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Metropolis

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Wegbereiter des Nationalsozialismus?

Metropolis Kritik

Metropolis Kritik
5 Kommentare - 22.10.2020 von luhp92
In dieser Userkritik verrät euch luhp92, wie gut "Metropolis" ist.

Bewertung: 2 / 5

Uff. Die technische und filmhistorisch einflussreiche Meisterleistung in allen Ehren. Aber als antidemokratische und antisozialistische Lobeshymne, in die sich darüberhinaus diverse völkische Tendenzen einschleichen und die Gedanken an den Nationalsozialismus wach werden lässt, hat mich "Metropolis" erstmal fassungslos und ratlos zurückgelassen. Ich versuche hier mal, meine Gedanken zu ordnen.

Metropolis ist eine Stadt oder ein Stadtstaat, die/der wortwörtlich von einem kapitalistischer Diktatur regiert wird. Die gesamte Bevölkerung arbeitet für den Konzern, der Geschäftsführer ist gleichzeitig das alleinherrschende Oberhaupt der Stadt bzw. des Staates. Zwar wird der Industriekonzern zu Beginn als ein seine Arbeiter fressender Moloch dargestellt, im Verlauf des Films wird dies allerdings noch in ein anderes Licht gerückt und relativiert. Irgendwann geht die Arbeiterklasse auf die Barrikaden, sowohl angelehnt an die sozialistisch-bolschewistische als auch an die französisch-republikanische Revolution, der Kapitalstaat geht dadurch - sinnbildlich und wortwörtlich - nicht einfach nur unter, die Revolutionäre handeln hier darüberhinaus aus einem blinden, egoistischen Aktionismus heraus, der den Tod der Gesellschaft zur Folge hat. Die Revolutionäre haben nämlich ihre Kinder (also die Zukunft und der Lebenserhalt der Gesellschaft) auf der untersten Stadtebene vergessen, die massenweise krepiert wären, hätte sie nicht ausgerechnet der protagonistische Sohn des Alleinherrschers (dazu unten mehr) gerettet. Die Revolution frisst ihre Kinder, als Industriearbeiter werden sie zwar verwertet und ausgebeutet, sind im Vergleich dagegen aber immerhin am Leben und erfüllen einen systemstabilisierenden Zweck.

Die Filmmusik ist durchzogen von flüchtigen Anklängen an die Melodie des Deutschlandliedes, die Revolution der Arbeiter im Speziellen wird musikalisch von einer verkrüppelten, verzerrten Version der Melodie der Marseillaise untermalt, im historischen Kontext der deutsch-französischen Beziehungen nicht nur ein ärgerlicher Umstand, konkret wird dadurch eben auch das Bild einer kranken, nicht funktionsfähigen Revolution geschaffen. Generell erscheint die Revolution wie ein heidnisches Teufelswerk, das ausgetrieben werden muss, auch dazu unten mehr. Während die Arbeiter noch in Divisionen aufgeteilt und in Reih und Glied zur Arbeit marschierten, tanzen sie als Revolutionäre zu Kreisen formiert wild durch die Stadt, als sei das eine Sekte, die Revolutionsführerin ist eine manische, spastisch herumzuckende Irre. Zu allem Überfluss etabliert "Metropolis" auch noch einen jüdisch anmutenden Wissenschaftler, der eifer- und rachsüchtig die Revolution anzettelt, weil er und der Diktator dieselbe Frau liebten.

Dem gegenüber stehen dann zwei Heilsbringer. Zum einen eine friedliche Reformerin, angelegt als christliche Marienfigur, die von einer Aussöhnung des Kapitals (des Hirns) und des Proletariats (der Hände) predigt und auf den Messias, das verständigende Bindeglied (das Herz) zwischen Kapital und Proletariat, wartet. Der jüdisch anmutende Wissenschaftler kopierte das Aussehen der christlichen Reformerin auf einen Androiden und erschuf so die teuflische Revolutionsführerin, welche dann die Arbeiterklasse manipulierte und aufhetzte. Sobald sich die Arbeiter von der Revolution emanzipieren, lässt "Metropolis" die Arbeiter einen Scheiterhaufen errichten und die falsche Revolutionsführerin als Hexe verbrennen, als befände man wieder in vorindustriellen Zeit des Mittelalters beziehungsweise der frühen Neuzeit.

Der andere Heilsbringer ist der oben schon genannte Sohn des Diktators, der sich als das erlöserische Herz entpuppt und Herrscher/Kapital und Beherrschte/Arbeiter versöhnen soll. Dem Staatsvolk wird hier also von außen ein Volksvertreter zugewiesen, der zwar im Verlauf des Films seine soziale Ader entdeckt hat, der aber gleichzeitig der sogar blutsverwandten (erblichen) Herrscherklasse angehört. Bezeichnenderweise wird im Film die Geschichte des Turmbaus zu Babel umgeändert, hier verstehen die Arbeiter den Baumeister nicht und revoltieren, weshalb das Bauprojekt scheitert. "Metropolis" charakterisiert das Staatsvolk regelrecht als unmündig und unfähig, sich selbst zu regieren, der Film propagiert einen Staat, in dem die Macht vom Kapital und/oder von einem dauerhaft existenten Alleinherrscher ausgeht.

