

Um bei der Art der Erzählung noch einmal anzusetzen noch einiges weiteres in diesem Zusammenhang. Es wird, wie bereits erwähnt, auf zwei Ebenen erzählt. Zum einen die Ebene des alten Hoover, der quasi seine Memoiren diktiert und dadurch motiviert auf der anderen Ebene eben diese Geschichten aus seiner Erinnerung, in denen der junge Hoover agiert. Die Übergänge zwischen beiden Ebenen sind in der Regel sehr fließend und perfekt in Szene gesetzt, die Ebenen für sich nehmen sich auch nie etwas. Hier ist es nicht wie in vielen Filmen mit zwei Erzählsträngen, dass schließlich der eine reißt und der andere die dominante Stellung einnimmt, es ist vielmehr eine Form von Parallelismus zwischen den beiden Strängen zu spüren, der zum Ende hin mehr und mehr zunimmt, durch geschickte elliptische Erzählweise unterstützt wird und in einem großartigen Finale gipfelt.

Das Erzähltempo ist Eastwood-typisch eher langsam, doch es passt. Es lässt sich alles behäbig an, parallel zum wachsenden FBI, welches ebenfalls eher langsam in die Gänge kommt und steigert sich dann, jedoch nie über ein gewisses Maß hinaus. Das mag sicherlich dem einen oder anderen negativ aufstoßen, mir schien es doch dieses Films sehr angemessen.

Fazit:

J. Edgar ist vielleicht nicht Eastwoods bester Film, ich gebe zu nicht alle gesehen zu haben, kann mir aber aufgrund solcher Geniestreiche wie Gran Torino oder Mystic River durchaus ein Bild davon machen, zu was er fähig ist. Und ich muss sagen, diesen Filmen steht J. Edgar in kaum etwas nach. Natürlich ist die Geschichte hier etwas das vielleicht die Tür zum ganz großen Meisterstück ein wenig verstellt. Eastwood versteht es jedoch geschickt, die der Geschichte innewohnenden Probleme für die filmische Umsetzung gekonnt zu Stärken seines Werks umzudefinieren.

Der Werdegang J. Edgar Hoovers wird so zu einer nicht unwesentlichen Nebensache, auf die das Thema des Films, nämlich Hoovers eigene Unsicherheit und das Bedürfnis nach Liebe, aufgebaut ist. Und auf dieser Ebene überzeugt der Film absolut. Die Reinheit und Tiefe dieses Bedürfnisses wird Triebfeder und bringt den Film voran, so wie die Motive das FBI und Hoover selbst wachsen lassen. Bis er am Ende zwar ein überholtes Fossil in einem fast nicht mehr realen Kampf gegen den Kommunismus ist, aber doch seinen Frieden findet in der Gewissheit endlich Liebe gefunden zu haben und das sein Vermächtnis in Sicherheit ist.

Gemessen nach diesem Maßstab bekommt der Film von mir

9/10 Punkten bzw. 4,5/5 Hüten,

weil er als Biografie die wesentlichen Errungenschaften Hoovers würdigt, aber über diese Ebene hinaus als Geschichte eines Mannes auf der Suche nach Liebe ganz großes Kino darstellt. Also kann man mit Fug und Recht sagen, es ist ein wahrer Eastwood.

Von mir eine definitive Anschauempfehlung, solange die Erwartungen an den Film stimmen.

Diese Filmkritik von ZSSnake stellt nicht die Meinungen und Ansichten von Moviejones.de dar.

Bewertung
4.5 Hüte4.5 Hüte4.5 Hüte4.5 Hüte4.5 Hüte4.5 Hüte

2 User bewertete(n) diese Kritik mit 4.5/5 Hüten

Trailer zu J. Edgar

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ZSSnake
ZSSnake | Expendable | 23.01.2012 | 11:10 Uhr
Jonesi 0
Oh, ich hatte Clooney mit seinem aktuellpolitischen Ides of March gar nicht auf dem Radar. Der könnte natürlich wirklich zu einem der Abräumer werden, also nicht nur Clooney als Darsteller, sondern auch als Regisseur. Den Film sollte ich mir auch echt noch anschauen, auch wenn ich Clooney eigentlich nicht besonders mag. Aber sowas lieben die Oscar-Jurys ja Jahr für Jahr aufs neue. Ich hatte an DiCaprio gedacht, weil Bios ja auch immer sehr gut wegkommen, aber mit dem Nebendarsteller-Oscar hast du sicher recht, der könnte für Django tatsächlich eventuell anstehen. The Artist habe ich bisher gar nicht auf dem Plan gehabt und weiß auch nichts dazu zu sagen, von daher enthalte ich mich hier eines Statements bezüglich der Konkurrenzfähigkeit. Aber Clooney...jo, der wird sicherlich Chancen (und keine geringen) haben. Naja, vielleicht gibts trotzdem ne Nominierung für DiCaprio..einfach aus Anstand heraus ;-)

 

Dieser Beitrag wurde am 23.01.2012 11:11 Uhr editiert.

