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Die drei Tage des Condor

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Die drei Tages des Condor Kritik

Die drei Tage des Condor Kritik

Die drei Tage des Condor Kritik
0 Kommentare - 28.11.2022 von ProfessorX
In dieser Userkritik verrät euch ProfessorX, wie gut "Die drei Tage des Condor" ist.

Bewertung: 4.5 / 5

Verdeckt arbeitet der Agent Joseph Turner (Robert Redford) unter dem Codenamen Condor in einer geheimen Außenstelle. Seine Aufgabe ist das Dekodieren von Büchern auf Hinweise von Spionageaktivität. Eines Tages ermordet ein Auftragsmörder (Max von Sydow) Condors sein gesamtes Team. Schnell sucht er Hilfe und Schutz bei seinen Vorgesetzten und muss dann feststellen, daß diese hinter dem Anschlag stecken. Nun kann Turner keinem mehr trauen und kidnappt verzweifelt die Fotografin Kathy (Faye Dunaway) und sucht Schutz in ihrer Wohnung.

Auch wenn es unleidlich ist, gibt es immer zwei große Aspekte, mit denen man sich beim Film befassen muss. Das eine ist die Kunst hinter dem Kunstwerk und das andere ist sozusagen wie genau die Linien auf dem Gemälde sitzen. Natürlich würde jeder vernünftige Künstler nach außen den Anschein erwecken wollen, daß alles, was gezeichnet wurde, auch genau so sein sollte. Doch diese Ebene hilft nichts, wenn man sich mit den Charakteren in Die drei Tage des Condor, im Speziellen mit der von Faye Dunaway verkörperten Kathy Hale befasst. Für einen bestimmten Moment herrscht hier in einem Film, der sonst so auf Logik und Paranoia der eigenen Hauptfigur setzt, eine Märchen-Dramaturgie. Plötzlich ist sie Teil der Geschichte, plötzlich sind sie verliebt, zuvor war die Frau noch extrem schockiert und angewidert von diesem Mann, der so bedrohlich vor ihr stand. Und eine Erklärung dessen sucht man vergebens. Man überträgt das also auf unsere Welt und fragt sich, wie wäre man denn damit umgegangen, wenn ein wildfremder Mensch in das eigene Haus kommt und behauptet, daß die Regierung hinter ihm her sei und alles eine große Lüge ist. Klar kann man dem Film die spätere Geschichte nicht zum Vorwurf machen, doch unangenehme Parallelen zur irgendwelchen Verschwörungstheoretikern unserer Zeit kommen dadurch auf. Zumal es bei politischen Aktivisten nie darum geht, die Wahrheit zu akzeptieren, wie Edward Snowden eindrucksvoll beweist. Es geht eher darum, daß Verständnis für die Dringlichkeit dessen aufzubringen.

Daraus jedenfalls entsteht eine Beziehung, die auch ungemütlich ist, weil sie irgendwie aus Bedrängung und purer Gewaltandrohung in Liebe verwandelt wird. Hier ist sie also, die Hollywoodmagie. Man kann das gerne glauben und verschmerzen. Und der Grund dessen ist ganz einfach, daß Robert Redford und vor allem Faye Dunaway sehr gut aufspielen. Ein Kernthema dieser Geschichte ist Paranoia, sich die ganze Zeit umsehen zu müssen, jede Tür zu verschließen und jeden einzelnen Schritt genau zu analysieren und zu durchdenken. Da kommen ebenfalls ungemütliche Parallelen zur Jetztzeit auf, aber auch zur Zeit, in der der Film entstand. Das Missvertrauen gegen den eigenen Staat, daß vor allem die amerikanische Gesellschaft in der Reagan-Ära definieren sollte, ist ein Problem, daß sich eins zu eins ebenfalls auf unsere heutige Zeit übertragen lässt. Mit der Flüchtlingskrise, dem Corona-Virus, aber auch dem Ukraine-Krieg gibt es genügend Potenzial, um unsicher in die Zukunft zu blicken. Eine Tendenz, die auch den Kalten Krieg definieren sollte. Natürlich heißt das nicht, daß es jeden Moment zu einem Krieg vor der eigenen Tür kommen wird, doch die Anspannung ist da. Und dieser Anspannung nähert sich Pollack kongenial auf einer künstlerischen Ebene an. Er wirft das Leben dieser Hauptfigur durcheinander und lässt das komplette Dasein von einem auf den anderen Moment als Lüge dastehen. Dafür braucht man Nerven und gerade in diesen Momenten kann man Robert Redford nur loben, der seinem Joseph Turner genau diese Anspannung verleiht. Das ist nicht plakativ und aus heutiger Sicht vielleicht etwas zu ruhig, dennoch funktioniert sein Spiel damit sehr nuanciert.