Zu gleichen Teilen lässt sich diese Versöhnung als Schulterschluss zwischen den eigentlich widerstreitenden Gesellschaftsschichten verstehen. Im Kontext der antidemokratischen und alleinherrschenden Ausrichtung, des Kampfes gegen den bolschewistischen Sozialismus, der antisemitischen und antifranzösischen Tendenzen sowie des Wiedererstarkens eines völkisch-traditionellen und mörderischen Fanatismus erscheint "Metropolis" wie ein filmischer Wegbereiter des Nationalsozialismus.

Metropolis Bewertung
Bewertung des Films
410
DVD & Blu-ray

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5 Kommentare
MJ-Pat
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luhp92 : : BOTman Begins
26.10.2020 20:21 Uhr
0
Dabei seit: 16.11.11 | Posts: 13.477 | Reviews: 150 | Hüte: 477

@MobyDick

Zum Kurzfristigen: Faktisch hat die Revolution das bekämpfte feudal-monarchistische System ja überwunden und die Republik hatte ca. zehn Jahre Bestand. Die Machtergreifung Napoleons war dann also das Scheitern der Ersten Republik.

Zum Langfristigen: Napoleon war zwar Imperator, allerdings kein Monarch, und mit dem Verbreiten des Code Civils legte er auch den Grundstein des heutigen Bürgerrechts in Europa. Speziell in Frankreich erlebte die Monarchie von 1815 bis 1830 zwar eine Restauration, seit der Zweiten Revolution 1830 haben sich die Errungenschaften und Werte der Revolution aber dauerhaft durchgesetzt und leben bis heute, aktuell in der Fünften Republik weiter.

- "Sie sind ein Erpresser und ein Bandit, Mr. Shatterhand."
- "Willkommen in Amerika!"

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MobyDick : : Moviejones-Fan
26.10.2020 00:57 Uhr | Editiert am 26.10.2020 - 00:58 Uhr
0
Dabei seit: 29.10.13 | Posts: 5.724 | Reviews: 123 | Hüte: 417

luhp:

Alles schön und gut, verstehe auch deine inhaltlichen Punkte.

aber die Französische Revolution ist eben nicht geglückt: Von einem absolut inkompetenten Rokokomärchenonkelkönig ist man in die Fänge eines grossimperialistischen Eroberers geraten, der den Kontinent zur Kriegszone gemacht hat und das Land ist nach seinen zwei Niederlagen wieder in königliche Hände übergeben worden. All das was du sagst, kam deutlich später wink

Dünyayi Kurtaran Adam
MJ-Pat
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luhp92 : : BOTman Begins
25.10.2020 01:10 Uhr | Editiert am 25.10.2020 - 16:41 Uhr
0
Dabei seit: 16.11.11 | Posts: 13.477 | Reviews: 150 | Hüte: 477

@MobyDick

"Zum anderen sind selbst solche Antirevoluzzeraussagen wie Die Revolution frisst ihre Kinder nicht gleichzusetzen mit Faschismus"

Ich wollte das auch gar nicht gleichsetzen, wenn überhaupt, ist es ja eh nur eines von vielen Zahnrädern, die dann ineinandergreifen. Was ich da jetzt meinte: Du hast hier eine Revolution des Proletariats, initiiert von einem Juden, da liegt die NS-Sprechweise vom jüdischen Bolschewismus schon nahe. Und dem gegenüber steht zum Schluss, nachdem sich das Proletariat vom Juden und dessen Androiden-Revolutonsführerin abgewandt hat, dann die Übereinkunft aller Gesellschaftsschichten mit dem Ausblick auf wirtschaftliche Florierung und soziale Verbesserungen für die Arbeiter. Freder Fredersen, der die Situaton der Arbeiter ja erlebt hat, als Bindeglied zwischen den Arbeitern und seinem Kapitalisten-Vater und entsprechende Verbesserungen laut dem Film ermöglicht. Ein nationaler "Sozialismus" also, der in Kraft tritt, nachdem der jüdisch-bolschewistische Sozialismus und dessen Revolution eliminiert wurde.

Zu "Die Revoluton frisst ihre Kinder", da hast du allgemeinn natürlich vollkommen Recht, als Beispiel reicht ja schon die französische Revoluton als der historische Kontext des Zitats aus. Im Kontext des Films hat das als Sinnbild dann in meinen Augen aber eine andere Bedeutung, da wäre es dann eben "Die jüdisch-bolschewistische Revolution frisst ihre deutschen Kinder."