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"You will give the people of Earth an ideal to strive towards. They will race behind you, they will stumble, they will fall. But in time, they will join you in the sun, Kal. In time, you will help them accomplish wonders." (Jor El, Man of Steel)

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TheHammer
TheHammer | Wolverine-Champion | 23.01.2012 | 10:58 Uhr
Jonesi 0
Stimmt genau. Die Amis haben vermutlich mehr aus der Welt des FBI erwartet. Kann auch sein. Natürlich liefert Di Caprio Jahr für Jahr Höchstleistungen ab. Aber das taten andere auch schon. Und dann kommt der Oscar als Nebendarsteller ins Spiel. Ich ahne schon etwas für Django, wart mal ab ;-). Da dürfte es aber wieder sehr interessant werden, da ich auch Christoph Waltz als deutschen Kopfgeldjäger ebenfalls gute Chancen einräume. Dieses Jahr dürfte die Entscheidung trotzdem zwischen Clooney und Jean Durjadin für The Artist fallen. UND es ist wenigstens spannender als letztes Jahr. Zumindest kommt es mir so vor.

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ZSSnake
ZSSnake | Expendable | 23.01.2012 | 10:16 Uhr
Jonesi 0
@ The Hammer:

Hast recht, in den USA wurde der Film wirklich teilweise heftig kritisiert. Ich denke aber auch vor allem durch die Art der Darstellung Hoovers. Nicht zuletzt wegen dem sehr offenenen und befürwortenden Umgang mit der Homosexualität, da sind die Amis einfach zu prüde. Die Darstellung DiCaprios ist über jeden Zweifel erhaben...aber die Oscars sind halt leider immernoch wie seit ewigen Zeiten eine Farce. Wenn sie jedoch DiCaprios Spiel hier übergehen, hat diese Veranstaltung bei mir auch das letzte bisschen Kredit verloren. Bislang haben verdiente Leistungen immer zumindest ihre Nominierung bekommen, wenn schon keinen Sieg. Aber einen Darsteller wie DiCaprio der seit Jahren Höchstleistungen bringt können sie auf Dauer nicht ignorieren, wenn sie sich nicht gänzlich unglaubwürdig machen wollen.
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TheHammer
TheHammer | Wolverine-Champion | 23.01.2012 | 09:56 Uhr
Jonesi 0
Neun Punkte? Wow. In den USA wurde der Film ja teilweise heftigt kritisiert. Di Caprio wird höchtens nominiert wenn er Glück hat. Den Oscar wird er nicht bekommen. Den bekommt er dann auch als Nebendarsteller nächstes Jahr. Für Django Unchained ;-). Eastwood wird bei den Oscars für seine Regie wohl keine Beachtung finden.

PS.: Schaut euch mal die Muppets an. Wunderbarer Film.

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ZSSnake
ZSSnake | Expendable | 23.01.2012 | 09:40 Uhr
Jonesi 0
@ regularmaddin:

Ich sehe, da hat jemand den Film verstanden. Ich vermute das Problem der meisten Kritiker und Zuschauer wird wohl am ehesten darin liegen, dass sie eben nicht verstehen, was der Film eigentlich will.

Dazu eine kleine "Anekdote" (die traurig genug war):
Nach einer halben Stunde der Vorstellung ist ein junges Pärchen in meiner Reihe, die offensichtlich mit gaanz falschen Vorstellungen in den Film gegangen sind, still und heimlich verschwunden. Ich habs Kopfschüttelnd so hingenommen, konnte es aber weißgott nicht verstehen. Nicht nur, dass man so einen tollen Film einfach mal verlässt (wahrscheinlich dann bei Bushidos Biografie sitzen geblieben), nein es ist ja auch noch rausgeschmissenes Geld...und im UCI sind das immerhin bei einem Logenplatz etwa 9 €. Naja, die hatten wohl zu viel Geld.
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regularmaddin
regularmaddin | Moviejones-Fan | 23.01.2012 | 09:35 Uhr
Jonesi 0
Sehr gute Kritik zu einem genialen Film!
DiCaprio verdient auf jeden Fall eine Nomminierung und Eastwood ebenfalls. So manche Szene scheint direkt aus einem Gemälde der Renaissance entsprungen zu sein. Gesichter und Emotionen werden auf solch geniale Weise gefilmt, das so manche Szene noch lange im Gedächtniss bleibt. Ach ja,sehr gute Kritik zu einem sehr genialen Film!

 

Dieser Beitrag wurde am 23.01.2012 09:35 Uhr editiert.

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hrxuuuu
hrxuuuu | Kleider-Tumnus | 23.01.2012 | 06:33 Uhr
Jonesi 0
Hm kann die Punkte nicht so nachvollziehen. Ich fand die Mitte des Filmes ziemlich Schwach... Aber gute Kritik.

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