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100 Dinge

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100 Dinge Kritik

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100 Dinge Kritik
0 Kommentare - 04.04.2022 von ProfessorX
In dieser Userkritik verrät euch ProfessorX, wie gut "100 Dinge" ist.
100 Dinge

Bewertung: 3.5 / 5

Paul (Florian David Fitz) und Toni (Matthias Schweighöfer) leiten ein Start-up-Unternehmen, daß eine App entwickelt. Seit ihrer Kindheit sind die beiden Freunde und abhängig von dem technischen Fortschritt, Accessoires und Kleidung ihrer Zeit. Doch ebenso lang wie ihre Freundschaft, verbindet sie auch ein ständiger Konkurrenzkampf, der darin mündet, daß sie wetten, wer von ihnen länger ohne materiellen Besitz auskommt. Kurzerhand schließen sie all ihr Hab und Gut in einer Lagerhalle ein und dürfen über einen Zeitraum von 100 Tagen nur jeweils einen Gegenstand wieder an sich nehmen.

Der westliche Teil der Welt hat sich wahrlich eine extrem komplexe Atmosphäre geschaffen, indem Kritik eigentlich niemals angemessen erscheint oder ohne ein gewisses Maß an Heuchelei auskommt. So beschweren sich recht wohlhabende Menschen darüber, zu wenig zu besitzen, Menschen aus gutem Hause, beschweren sich über die Umstände unserer Welt, Menschen, die jede Woche neu lieben, beschweren sich darüber, daß es keine Wahrhaftigkeit in der Liebe mehr gibt und so weiter und so fort. Es ist vermutlich nicht mal besonders gewagt, wenn man behauptet, daß jeder Mensch so ein wenig in seiner eigenen Filterblase lebt. Wie sollte man auch anders leben können. Und ein wenig Zynismus gehört vermutlich auch dazu, wenn man sich Hungerende Menschen in einer Reportage anschaut und dabei von den gezeigten Bildern so angewidert scheint, daß man wegschalten muss. Das ist dann entlarvend und so sind natürlich die Verhältnismäßigkeiten dieser Welt extrem unverhältnismäßig, wenngleich es in jedem Fall durch das Wesen des Menschen immer irgendeine Form von Ungerechtigkeit geben wird.

Trailer zu 100 Dinge

Und daran scheiden sich die Geister auch in dem dritten Werk von Florian David Fitz. Denn 100 Dinge berichtet ganz klar von neoliberalen Verhältnissen, indem eine Art Sabbatjahr über die Tatsache hinwegtrösten soll, daß all die Probleme, die unsere High-Society-Gesellschaft hat, vermutlich primär in psychischer Hinsicht aufschlagen. Nicht umsonst ist die Statistik psychischer Krankheiten in Hinblick auf das Arbeitsleben in einem Zeitraum von zehn Jahren um knapp 60 % gestiegen, während es im Arbeitsunfähigkeitsbereich sogar schon um die 80 % waren. Man brauch sich da nichts vorzumachen und es scheint aber so, als würde Fitz über weite Strecken keine Ahnung haben, wo eigentlich das Problem liegt. Schließlich zeichnet er mit aufstrebenden Unternehmern als Hauptfiguren in seinem Werk vor allem den neoliberalen Zeitgeist, der den amerikanischen Traum lebt. Dabei leben die Figuren eben in der Filterblase, daß wenn man einfach nur eine Zeitlang nicht mehr konsumiert, auch alle Probleme aus der Welt geschaffen werden und so wirkt es ohnehin ein wenig seltsam, daß das gesamte Werk sich eigentlich dadurch auszeichnet, daß alles so eine Hochglanzoptik zu sich hat. Und immerhin scheinen auch die Figuren Paul und Toni aus gutem Hause zu stammen. Insofern stören sich natürlich Kritiker auch daran, daß der Konsum hier simplifiziert wird und auch die Kritik insofern verschwimmt. Denn was nutzt die Erkenntnis des Missstandes, wenn man sie zu einem reinen Experiment verkommen lässt, daß eben auch nur die Upperclass überhaupt in der Lage ist zu stemmen.

Klar bleiben die Figuren in einer Filterblase und so bleibt auch die Kritik ebenso in einer solchen. Auf der anderen Seite muss man sich fragen, wen der Film denn überhaupt erreichen soll und ob nicht in der Erkenntnis, daß es einigen Menschen zu gut und vielen mehr noch zu schlecht geht, auch eine scharfzüngige Analyse der Gesellschaft entsteht. Und so ist der Gedanke eine Konsumkritik in der reinen Sphäre der Superreichen stattfinden zulassen gar nicht mal so verkehrt. Bedenke man, daß es vor allem eben jene Menschen sind, die die Welt wortwörtlich kaputt machen. Schließlich belegte eine Statistik auch, daß das reichste ein Prozent auf dem Planeten doppelt soviel CO₂ verursacht, wie die gesamte ärmere Hälfte der Bevölkerung. Es ist also gar nicht verwunderlich, warum der Schwerpunkt eben auf der gut betuchten Gesellschaft liegt, wenngleich das deutsche Mainstreamkino ohnehin immer jene zum Kern ihrer Geschichte macht. So haben doch ärmere Menschen auch gar nicht erst die Möglichkeit soviel zu konsumieren und damit dem Problem in dieser Form zu helfen. Wenngleich natürlich auch viele Menschen stark über ihre Verhältnisse leben.

