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Ein Köder für die Bestie

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Ein Köder für die Bestie Kritik

Ein Köder für die Bestie Kritik
0 Kommentare - 02.03.2018 von Silencio
In dieser Userkritik verrät euch Silencio, wie gut "Ein Köder für die Bestie" ist.

Bewertung: 5 / 5

Vor acht Jahren hat der Anwalt Sam Bowden dabei geholfen, den Gewalttäter Max Cady ins Gefängnis zu bringen. Als der wieder auf freien Fuß kommt, ist er natürlich erdenklich sauer. Im Gefängnis hat er aber genug Zeit gehabt, sich auf seine Rache an Bowden vorzubereiten. Er beginnt, Bowden zu stalken und ihm zu drohen, denn er kenne Bowdens Frau Peggy und Tochter Nancy. Bowden ist machtlos, eigentlich hat Cady nichts verbotenes getan, obwohl seine Äußerungen nur auf eine Art zu verstehen sind: Cady wird sich an Bowdens Frau und Tochter vergehen. Zu allem Überfluss wird dann auch noch Bowdens Hund mit Strychnin vergiftet. Ein Verdächtiger ist mit Cady selbstverständlich schnell gefunden, doch dem kann die Polizei nichts nachweisen. Selbst Polizeichef Dutton, ein enger Freund Bowdens, kann dem gesetzestreuen Anwalt nur noch zu ungesetzlichen Hilfsmitteln raten. Und so begibt sich Bowden Schritt für Schritt auf Cadys Niveau...

Jüngeren Zuschauern dürfte die Handlung wahrscheinlich aus Martin Scorseses Version, die unter dem deutschen Titel „Kap der Angst“ erschienen ist, oder natürlich aus der Simpsons-Parodie rund um Bart und Tingeltangel Bob bekannt sein. Vorliegend handelt es sich aber um das Original aus dem Jahre 1962 (Originaltitel: „Cape Fear“) mit Robert Mitchum und Gregory Peck in der Hauptrolle. Regie führte J. Lee Thompson, der im Vorjahr bereits mit Peck den Kriegsfilm „Die Kanonen von Navarone“ drehte und der in den 80ern sein Dasein bei den Billigfilmern Golan-Globus fristen sollte, für die er mehrere Selbstjustizreißer mit Charles Bronson (Thompsons letzter Film ist der moralisch verkommene „Kinjite – Tödliches Tabu“) in der Hauptrolle drehte. Und genau die zusammen mit der Inhaltsangabe lassen einen reaktionären Thriller erwarten, der gegen ein rechtsstaatliches Verfahren argumentiert...

„Cape Fear“ geriert sich allerdings wesentlich pointierter als erwartet. Mitchums Cady ist dabei ein absolutes Monster (mehrere Charaktere sprechen von einem „Raubtier“), dem mit konventionellen Mitteln nicht beizukommen ist. Denn Cady kennt seine Rechte und scheut sich nicht, diese offensiv als Waffe zu nutzen, um Bowden und seine Familie zu terrorisieren. Dies gipfelt vorläufig in einer Szene, in der Cady „zufällig“ am gleichen Bootsanleger wie Bowden landet und dort, während er genüsslich an seinem Bier nippt, Bowdens Tochter beobachtet. Bowden weiß sich verständlicherweise nicht mehr anders zu helfen, als dem aufdringlichen Cady eine ordentliche Tracht Prügel zu verpassen. Der erträgt die Schläge, wehrt sich nicht, nutzt die Situation aber, um Bowden mithilfe seines eigenen Anwalts, einem schmierigen, dicken Typen, aus der Rechtsanwaltskammer ausschließen zu lassen. Bowden hat ab diesem Punkt nichts mehr zu verlieren, der ehemals aufrechte Anwalt denkt nun durchaus über Mord nach und ist irgendwann sogar bereit, seine eigene Tochter als „Köder für die Bestie“ einzusetzen. Letztendlich bleibt Bowden aber der Seite des Gesetzes erhalten, Cadys Todeswunsch geht nicht in Erfüllung.

Dabei ist „Cape Fear“ vor allem ein Film über die Macht der Suggestion, sowohl gegenüber den Charakteren als auch dem Publikum. Besonders deutlich wird dies in einer Sequenz, die an Spannung kaum zu überbieten ist: Bowdens Tochter Nancy soll eigentlich von ihrer Mutter nach der Schule abgeholt werden. Diese ist aber nicht am Familienauto anzutreffen. Gleichzeitig sehen wir Mitchums Cady, der sich in seinen unverkennbaren weißen Klamotten und seinem Panamahut langsam aber sich der im Auto wartenden Nancy nähert. Nancy gerät in Panik und flieht in die Schule. Als sie sich dort in einem Heizungskeller versteckt, wird sie von Cady gefunden... doch dieser „Cady“ entpuppt sich als Unbeteiligter, der zufällig ähnliche Kleidung trägt. Nancy flüchtet vor diesem Kerl aus der Schule und landet in den Armen des echten Cady, der nur rumsteht und nichts tut. Die angedrohte Gewalt besteht (vorerst!) nur in Nancys Kopf, eine explizite Bedrohung durch Cady besteht noch nicht, bringt sie jedoch dazu, panisch in den Verkehr zu laufen.