Abseits davon, wenn wir beim historischen Kontext des Zitats bleiben, ist die französische Revolution ja geglückt. Abschaffung des Absolutismus, Errichtung der Republik mit Bürgerrechten und demokratischen Wahlen. Das Zitat bezieht sich ja auf die radikalen Methoden, mit denen die ehemaligen Revolutionäre nun die Republik verteidigten, was wortwörtlich auch ehemaligen Revolutionären den Kopf kostete.

In "Metropolis" dagegen wird die Revolution von vorneherein als falsch, manipulativ und teuflisch dargestellt, das bestehende System der (Kapital-)Alleinherrschaft bleibt als Gegenpol während des gesamten Films bestehen. Die Arbeiterklasse kehrt ja sogar bereitwillig in dieses System zurück, nachdem sie sich von der Revolution abwandte.

Hätte die Revolution in "Metropolis" Erfolg gehabt und sich der Film dann auch mit den Folgeereignissen und Folgeproblemen beschäftigt, hätte ich dieses Sinnbild der aufgrund der Revolution ertrinkenden Kinder vollkommen nachvollziehen können.


"Und letztlich ist auch die Aussage über die Verdummung und Versuchung des Volkes durch den Fortschritt auch nichts was man so ohne weiteres verwerfen könnte."

Jo. Das sehe ich hier jetzt auch nicht als kritisch an.


"Wie viele Versionen es von dem Film gibt, und zu welcher Zeit er rauskam, und dass er eben nicht erfolgreich war"

Ja, an sich ist es erstmal ein Konjunktiv. Es geht mir da mehr um die grundlegende Strömung, die in der Gesellschaft vielleicht auch erstmal nur unterbewusst oder noch schlafend vorhanden war. Rückblickend lässt sich sowas natürlich immer leichter behaupten oder feststellen. Fakt ist aber auch, dass Hitler und Goebbels den Film sehr mochten und gleichzeitig Langs antifaschistischen Film "Das Testament des Dr. Mabuse" verboten. Ich habe mir jetzt mal Siegfried Kracauers politische Filmanalyse "Von Caligari bis Hitler: Eine psychologische Geschichte des deutschen Films" gekauft, mal schauen, was in dem Buch dazu steht.

- "Sie sind ein Erpresser und ein Bandit, Mr. Shatterhand."
- "Willkommen in Amerika!"

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MobyDick : : Moviejones-Fan
23.10.2020 09:49 Uhr
0
Dabei seit: 29.10.13 | Posts: 5.724 | Reviews: 123 | Hüte: 417

Hmm, kann man so lesen, ist völlig legitim.

Aber auch hier bin ich nicht ganz bei dir, der Film lässt durchaus sehr viele Interpretationen zu, die alle völlig konträr zueinander stehen. Ohne jetzt Quellen zu benennen, bin ich mir sicher dass man ratzfatz per Google Suche fündig wird.

Zum anderen sind selbst solche Antirevoluzzeraussagen wie Die Revolution frisst ihre Kinder nicht gleichzusetzen mit Faschismus, da die Geschichte sehr oft genau das in jeglicher Form beweist.

Und letztlich ist auch die Aussage über die Verdummung und Versuchung des Volkes durch den Fortschritt auch nichts was man so ohne weiteres verwerfen könnte.

Wenn man dann noch den Hintergrund des Filmes betrachtet: Wie viele Versionen es von dem Film gibt, und zu welcher Zeit er rauskam, und dass er eben nicht erfolgreich war, gehe ich davon aus, dass selbst die, denen manche Leute den Film mittlerweile zuordnen, nicht ganz mit dem Film DAccord waren.

Unabhängig davon natürlich einer der einflussreichsten und wichtigsten Filme aller Zeiten, der faschistische Tendenzen möglicherweise durchaus zwar haben kann, aber anders als heutzutage bei Zack Snyder etwa (verzeiht den Vergleich), sehe ich hier keine eindeutigen Beweise hierfür, sondern bin da bereit, das zeithistorisch gesehen anders einzuordnen, und dem Film gerne seine Ambivalenz zuzugestehen.

Und dumm ist der Film ganz sicher nicht...

Dünyayi Kurtaran Adam
MJ-Pat
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luhp92 : : BOTman Begins
22.10.2020 23:55 Uhr
0
Dabei seit: 16.11.11 | Posts: 13.477 | Reviews: 150 | Hüte: 477

Hier noch ein lesenswertes Review.

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1037709.ein-klassiker-des-dummfilms.html

- "Sie sind ein Erpresser und ein Bandit, Mr. Shatterhand."
- "Willkommen in Amerika!"

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