Natürlich werden Die drei Tage des Condor retrospektiv auch noch einige andere Dinge zugeschrieben, wobei man bei dieser Wertung vorsichtig sein muss. Nur, weil man der erste war, spricht das nicht für die Qualität eines Werkes. Dennoch ist die Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Staat als antagonistische Macht, etwas, daß dieser Film mitbegründete. Das New Hollywoodkino, daß sich weg vom Patriotismus bewegte und dabei auch die Kritik an anderen Staaten erstmal in den Hintergrund rückte. So sollte es auch erstmal sein. Und in das New Hollywoodkino schmiegt dieser Film sich schon allein aufgrund der Prämisse, er zeigt auf, wie wenig Wert das Individuum für große Instanzen überhaupt hat und wie verbrecherisch ein Staat vorgeht, wenn es um Profite, aber auch das Kleinhalten des Proletariats geht. Ein Umstand, ein Snowden (2016) als abgefilmte Wahrheitsstudie mehr als nur belegen sollte. Das interessante ist, daß der Film es schafft, seine komplexen Themen auf simple Figuren zu übertragen und dem Zuschauer damit die Möglichkeit gibt, die politischen Zusammenhänge zu verstehen. Gerade aus heutiger Sicht ist das Werk auch ein großer Segen, weil Sydney Pollack eine von vorne bis hinten gradlinige Geschichte inszeniert, deren Ausgang nicht durch viele Subpolts oder Nebenschauplätze unterfüttert wird.

Die unglaubliche Spannung, die da entsteht, ist vor allem deshalb so wirksam, weil sie immer von einem übergeordneten, gar allmächtigen Antagonismus berichtet, der hinter jeder einzelnen Ecke lauert. Dadurch entsteht Angst und Wahnvorstellungen, die sich ebenfalls auf einer weiteren Ebene lesen ließen. Denn dadurch, daß ein korrupter Staat einem Mann hinterherjagt, der von nun an keine Sekunde mehr unbeachtet zu sein scheint, stellt der Film eben auf anderen Ebenen auch infrage, ob denn das Individuum nicht von der Umwelt krankgemacht wird. Natürlich ist diese Deutung etwas weit hergeholt, weil auch Stigmata psychisch kranker Menschen nicht Teil der Geschichte ist. Auf der anderen Seite kann man diesen Zustand aber deutlich allegorisch in diesen Film lesen. Und selbst wenn man hier von einem Agententhriller spricht, so ist der Gebrauch von Waffen und Gewalt kaum Teil der Geschichte, wodurch sich das Werk von üblichen Genre-Vetretern à la James Bond abhebt. Der kapitalistische Grundsatz wird hier vor allem dann durch die von Max von Sydow gespielte Figur G. Joubert deutlich. Es geht ihm nicht darum, sich in den übergeordneten Konflikt beider Parteien einzumischen, sondern ganz einfach darum, einen Auftrag auszuführen und dafür Geld zu bekommen. Was der Film natürlich stilvoll in Szene setzt, ist aber in Wahrheit die Darstellung einer politikverdrossenen Boomer-Generation, die frei nach dem Motto „Nach mir die Sintflut“ lebt.

Zudem integriert der Film clever eine Nahbarkeit zur eigenen Hauptfigur. So ist sich die Figur zwar bewusst, daß sie in einem eher ungewöhnlichen Milieu arbeitet, gleichsam entspricht sie eben nicht den gängigen Stereotypen über Agenten. Das heißt aber auch, daß der Gebrauch von Waffen und Kampffertigkeiten kein Teil seiner Welt sind. Und somit wird klar, daß jeder Zuschauer dieser Condor sein könnte, weil man sich ebenso durchaus bewusst ist, daß nicht alles, was im eigenen Staat so läuft, immer perfekt ist und man dennoch gleichsam kaum die Fertigkeiten aufbringt, sich gegen diese teils kaputten Strukturen zur Wehr zu setzten.

Einen Thriller mit doppeltem Boden serviert Sydney Pollack mit Die drei Tage des Condor. Der Film ist von einer unglaublichen Dynamik gesegnet, wenngleich er die weibliche Hauptfigur verschenkt. Davon abgesehen dreht der Film gut am Rad der Spannung, serviert großes Schauspiel und einen Film, der sich kritisch mit dem Staatsapparat und dem Verhalten des Individuums in der damaligen, wie auch heutigen Zeit auseinandersetzt. Denn das Werk hat eine deutliche Zeitlosigkeit, was schlecht für die Menschheit, aber gut für den Film ist.

Die drei Tage des Condor Bewertung
Bewertung des Films
910

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