Und auch das zeigt der Film, weil er eben durch die Ausgangsidee überhaupt erst zu dem Konsens kommt, daß bestimmte Dinge in unserem Leben Besitz über uns nehmen. Besonders offenkundig sind es hier natürlich wieder die Neuen Medien, die eben die Millennials in ihren Bann zogen. Natürlich ist das dann auf der anderen Seite auch ein wenig inkonsequent, wenn die Elterngeneration der Babyboomer mit einer gewissen Überlegenheit kommentieren und durch die Zugabe der Figuren von Hannelore Elsner, Wolfgang Stumpf und Katharina Thalbach so hyperironisch kommentieren, daß ihre Kinder eigentlich eine reine Enttäuschung und sie viel besser sind. Nun muss man an der Stelle aber auch die Hand heben und sollte eben jene Generation auch fragen, warum sie bestimmte Probleme, die eigentlich seit Jahrzehnten bekannte waren, ausgesessen haben. Klar haben sicherlich viele Kinder jener Zeit auch unter traumatisierten Eltern oder dergleichen gelitten, dennoch ist die Heiligstellung der Boomer hier extrem peinlich, weil sie jenen Wohlstand eben auch vererbt bekamen, und darin vielleicht weniger Anteil hatten, als sie vielleicht denken.

Nachdem Fitz mit seinem Vorgängerfilm Der geilste Tag (2016) auf das Gespann zwischen Matthias Schweighöfer und ihm setzte, setzt er diesen Trend gleich hier fort und erzählt über weite Strecken auch einen Buddyfilm über die Charaktere Toni und Paul. Daß die Chemie hier abermals funkt, ist deutlich zu erkennen und so zeigt der Film zwar in altbekannter Genre-Manie, eine wirklich authentische Freundschaft, die auch nicht zuletzt für Schweighöfer zu einem Gewinn wird. Denn Schweighöfer neigt ja gerne mal dazu zwischen halbwegs moderat und unerträglich zu schwanken und so holt Fitz das Beste aus dem Schauspieler aus, indem er der Figur eben nicht so überdrehte und fast schon gewollt unlustige Dialoge in den Mund legt, sondern sie eigentlich zum Herzstück des Filmes macht. Dabei krankt der Film mitunter manchmal daran, daß das Fitz seinen Kollegen wirklich überirdisch inszeniert, wodurch die Figuren so ein wenig zum Zentrum aller Dinge verkommen. Und das nicht immer zugunsten des Filmes, sondern primär zugunsten der Egos der Künstler. Auch problematisch ist, daß unter anderem dadurch eben die genannte Nebenbesetzung komplett blass bleibt.

Insgesamt ist aber die Inszenierung von Fitz relativ kompetent, indem eben warme Farben, sich mit dunklen und ästhetischen Bildern abwechseln. Dabei werden die Momente von starken Digitalkameras eingefangen, die das Werk recht lebendig wirken lassen. Überdies kann man zu grundsätzlichen Prämisse eigentlich nur sagen, daß sie den Gedanken des Wettbewerbes unserer kapitalistischen Welt super trifft. Ob Fitz jetzt wirklich verstanden hat, daß sein Werk auch daran Kritik übt, sei mal dahingestellt. Aber wenn man eben zwei gut betuchte darin prüft, wie konsumistisch sie sind, dann ist das ein Spiegel unserer Zeit, weil der Gemeinschaftsgedanke, also die Kollektivierung des Proletariats, um es mal altmodisch auszudrücken, etwas ist, daß durch von Kindesbeinen an antrainierten Konkurrenzkampf innerhalb von Bildungseinrichtungen, eben bewusst gewollt ist. Nicht umsonst erbringen Menschen relevante Lernnachweise in Bildungseinrichtungen wie Schulen oder Universitäten allein.

100 Dinge versagt zu weiten Teilen auf komödiantischer Ebene und damit als Komödie. Auch der Umstand, daß Fitz vermutlich weniger intelligent ist, als sein Werk, schadet dem Film zu teilen. Doch wer das verkraften kann, bekommt mit dem Film ein Werk präsentiert, daß in seinen besten Momenten genau das ist, was es sein möchte.

100 Dinge Bewertung
Bewertung des Films
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