Aber auch dem Zuschauer werden Dinge suggeriert, die ein eher beklemmendes Gefühl aufkommen lassen. Cady saß wegen Gewalt gegenüber eine Frau im Gefängnis, was er getan hat wird jedoch nie ganz geklärt. Als er eine junge Frau aufreißt (nahezu ausschließlich mit seinem durchdringenden Blick), wartet der Zuschauer nur noch auf ein Unglück. Wie sehr sie unter seiner Fuchtel steht, wird auf eindrucksvolle Weise schon bevor irgendetwas geschieht gezeigt: Cady und seine Liebschaft sitzen im Auto. Als sie den Kopf auf seine Schulter legt, wechselt die Kameraperspektive, wir sehen sie nun durch das Lenkrad des Wagens. Die Intention ist klar, Cady steuert nicht nur den Wagen, sondern er hat auch sie vollkommen unter Kontrolle. Als Cady kurz darauf gewalttätig wird, deutet der Film geschmackvoll sexuelle Gewalt an, ohne sie zeigen, ja, sogar ohne sie überhaupt benennen zu müssen. Cady zeigt sich auch hier wieder als gewiefter Kerl, der die Gesellschaft zu seinen Nutzen ausspielt, indem er die Scham seiner Opfer und ihre Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung nutzt, um ungeschoren davonzukommen. Sein Opfer ist hierbei ein Spiegel für Bowdens Tochter Nancy, bei der auch Bowden weiß, dass sie die öffentliche Ausgrenzung nicht übersteht, wenn Cady sie „anfasst“. Spätestens wenn Cady sich im letzten Akt entkleidet, nachdem er Nancy durch sein Fernglas erspäht hat, läuft dem Zuschauer ein kalter Schauer über den Rücken. Thompson beweist bei diesem Film ein außerordentliches Gespür dafür, sein Publikum zu manipulieren und ihm den Magen umzudrehen.

Geholfen wird ihm dabei natürlich durch seine hervorragend ausgewählten und aufspielenden Darsteller, allen voran Robert Mitchum als Cady. Mitchum, in seiner Karriere eigentlich immer auf raubeinige Kerle spezialisiert, spielt Cady mit einer einnehmenden Selbstsicherheit, die ihn jede Szene beherrschen lässt. Aber Cady entpuppt sich im letzten Akt durch Mitchums Darstellung als etwas tiefgründigerer Charakter, wenn Nancy versucht ihn mit einem Schürhaken (mit einem solchen hatte ihn vorher bereits seine Exfrau bedroht – gänzlich ohne Erfolg) in Schach zu halten, huscht für den kleinsten Moment so etwas wie Mitleid über das sonst so monströse Gesicht. Hinter der beinharten Fassade scheint doch mehr vorzugehen, als der Film ursprünglich zugibt. Ihm gegenüber steht Gregory Peck, der zwar wesentlich subtiler aufspielt (bzw. aufspielen muss), der seinem Co-Star aber in nichts nachsteht. Peck gibt sich durchaus selbstsicher, seine Unfähigkeit Cady in die Augen zu schauen lässt aber tief blicken. Auch auf dieser Seite zeigt sich eine Vielschichtigkeit, die man leicht übersehen kann. Ungewohnt ist es im Übrigen „Kojak“-Star (und Blofeld-Darsteller in „Im Geheimdienst ihrer Majestät“) Telly Savalas mit Haaren zu sehen...

Inszenatorisch packt Thompson seinen Film natürlich auch noch voll mit allerhand effektiven Ideen. Besonders effektiv gestaltet sich da, dass er seine Geschichte zu Anfang in sehr natürlichem Licht erzählt, was dem Film eine realistische Note verpasst, um dann in seinen Suspensesequenzen zu einer abstrakteren Beleuchtung zu wechseln, die die Bilder mit tiefschwarzen, harten Schatten tränkt, die nicht nur eine alptraumhafte Atmosphäre hervorrufen, sondern auch noch wunderbar anzuschauen sind.

Bei „Ein Köder für die Bestie“ handelt es sich zurecht um einen der ganz großen Klassiker des Thrillergenres, der in seinen mittlerweile 56 Jahren kein bisschen von seiner Schlagkraft verloren hat.

Ein Köder für die Bestie Bewertung
Bewertung des Films
1010
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